Februar 2012

by Nils Mohl on März 1, 2012

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1.2.

Februar. Das heißt: offizieller Erscheinungsmonat von Stadtrandritter. Gucke online nach: noch nicht in den Buchhandlungen. Nicht lieferbar.

(Schade an sich.)

 

1.2.

Und Indianerland? Vom steten Aktualisieren der Amazon-Produktübersicht, um den Verkaufsrang fallen zu sehen, steigt die Begeisterung für das Durchhalten natürlich auch nicht. Aber es ist schon faszinierend: Indianerland, Platz 217.470. Einer der besten Romane des letzten Jahres. Und 217.469 Produkte rauschen einfach so vorbei, mühelos. Sind das alles Bücher? Das können unmöglich alles Bücher sein. Bestplatzierung im letzten Sommer: 1.500, glaube ich, als der Spiegel-Online-Artikel erschien.

 

3.2.

Kurz vor dem Wochenende. Kollege Sch., Tischnachbar beim Kontojob, ein feiner Kerl und der Mann, der das Cover für die Ritter entworfen hat, liest Joghurt-Testberichte im Internet. Ich erkläre ihn für nicht zurechnungsfähig. Es hat schon seinen Grund, warum ich in der Trilogie möglichst keine modernen Kommunikationsmittel erwähnt haben will. Das kommt doch am Ende dabei heraus: Joghurt-Testberichte. Dieses Niveau.

 

4.2.

Völlig gerädert von der überstandenen Kontojob-Woche heute Morgen im Bett die Idee, wie Teil 3 der Trilogie funktionieren könnte – die Sache mit den Astronauten und der Hoffnung. Lange schon klar ist, dass es eine Reise zu Bozorg geben soll, der im fernen Süden in einem Touristenort untergekommen ist. In einer Bar. Nicht weit weg arbeitet wiederum Jackie als Club-Animatöse. Vielleicht kommt Ponyhof mal zu Besuch vorbei.

Dachte ja immer, ich schicke Silvester zu Bozorg. Aber beim Aufwachen war mir plötzlich klar, es muss Domino sein. Und sie braucht einen Sidekick. Und das ist Commander Körts. Körts ist ein etwas verbauter, schräger Zeitgenosse, vermutlich auch extrem übergewichtig. Schülerpraktikant im Reisebüro vom Einkaufszentrum.

Und so geht es nämlich auch los: Es ist Frühling am Stadtrand, Domino taucht im Reisebüro mit der Ansichtskarte auf, die sie von Bozorg bekommen hat und fragt die Dame hinterm Schreibtisch, ob sie den Ort auf der Vorderseite kennt. Die kennt ihn aber nicht. Auftritt Körts. Seine Eltern oder Verwandte stammen aus der Gegend, in der Bozorg sich aufhält.

Körts reist nun mit Domino zu Bozorg. Das heißt, er reist ihr nach. Und hilft ihr dann vor Ort, ans Ziel zu kommen. Das Nachdenken über Commander Körts hat mich sehr froh gestimmt beim Aufstehen.

Ich kann das: sehr, sehr froh sein.

 

5.2.

Auf dem Weg zurück von der Fußballhalle: Riesenautokorso in Jenfeld, die ganze Rodigallee bis zum Holstenhofweg hoch. Polizeieskorte. Straßensperre. Blaulicht. Das ganze Programm. Und das am Sonntag.

Nein, es wird nicht das neue milliardenschwere Konzerthaus eingefordert. Ein dritter Ex-Sicherheitsverwahrter ist nach Jenfeld gezogen. Die “Wutbürger” hupen vor Freude: Hey-ho, toller Sonntag!

Mein erster Impuls zu der ganzen Nummer war ja: Es ist richtig, das es Proteste gibt. Die Stoßrichtung ist natürlich dumm und falsch. Das ist wiederum mein persönliches Problem, ich finde es naiv zu glauben, die Medien benutzen zu können. Schafft ja nicht mal der Präsident des Landes.

 

6.2.

Interviewtermin bei Minus 14 Grad. Ein „echtes“ Interview, vor laufender Kamera. Nicht epochemachend. Aber mit absurdem Aberglaubenbart, der jetzt seit Weihnachten wächst. (Ein „Plotzbart“, sagt A., die das unheimlich albern findet. Was es ist.)

