In den fremden Welten des Dr. M.

by Nils Mohl on November 16, 2014

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Rede anlässlich der Eröffnung  der 46. Göttinger Kinder- und Jugendbuchwoche: “Fremde Welten – Neues entdecken und erleben”. Altes Rathaus, Göttingen.

 

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Damit bin ich groß geworden. Ich sehe die roten Zahlen der Radiouhr noch deutlich vor mir. Hinter dem Rollo die Betonklötze des Stadtrands von Hamburg. Ich liege im Bett. Das kleine Fenster auf Kipp: Autogeräusche von der Ausfallstraße.

Dann eine Stimme.

Sechs Zahlen, sagt sie auf, einen Namen, eine Begrüßungsformel.

Kurze Pause.

Dann meldet sich eine andere Stimme, eine Telefonstimme.

Die erste Stimme ist vertraut, die zweite immer fremd. Ich lausche den Stimmen. Die erste Stimme sagt jedes Mal zu Beginn: „4-4-1-7-7-7 Marcus, Guten Abend!“ Dann setzt die zweite Stimme ein. Mal stockend, mal sprudelnd. Mal die Stimme einer Frau, mal die eines Mannes. Damit bin ich groß geworden. Zumindest donnerstags. Das kleine Fenster stand auf Kipp – und mir eröffneten sich im dunklen Zimmer Welten.

Die Radiosendung hieß: „Was wollen Sie wissen?” Meine Antwort lautet rückblickend: einfach alles. Wenn Dr. Erwin Marcus seine Anrufer ab 21.05 Uhr nach den Nachrichten auf NDR 2 begrüßte, war ich ganz Ohr. Donnerstags lag ich gerne wach. Ich ging vermutlich auch lieber ins Bett als an anderen Tagen. Ich erinnere mich an eine Sendung, in der ein Anrufer erzählte, dass er damit kämpfte, eine Frau sein zu wollen. Dieser Mann führte seit vielen Jahren eine funktionierende Ehe, ging einem gewöhnlichen Beruf nach, in dem er erfolgreich war, und hatte zwei Kinder, die er liebte. Ich erinnere mich an Leute, die mit ihrer Spielsucht rangen. An eine junge Frau, die sich in einen Gastarbeiter verliebt hatte und deswegen von ihren Eltern terrorisiert wurde. An eine verwitwete Rentnerin, die sich darüber beklagte, im Seniorentreff nicht Fuß fassen zu können, weil die anderen Alten dort so trübe Tassen waren.

Es ging um Schwierigkeiten in der Partnerschaft, familiäre Verstrickungen, Depressionen, Selbstmordgedanken, immer wieder um Sexualität (natürlich), um die Kämpfe zwischen den Generationen, Gewalt in verschiedenen Spielformen, es ging um Nachbarschaftszwiste, Ängste, Ächtungen, Armut, Religionen, Rassismus, es ging um Existenzen am Abgrund des alltäglichen Lebens.

Es ging um Einsamkeit.

Das begriff ich damals, ganz sicher ohne es artikulieren zu können: Es ging um Menschen, die mit sich und ihren Fragen so allein waren, dass sie mit keinem anderem Menschen darüber sprechen konnten. Es ging damit auch um die Chance, sich mitzuteilen. Es ging in Wahrheit also um das Erzählen. Es ging um die Geschichten des Einzelnen. Und ich vermute mal, Dr. Erwin Marcus hatte das begriffen. Er war nicht der Star seiner Sendung. Es ging nicht um ihn. Es ging auch nicht in erster Linie um die Anrufer. Es ging um die Geschichten. Um die Erzählhaltung, um die Stimme.

Darin lag der Erfolg der Sendung, die unfassbar beliebt war.

