April 2013

by Nils Mohl on Mai 1, 2013

__

1.4.

Stadtrandritter, Arbeitstag 715.

 

2.4.

1304 Eiskette Jenfeld

 

2.4.

Pling! Die E-Mail meiner Lektorin an den säumigen Autor. Sie wartet auf das zweite Drittel des Romans. Mutmaßlich nicht, um sofort loszulesen. Zum ersten Drittel gibt es jedenfalls bislang keinen Kommentar. Sie schreibt: „Wie geht es?? Komme gerade aus Leipzig-Vertreterkonferenz-Bologna zurück und frage mich, was die Stadtrandritter so machen. Soll ich dir den 2. Teil vielleicht persönlich entreißen? J Liebe Grüße, C.“

 

3.4.

E-Mail-Antwort des säumigen Autors an die Lektorin: „Thank you for your email. I am writing a novel and will be back in life approximately by May. In urgent matters please contact my editor or have patience. The novel will be great.“

(Betreff: Re: Automatische Antwort: SRR 5/9)

 

4.4.

Keine Reaktion von meiner Lektorin.

 

6.4.

Reise von Jenfeld in den Süden. Ziemlich genau 767 Kilometer weit. Kommunion in der Familie. Am Abend fragt mich meine Schwester beim Wein das erste Mal, warum  ausgerechnet ihr Indianerland gewidmet ist. Seltsamerweise habe ich noch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass ich darauf mal eine Antwort brauchen könnte – und gebe die Frage einfach zurück. Später geht mir auf, dass interessanterweise das Wort durchboxen nicht einmal gefallen ist. Dabei fällt mir immer genau diese abgegrapschte Floskel ein, wenn ich an die Zeit zurückdenke, als meine Schwester vor rund 25 Jahren anfing, plötzlich ernsthaft Querflöte zu spielen. Stunden um Stunden um Stunden Schinderei. Blick aus dem dritten Stock beim Üben gegen die aschgrauen Hochhausfronten auf der anderen Straßenseite. Schulwechsel ans Musikgymnasium. Jeden Morgen die lange Fahrt vom zubetonierten Stadtrand in eine Gegend, wo die Eltern Villen besitzen und Hochschullehrer, Galeristen, Ärzte sind. Fast im Alleingang die Suche nach einer Professorin, die ihr Unterricht gibt, damit sie auf ein Niveau kommt, das für einen der raren Studienplätze reicht.

(Wege nach Bad Krozingen.)

 

7.4.

1304 Jesus Bad Krozingen_NEU

 

8.4.

Während einer durchwachsenen Schicht morgens im Schreibtischzimmer erinnere ich mich an die Zugrückfahrt gestern. Auf dem Platz vor mir saß eine Schreiberin, ungefähr mein Alter, die an ihrem Klapprechner in einem Mordstempo Zeile um Zeile runterhackte. Auf Französisch. Weshalb sich für mich nur schwer beurteilen ließ, was genau sie da verzapfte. Aber sie benutzte ein Textverarbeitungsprogramm, wörtliche Rede, und das auf dem Bildschirm sah wie ein erzählerischer Text aus, ganz eindeutig. Prompt fing ich an, argwöhnisch die Absätze nach Doppelungen abzusuchen. Nach Beweisen, dass dort gerade hanebüchener Schrott entstand. Anderthalb Stunden tippte sie, korrigierte mal hier und da etwas, wenn wieder zwei größere Blöcke fertig waren. Dachte kurz nach. Dann ging es weiter. Zum Kotzen. Nie habe ich und nie werde ich so arbeiten können. Kenne nur zwei Wörter vorwärts und drei zurück. Mindestens zwei offene Dokumente. Ein ewiges Ausschneiden, Löschen und Herumkopieren. Qual und Pein. Bilde mir immer ein, so gehört das.

(Die Dünnhäutigkeit des Autors nach rund drei Jahren freudiger Mühsal.)

 

9.4.

Beim Kontojob: In der Box kurzer Austausch über den anstehenden Kirchentag in Hamburg. Wir schweifen ab. Arbeiten weiter. Nach einer Weile bricht Kollege Sch. dann ein Gespräch über die orthopädischen Probleme von Gottes Widerpart vom Zaun, möchte über Bocks- und Pferdefüße in der Kunst sprechen:

– Warum hinkt der Teufel?
– Weil das bei ihm wie bei allen Gestalten der Kunst ist? Weil das Äußere zugleich auch immer als eine Manifestation des Innenlebens der Figur gesehen wird? Und die innere Hässlichkeit wurde in früheren Zeiten wohl gerne als Handicap dargestellt.
– Der Vergleich hinkt.
– Ja, sehr schöner Kommentar. Aber der hinkt nicht.
– Hm.
– Die interessantere Frage ist sowieso, macht dich das betroffen, wenn du von einer gehandicapten Person Böses denkst.
– Ja, das macht mich betroffen.
– Weil du denkst: Das Hässliche ist das Böse?
– Es macht mich betroffen, dass die Kunst uns das über Jahrhunderte einimpft.
– Wie kamen wir überhaupt darauf?
– Wir hatten mal einen hinkenden Kollegen.
– Wir arbeiten in der Hölle.

