April 2012

by Nils Mohl on Mai 15, 2012

__

1.4.

Stadtrandritter, Arbeitstag 448. Nach fieberhafter Arbeit in der Nacht Roman kurz vor der Fertigstellung.

(Ha! Ha!)

 

1.4.

Trost: Werde tatsächlich nur einmal in den April geschickt. Finde beim Frühstück unter dem gestrickten Eiwärmer, den man sehr raffiniert mit einem Papiertuch ausgestopf hat: nichts. Großfreude bei A.

 

1.4.

Regen.
Sonne.
Regen.
Sonne.
Regen.
Sonne.

Vor zwei Tagen drehten kurzzeitig Schneeflocken vor dem Fenster.

(Wir waren schon deutlich weiter.)

 

1.4.

Verkaufsoffener Sonntag. Nachbar B. kommt mit dem Hänger. Habe mich am Mittag, nach dem Kauf des Teppichs für das neue Zelt auf Amrum, schockverliebt – in eine Vorgartenbank, die wie aus Strandgut zusammengezimmert aussieht. Nun sammelt B. mich also ein und wir zuckeln los ins Möbelhaus Hamburg an der Ahrensburger Straße, wo es 120 Minuten zuvor gefunkt hat, sammeln das Schmuckstück ein.

Als wir die Bank später unter die noch kahle Buche gewuchtet haben, wische ich Regenpfützchen von meiner DYWIDAG, hole Schläger und Ball. B. und ich haben Ende des letzten Sommers, der kein Sommer war, gemeinsam den Untergrund präpariert für den 750-Kilo-Apparat, der mein Geschenk zum Vierzigsten war und mit einem Sattelschlepper angeliefert wurde. Andere Kerle in meinem Alter, hört man, träumen von Sportwagen und Au-Pair-Mädchen aus Skandinavien. Für mich hingegen musste es die Königin unter den Betontischtennisplatten sein. Das Modell, das auch hinter allen Hochhausblocks und auf allen Pausenhöfen Jenfelds zu finden ist. Eine DYWIDAG. Und eine Bank. Alles erreicht, was das angeht. Niemand wird mich klagen hören.

(Aus der Kategorie: Was es heißt, Erwachsen zu werden.)

 

1.4.

Pock-tak-tak. Pock-tak. Pock-tak. Pock-tak.

 

1.4.

B. und ich spielen, bis die Hände gefühllos sind. Niesel im Gesicht. Auf der neuen Bank stehen zwei Flaschen Biolimonade. So vergeht ein Nachmittag, den ich sonst am Schreibtisch verbracht hätte. Hätte verbringen müssen, sagt eine Stimme im Kopf, die ich nicht loswerde und mich kolossal nervt. Fast so sehr wie am Abend der Gedanke dann, dass dieses Trio: Baum-DYWIDAG-Bank, sehr wahrscheinlich noch da sein werden, wenn ich längst … selbst wenn mir hienieden noch 40 Jahre … selbst wenn es noch 50 Jahre sein sollten …

(Die Sehnsucht sehr plötzlich nach etwas, das besser sediert als Biolimonade.)

 

2.4.

Kein Wetter zum Auf-der-Bank-Sitzen. Auch keine Zeit. Semesterstart.

 

3.4.

Beim Kontojob. Kollegin J. fragt mich, wie es an der Uni gewesen ist. Sie hat früher selbst das Montagsseminar Schreibtechniken besucht, bevor sie Praktikantin in unserer Box wurde, bald schon Juniortexterin – als Nachfolgerin von C.

– Gestern ist es wieder losgegangen, oder? Wie war’s?
– Habe nachgezählt, mein zehntes Semester als Dozent.
– Und?
– Aufregend wie immer. Wer guckt einen da mit großen Augen an?
– Netter Kurs?
– Kann was werden. Bunt gemischt, sogar fast ein Drittel Kerle. Voll war’s …
– Die kennen dich inzwischen aus Funk und Fernsehen.
– Ja, ich gehe auch nur noch mit Hut und Sonnenbrille vor die Tür.
– Glaubst du nicht?
– Quatsch. Kein Seminarteilnehmer kennt auch nur eine Zeile von mir.
– Wer weiß.
– Ich! Aber einen Hut habe ich neuerdings zuweilen tatsächlich auf.

 

3.4.

Im Jahr 2009 ging an eben diesem Tag das Exposé zu Indianerland an Rowohlt. Wie verabredet, exakt drei Wochen, nachdem meine künftige Lektorin mich auf der Buchmesse dazu angestachelt hatte. Sie kannte ein paar Kurzgeschichten von mir, mehr nicht, und war neugierig, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich an einem Jugendroman zu versuchen. Ich weiß noch: Die kurze Frist erschien mir sportlich. Aber was hatte ich zu verlieren? Ich sagte zu. Jetzt, zum Jahrestag, amüsiere ich mich noch einmal über die Mail, die ich damals mit dem Exposé an Rowohlt geschickt habe. „Mir ist aufgegangen“, steht dort, „dass ich inzwischen ein vermutlich sehr altmodisches Verständnis von Jugend habe. Indianer. Freibäder. Liebesbriefe. Etc. Das finde ich gut.“ Dann öffne ich den Anhang meiner alten Mail und staune. Nach drei Wochen war ich mehr oder weniger fertig. Das Einzige, was sich später noch erheblich verändert hat: die Sache mit Grünhorn und Mauser. Im Exposé waren sie einfach zwei Freunde. Aber der Rest stand da. Auf vier Seiten. Hier der Schluss:

Edda kniet vor einem toten Wildschwein. Der Indianer ist verschwunden. Sie packen das verendete Tier in den Kofferraum, fahren ans Wasser. Am Ufer liegt ein Kanu. Grünhorn bohrt Löcher in den Boden. Edda und er schicken das Gefährt mit dem Tier an Bord auf Reisen. Es versinkt. Im Radio wird über das Ende der Flucht von Zöllner berichtet. Er hat sich der Polizei gestellt. Edda und Grünhorn schlafen miteinander.

Keine Woche, nachdem ich das an Rowohlt rausgeschickt hatte, kam eine Einladung zum Mittagessen in Reinbek. Nicht mal ein Jahr später lag dort der fertige Roman auf dem Tisch. Unfassbar.

