Juni 2015

by Nils Mohl on Juni 24, 2015

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1.6.

150601 Astronauten_Nils Mohl

 

2.6.

Damit ging es vor drei Tagen los: “Hallo Herr mohl, ich und ein anderer Schüler haben nächste Woche Montag die realschulprüfung und da haben wir die ehre über ihre Kurzgeschichte ‘tanzen gehen’ eine Analyse zu schreiben und dazu hätten wir noch einige Fragen an ihnen, wenn es für sie in Ordnung wäre. Wir würden uns sehr darüber freuen wenn Sie uns helfen könnten. Danke im Voraus!”

Service am Leser: Ich tue eigentlich immer gerne, was ich kann. Ich habe denen das ja auch mit eingebrockt, wenn man so will. Ich finde eigentlich, jeder der die Mühe nicht scheut, sich an den Autor zu wenden, der hat zumindest eine Antwort verdient.

(Eigentlich.)

 

2.6.

150602 Jenfeld_Grenze_NM

 

3.6.

Nennen wir sie: die Prüflinge. Es ist ja so – Alptraum aller Autoren 1: Schüler, die mit den Geschichten, die man in die Welt gesetzt hat, gequält werden. Alptraum aller Autoren 2: Die Schüler-Frage, was der Autor sich bei der Geschichte gedacht hat. Größter Alptraum überhaupt aber: Schüler, die wollen, dass man ihre Hausaufgaben für sie erledigt.

Tolles Hin und Her zwischen Prüflingen und Autor in den letzten fünf Tagen:

P: Ok, die ersten Fragen die wir hätten lauten: -warum haben sie diese Kurzgeschichte geschrieben? -gibt es eine Parabel zur Geschichte? -was wollten sie dem Leser mit der wunderbaren Kurzgeschichte zeigen?

A: …

P: Danke, wir hätten noch ein paar Fragen wenn es ihnen nichts ausmacht. -wie steht der Titel zum Text? -Wie ist die Atmosphäre in der Geschichte ? -wie stehen die Personen zu einander ?

A: …

P: Danke das sie uns helfen. Wir haben uns gefragt ob sie morgen eventuell Zeit hätten damit sie uns unterstützen könnten, wir könnten uns irgendwo treffen , wenn sie wollen könnten sie auch in unsere Schule um 16 Uhr kommen. Wir haben uns gefragt ob das morgen eventuell möglich wäre

A: …

P: Ich glaube wir kriegen das hin, was wir heraus gefunden haben schicken wir Ihnen morgen oder heute Abend, damit sie es sich durchlesen könnten. Wir wollten sie als Dankeschön zur Prüfung einladen, damit sie die Präsentation über ihre Geschichte live nah erleben könnten, oder wir Ihnen die Präsentation zu Mindest einmal die Präsentation vorführen könnten, und sie uns vllt vorher Verbesserungsvorschläge geben könnten.

A: …

P: Ich hätte eine Frage? In welcher erzählperspektive wird die Kurzgeschichte geschrieben?

A: …

P: Könnten Sie uns vllt noch ein paar Fragen beantworten, da wir gerade etwas unter Zeit Druck stehen. -in welchen inhaltlichen Abschnitten lässt sich die Geschichte gliedern? -verwendet der Autor bildhafte Sprache (Metaphern, Personifikationen, vergleiche) lassen sich satzfifuren erkennen? (Parataxe,Hypotaxe, Ellipse,…..)? -in welchen Zusammenhang stehen erzählte Zeit und erzählzeit? -Welche Wirkungen sind mit der erzähltechnik verbunden ?

A: …

P: Wir sind gerade schon am Ende unserer Kräfte wissen nicht mehr weiter, und wer könnte uns besser als sie helfen? Wir bitten Sie um Hilfe, denn wir wollen eine gute Präsentation…

A: …

P: Ich weiß sie arbeiten viel ,wir wären Ihnen aber sehr Dank wenn sie die Fragen beantworten würden denn uns fehlen nur noch die

A: …

P: Naja ok andere Autoren haben Anderen auch die Lösungen geschickt und deshalb sind wir die einzigen die noch nicht fertig sind und auch im Stress stehen. Bitte sagen Sie uns die Lösungen.