 

9.4.

Kollege Sch. wirkt betroffen. Ich:

– Gräme dich nicht. Der Teufel ist bekanntlich zunächst als Engel aus dem Himmel gestürzt. Da kann man schon mal humpeln nach so einem Sturz. Vergiss das mit dem Innenleben.
– Lustig!
– Ja, höllisch.

 

10.4.

Anruf meiner Lektorin. Ich verbreite nach Kräften Zuversicht.

 

11.4.

Kurze Konversation mit Kollege Sch., als ich nach einem ergiebigen Morgen am Schreibtisch nachmittags beim Kontojob erscheine. Ihm fällt meine gute Laune auf:

– Du lächelst.
– Habe ich es erzählt? Ich schreibe einen Roman, der mir gefällt.
– Von einem Roman hörte ich.
– Als ich gestern die Mitte noch einmal durchgegangen bin, da ging mir das auf.
– Was?
– Mir gefällt, was ich da tue, richtig gut.
– Du schreibst wieder so ein konstruiertes Monster.
– Das bedeutet Roman.
– Monster?
– Konstrukt.
– Niemand will Konstrukte lesen.
– Ja, aber. Nur schlechtes Konstrukt nimmt man überhaupt als Konstrukt wahr.

 

12.4.

Morgens am Schreibtisch. Lese eine E-Mail, die gestern noch spät kam: „Nils – ich schreibe dir wegen einer bestimmten Sache. Wir sind eine Initiative von Kinder- und JugendbuchautorInnen und IllustratorInnen, die einen Offenen Brief den AKJ und Frau Schröder verfasst haben, da der Deutsche Jugendliteraturpreis seit vielen Jahren eigentlich so gut wie nie an deutschsprachige AutorInnen geht. In all den fast 60 Jahren waren es nicht mal 10% – der Rest ging an Übersetzungen. Der AKJ hat ja jegliche Kritik an den Ausschreibekriterien stets abgewiesen oder ignoriert. Deshalb haben wir jetzt eine Großinitiative gestartet, und ich wollte dich fragen, ob du den Brief mitunterzeichnest.“ Ich möchte lieber nicht. Gebe meinen Namen ohnehin ungern an Sammelstellen ab. Und weiß zugleich: Ohne Begründung abzusagen – das wird mir vermutlich als Arroganz ausgelegt. Habe den Preis ja schon bekommen.

(Verkorkster Arbeitstagauftakt.)

 

13.4.

1304 Momo

 

15.4.

Reise nach Früh- und Vormittagsschicht nach Berlin. Probe am jungen Deutschen Theater zur ersten Bühnenfassung von Indianerland. Zehn junge Frauen, die sich die Figuren aneignen – und gerade in ihren Jungsrollen ganz großartig lebendig sind. Unruhiger Zugschlaf auf dem Rückweg.

(Eigenleben von Romanwelten.)

 

18.4.

Bekomme das Treatment zu Indianerland per E-Mail. Ein paar Stunden danach dann Produktionstreffen in Bahrenfeld. Erst Kellner-tragen-sehr-weiße-Schürzchen-Restaurant, später noch Verlängerung in der Toast-Bar im Schanzenviertel. Klar ist inzwischen: Dieses Jahr wird nichts mehr realisiert.

(Drei Stunden sehr, sehr unruhiger Schlaf.)

 

19.4.

Nachdem ich der „Großinitiative“ gestern mit zwei freundlichen Sätzen und ohne Begründung abgesagt habe, bekam ich Minuten später prompt eine E-Mail zurück. Inzwischen habe man 350 Autoren versammelt und man würde sich sehr freuen, wenn sich meine Meinung noch ändert. Daraufhin verfasse ich ein längeres Statement. Schicke es M. zur Begutachtung. Er: „Du hast geantwortet. Du musst nichts mehr schreiben.“

 

21.4.

E-Mailkonversation mit M.:

– Roman kommt nicht schnell genug voran, Film wird nichts mehr in diesem Jahr, ich verscherze es mir mit rund 350 Kollegen und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
– Wir können uns gerne bei Gelegenheit darüber unterhalten, was dich grade genau bewegt.
– Die Welt hat sich gegen mich verschworen.
– Na ja, klar hat sie das. Und du hast die falschen Freunde. Schöner Titel. Ich geh jetzt zum Polen, fettes Essen kaufen.
– Blutwurst ist auch keine Lösung für alles.
– Du bist wirklich sehr verbittert. Ich bin weder Fisch noch Huhn.
– Zu wenig Nachtruhe die letzten Tage.
– Dieses kindische Insistieren auf vier Stunden Schlaf pro Nacht.

 

22.4.

Meine Lektorin bekommt 7/9 der Stadtrandritter.

 

23.4.