 

3.4.

Lese noch einmal das Exposé zu Stadtrandritter, das ich im Herbst 2010 mit großer Leichtigkeit zusammengebastelt habe, raufe Haare: Wieso bin ich dieses Mal nur so weit abgedriftet? Wo ist anderthalb Jahre später der fertige Roman?

(Nicht jammern, arbeiten!)

 

4.4.

Folge des letztjährigen Schrottjulklapps in der Agentur: Seit Anfang des Jahres versorge ich die Box von Kollege Sch., Kollegin J. und mir jeden Tag mit einem Gedicht aus dem Werk „Diese Rose pflücke ich dir. Die schönsten Rosengedichte“. Heute plädiert Kollege Sch. aus aktuellem Anlass für eine Programmänderung: Günter G. (Literaturnobelpreisträger) ist heute eine Zeitlang Hauptnachricht auf allen wichtigen Online-Nachrichtenportalen. Er hat ein Gedicht geschrieben. Es geht um Israel, Iran, Atombomben, deutsche U-Boote und (Zitat) die „Heuchelei des Westens“. Neun Strophen. Es hebt an mit: „Warum schweige ich“.

 

4.4.

Aus dem Literarischen Duett mit Kollege Sch., das ich eröffne:

– Der Anfang ist raffiniert, loszupoltern mit „Warum schweige ich“.
– Wilhelm Busch gestern war mir lieber, aber … (denkt nach).
– Na?
– Ich finde es trotzdem gut.
– Fühlst du dich aufgerüttelt?
– Ja, ich will auf die Straße gehen, mir ein Palästinensertuch umbinden.
– Ob GG das wollte?
– Meinst du nicht? Was wollte er denn?
– Sag du mir das.
– (deutet Richtung Bildschirm) Das steht da doch, etwas zum Nahost-Konflikt sagen.
– Erklär es mir trotzdem.
– Hm. Das ist Kunst, da gibt es mehr als eine Erklärung.
– Sehr schön. Aber woher weißt du, dass das Kunst ist?
– Ist von Günter Grass.
– Aha.
– Ich finde das übrigens gut, wenn Kunst das aktuelle Weltgeschehen kommentiert.
– Das ist die Aufgabe des Journalisten.
– Viel zu wenig Künstler machen die Klappe auf.
– Besser so.
– Finde ich nicht.
– Das Gedicht kannst du als Gedicht in der Pfeife rauchen.
– Und warum?
– Als Kunst taugt es nichts.
– Du magst Günter Grass nicht.
– Ich halte große Stücke auf ihn. Die Blechtrommel ist zum Niederknien.
– Aber?
– Kunst soll die Wahrheit sein, die das Herz erwärmt.
– (empört) Der Satz ist Kitsch!
– Nein, der ist von Chandler.
– Hm.
– Habe ich gerade heute im Netz gelesen. Toll, was!

 

4.4.

„There are two kinds of truth; The truth that lights the way and the truth that warms the heart. The first of these is science and the second is art.“

Raymond Chandler

 

4.4.

Am Abend kommt C. Habe meiner Lektorin für einen Schulterblick den letzten Stand der Stadtrandritter versprochen – vor Ostern noch. Jetzt grübelt C. mit mir über den Anfang nach, den ich dafür unbedingt noch einmal neu haben will. Wir sitzen im Arbeitszimmer, das zugerammelt ist mit der Teppichrolle und all dem anderen Zeug, das übermorgen mit nach Amrum soll.

Sitzen und starren gegen den Bildschirm.

Sitzen und kauen Schokolade.

Sitzen und nuckeln an Biolimonadeflaschen, weil wir beide seit einiger Zeit ganz gut damit fahren, uns nicht mehr flaschenweise Wein reinzustellen, wenn wir bis zum Hals in Arbeit stecken. Nüchtern betrachtet, hilft das heute allerdings auch wenig. Die Fortschritte sind überschaubar: Mal zwei Schritte vorwärts, mal drei zurück. Und dann mit Anlauf gegen die Wand. Wieder und wieder.

(Der neue Anfang: vorläufig nicht erheblich besser als der alte.)

 

5.4.

Verkatert von der Zusatzschicht am Text morgens früh wieder an den Rechner. Bastle mit C.s Anregungen im Hinterkopf noch einmal allein am Anfang.

 

5.4.

Mail an meine Lektorin.

 

5.4.

Zum Kontojob. Gespräch mit meiner Chefin.

 

5.3.

Mail an A. Eine Jubelmail: „Jetzt liegt es schriftlich vor! Drei! Monate! Frei! Ab 25. Juni.“ Den ganzen Tag bin ich unerträglich gut gelaunt. Entschuldigt, Kollegen!

(Die Aussicht auf die längsten Sommerferien meines Lebens.)

 

6.4.

Karfreitag. Vollbeladen Aufbruch über Ostern nach Amrum. So voll beladen, dass A. es vorzieht, mit der Bahn nachzukommen. Auf dem Weg zur Autobahn fahre ich an der Siedlung vorbei, wo der „echte“ Zöllner gelebt hat. Für den Roman ist der Fall stark verändert und weitestgehend unkenntlich gemacht worden. Aber dennoch weiß ich von Freunden, die über die Hintergründe im Bilde sind, dass sie am Anfang ein wenig erschrocken waren über die Parallelen zwischen den wahren Begebenheiten und meiner Geschichte. Man erkennt, wenn man eingeweiht ist, vieles wieder. Und nicht zuletzt die Zeitungsberichte im Roman orientieren sich stark an den Originalen. Ein paar Mal bin ich deshalb wohl auch gefragt worden, was denn X, der Sohn des „echten“ Zöllners, dazu sagt. Ich weiß es bis heute nicht.