Schauplatz für das Interview: Die Brücke beim Einkaufszentrum. K16 im Hintergrund. Man sollte das wirklich vorher proben. Großartiger Aussetzer, als mir der Name Tove Jansson nicht einfällt. Ändert aber nichts: „Herbst im Mumintal“ ist ein Kracher. Alle sofort lesen! Und Namen lernen: Tove Jansson. Tove Jansson. Tove Jansson.

 

6.2.

Was ist das für ein Tag?

 

6.2.

Anruf von 3sat: Kranichsteiner Jugendliteraturstipendium für Indianerland. Das bedeutet einen ganzen Batzen Geld, erklärt man mir. Ich würde wirklich gerne erklären, dass ich mein Glück kaum fassen kann. Oder etwas Ähnliches.

(Obwohl mir Geld als Künstler selbstverständlich völlig wumpe ist.)

Aber plötzlich stehe ich mir mal wieder selbst im Weg. Wie so oft, wenn die Dinge besser laufen als erwartet und erhofft. Der pimpfige Kaputtnik in meinem Kopf meldet sich zu Wort, flüstert: Trostpreis. Natürlich weiß ich, was der Pimpf in meinem Kopf meint: Indianerland wird nun vermutlich nicht für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert werden, der ebenfalls vom Deutschen Literaturfonds vergeben wird.

Und wenn schon, sage ich mir. Köpfe trotzig einen Sekt mit A. und meinen Eltern, lasse die Jury für ihr geschmackssicheres Urteil hochleben. Aber Pimpf Kaputtnik lässt einfach keine Ruhe, treibt mich später sogar noch zur Recherche an: Kranichsteiner Jugendliteraturstipendium plus Nominierung – das gab es wirklich noch nie.

Trostpreis, Trostpreis, Trostpreis.

(Mann, bin ich defekt.)

 

7.2.

Beim Kontojob. Das Kalenderblatt vom vorletzten Sonntag: „Erfolg, das ist eine unberechenbare Mischung aus Talent, Glück und Arbeit. Und oft auch ein Missverständnis.“ Zuckmayer. Mohl: „Misserfolg war mir immer lieber. Da wusste ich wenigstens, es kann sich nur um ein Missverständnis handeln.“

(Ich kann mit Erfolg einfach nicht umgehen, fürchte ich.)

 

8.2.

Stadtrandritter, Arbeitstag 424. Silvester sitzt bei Merle, trinkt Tee. Soll es noch einmal nett haben, der Gute, bevor es dann in Kürze hoch geht auf K16. Wenn es gut läuft, bekomme ich AV VII wirklich diesen Monat hin. Und ein ganzes Stück von
AV VI dazu. Dann wäre ich fast im Plan.

(Gut, Plan C. Aber immerhin.)

 

8.2.

Heute auf dem Rad dann doch endlich: richtige und beinah unbändige Freude über das Stipendium. Trete schwer vermummt in die Pedale, denke erst: Also doch keine Insektenplage im Sommer. (Seit gut einer Woche jetzt Knackfrost und Winter.) Denke: Juni und Juli verbringe ich auf Amrum. Mehr oder weniger komplett. Meine Chefin weiß es noch nicht. Aber so wird es kommen.

Ich kann das: mich richtig freuen beim Fahrradfahren.

 

8.2.

Vorletzten Winter waren die Herzhüpfer von anderer Güte, als die Alster das erste Mal in diesem Jahrtausend begehbar war. Trotzdem wieder toll: Mittagspause auf dem Eis. Mein Vater hat mir mal von seinem ewigen Traum erzählt, in dem er fliegen kann. In meinem ewigen Traum gleite ich. Ohne Kufen, aber wie auf Kufen. Dabei stehe ich in dieser Welt mehr als wackelig auf Schlittschuhen und bin im Allgemeinen eher thermophil. (Für mich kann es gar nicht heiß genug sein.) Aber Gleiten ist wirklich das Größte. Schliddern kommt aber auch schon mal gut.

 

9.2.

