Beruf Schriftsteller III

by Nils Mohl on April 1, 2006

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Low Level Litbizz

Nils Mohl über den Berufsstart als Schriftsteller

April 2006. Nils Mohl war zur Sendung „Jazzmaniac“ von tide 96.0 radio eingeladen. Eine Stunde lang stellte er sein Buch „High & Low Level Litbizz“ vor und sprach mit Gaby Helbig auch über die Anfänge und Voraussetzungen des Schreibens sowie über miese Jobs und Schriftstellerromantik.

 

Nils, du bist Schriftsteller. Wie war dein Werdegang?

Unspektakulär, würde ich sagen. Abitur. Dann Studium, ein geisteswissenschaftliches natürlich. Am Ende eine angefangene Promotion, die ich dann auf Eis gelegt habe, weil die Motivation fehlte. Und das war letztlich auch der Startschuss für das Schreiben. Wobei die Idee, sich als Schriftsteller zu versuchen, seit Schulzeiten existierte.

 

Es hat dich also schon früh getrieben.

Genau. Hauptsächlich allerdings in der Phantasie. Geschrieben habe ich die ersten Texte mit 19. Aber wirklich zielgerichtet ging es erst mit Ende 20 los, als ich ein Romanprojekt angefangen habe. Zu diesem Zeitpunkt war ich Kassierer in einem Kaufhaus, nachdem ich zuvor schon ein Jahr auf dem Bau gearbeitet hatte. Es wurde also höchste Zeit, mit der Zeitverschwendung aufzuhören.

 

Was waren das für Texte, die du als 19-jähriger geschrieben hast?

Das waren Kürzestgeschichten. Mächtig pathetisch, wie es sich für dieses Alter gehört. Es ging darin um Dinge wie Leben und Tod. Um das große Ganze, wie es im Universum eines 19-jährigen eben gedacht wird. Worüber man heute, anderthalb Jahrzehnte später, milde lächelt.

 

Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?

Als Schüler habe ich immer einen Beruf haben wollen, der sich nach Möglichkeit von den Berufen unterscheiden sollte, für die man morgens um 7 aufsteht, damit man um 8 frühstücken und um 9 bei der Arbeit sein kann. Und das fünf Tage die Woche. Ich dachte, bei Schriftstellern läuft das anders.

Was kein Irrtum war. Es ist nämlich noch eine Spur härter. Oft bin ich in den letzten Jahren um sieben aufgestanden, habe schnell gefrühstückt, damit ich um 8 am Schreibtisch sitzen kann. Und das sieben Tage die Woche. Wofür einen leider, und das ist der Haken an der Sache, niemand bezahlt.

 

Darüber denkt man am Anfang natürlich nicht nach.

Nein, ich habe immer gedacht, man schreibt einen Text, schickt den an Verlage, die machen ein Buch draus und am Ende verdient man dann damit sein Geld. So funktioniert das aber nicht. Bei mir jedenfalls bisher nicht. Von mir erscheint erst in Kürze das erste Buch, und trotzdem würde ich sagen, ich bin nicht erst seit gestern Schriftsteller. Immerhin kümmere ich mich jetzt seit über fünf Jahren hauptsächlich um diese Karriere. Und da gibt es eine Menge zu tun, auch im Low Level Litbizz, also jenseits des Buchmarktes, wo ich derzeit aktiv bin. Auftritte bei Lesungen, Kontakte knüpfen und pflegen ­ unternehmerische Arbeit, wenn man so will. Nicht nur Arbeit am Text.

 

Und es braucht dann natürlich einen Job, der einen ernährt. Du hast eben erwähnt, dass du zum Beispiel als Bauarbeiter gearbeitet hast. Das ist ja auch ein Erfahrungsschatz, den es braucht, um zu schreiben, oder?

Das ist eben die Frage. Ich denke heute eher, es war vertane Zeit. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich das lange anders gesehen habe. Ich habe auch an diese Schriftstellerromantik geglaubt. Diese Vorstellung von dem Leben für die Kunst, für das der Künstler jedes Opfer bringt. Aber wenn man es dann tatsächlich erlebt hat und auch die Unzufriedenheit erlebt hat, die sich einstellt, wenn man eine Tätigkeit ausübt, die einen komplett unterfordert und viel Zeit raubt, dann ist das nicht nur wenig romantisch, sondern schnell auch gefährlich für das Schreiben. Nach einem acht Stunden Tag auf dem Bau habe ich jedenfalls meist in der Kneipe hinter einem Bier gesessen und nicht am Schreibtisch vorm Rechner.

 

Dennoch kommt man mit Menschen in Kontakt, die man sonst ja nicht kennen lernt, hat also Zugang zu Erfahrungsbereiche, die einem im Allgemeinen verschlossen bleiben. Was für die Textproduktion nicht unwichtig ist, könnte ich mir denken.

Da mein erster Roman an einer Kaufhauskasse spielt, und ich selbst anderthalb Jahre als Kassierer gearbeitet habe, fällt es mir schwer, dem zu widersprechen. Dennoch: Ich bin mir sicher, einen Roman hätte ich auch ohne diese Erfahrung geschrieben. Nur wahrscheinlich nicht über einen Kassierer. Und letztlich handelt es sich bei dem Roman um einen verkappten Künstlerroman, was bedeutet, die Profession des Helden ist streng genommen nebensächlich. Mit anderen Worten: Nicht was man erlebt ist wichtig, sondern eher das genaue Beobachten von Menschen – vor allem das Beobachten von sich selbst. Das wäre jetzt mal meine spontane Arbeitsthese.

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