X und ich haben zusammen Handball gespielt, eine Zeitlang zusammen auch eine Jugendmannschaft trainiert, länger her schon. Ich habe ihm damals, als Indianerland fertig war, die Fahnen geschickt, weil ich nicht wollte, dass er im Zweifel von Dritten erfährt, dass es den Roman gibt. Ich habe ihm auch das fertige Buch geschickt. Er hat sich nie dazu geäußert, was mir immer richtig erschien. Ich weiß nicht, ob er es überhaupt gelesen hat. Ich bin danach noch zu seiner Hochzeit eingeladen gewesen, und ich habe X dort beim Gratulieren ebenso in die Augen gesehen wie damals bei der Trauerfeier für seine Mutter. Und ich finde, es spricht für ihn, dass er schweigt. Das Schweigen ist ja auch eine Antwort. Er weiß, was auch ich weiß, sage ich mir: Indianerland ist nicht seine Geschichte. Es ist meine. Und dennoch ist der Roman insgeheim auch ihm gewidmet. So sehe ich das.

(Einsame Autofahrten.)

 

7.4.

Auf der Fähre nach Amrum: Arbeit im Wagen an den Stadtrandrittern. Rechner auf dem Schoss. Der Atem kondensiert hauchzart vor dem Mund. Pimpf Kaputtnik zeigt mir einen Vogel: Du hast sie ja nicht mehr alle, das bringt doch alles nichts!

(Einsame Fährfahrten.)

 

7.4.

Amrum. Einmal tief einatmen. Einmal durchatmen. Dann zum Campingplatz, Teppich verlegen, neue Regale zusammenschrauben. Meine Eltern sind da. A. kommt.

(Wahlheimat.)

 

7.4.

Die Insel: seit 1982 die Parallelwelt zu Jenfeld und bis heute jedes Jahr wieder Rückzugsort, früher immer für die ganzen Sommerferien. In dem hochbetagten Wohnwagen, den A. und ich vor sechs Jahren geschenkt bekommen und wieder aufgemöbelt haben, sind im Sommer 2009 große Teile von Indianerland entstanden. Praktisch die ganze Rohversion der ersten Hälfte. Zwischendrin hat wegen der durchgesessenen Polster eine Bandscheibe Spaßbremse gespielt. Es war dennoch ein fantastischer August. In der letzten Saison, während mit Blick auf den Leuchtturm über der ersten Version der Ritter gebrütet wurde, ging dann das Vorzelt endgültig vor die Hunde. Die Nähte, zerfressen von der Salzluft, lösten sich einfach in Wohlgefallen auf. Notdürftig wurde immer wieder von Hand geflickt bis zum Herbst. Vermutlich hätten wir es auch dieses Jahr noch einmal aufgebaut und fleißig genäht. Aber dann kam ja der letzte November, hat eine Menge geändert und jetzt steht ein neues Zelt mit neuem Holzfußboden da. Fertig aufgebaut. Eins, das auch über Winter so stehen bleiben kann.

 

7.4.

A.: Das Preisgeld aus Oldenburg ist Zelt geworden.

Ich: Ja. Indianerland sei Dank!

A.: Ein Dünentipi!

 

8.4.

Steenodde. Ostersonntag: Frühschicht im Auto, Blick auf die Mole und aufs Watt bei Ebbe. Über den Halligen am Horizont ein paar ins Hellblau getupfte Wolken. Das Dünengras vorne im Bild schimmert silbrig. Eine Möwe kackt aufs Autodach.  Rechner auf dem Schoß, kämpfe ich mich in AV VI voran. Trödelmarkt im Jenfelder Einkaufszentrum. Und das vor dieser Kulisse. Osterspaziergänger, die Mützen tief ins Gesicht gezogen gegen den schneidenden Wind, schauen mich entgeistert an.

(Es ist ein weiter Weg bis zur eigenen Fischerklause, Freunde.)

 

9.4.

Zurück von der Insel. Zurück in der Stadtrandluft. Etwas stimmt nicht.

 

10.4.

Beim Kontojob. Am Abend Schüttelfrost. Aber kein Fieber.

 

11.4.

Meine Hausärztin ist im Urlaub. Ihr Vertreter schreibt mich krank. Sagt: „Ich nehme Sie dann mal zwei Tage raus.“

 

11.4.

J98.8 G.

 

12.4.

J98.8 G.

 

12.4.

Übervoller Maileingangskorb.

 

12.4.

Apathisch am Rechner. Eine Box mit Papiertaschentüchern in Griffnähe. Das Kürzel auf der Krankmeldung steht für Infektion der Atemwege durch Viren. Das „G“ bedeutet „gesicherte Diagnose“. Das wundert mich nicht – und wundert mich doch. Es wundert mich nicht, weil ich huste und schnupfe. Es wundert mich doch, weil mich das normalerweise nicht umhaut. Komme mir vor wie ein Scharlatan. Die Nächte auf Amrum waren kalt, das stimmt, bis Minus sieben Grad. Einmal war am Morgen das abgespülte, aber nicht abgetrocknete Geschirr vom Vorabend komplett übereist. Doch das war’s nicht: Ich habe auf Amrum nicht gefroren. Ich friere hier und jetzt. Wortwörtlich. Die Maschine fährt nicht hoch auf normale Betriebstemperatur.

 

12.4.

Ping!

Ping!

Eingang (59 E-Mails, 2 ungelesen)

 

12.4.

J98.8. G. Das einzig Sinnvolle, was ich zustande bringe: eine Mail an den Rowohlt Theaterverlag. Letzte Woche kam von dort der Anruf, dass am Deutschen Theater in Berlin der „Jugendclub“ gerade Indianerland in die Hände bekommen hat. „Die wollen damit was machen“, hieß es, „so zwei, drei Aufführungen mehr oder weniger vor Verwandten. Aber mal sehen, vielleicht kriegen wir auch noch woanders eine große Produktion hin. Toller Roman!“ Jetzt schicke ich die Stücke, die M. und ich nie bei einem Verlag unterbringen konnten, nach Reinbek. Mehr schaffe ich nicht. Völlig schräg: Mir ist es beinah unmöglich, Mails auch nur zu lesen.

 

13.4.

J98.8 G.

 

13.4.

Ping!

 

13.4.

Körperliche Besserung. Nach wie vor das Mailproblem. Anrufe tätigen: unmöglich. Dabei liegt mir hier eine lange Liste mit Namen vor. Eine sehr lange Liste. Ich müsste mich dringend mal bei C. melden. Bei Oskar. Bei Christian. Bei Raphi. Bei T2R. Bei meiner Schwester. Ich kann nicht. Geht nicht. Keine Chance.