Dialog, den Kollege Sch. anzuzetteln versucht:

– Ich höre nackt Platten.
– Das sind mehr Informationen, als ich in dieser Sekunde brauche.

 

9.2.

Dialog mit Kollege Sch. Er, noch immer etwas beleidigt:

– So ein Blog braucht etwas Besonderes.
– Ich höre meine Platten nicht nackt.
– Trotzdem.
– Tja, was soll ich sagen? Ich kenne drei Witze. Und das ist schon geprahlt.
– Es muss spannend sein.
– Man kann verfolgen, wie die Stadtrandtrilogie entsteht.
– Ist das spannend? Ich meine, für junge Leute?
– Junge Leute interessieren sich nicht für Autoren von Jugendromanen.
– Hm.
– Ich bin erfolgloser Schriftsteller. Die Spannung entsteht dadurch, mir beim Großtun und Erfolglossein zuzugucken. Schlimmstenfalls werde ich dann erfolgreich.
– Und dann?
– Dann erzählen mir Leute, dass sie nackt Platten hören, und gucken nach, ob ich das auch brav protokolliere.

 

9.2.

Aus den Proben für das epochemachende Interview: „Junge Leute lesen, wenn sie lesen, natürlich Camus, Salinger, Christian Kracht. Härtere Typen auch Dostojewski, Hemingway, Bukowski und Bret Easton Ellis. Die aufgeweckten vielleicht sogar Kevin Vennemann oder David Foster Wallace. Je nach Charakter und Weltanschauung. Was sie normalerweise nicht lesen: Titel aus dem Jugendbuchprogramm. Die sind ja in Wahrheit auch für Menschen mittleren Alters wirklich wertvoll. Zumindest die Romane, bei denen es sich um Literatur im engeren Sinne handelt. Für Leser also, denen langsam klar wird, dass es zunehmend albern wird, sich noch immer wie 17 zu benehmen. Für Leser, die langsam vergessen, dass sie mal jung gewesen sind.”

(Typische Mädchentitel unbedingt noch recherchieren und ergänzen!)

 

10.2.

Die Jurybegründung für das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium wird veröffentlicht. Zu Indianerland heißt es: “… radikal im Erzählgestus, souverän und ironisch.” Über „ironisch“ muss ich wirklich lange nachdenken. Ich dachte immer, Ironie das kann und darf und sollte so richtig nur der Erwachsenenbuchautor. Vor allem aber niemals ein Ich-Erzähler. Bedeutet Ironie nicht Distanz aus der Haltung des Erzählers heraus zu den Figuren und dem Geschehen? Aber vielleicht wollte man auch einfach bloß nicht “und witzig” schreiben. Mögliche Variante: “mit Witz”?

 

10.2.

Zu den Erfolgsaussichten von Stadtrandritter: Hat womöglich deutlich zu wenig Ironie. Vielleicht sogar zu wenig Witz. Es ist noch nicht mal komisch. Dafür werde ich mich vor Lesungen natürlich brav entschuldigen. Ansonsten jedoch nicht.

 

10.2.

Der zukünftige erste Bürgermeister dieser Stadt darf heute das erste Alstereisvergnügen seit 15 Jahren eröffnen. Nicht zugegen: die Jenfelder Intellektuellen-Fraktion. Die hockt fünf Fahrradminuten entfernt beim Kontojob
und kurbelt für den Aboverkauf für eine Lokalzeitung an.

Ertappe mich kurz vor Feierabend aber dabei, wie ich für den zukünftigen Bürgermeister dieser Stadt gedanklich schon mal an Lösungen bastle, die bei der Unterbringung von Ex-Sicherheitsverwahrten in Freiheit helfen. Wie ich dramatisch gute Maßnahmen entwickle, den „Wutbürgern” fortan den Wind aus den Segeln nehmen.

Das geht so: Neben der Standortwahl erhitzt die Gemüter ja auch der Kostenirrsinn. Der ganze Spaß mit Bewachung und Pipapo ist in der Tat nicht ganz günstig. Zwei Millionen pro Mann und Jahr stehen auf der Uhr, liest man. Wäre doch fantastisch, wenn die gleiche Summe noch mal von der Stadt drauf gepackt würde, um den betroffenen Vierteln damit eine Attraktion ohne bitteren Beigeschmack zu bescheren.