(Viel Glück, Jungs!)

 

3.6.

150603 Heide_Nils Mohl

 

4.6.

Astronauten-Pause. Die nächsten Wochen gehören den Filmprojekten. Arbeit mit Ilker am Treatment für Bezness. Morgen Ortstermin am Stadtrand in Sachen Indianerland mit Kameramann und Produktionsleitung.

Nächste Woche Drehbuchbesprechung mit den Fernsehsendern. Und danach idealerweise mit M. Arbeit an Fassung 3.

 

5.6.

150605 Ilker_Ring_Nils Mohl

 

8.6.

150608 Victoria_Nils Mohl

 

9.6.

Dienstreise mit Regisseur und Produzent nach Frankfurt, wo uns die große Runde der Fernsehleute empfängt und auf den Zahn fühlt und mit Erdbeeren und Häppchen versorgt und uns mit der Gewissheit entlässt, dass sie alle mit im Sattel sitzen.

Sekt aus Plastibechern am Bahnhof mit Regisseur und Produzent. Im Zug fällt der Satz: “Es ist jetzt keine Frage mehr, ob, sondern nur noch wann Indianerland gedreht wird.” A. kann es später kaum fassen. Nach rund drei Jahren Hin und Her scheint nun doch noch alles zu klappen. “Ihr seid Krieger”, sagt sie.

(Es wird einmal …)

 

11.6.

Noch ein letztes Mal Kontakt mit den Prüflingen:

P: Dankeschön aber wir haben es geschafft!!

A: Feiert anständig!

(Ex-Prüflinge. Sorry.)

 

12.6.

Zu Webmaster O. nach Mainz. Die nächsten beiden Tage Seminar mit André Hille in Frankfurt: “Kurs 15-13, Struktur, Montage, Szene in Prosatexten”.

(Lieblingsthema.)

 

13.6.

150613 Mainz_Nachtfahrt_Nils Mohl

 

14.6.

150614 WebmasterO_Opel_Nils Mohl

 

15.6.

Anruf Töteberg. Nachdem er mir letzte Woche die Premierenkarte für “Victoria” zugeschanzt hatte, fragt er nun an, ob ich nicht etwas über den Film für die Homepage der Rowohlt Medienagentur schreiben möchte.

Ich denke an das Drehbuch, das M. und ich gerade überarbeiten. Ich denke  an M., der auf Kohlen sitzt und schnellstmöglich nach Kalifornien möchte. Ich denke an den Roman, der bis Ende August fertig werden soll. Ich denke, dass es vielleicht möglich wäre, wenn ich die Vormittage nutze, wenn M. in New York ohnehin noch schläft. Ich denke daran, dass ich in exakt einer Woche freier Autor ohne Netz und doppelten Boden bin. Ich denke an den Kontostand. Ich denke, dass mir zu “Victoria” wirklich einiges einfallen würde.

Töteberg erwähnt das Honorar und, dass er noch einen Katalog von der Herrndorf-Ausstellung in Berlin hätte. “Bis Freitag wäre toll”, sagt er.

 

16.6.

14°. Kein Regen, immerhin.

(14°! Juni!)

 

21.6.

150621 Mogel_2A_quer

 

21.6.

Post am Sonntag. Mogel wurde nachgedruckt. Da schau her!

 

22.6.

Wohnzimmerlesung, Altonale. Dialog am Rande der Veranstaltung:

– Dürfen nur Jugendliche Jugendromane lesen?

– Dürfen nur Detektive Detektivromane lesen?

 

23.6.

M. und ich sind durch. In nicht einmal zwei Wochen. Nach anfangs einigen Tagen übelstem Gewürge. Nach täglich im Schnitt zehn Stunden vor Google Docs und via Skype. Würde ich ihm ja nie stecken, aber diese Art Arbeit gehört zu der Sorte Beschäftigung, bei der es fast schmerzt, dass sie endet.

Schönster neuer Satz, Laura zu Mauser: “Mädchen riechen gut.”