(Himmel!)

 

13.4.

Starre am Mittag eine Stunde lang auf einen post-it-gelben Handzettel, den A. im Briefkasten gefunden und mir auf den Tisch gelegt hat. Zweifarbdruck. In der Ecke oben links: ein gezeichneter Luftballon, darin das Logo der Initiative „Wohnen auf eigene Gefahr.“ Überschrift: „Solidarität für Jenfeld“. Das Ganze ist ein Aufruf der „Wutbürger“ zu einer Protestaktion in der Innenstadt, die heute stattfindet: „Um 18 Uhr werden dann mehrere Hundert Luftballons in den Hamburger Himmel steigen“, steht da, „begleitet von 23 schwarzen Ballons – einen für jedes Opfer der Einrichtung im Elfsaal.“

Ballons!

Schwarze Ballons!

(Und gerade dachte man wieder, die Luft sei raus bei denen.)

 

13.4.

 

13.4.

Am Mittwoch, nach dem Arztbesuch, bin ich mit dem Rad ein Stück meines alten Schulwegs zurück nach Hause gefahren. Auf verschlungenen Pfaden führte der im Schatten der Autobahn entlang der Südgrenze von Jenfeld vom Gleiwitzer Bogen bis nach Marienthal, endete dort am Gymnasium, mit dem Jenfeld nicht aufwarten kann. Es gibt ihn noch. Und man kann ihn noch fahren. Am Mittwoch bin ich auf die Weise also zum Elfsaal gelangt und habe mir die Einrichtung, in der zurzeit die Ex-Sicherheitsverwahren untergebracht sind, angeguckt. Ein Streifenwagen umkurvte das Gelände. Ansonsten: nichts Spektakuläres. Es wird gebaut. Eine alte Frau bugsierte ihr Laufgestell in Zeitlupengeschwindigkeit über eine Straße zwischen den alten und neuen Altersheimgebäuden. Draußen vor dem Tor stand ein leerer Mannschaftswagen der Ordnungshüter. Beim Passieren der Einfamilienhäuser allerdings, an deren Balkonen oder Zäunen Banner und Schilder der Initiative „Wohnen auf eigene Gefahr“ hängen (u. a. „Hi, wir leben noch!“ oder: „Die Politik gehört in Sicherheitsverwahrung!“) – da fühlte ich mich auf einmal doch seltsam unwohl und beobachtet.

 

14.4.

Ping!

Ping!

Ping!

Ping!

Samstag. Die Hausarbeiten meiner Kursteilnehmer treffen ein. Öffne zwei, drei Mails. Befinde mich offensichtlich auf dem Weg der Besserung.

 

15.4.

Lese 22 Kurzgeschichtenanfänge. Größte Schwierigkeit für Anfänger: am Anfang anzufangen, auf Rückblenden zu verzichten. Erstaunlich auch immer wieder die Zahl der Geschichten, die nur mit einer Figur angegangen werden – obwohl ich im Seminar alles tue, um das im Vorwege zu verhindern. Und natürlich liest man viel unbeholfene Sätze wie: „Aus der Nähe sah sie noch schöner und zerbrechlicher aus.“ Oder: „Tim fühlte sich schlecht.“ Aber: Jedes Mal habe ich wieder irren Spaß daran, die Sachen zu lesen. Das hat sich auch nach zehn Semestern nicht geändert. Ich lerne. Lerne, was zum Geschichtenerzählen dazu gehört. Was funktioniert. Und was nicht. Lerne, Lösungen zu formulieren.

(Wer lehrt, der lernt.)

 

15.4.

Nicht eine Zeile am Roman.

 

15.4.

Am Nachmittag fröstele ich wieder. Kein Fieber.

 

16.4.

Was hat das jetzt zu bedeuten? Kurz bevor ich zur Uni starten will: Flimmern vor den Augen. Brutale Kopfschmerzen. Der ganze Organismus spinnt. Trotzdem: Hut auf und los. Überstehe das Seminar halbwegs anständig, bin danach aber völlig platt. Der Schädel scheint zuzuschwellen.

 

17.4.

Nach unruhiger Nacht am Morgen vor dem Rechner. Ausbeute erneut nicht eine Zeile. Null Fortschritte bei den Stadtrandrittern seit Tagen. Schleppe mich zum Kontojob. Nehme das Auto für den Weg. Kein gutes Zeichen.

(Sehnsucht nach erholsamem Schlaf.)

 

18.4.

Noch ein Versuch: früh hoch, an den Rechner. Aber nichts geht mehr. Nada. Rien. Birne kurz vorm Platzen. Schaue aus den Augen, wer kann.

(Einer jedenfalls kann nicht mehr.)

 

18.4.

J98.8 G.

 

19.4.

J98.8 G.

 

20.4.

Mein Hausärztin, frisch zurück aus dem Urlaub, rät: „Lassen Sie einfach mal die Flügel hängen. Wir sind keine Maschinen.“ Vielsagender Blick. Die Sache ist: Es ist eine Grippe. Die Sache ist außerdem: Wegen einer Grippe gehe ich normalerweise nicht zu meiner Hausärztin. Was sie weiß. Was meint sie also? Und warum schreibt sie mich eine Woche krank? Ich frage nicht nach. Fürchte mich vor modischen Befunden. Fürchte mich aber auch, weil ich bezweifle, nur eine Grippe zu haben. Beruhige mich auf dem Heimweg selbst: kleines seelisches Tief, mehr nicht. Habe mir in letzter Zeit vielleicht mehr aufgehalst, als im Rahmen meines Alltags zu stemmen ist. Zu viel Unruhe, zu wenig Sport. Die Quittung jetzt: Der Körper probt den Aufstand. Was mir nicht schmeckt, aber Psychoquatsch will man sich selbst ja auch nicht einreden. Trotzdem. Ich gebe zu: Insgesamt ist, was die Arbeit betrifft, der Faden völlig verloren gegangen. Dazu dieser Gedankensalat im Kopf. Was mir aber am meisten zusetzt: Wenn man offiziell krank ist, muss man sich erklären. Was schreibe ich meiner Chefin? Grippe ist zurück, muss mich eine Woche schonen? A. sagt: „Hör auf deine Ärztin.“ Aber ich weiß gar nicht, wie das gehen soll: Flügel hängen lassen. Ich sage: „Aspirin, Gelomyrtol, bis zum Wochenende ist wieder alles im Lot.“ A.: „Du hast von einem Druck auf dem Brustkorb gesprochen gestern.“ Ich: „Habe ich?“ A.: „Von einem Kopf, der kurz vorm Platzen ist.“ Ich: „Was man halt so sagt.“ A.: „Gut, dass es dir besser geht!“ Ich: „Spotte nur.“ A.: „Schreib deiner Chefin, was Sache ist, du bist krankgeschrieben. Aus gutem Grund, du kriegst das hin.“

(Einträge, die dringend in Behandlung gehören.)