Beim Kontojob. Höre mit Kollege Sch. meine Playlist aus dem Frühjahr 2011. Die Musik, die bei der selbstorganisierten Kurztour nach Erscheinen von Indianerland vor zwei Jahren lief. Gebe Nostalgisches zum Besten. Berichte vom vorletzten Tag der Reise, als ich auf der Autobahn zwischen Luzern, wo ich am Morgen einen Workshop gegeben hatte, und Gießen, wo am Abend eine Lesung anstand, auf einem einsamen Parkplatz liegen blieb. Ich war für ein kurzes Nickerchen angehalten, nachdem ich beim Fahren nur noch mit Mühe die Augen offen halten konnte. Licht nicht ausgeschaltet. Batterie leer. Niemand weit und breit. Bis ein Lkw hielt. „Die Pointe ist nicht spektakulär, der Fahrer hat sich bei mir in den Wagen gesetzt und ich habe ihn angeschoben“, sage ich, „ich war eine Stunde zu spät in Gießen, aber dort saßen eh nur neun Nasen, die ich auch fast alle persönlich kannte. Genaugenommen war das auch gar nicht in Gießen, sondern in der Bücherei der Schule in Mücke.“ Kollege Sch. nickt: „Demnächst jettest du nach New York.“ Ich nicke auch.

(Das Eigenleben von Romankarrieren.)

 

24.4.

Heute vor 10 Jahren: Premiere von Revolution in Basel. Das Stück, das ich zusammen mit M. geschrieben habe. Ich frage ihn, was in zehn Jahren sein wird. M. antwortet aus Manhattan: „Der Gedanke hält mich nachts zwischen zwei und vier wach, du kannst gerne anrufen.“

(Fünf Stunden tiefer Schlaf.)

 

25.4.

Meine Lektorin meldet per E-Mail: „Wie schön! Ich habe einen solchen Spaß beim Redigieren – das wird ganz groß!“

 

26.4.

Quäle mich in der Mitte von AV VIII vorwärts, dem vorletzten Großkapitel der Stadtrandritter. Zwischen Kontojob und neuer Theaterfassung, die eintrudelt, und Vorbereitung des Workshops in New York nächster Woche und gefühlten 20.000 anderen Baustellen. Der letzte kontojobfreie Vormittag diesen Monat, den ich mir erkauft habe – vorbei. Und wieder muss ich meine eigenen Zeitpläne für die Fertigstellung über den Haufen werfen.

(Dokumentseite 425 von derzeit 523.)

 

26.4.

1304 Baum

 

27.4.

Erwische mich, wie ich ungefähr eine halbe Stunde auf einen der Blutbuchenäste vor meinem Fenster starre. Gestern auf meiner Pausenbank auf dem Weg zum Kontojob habe ich auch schon etwas Ähnliches bei einem der Wiesenbäume dort getan. Hier wie da sind die Blätter noch in einer Art letztem Entpuppungsstadium, kurz vor der endgültigen Blattwerdung sozusagen. Überlege wieder, ob es wohl den einen Moment gibt, wenn sich so ein Blatt tatsächlich entrollt – und warum man das nie sieht. Eine halbe Stunde starren reicht jedenfalls nicht.

 

28.4.

Die Drähte springen fast aus dem Kopf. Zwinge mich am Abend zum Sonntagslauf durch Eichtalpark und Gehölz. Die Bäume, die nun doch auf Frühling machen. Sattes Grün. Angeberische Blätterpracht. Gegen Ende bekomme ich das Bild nicht aus dem Kopf, wie ich mir zum Ende der x-ten 7-Tage-Woche eine Pause gönnen könnte, indem ich einfach einen dieser mächtigen Stämme am Wegesrand umarme und mich kurz vor Einbruch der Dunkelheit dort sabbernd von alarmierten Rettungskräften abtransportieren lasse. Ein Vorstellung, die mich eigenartig froh stimmt.

(Acht Stunden sehr erholsamer Schlaf.)

 

29.4.

M. meldet sich, nachdem wir ein paar Abende nicht via Skype die Stadtrandritter weiter durchgegangen sind: „Ich war gestern und vorgestern nicht disponiert, tut mir leid. Gestern fing ich immerhin an, ein Modellflugzeug zu bauen.“ Und er denkt über ein eigenes Treatment zur Verfilmung von Indianerland nach. Für dem Fall der Fälle. Er findet, die Sache könnte langsam ein wenig Schub vertragen. Fürchte mich davor, M. auf diese Weise auf den letzten Metern des Romans an eine deutlich weniger dringliche Baustelle zu verlieren.

 

30.4.

Stadtrandritter, Arbeitstag 744. Die Hälfte von AV VIII ist geschafft. Meine Lektorin meldet sich noch einmal, verabschiedet sich in den Urlaub. Sie: „Mitte Mai Abgabe Ritter?“ Ich: „Haha!“ Verhandele. Schlage Mitte, Ende Juni als letzte, wirklich allerallerletzte Deadline heraus. Dann sprechen wir über die Astronauten, den letzten Teil der Trilogie. Ich bin sehr dafür, die Veröffentlichung auf Oktober 2015 zu verschieben. Das heißt, Abgabe heute in zwei Jahren. Das heißt, alles geht bis dahin immer so weiter.

(Und immer so weiter.)

__

Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

__

<< hier zurückspulen | hier vorspulen >>