Wenn meine Recherchen stimmen, haben in den besten Zeiten mit mir bis zu 200.000 Hörer gelauscht. Und das lag nicht an der Weisheit und Lebensklugheit von Dr. Erwin Marcus. Oder gar an seinen Ratschlägen. In meiner Erinnerung endeten die Gespräche in der Regel mit der beinah schon mantrahaften Empfehlung an die Anrufer, sich einer Selbsthilfegruppe in der Nähe anzuschließen.

Dort sollte fortgeführt werden, was mit Dr. Marcus begonnen wurde. Das Gespräch. Das Erzählen. Diese Empfehlung war reichlich langweilig, fand ich. Auch enttäuschend, wenn nicht lachhaft. Jedenfalls, sofern man es aus der Perspektive der Anrufer betrachtete. Die schütteten ihr Herz aus, und als Dankeschön gab es eine vorhersehbare, nicht gerade berauschende Empfehlung.

Ich wusste damals nicht recht, was von Dr. Erwin Marcus zu halten war. Ich hätte ihn vielleicht anrufen sollen – das war eine meiner Lieblingsüberlegungen. Und ich wäre am Ende in einer Selbsthilfegruppe gelandet von Hörern, die ebenso wenig wie ich verstanden, warum es keinen besseren Tipp für die Probleme des Lebens gab. Heute weiß ich ein wenig mehr.

Dr. Erwin Marcus, und das finde ich eine schöne Pointe, war von Beruf nicht irgendein Radiofuzzi, er war Richter. Und als Moderator war er vielleicht auch deshalb ein ausgezeichneter Fragesteller. Eben weil seine Fragen sehr unauffällig waren. Sie waren selten suggestiv, nicht provozierend, sondern schlicht. Ich höre seine leise, außergewöhnlich helle Stimme noch sehr deutlich in meinem Kopf. „Sie haben mit Ihrer Frau also nie darüber gesprochen?“ So konnte eine Frage zum Beispiel lauten. Und damit schüttete er dann einfach Benzin in den Tank der Erzähler.

Er richtete nicht. Er bewegte sich mit seinen Fragen in den fremden Welten der Anrufer wie ein interessierter, durchaus neugieriger, aber nie aufdringlicher Besucher. Man muss es vielleicht betonen: Wir sprechen hier von einer Zeit vor Nachmittagstalkshows im Fernsehen. „Was wollen Sie wissen?“ befriedigte selbstverständlich auch Sensationsgier. Aber ich glaube trotzdem fest, es ging Dr. Erwin Marcus nicht in erster Linie darum, Spektakuläres aus den Anrufern herauszukitzeln, damit die Hörlust des Publikums befriedigt wurde. So funktionierte die Sendung nicht. Auch wenn jeder Lebenslauf an sich schon spektakulär war. Mit seinen Rissen, Brüchen, Widersprüchen. Als Richter wusste Dr. Marcus es: Das Leben ist nicht beherrschbar. Und ich glaube heute, dass es genau das ist, was die Verzweifelten in dem Gespräch mit ihm bestenfalls lernen konnten. Und auch die Hörer. Das war sozusagen die Basislektion: Es gibt eine Vielfalt von Lebensformen, von Wirklichkeiten, Geschlechtern, Sexualitäten und was weiß ich.

Indem davon erzählt wurde, konnte man Demut lernen.

Und Verantwortung.

Genau das forderte Dr. Marcus nämlich von den Ratsuchenden. Dr. Erwin Marcus war nicht einfach eine Stimme gewordener Kummerkasten. Er lehrte Empathie. Mehr war ihm nicht möglich. Die Rolle einer moralischen Instanz füllte er nicht aus, wenn ich das richtig sehe (und im Nachhinein nicht völlig verkläre). Er urteilte nicht. Er verurteilte nicht. Er bestärkte die Menschen, er empfahl ihnen, sich ihren persönlichen Aufgaben im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu stellen.

Was nicht wenig ist.

Bevor ich zu weit auf das zu seifige Parkett der Ethik gelange: Keine Angst, ich als Autor möchte nicht darauf hinaus, dass es die Aufgabe der Literatur ist, sich frei von der Aufgabe zu machen, moralische Maßstäbe zu verhandeln.