 

20.4.

Pling!

 

20.4.

Pling!

Pling!

Eingang (102 Mails. 17 ungelesen.)

 

20.4.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Was wohl immer dazu gehört: Schriftstellerdarstellerei betreiben. Vor Publikum. Auch in Tagebüchern. In Blogs. Und dabei vergisst man dann selbst gerne: Das ist ja nicht der ‚echte Mensch‘, der dort in Erscheinung tritt. Alles Ich-Klamauk. Was vermutlich nicht weiter schlimm ist, wenn das Publikum sich dabei ansatzweise unterhalten fühlt. Unterhalten, nicht zerstreut. Dazu sind Schriftsteller ja nun mal da. Zum Geschichtenerzählen. Zum Produzieren von Welt. Vielleicht sogar: besserer Welt.“

(Ziel der Übung nicht zuletzt: Selbstoptimierung.)

 

20.4.

Die große 2012-reiht-sich-Schriftstellererfolg-an-Schriftstellererfolg-und-es-klappt-als-Autor-einfach-alles-Strähne: gerissen. Püh! Beinah ein Gefühl der Befreiung.

 

20.4.

Absage vom Rowohlt Theaterverlag für die Stücke, die ich geschickt hatte. Es geht:  Bekomme es tatsächlich hin, eine unangestrengt klingende Mail zu schreiben. Bedanke mich artig für die schnelle Antwort. Der Kopf schwillt wieder ab. Es ist so: Die ganze Woche habe ich kaum mit dem Rest der Welt kommunizieren können. Kein Wort am Roman. Ging nicht. Eine Art physiologische Blockade. Zero Übertragung vom Hirn an die Tippextremitäten, wenn ein Gedanke vorlag. Habe immerhin meiner Lektorin mitgeteilt, dass der Roman auch Ende Mai nicht fertig sein wird. Sollte Druck vom Brustkorb nehmen.

(Phantomdruck bleibt.)

 

20.4.

Pling!

Eine ehemalige Kurteilnehmerin schickt mir ihr „Erstlingswerk“, bittet mich um meine Meinung. Das angehängte Dokument hat 130 Seiten.

(Die Geister, die ich rief.)

 

20.4.

Heute vor drei Jahren war das Mittagessen in Reinbek. Die Sonne schien. T-Shirt-und-Sonnenbrillen-Wetter. Man konnte bei dem Italiener auf der Terrasse unter der Markise sitzen. Ich aß Penne al Arrabiata. Meine künftige Lektorin aß Penne mit einer Soße, die der Koch mit Knoblauch verfeinert hatte. Was der Speisenkarte so nicht zu entnehmen war und die Bedienung auszubaden hatte. Die kleine Szene hatte etwas Beeindruckendes. Da saß mir jemand gegenüber, der kein Wert darauf legte, zu aller Welt freundlich zu sein, wenn es dafür keinen Grund gab. Was auch nur meine Wahrnehmung oder Einbildung gewesen sein kann. Es blieb jedenfalls haften. Was ich nicht mehr genau weiß: Mit welcher Erwartung ich genau zu dem Treffen gefahren war. Ich hatte mich, glaube ich, auf ein paar aufmunternde Worte eingestellt, bestenfalls wohl auf den Vorschlag, mal anzufangen mit dem Roman und mich gerne wieder zu melden, wenn ich so bei Seite 100 wäre. Aber es kam ganz anders. Man war sehr freundlich zu mir. A. hinterher: „Du hast einen Sonnenbrand auf der Stirn.“ Ich: „Die machen das.“ A.: „Du meinst, du machst das.“ Ich: „Nein, ich warte jetzt auf den Vertrag.“ A.: „Nach vier Seiten Exposé und zwölf Seiten Text?“ Ich: „Kleines Taschenbuch für siebenneunundneunzig. Das ist für einen Laden wie Rowohlt kein Risiko.“ A.: „Die Frühjahrssonne, das ist immer die gefährlichste.“ Doch der Vertrag kam. Im Juni war er unterschrieben. Und im Juli auf Amrum habe ich losgelegt. Nicht einmal ein Jahr nach dem Treffen war alles fertig. Text. Titel. Am Ende durfte Raphael sogar das Cover machen. Von Taschenbuch war nicht mehr die Rede, sondern von Klappbroschur. Es folgten anderthalb Jahre, in denen die meiste Zeit nicht viel passierte – und ich darüber nachdachte, dass ich dennoch versuchen sollte, die Sache so groß wie nur möglich zu machen. Ein Gedanke, den ich auf dieser Terrasse in Reinbek das erste Mal hatte, als die Bedienung sich vielmals für die Knoblauchpanscherei des Kochs entschuldigte, sich mit hochrotem Kopf trollte, und meine Lektorin mich anschließend sehr, sehr freundlich fragte, wie ich mir alles Weitere nun vorstellen würde. Insgeheim dachte ich da: Eine Trilogie über das Erwachsenwerden. 1000 Seiten. Großes Kino. Tun, was man immer tun wollte. Beweisen, was man kann. Die Welt ist ja nicht immer so freundlich zu einem.

 

20.4.

Heute, mitten in der Trilogie, A.: „Dann erscheint der zweite Teil eben später, na und?“ Ich murmle etwas von Chancen, die man nicht vergeigen will. A. lächelt milde. Sie sagt: „Aspirin, Gelomyrtol, bald ist Wochenende. Übernächste Woche Urlaub.“

(Ich, der Betonkopf von Jenfeld. In Klammern: Eigenwerbung.)