Eine Attraktion, die (quasi zur Entschädigung) Menschen anlockt, die der Gegend zweifelsfrei gut täten. Weil sie wahren Gemeinschaftssinn befördern. Oder den allgemeinen Wohlstand. Oder die Bildung. Oder so etwas. Klasse PR: “Jenfeld erhält international renommierten Starchoreographen zum Aufbau einer Jugendtanzschule, Senat zahlt Gage aus Ex-Schwerverbrecher-Soli.”

(Genial, was man am Ende der Woche noch für Ideen raushaut. So ganz nebenbei, wohlgemerkt.)

 

11.2.

Auf dem Weg zu Oskar Sodux nach Jesteburg, wo sich das Forum Hamburger Autoren zum Grünkohlessen trifft. Rodigallee, Ecke Schiffbeker Weg halten die “Wutbürger” Mahnwache. Vorm Bestattungsinstitut. Rund 15 Nasen. Mützen und Ohrenschützer gegen die Kälte. Schilder vor den Bauch geschnallt. Sie trinken dampfende Getränke aus Thermoskannendeckeln. Atemwölkchen vorm Mund. Es ist stockdunkel. Sie sind sauer auf den Senat.

Ich frage mich: Was ist eigentlich mit dem Rest der 25.000 Jenfelder? Guckt arg- und angstlos Sportschau.

(Oder fährt auswärts Grünkohlessen.)

 

12.2.

AV VII. Ein Abschnitt fehlt noch, dann bin ich wieder da, wo in der ersten Version der erste Teil endete. Nicht mehr Bozorg, sondern Silvester bekommt es jetzt reingerieben. Und es sieht so aus, als würde das klappen. Das wird dann ein Gefühl wie beim Fußball, wenn ein Spielzug über mehrere Stationen so gelingt, wie man sich das vorstellt.

Bupp, bupp, bupp, Flachschuss, Tor.

 

12.2.

Wochenende. Der zweite Nachmittag auf dem Eis. Gestern Alster, heute Öjendorfer See. Rüber über die von Schnee bepuderte Wiese, auf der Silvester und Merle im Roman den Drachen steigen lassen. Im Hintergrund das Haupt von K16. Und das erste Mal seit über zehn Jahren fahre ich Schlittschuh. Meine Eltern bringen sie vorbei. Es sind die meines Vaters, pechschwarz, aus Leder, mir viel zu groß, aber das ist egal. Egal auch, dass ich mit der Eleganz eines Pandas auf Stöckelschuhen losstolpere. Es fühlt sich nach einer Zeit tatsächlich an, wie es sich anfühlen soll. Es klingt auch so: Kufenkratzen. Was ein Geräusch!

Später entdeckt dann wer in der Mitte des Sees einen Fuchs im Eis. Eine Handbreit unter der Oberfläche, fest eingeschlossen von dem gefrorenen Wasser. Jedes noch so feine Haar sieht man von dem Tier, das sicher eingebrochen ist, als das Eis noch nicht trug. Man weiß sofort, das ist eines dieser Bilder, die bleiben. Auch wenn man keine Ahnung hat, was dieses Bild mit einem zu tun hat und was es bedeutet, außer eben: toter Fuchs im Eis. Man wird dieses Erlebnis dann als Anekdote erzählen, aber vermutlich wird nie eine richtig gute Geschichte daraus werden.

 

12.2.

 

13.2.

Fußnote zum Jenfelder Manifest für das ästhetische Programm: Erzähl Geschichten, keine Anekdoten!

 

13.2.

Draußen ist es dunkel. Sitze am Rechner, schreibe drei Zeilen, lösche zwei, schreibe drei Wörter, lösche vier, als plötzlich Sprechchöre durch unsere immer so unaufgeregte Straße schallen: “WIR SIND HIER. WIR SIND LAUT. WEIL MAN UNS DIE SICHERHEIT KLAUT!” Heute sind es immerhin rund 50 “Wutbürger” (Schätzung A.), die in ihren Funktionsjacken, mit Mützen und Handschuhen, an meinem Arbeitszimmer vorbeimarschieren. Dahinter fährt ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Das wird ja immer surrealer.