(Drehbuch Indianerland, Fassung: 3.)

 

24.6.

Tatort: Jenfeld. “Hamburger erschießt Räuber bei Überfall im Hausflur” – titelt die große Lokalzeitung online. Im Radio war bereits am Morgen diese merkwürdige Geschichte vermeldet worden. Gegen 23 Uhr, gestern: eine dieser Einfamilienhütten mit gelben Klinker an der Jenfelder Allee.  Ein ehemaliger Autoverkäufer, 63 Jahre alt, lebt dort mit seinem greisen Vater. Zwei Gestalten klingeln an der Tür. Eigenartige Uhrzeit. Aber der Mann öffnet, wimmelt die Fremden ab. Kurz darauf stehen die Typen wieder auf der Matte. Die Sicherungskette stellt kein Hindernis dar. Sie dringen in die Wohnung ein. Der Hausbesitzer ist Sportschütze und hat offenbar die Gefahr kommen sehen. Er richtet eine Waffe auf die Eindringlinge. Schießt. Für einen der jungen Kerle endet die Flucht zweihundert Meter weiter an einem Stromkasten. Getroffen ins Herz: 25 Jahre zuvor in Niger geboren, stirbt er nun im Licht einer Straßenlaterne in Jenfeld. Im Netz gibt es ein Bild von ihm, wie er auf der Trage eines Notarztwagens liegt. Turnschuhe, Jeans. Das farbenfrohe Hemd ist aufgeknöpft, vermutlich um ihn versorgen zu können. Über der nackten, kastanienbraunen Haut des Oberkörpers liegen ein paar helle Schläuche.

Das Haus, in dem der Schuss fiel, steht nur ein paar Straßen weiter von uns. Vor ein paar Monaten ist bei Nachbar B. eingebrochen worden. In A. arbeitet es. Sie kommt durch die Dunkelheit zu mir in die Garage, wo ich am Klapprechner hocke. “Kannst du nicht von innen abschließen? Schließ bitte ab, wenn du abends hier draußen bist. Jeder kann dich von der Straße aus sehen”, sagt sie. Ich stelle fest, dass ich mich kein bisschen bedroht fühle. Ich kann A. aber auch nicht wirklich beruhigen. Keine Ahnung, woran es liegt: Die Geschichte scheint nichts mit uns und unserer Wirklichkeit zu tun zu haben. Sie scheint auch unvollständig zu sein. Vielleicht ist es das? Normale Einbrecher stürmen kein Haus. Selbst dümmste Räuber haben einen besseren Plan, als zwei Mal bei einen alten Mann zu klingeln. Und dann besitzt der auch noch einen Schusswaffe. Was ist das denn für ein Plot?

Ich wüsste gerne mehr. Aber ich vermute: Diese Jenfelder Geschichte ist keine typische Jenfelder Geschichte. “Du kannst trotzdem abschließen”, beharrt A. Ich kann aber nicht, denke ich, die Verrücktheit der Weltenläufe ändern. Jedenfalls nicht abseits meiner Arbeit. Davon ganz abgesehen: Dass A. in Sorge um mich durch die Nacht schleicht, ist schon wahnsinnig romantisch. Und natürlich das eigentlich Erzählenswerte.

(Nacht am Stadtrand.)

 

25.6.

Am Ende noch einmal drei Tage mehr erbettelt. Am Ende es doch wieder geschafft – und keiner weiß genau, wie. Der Artikel über Victoria ist online.

Schnitt: Am Abend die Nachricht, dass einer der Fernsehsender Indianerland nun doch nicht durch die entscheidende Sitzung der Debütrunde durchbekommen hat.

Sitze im Auto. Neben mir am Lenkrad: A. Lange her, dass ich jemanden gesehen habe, auf den die alte Floskel so prima passt: Die Gesichtszüge entgleiten.

(Räuber & Montage.)

 

26.6.

150626 Indianerland_Sachsenwaldschule_Nils Mohl

 

27.6.

Noch Konfetti in den Schuhen.

 

Fortsetzung folgt …

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