 

20.4.

Die besondere Genugtuung an dem Besuch damals in Reinbek: Es war nicht mein erster. Als Autor von „Kasse 53“ saß ich schon einmal dort, 2007. Am Ende einer ewig langen Odyssee. Man könnte auch sagen: Am Ende eines Agententhrillers ohne Thrill. Achilla hatte zu dem Zeitpunkt bereits zugesagt, den Roman zu veröffentlichen. Meine damalige Agentin (die mich heute übrigens nicht mehr grüßt, wenn wir uns auf Buchmessen sehen) nutzte das, um bei Rowohlt noch einmal anzuklopfen. Mit Erfolg. Und ich fuhr hin in die Hamburger Straße. Lief ein wenig spinnig im weißen Anzug auf. Und als ich wieder ging, dachte ich auch: Die machen das. Fürchtete mich schon vor dem Anruf bei Mirko Schädel. Er hatte als überhaupt Erster in der großen, weiten Verlagswelt etwas in dem Text erkannt, was niemanden bis dahin interessiert hatte – bis eben Frau S. von Rowohlt den Roman in die Hände bekam und ebenfalls glaubhaft begeistert war. Am Ende redeten ihr Kollegen, die sich vor allem mit Verkaufszahlen auskennen, die Sache mit Überzeugungskraft und gewichtigen Argumenten aus. Kassierer-Roman? Kein Geld mit zu verdienen. Punkt. Fußnote: Zwei Jahre später erschien in einem anderen Verlag: „Die Leiden einer jungen Kassierin“ von Anna Sam, einer Bloggerin aus Frankreich. Vergleichsweise großer Medienrummel. Europaweiter Besteller.

(Überlegung, meinen Blog gattungsüblicher zu gestalten.)

 

21.4.

Unter dem Frisierumhang bei Jeff Serame. Schwärme ihm von „Drive“ vor. Ein Brett von einem Film, das „Wild At Heart des 21. Jahrhunderts“, behaupte ich, „mit  Skorpionjacke statt Schlangenlederjacke.“ Im letzten Monat drei Mal geguckt. Lieblingsszene: natürlich die im Fahrstuhl. Als Kid den Kopf des Mannes mit dem Fuß zertrümmert und sich dann zu Irene umdreht. Dieser kurze Moment, indem er weiß, dass er ihr eine Seite offenbart hat, die ihr Bild von ihm komplett verändert. Die Verzweiflung in seinem Blick, weil womöglich nun alles zwischen ihnen zerstört ist. Einfach brutal großartig erzählt. Ein tolles Schaustück, in dem die alte Sehnsucht zum Ausdruck gebracht wird, sich einmal anderen offenbaren zu können in unserer ganzen Hässlichkeit und trotzdem für diese Ehrlichkeit nicht bestraft oder zurückgewiesen zu werden. Klappt leider nie. Und leider hat Jeff den Film nicht gesehen. Stattdessen schwenkt die Unterhaltung dann um auf die erste Staffel von „The Wire“. Jeff, der aussieht wie ein Bruder von Leutenant Daniels, ist ebenso hingerissen wie ich es letztes Jahr war. Eine grandiose Ensemble-Erzählung. Das, was mir anfänglich auch mal für Stadtrandritter vorschwebte. Manchmal denke ich, dass ich diesen Plan nicht so leichtfertig hätte verabschieden dürfen. Und ich denke weiter, während Jeff an meinem Resthaar herumkürzt: Vielleicht muss ich aber auch nur kürzen und die Form findet sich dann von ganz allein. Kürzen ist immer gut.

(Warum werden die Einträge hier nur länger und länger?)

 

22.4.

Eine Art Kuraufenthalt: Kurztrip mit A. nach Fischland-Darß. Die Hotelübernachtung hat sie zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich bin weiter krankgeschrieben, das Unternehmen ist folglich ein wenig fragwürdig – ein Blick in den Kalender sagt jedoch: Alle Wochenenden bis zum Sommer sind verplant. Umbuchen wird nichts.  Also fahren wir, vorbei an Ahrenshoop nach Zingst. Kein Wind an der Ostsee. Das Wasser ist glasklar. In Ahrenshoop war M. vor über einem Jahrzehnt einmal Stipendiat – und ich fuhr ihn besuchen. Ein kalter Februar damals. Saßen im Café Namenlos vor dem Diktiergerät. Draußen Regen. Ein Bier nach dem anderen. Wir sprachen über eckige Gentränkedosen, menstruierende Elefantenkühe, die peristaltischen Geräusche des Darms und die Schönheit von Wasser. Teile dieses Gesprächs fanden später Eingang in das Stück Revolution. Der wunderbare Schlussdialog. Im Juni kommt das Ganze in Münster noch einmal auf die Bühne. Auch wenn der Zauber der Basler Inszenierung von 2003 vermutlich nie wieder erreicht wird: Vorfreude wie bei einer Verabredung mit 17.

 

22.4.

Nachts noch mal mit A. auf der Seebrücke von Zingst. Lichter draußen auf dem Wasser. Sterne über uns. Das Meer: ein finsteres All, das sich verdichtet und verflüssigt hat. Für Silvester in Stadtrandritter ein Bild für den Tod.

(Teenagerempfindungen und ihre Wiederentdeckung.)

 

23.4.

Erste Tandemfahrt meines Lebens. Über abenteuerliche Pisten zum Leuchtturm in Prerow. A. muss unbedingt einen Windflüchter fotografieren. Gelingt.

 

23.4.

 

23.4.

