Unternehmer und Künstler (2009)

by Nils Mohl on März 1, 2009

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Habe ich schon richtig angefangen?

Nils Mohl über seine Auffassungen von der Schriftstellerei

März 2009. Nils Mohl traf die freie Journalistin Kerstin Lowin im „Pane e Tulipani“ gegenüber der Deichtorhallen in Hamburg. Es ging in dem anderthalbstündigen Gespräch zunächst vor allem um die Hamburger Literaturszene und die Popularität der großen Off-Leseveranstaltungen der Stadt wie „Kaffe.Satz.Lesen“ und „Macht Club“. Aber auch um die Schriftstellerei als Beruf und Berufung. Zu diesem Thema erreichten den Autor im Nachfass ein paar Tage später noch einige Fragen per Mail. Das auf diese Weise entstandene Interview erschien seinerzeit nirgends.

 

Wann hast Du angefangen zu schreiben?

Herbst 1999.

 

Das weißt Du so genau?

Die Frage nach einem Zeitpunkt ist sehr irritierend. Das sind ja sehr komplexe Prozesse und lange Entwicklungen, die das Schreiben zur Kunst machen. Habe ich schon richtig angefangen? Keine Ahnung. Als ich 1999 eine erste Inventur machte, hatte ich insgesamt so rund 600 Seiten Text. Sehr gemischt und alles dabei: Drehbuch, Drama, Gedicht, Kurzgeschichten, Collagen. Nichts, was zu veröffentlichen war. Im Herbst 1999 habe ich den ersten Satz zum Roman Kasse 53 geschrieben. Im Nachhinein hat sich das als ein echter Meilenstein herausgestellt.

 

Warum schreibst Du?

Weil ich es mir einmal in den Kopf gesetzt habe? Mehr lässt sich dazu kaum sagen. Aber die Frage wird natürlich oft gestellt. Und jedes Mal wieder kommt man ins Stottern.

 

Woran liegt das?

Die Frage nach einem Grund impliziert ja, dass es einen gibt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es den gibt. Und falls doch, ob ich den in meinem Fall wirklich kenne. Gibt es nicht auch haufenweise Gründe, die alle stimmen? Geltungsdrang, Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, Lebensverlängerung. Mir fallen jedenfalls ganze Bündel von möglichen Antworten ein, warum ich schreibe. Nur: Richtig überzeugend finde ich die alle nicht. Erfüllung, Berufung, Erkenntnisgewinn. Selbstverwirklichungsideale auch. Am Ende landet man dann auch gerne dabei, dass Literatur schon immer eine große Rolle im eigenen Leben gespielt hat. Bei mir ging es damit los, dass mein Vater viel vorgelesen hat. Aber eine Menge Kinder bekommen von ihren Eltern etwas vorgelesen. Das werden trotzdem am Ende nicht alles Schriftsteller. Ich weiß es nicht.

 

Kannst Du ohne Schreiben leben?

Schätze ja. Aber warum sollte ich?

 

Ist es Dein Traum, einmal von Schreiben leben zu können?

Derzeit bin ich froh, dass ich trotz des Schreibens leben kann. Und mit dem Schreiben. Ist ja schon auch eine ein bisschen asoziale, weil einsame Tätigkeit. Und eine zeitintensive. Das Schreiben begleitet mich aber schon eine gefühlte Ewigkeit. Ich empfinde es als wichtigen Teil von mir. Doch wer weiß, womöglich ändert sich das ja bei Zeiten.

 

Wie findest Du Deine Themen? Was ist Deine Inspiration?

Themen finden den Autor. Das ist mein Eindruck. Und Godard hat gesagt, man muss Geschichten erleben, bevor man sie erfindet. Das leuchtet mir sehr ein und deckt sich mit meinen Erfahrungen. Was mir daran gefällt: Literatur ist immer Transformation. Erfindung. Die wiederum beruht auf Gefundenem. Gesucht in der Erinnerung. Im täglichen Erleben. In der Sprache. Ausgangspunkt für Texte sind bei mir oft Worte, Sätze. Beispiel: In einer Fernsehsendung hat jemand beiläufig den Satz gesagt „Von den Elefanten sprechen wir später“. Das fiel in dem Zusammenhang (eine Tiersendung) kaum auf – aber es ist natürlich isoliert ein Hammersatz. Poetisch. Philosophisch. Ich habe sehr schnell einen Kontext vor Augen gehabt und angefangen, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Ich wollte eine Kurzgeschichte haben, die den Titel trägt: „Von den Elefanten sprechen wir später“. So kann das gehen.

 

Du hast Literaturwissenschaft und Kulturmanagement studiert, Du bist Dozent und Werbetexter. Wie hängt das mit der Schriftstellerei zusammen? Gab es eine Karriereplanung?

Nein. Es gab nur diesen einen Wunsch: Schriftsteller. Nicht Autor, Literat, Nobelpreisträger. Schriftsteller. Meine Assoziationen waren: Nonkonformität, Abenteuer, Elitenzugehörigkeit. Normale Jugendphantasien letztendlich. Ich habe mich dann zunächst bemüht, Zeit zu schinden (Studium); später dann wollte ich nach etlichen miesen Jobs (Bauhelfer, Kassierer, Lagerist) soziale Schadensbegrenzung betreiben (Werbetexterei, Dozententätigkeit); keine ausgefallenen Entscheidungen auf dem Weg zur Schriftstellerei. Keine außergewöhnlichen Entscheidungen danach.

 

Es hängt also viel vom Zufall ab?

Keine Ahnung. Ich habe 100 Bewerbungen als Kulturmanager geschrieben, es hat nirgends gepasst. Ich habe nach höchstens einer Handvoll halbherziger Versuchen, in der Werbung Fuß zu fassen, einen Job gehabt. Sehr planvoll war das alles nicht. Und noch viel schwerer ist die Planung einer Schriftstellerkarriere. Unternehmerisch. Ästhetisch-inhaltlich vor allem. Aber das wäre ein buchfüllendes Projekt, das zu erörtern: Was darf man nicht dem Zufall überlassen?

 

Wodurch unterscheidet sich die Schriftstellerei von anderen Berufen?

Eine sehr gute Frage. Schriftsteller sind Unternehmer. Und in ihren unternehmerischen Bemühungen unterscheidet sie sich in sehr Wenigem von anderen Selbstständigen (s. Mohl, High & Low Level Litbizz, Hamburg 2006). Aber Schriftsteller sind darüber hinaus auch Künstler. Extremindividualisten. Und das Individuelle findet sich eigentlich nur in der Schreibpraxis, in den selbst gestellten Aufgaben. Das wäre übrigens ein tolles Thema für ein andermal: Warum interessieren sich so selten Menschen für die künstlerischen Herausforderungen, denen sich Schriftsteller von Berufs wegen zu stellen haben?

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