Jede Geschichte bietet Weltanschauung. Literatur erschafft immer ein Modell von Welt. Moral spielt eine wichtige Rolle. Aber darum geht es mir hier nicht. Ich möchte auch nicht darauf hinaus, dass Literatur ein guter Ersatz für eine Selbsthilfegruppe ist. So schön die Vorstellung ist. Und so verführerisch. Man stelle sich das mal bildlich vor, ein Treffen in einem dieser Räume mit Klassenzimmercharme. Wer säße nicht gerne mit seinen Säulenheiligen und Idolen im Stuhlkreis? Da vorne Lindgren neben Camus und Faulkner, dann Chandler und Carver.

Hallo Astrid.

Hallo Albert.

Hallo William.

Hallo Raymond.

Und noch einmal: Hallo Raymond.

Das wäre billig. Auch wenn Literatur für viele von uns genau diesen Zweck erfüllt. Auf der Suche nach Gleichgesinnten, die uns Lebenshilfe bieten, finden wir in Geschichten eine ganze Menge. Dabei spielt es übrigens auch keine Rolle, wie das Weltmodell beschaffen ist.

James Joyces Dublin.

Oder William Faulkners Yoknapatawpha County.

Oder Alice Wunderland – ob nun in der Version von Lewis Carroll oder in der von Walt Disney.

Diese Orte sind alle gleich fiktiv und gleich real. Es sind fremde Welten, die wir als Leser in unsere eigene kleine Welt eingemeinden. Diese sehr verschiedenen fiktiven Welten unterscheiden sich in ihrer Anlage nicht großartig. Es spielt keine Rolle, ob wir die realen Vorbilder dieser Welten kennen oder gar als Touristen bereisen können. Ganz wichtig: Der Grad der topographischen Ähnlichkeit mit der realen Welt entscheidet nicht über den Rang der fiktiven Welt. In keinster Weise.

Das aber nur nebenbei. Denn ich möchte auf etwas anderes hinaus. Etwas, das mir erst heute klar ist, rückblickend: Ich habe bei Dr. Erwin Marcus etwas gelernt, von dem ich glaube, dass es in Literatur von Bedeutung ist.

Die Begegnung mit fremden Welten gehört zu den elementaren Erfahrungen des Lebens, eines jeden Lebens. Fremde Welten sind keine Fiktion. Fremde Welten sind, etwas blumig formuliert, die Schleusen auf dem Weg der Reife.

Und es gibt eine Unzahl davon.

Ich habe wirklich über Jahre donnerstags Radio gehört – es wurde einfach nicht langweilig. „4-4-1-7-7-7 Marcus, Guten Abend!“ Wer in der Sendung „Was wollen Sie wissen?“ anrief, war in Not. Der Druck sich mitzuteilen, muss riesig gewesen sein. Das fand ich reichlich schräg. Das weiß ich noch sehr genau. Und ich weiß noch etwas anderes ziemlich genau. Ich begriff staunend und schaudernd: Praktisch jede Geschichte, die erzählt wurde, war ein Beweis dafür, dass das Leben niemals ein langer, ruhiger Fluss war. Ganz offensichtlich war es Gesetz, dass im Grunde jeder in jedem Moment an das Ende der bekannten, vertrauten Welt gelangen konnte.

Geschlecht, Alter, Herkunft und so weiter – spielte alles keine Rolle. Die Reise konnte jederzeit aus dem Ruder laufen. Dagegen gab es keine Versicherung. Es ließen sich kaum Vorkehrungen treffen.

Wirklich gruselig.

Wirklich aufregend.

Ich war gerade aus dem Kinderpyjama-Alter raus. Meine Ängste veränderten sich. Und meine Sehnsüchte auch. Einerseits schienen die Aussichten trübe: Selbst Erwachsenen, die sich dagegen wehrten, kam die Normalität plötzlich abhanden. Es passierte, dass sie schwer verunsichert waren. Und ratlos.