Zurück nach Hamburg. Lese auf der Autofahrt die überarbeiteten Kurzgeschichten meiner Kursteilnehmer. Die Erinnerung an die eigenen ersten Schreibversuche: Das ist das, was beim Lesen auch immer zuverlässig hochkommt. Jedes Semester wieder. Mit Anfang 20 habe ich selbst im Grunde nur Mist verzapft. Keine Koketterie: Texte von mir wären im Vergleich maximal unteres Mittelmaß gewesen. 1991 in Tunis, wo ich einen Freund aus frühsten Kindertagen besucht habe, schrieb ich die erste Mini-Mini-Kurzgeschichte. Allein der Titel: „In corpore sano“. Himmel! Erst 1993 brachte ich überhaupt einen ersten Prosatext mit mehr als einer Seite zustande: „Gerade der Angst“. Unwetter. Mord. Pseudointellektuelles Geschwafel. Und auch der Rest: große Güte. 1994 ein Monodrama. Bei der Inventur 1998/99, bevor ich mit Kasse 53 anfing und mit M. gerade an Revolution arbeitete, kamen insgesamt 600 Seiten zusammen. Alles Müll im Grunde.

(Leerjahre.)

 

23.4.

Kuraufenthalt erfolgreich: Fahren von der Autobahn in Jenfeld ab und halten kurz bei meiner Ärztin. Springe fröhlich rein, lasse mich gesundschreiben: ein Vorgang, der die Sprechstundenhilfe vor einige Rätsel stellt. Hat sie auch noch nicht erlebt. E-Mail an meine Chefin. Als ich ihr letzte Woche schrieb, dass ich den Kopf unterm Arm trage und eine Woche ausfalle, kam keine Antwort. Jetzt dauert es keine Minute, bis es Pling! macht. Inhalt der neuen Nachricht: „Wunderbar!“ Die Aufrichtigkeit der Protagonisten in der Komödie „Freie Wirtschaft“.

(Humankapital.)

 

23.4.

Abends an der Uni. Von 18 Uhr bis 20.30 Uhr heute. Großartige zweieinhalb Stunden zum Thema Kurzgeschichte. Wie gewohnt dünnt am Anfang des Semesters die Teilnehmerzahl von Woche zu Woche aus. Es sind aber noch immer 20. Und die mit Eifer bei der Sache. Habe ich das schon mal erwähnt? Dozent sein zu dürfen, ist das überhaupt Tollste, was mir beruflich je passiert ist. So sehe ich das: jeden Montag.

(Bildungswesen.)

 

24.4.

Heute vor neun Jahren: Uraufführung von Revolution in Basel. Kurz zuvor sah ich M. das erste Mal in seinem Leben einen Lottozettel ausfüllen. In Weimar, wo er mich auf dem Weg in die Schweiz mit dem Auto einsammelte. Das Fahrzeug hatte er sich von seiner damaligen Freundin geliehen. M. blieb vage, weshalb er Lotto spielte, ich tippte ins Blaue hinein auf kommende Vaterfreuden. M. wurde aber nicht Vater. Und den Jackpot hat er auch nicht geknackt. Doch ich weiß noch, das Gefühl nach der Premiere, war genau das: ein Gewinnergefühl. Was mich an diesem Tag heute schwer nostalgisch stimmt. M., womöglich wegen der Absage durch Rowohlt von letzter Woche noch auf Zinne, ganz offensichtlich nicht.

 

24.4.

Emailkonversation mit M.:

– Heute jährt sich die Uraufführung von Revolution zum 9. Mal. Erinnerungen?
– Nackte Schauspieler.
– Und sonst? Ich meine, Basel 2003!
– Vier verschiedene Arten von Parkplätzen. Gelb, blau, weiß und noch irgendwas.
– Das ist alles?
– Schweizer kennen keinen Abfall.
– Wir waren zehn Tage vor Ort, wenn ich das richtig sehe.
– Zehn Tage Parkplatzsuche.
– Du warst damals schwer verliebt.
– Eine zutiefst unerfreuliche Episode.

 

24.4.

Zurück beim Kontojob.

 

24.4.

Lese den umfassenden Stimmungsbericht der großen Lokalzeitung von letzter Woche zum Thema die Ex-Sicherheitsverwahrten von Jenfeld und ihre Nachbarn. Diesmal kommen aber nicht nur die „Wutbürger“ zu Wort, sondern zum Beispiel auch die Hundebesitzer, die Hans-Peter W. , den Ex-Sicherheitsverwahrten mit Hund, zuweilen beim Gassigehen treffen. Die große Lokalzeitung zitiert eine Anwohnerin: „Wüssten wir nichts von seiner Vergangenheit“, sagt sie, „und würde er nicht permanent von Polizisten begleitet, würde er sicher hier bei uns Hundebesitzern stehen.“ Und auch das gut erzogene Tier von Hans-Peter W. wird mit Lob bedacht. Dann allerdings, nach so viel Tierliebe und Menschelei, steuert der Text zurück in vertraute Gefilde. Journalistische Aufrührerpflicht, vermutlich. Angst. Verunsicherung. Sorge. Gegen Ende des Artikels wird vom unbefristeten Supermarktboykott einiger Jenfelder berichtet, die vorerst nicht mehr dort einkaufen gehen wollen, wo Ex-Sicherheitsverwahrte an der Kasse gesichtet wurden. Unbeeindruckt davon zeigt sich bei alledem immerhin Tankstelleninhaber Donald Staginnus, der behauptet: „Hans-Peter W. kauft öfter Zigaretten bei uns. Er wird wie jeder andere Kunde auch behandelt“. Mal sehen, was der Mann sagt, wenn Jenfeld demnächst in Folge des nächsten Boykotts erster autofreier Stadtteil Hamburgs wird. Die große Lokalzeitung bleibt ganz dicht dran, hundertprozentig …

(Titel des Beitrags übrigens: „Suche nach Normalität“. Fantastisch!)

 

25.4.

Die Natur kommt in Fahrt. Am Wochenende sind die Baumwipfel grün explodiert. Die Rhododendren vorm Haus blühen. Knospen an der Blutbuche. Es fehlt mir die innere Ruhe, um mich auf die Bank zu setzen. Auch die Zeit. Aber bald könnte man.

(Nur drei Tage noch bis zum Urlaub.)

 

26.4.

Morgens ist es hell, wenn ich an den Schreibtisch gehe. Ich schaffe es allerdings auch momentan frühestens gegen 5.30 Uhr vor den Rechner. Noch weit entfernt von 100 Prozent. Aber immerhin: Ich schaffe es. Beantworte auch wieder Mails, als wäre das nie eine Schwierigkeit gewesen. Versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, was die letzten Wochen los war. Ein Schuss vor den Bug. Ein kurzes Schlingern. War da sonst noch was?

