Beruf Schriftsteller (2005)

by Nils Mohl on April 1, 2005

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Zwischen Schreiben und Maloche

Nils Mohl über den Schriftstellerberuf

April 2005. Nils Mohl war zur Lesereihe sta* club ins Literaturhaus Hamburg eingeladen und Birgit Reuther vom Hamburger Abendblatt traf den Autor eine knappe Woche vor der Veranstaltung im Café des Bucerius-Kunst-Forums, um Material und Eindrücke für ein Porträt zu sammeln

 

Wie ging das bei dir mit dem Schreiben los?

Es war erst eine sehr romantische Idee da. Ich wollte immer einen außergewöhnlichen Beruf haben, möglichst einen, der wenig arbeitsintensiv ist. Und als mir mit sechzehn, siebzehn klar war, dass aus mir kein Fußballer mehr wird, bin ich bald auf die Schriftstellerei gekommen. Ohne, dass das jetzt zunächst ernste Konsequenzen gehabt hätte. Ich habe Literaturwissenschaft studiert, hin und wieder auch etwas geschrieben, aber erst mit Ende zwanzig bin ich die Sache mit dem Schreiben tatsächlich zielgerichtet angegangen, habe begonnen, meinen ersten Roman zu schreiben und Kurzgeschichten zu Wettbewerben zu schicken.

 

Kannst du vom Schreiben leben?

Nein. Ich verdiene sehr wenig Geld damit. Ich verdinge mich deshalb auch derzeit nebenher als Lagerarbeiter. Das ist nicht so witzig, spült aber Geld in die Kasse und hat im Vergleich zu vielen anderen Jobs den Vorteil – da meine Schicht erst mittags beginnt -, dass ich morgens schreiben kann.

 

Apropos. Du hast schon in vielen Jobs gearbeitet, warst Bauhelfer und Kassierer. Kommt aus diesem „kernigen“ Leben die Inspiration für das Schreiben?

Vermutlich ist diese Sache mit den Dreckjobs bloß der unumgängliche Bukowskitick sensibler, junger Männer eines bestimmten Alters. Und der Punkt ist: Früher, so mit Mitte Zwanzig, habe ich zum Beispiel auf dem Bau immer in dem Wissen gearbeitet, eigentlich bist du ja Promotionsstudent und kannst jederzeit aufhören, wenn du Bock hast.

Mittlerweile bin ich aber kein Student mehr und habe eine Familie. Das ist eine völlig andere Situation. Ich merke, wie mich der Job im Lager heute runterzieht. Wenn ich mir das aussuchen könnte, würde ich mein Geld jedenfalls lieber anders verdienen. Es ist doch eher deprimierend als inspirierend.

 

Was, denkst du, ist für einen Nachwuchsschriftsteller heute die Haupthürde beim Karrierestart?

Ich würde ja jetzt gerne sagen, man kommt um einen guten Text nicht herum. Aber es hat sich, was das angeht, doch eine Menge getan in den letzten Jahren. Das Berufsbild Schriftsteller hat sich komplett verändert. Schriftsteller zu sein, habe ich den Eindruck, gilt heute durchaus als schick. Literatur passt sich der Unterhaltungsindustrie mehr und mehr an.

Und man kann dann natürlich den Evangelisten spielten und sagen: Toll, für die Literatur ist diese Popularisierung der Kunst von großem Wert, denn es lesen plötzlich Leute Bücher, die das sonst nie getan hätten. Man kann aber auch den Apokalyptiker geben und maulend konstatieren: Man interessiert sich nicht mehr für Texte, sondern nur noch für die Textproduzenten und das ist doch alles Mist, weil: was zählt sind nämlich Aussehen, Showtalent und ein geschickter Umgang mit den Medien, nicht mehr der Umgang mit Formen und Inhalten der Literatur.

Aber die wirkliche Hürde ist man selbstverständlich selbst – so oder so: Man muss in diesem Beruf schon sehr fleißig sein.

 

Gibt es für dich so etwas wie literarische Vorbilder?

Jeder hat die. Die meisten Autoren drücken sich komischerweise trotzdem immer um eine Antwort auf diese Frage. Liegt vielleicht daran, dass die Bücher, die einen am meisten prägen, Bücher sind, die man überhaupt nicht auf der Rechnung hat. Wahrscheinlich haben mich Astrid Lindgren und ihre Pippi Langstrumpf mehr beeinflusst als Raymond Carver, Rolf-Dieter Brinkmann und Rainald Goetz, deren Texte ich großartig finde und deren Haltung als Künstler mich beeindruckt.

 

Zum Schluss dann noch die Frage: Woran arbeitest du gerade?

Der erste Roman, Kasse 53,  ist jetzt fertig. Ich mache gerade ein wenig Inventur und habe soeben eine Erzählung beendet, die ein sehr schnelles Märchen geworden ist und drücke mich ein wenig vor neuen, größeren Projekten. Für meinen ersten Roman habe ich fünf Jahre gebraucht, und wenn man eine solch lange Zeit investiert, und das muss man für einen guten Roman vermutlich, dann braucht es einen guten Grund, um neu anzufangen. Und nach diesem Grund suche ich noch.

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