Und was fiel ihnen ein in solchen Momenten?

Nicht viel.

Sie schienen mindestens genauso viel Fragen zu haben wie ich. Und genauso wenig Antworten. Aber eben: Das nun ist der Punkt. Das ist das literarische Moment. Das ist die Faszination und das Andererseits: Das Ungewisse verheißt Abenteuer.

Das Individuum, das sich vor den Toren einer fremden Welt behaupten muss: Das ist die Faszination Literatur. Das ist ihr ureigener Stoff.

Der Einzelfall.

Auch in der fiktiven Welt gibt es das Individuum, das aus der vertrauten in die fremde Welt übertritt. In welcher Gestalt auch immer.

Als tiefbegabter Junge.

Als gerade richtig dicker Mann.

Als riesiger Käfer.

Als Hobbit.

Als was auch immer.

Als ein Beispiel – eins das von den Zumutungen handelt, die jeder zu ertragen hat, der sich in diesem seltsamen Ich-hier-jetzt-Kontinuum befand, das ein jedes Leben ist und früher oder später enden wird.

Und indem die Geschichte dieser Beispielhelden erzählt wird, gelingt etwas, das auch bei Dr. Marcus gelang, weil es durch das Erzählen der persönlichen Geschichte automatisch gelingen musste. Er befähigte seine Anrufer, nicht zu schweigen, nicht zu ertragen, nicht zu erdulden, sondern zu thematisieren.

Damit bin ich groß geworden. So führte mich Dr. Marcus an die Erwachsenwelt heran. In einer Phase, als sich mir als Halbwüchsiger die fremden Welten der Adoleszenz, des Todes, der Berufswelt und so weiter und so weiter große Rätsel aufgaben, muss mir das aufgegangen sein, was für einen Wert das Erzählen hat.

Die Gespräche mit Dr. Erwin Marcus zeigten es. Die Probleme der Menschen, die ihn anriefen, sah er nicht als allgemeine Probleme. Er behandelte sie ihn seinen Gesprächen als persönliche Aufgaben.

Der Unterschied zwischen allgemeinem Problem und persönlicher Aufgabe? Das allgemeine Problem löst man – oder man scheitert. Was dann bleibt ist die schlappe Hoffnung, jemand anders könnte es für einen selbst beseitigen, dieses Problem. Die persönliche Aufgabe bewältigt man – oder man reift zumindest an ihr. Es ist niemand da, der einspringen könnte.

Sie sind das Abenteuer, sie verheißen Entdeckungen.

Und die Literatur schafft ein Bewusstsein dafür, dass das Individuum die Kraft in sich trägt, die persönlichen Aufgaben anzunehmen, mitunter sogar zu stemmen. Und selbst da, wo sich die Literatur am Scheitern weidet, wird klar, dass im Annehmen von Aufgaben ein besonderer Reiz, eine besondere Schönheit liegt. Weil auf jeden Fall auf diese Art gezeigt wird, was es heißt, am Leben zu sein. Bei Bewusstsein. Lauten nicht so die Imperative der Literatur?

Geh an deine Grenzen!

Lass dich ein!

Entdecke Neues!

Reife!

Jede anständige Geschichte hält sich daran. Ob sie von Pubertät erzählt, von Abtreibung, Angstneurosen, einem Sanatoriumsaufenthalt, Liebe, Flucht oder Mobbing, von Ehe, Krieg oder Fischfang, ob sie historisch situiert ist, in der Zukunft spielt oder in einem anderen Universum.

Egal.

Und noch etwas: Jeder kann erzählen. Aber nur dann wirklich packend, wenn es dabei ans Eingemachte geht. Wenn er die Story auftischt, die nur ein einziger Mensch auf der Welt genau so erzählen kann.

Und damit jetzt zurück ins laufende Programm.

 

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