(Nur zwei Monate noch bis zu den großen Sommerferien.)

 

26.4.

Gestern in der großen Lokalzeitung: Kurzer Bericht über einen jungen Niederländer, der mit seinem PKW einen Parkplatz in Jenfeld angesteuert hat. Ein Duo junger Männer stellt das Empfangskomitee. Klandestine Übergabe von Reisetaschen. Die Polizei hat einen Tipp bekommen, observiert das Schauspiel. Es heißt: „Nachdem die Männer ohne die Taschen wieder auf den Parkplatz in der Kelloggstraße zurück kamen, nahmen Polizeibeamte die drei Tatverdächtigen vorläufig fest. Als die Beamten anschließend die Wohnung durchsuchten, entdeckten sie die Taschen mit insgesamt rund 16 Kilo Marihuana. Die drei mutmaßlichen Rauschgiftschmuggler wurden dem Haftrichter vorgeführt.“

(Sedierung wird vorübergehend teurer in Jenfeld.)

 

26.4.

Der Boulevard vermeldet außerdem: „Sex-Gangster Hans-Peter W. erhält Schmerzensgeld.“ 73.000. Die Wutbürger wüten. Wetten dass?

(Vorübergehend steigender Wohlstand in Jenfeld.)

 

27.4.

Geburtstag von Kollege Sch. Was sehr schön ins Programm passt: Bin am Abend zu einer Veranstaltung eingeladen, bei der ich das erste Mal aus dem Blog lesen will. Außer mir gibt es noch zwei weitere Autoren, die auftreten, und 15-Minuten-Happen aus Indianerland sind einfach sinnfrei. Ich beschenke Kollege Sch. also mit einer Probelesung, in der auch er eine Rolle spielt. Kollege Sch. schenkt mir im Gegenzug ein zufriedenes Grinsen und gleich einen weiteren Dialog für diesen Blog dazu.

 

27.4.

Dialog, den Kollege Sch. anzettelt:

– Auch wenn ich mich wiederhole, du brauchst einen hipperen Gesamtauftritt.
– Ich nehme an, du meinst optisch, so etwas wie einen Iro.
– Genau. Du musst als Schriftsteller und Blogger auf dich aufmerksam machen.
– Das machen meine Texte.
– Das reicht nicht. Du brauchst ein Image.
– Komm, schnapp dir was zum Malen, wir gehen in den Konfi.
– Hm?!
– Was ist los? Du und ich. Workshop zu meinem Image.
– (leicht eingeschnappt) Man braucht so was, eine Positionierung.
– Ich, der gute Mensch von Jenfeld. In Klammern: Eigenwerbung.
– Nicht optimal.
– Okay, gute Menschen interessieren dich nicht.
– Nein, die sind langweilig.
– Ich, die Ratte von Jenfeld. Die Edelratte.
– Sehr gut. Ja, das gefällt mir schon besser.
– Alles klar, du hast den Job. Sag mir, wenn der Markenkern neu definiert ist.
– (Nach einer längeren Pause) Du brauchst eine Art Rat-Mobil.
– Eben hat noch ein Iro gereicht.

 

27.4.

Tirili. Die Frühlingslesung. Lauter fremde Gesichter. Was immer gut ist. Doch ich merke, als es losgeht: Die letzten Wochen stecken mir in den Knochen. Bin müde, schwafle zu lang und zum Teil sehr unwitziges Zeug am Anfang. Erzähle Unsinn über Jugendbücher. Was vielleicht noch in Ordnung geht. Aber dann stelle ich beim Lesen fest, dass die Schrift auf dem Ausdruck zu klein ist. Ich halte das Blatt folglich idiotisch hoch und nach ein paar Minuten zittert meine Hand. Zittert richtig. In der zusammengestrichenen Form, merke ich zudem beim Vortrag, klingen diverse Passagen noch viel verblasener als im Kontext, wofür ich mich unsinnigerweise auch noch entschuldige. Und das überhaupt Unsinnigste: Trotz allem überziehe ich maßlos, was ich wie unter Zwang sogleich auch thematisiere. Das Lob der lieben Veranstalter am Ende wirkt komischerweise dennoch nicht geheuchelt. Dann fällt Pimpf Kaputtnik allerdings ein: Ach ja, sie haben ja selbst gelesen und vermutlich schwappt denen ebenfalls noch Adrenalin im Blut herum. Und ich sage: Oh, Mann, warum machst du nicht einfach mal Pause! Er: Weil du keine Pause machst?

 

28.4.

Bahnreise nach München. Vor Ort fast 30 Grad. Spaziergang an die Isar. Abends viel Wein.

 

29.4.

München. Urlaub. Bildschirmpause.

 

30.4.

Ausflug zum Wallberg. Mit der Gondel hoch. Fürs letzte Stück zum Gipfel muss man sogar ein bisschen klettern. Und ich, der ich seit jeher schon auf den Sprossen einer Haushaltsleiter Höhenangst empfinde, mache mit, kraxle nach oben. Blick auf den Tegernsee. Eine Pfütze aus dieser Perspektive. Blick auf die Bergspitzen rundum. Die zerklüftete Zahnreihe eines versteinerten Urtiers. Der Schnee in den Höhen und die Comicwolken am Himmel lassen das Blau über dem Alpenpanorama noch blauer erscheinen. Denke beim Schauen über eine Auszeit nach. Wenigstens für die Dauer des Urlaubs. Beschließe, den Roman die nächsten Tage nicht anzufassen, vielleicht auch einen Monat mit dem Blog auszusetzen. Dann fällt mir die Bank zuhause ein. Freue mich plötzlich, dass ich, wenn ich zurückkomme, sie dort, unter der Blutbuche im Vorgarten, stehen sehen werde. Beschließe, mir beizubringen, wie man sich dort hinsetzt. In aller Ruhe. Hirn aus, nichts tun. Eine Minute lang nur. Wird nicht einfach. Das weiß ich: Ich stehe oben, stehe da, blicke Richtung Zugspitze

__

Fortsetzung folgt …

(Lieferung monatlich.)

__

<< hier zurückspulen | hier vorspulen >>