 

13.2.

Zu A.: “Okay, ich sag jetzt mal hochtrabend, wenn wir dafür sind, dass es eine höhere Gerechtigkeit als das Gesetz gibt, müssen wir entweder in die Kirche. Oder das Chaos mit offenen Armen willkommen heißen.” A.: “Wie redest du? Mal ganz dumm, möchtest du, dass ehemalige Vergewaltiger, die Gutachter noch immer als gefährlich einstufen, nebenan einziehen? Direkt hier, gleich ein Haus weiter?”

A. zeigt in die Richtung.

Am liebsten würde ich antworten, dass ich mich mehr vor Menschen fürchte, die nach Feierabend um die Häuser ziehen, um unliebsamen Nachbarn das Leben schwer zu machen. (Jedenfalls mehr als vor gebrechlichen Ex-Sicherheitsverwahrten, die ständig unter Polizeischutz sind.) Beiße mir dann aber doch auf die Zunge, weil ich mir überlege, was wäre, wenn nach so einer Bemerkung tatsächlich etwas passierte. Schlimmstenfalls mit A.

 

14.2.

Keine Geschichte. Keine Anekdote.

 

15.2.

An den vier Tagen, die an den Kontojob gehen: Anderthalb Seiten zwischen fünf und sieben am Morgen. Mehr springt nicht raus. Da kann ich hadern und zetern oder auch Affe spielen, der Schellen schlägt und Saltos vollführt. Es hilft nichts. Und anderthalb Seiten sind schon wirklich gut.

 

15.2.

AV VII. Drei Zeilen vor, zwei zurück. Drei vor, zwei zurück. Ich lasse Silvester Farbeimer über die Einkaufszentrumsbrücke schleppen. Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die einen restlos glücklich machen.

 

16.2.

Kollege Sch. behauptet, ich müsse die Ghetto-Karte mehr spielen. Ich nenne sofort einen Namen und sage, das machen andere schon oder lassen es mit sich machen. Der Name ist Clemens Meyer. Was nicht wichtig ist. Kollege Sch. kennt ihn ohnehin nicht, bleibt aber zäh und meint, man müsse sich auch als Schriftsteller anständig positionieren. Werber reden so. Zuweilen denken sie wohl auch so. “Das Prolo-Ding kann ja auch mehrmals funktionieren”, sagt Kollege Sch.

Als Antwort versuche ich es mit Lob und Preis einer Jugend in Jenfeld. Kleiner historischer Exkurs inklusive. “Die Hochhauskulisse mag auf Außenstehende ja zuweilen befremdlich wirken”, sage ich, “doch es stimmt eben auch: Die Plattenbauten am Rande der Großstadt waren bei ihrer Entstehung Ende der 1960er Jahre keinesfalls Monster in den Augen ihrer zukünftigen Bewohner. Im Gegenteil: Man lebte dort sehr komfortabel in einer Zeit, in der fließend Warmwasser noch keine Selbstverständlichkeit war. Und als Kind ging man nachmittags raus und alles war gut. Ja, es gab dort immer andere Kinder zum Spielen, jede Menge andere Kinder. Natürlich konnte man auch interessante bis bizarre soziale Erfahrungen sammeln. Die Erzählung von den aufgeblasenen Fröschen in Indianerland ist authentisch. Die härteren Rotzlöffel demonstrierten auch gerne, wie sie Stichlinge aus dem Bach verspeisten …”

Und so gerate ich, wie gewohnt, nach und nach in nostalgische Schwärmereien. Erwähne am Ende, dass meine Eltern noch heute in den Blocks dort leben. Sage: “Wenn ihr Sohn ernsthaft das ‘Prolo-Ding’ versuchen würden, wären sie zu Recht schwer erschüttert.”

 

16.2.

Kollege Sch. ist nicht glücklich mit meinen Ausführungen.

 

18.2.

lang

weiß

prächtig

hell

langgedehnt

eindringlich

malayisch

sanftfüßig

leise

behutsam

üppig

Weiß man bei Christian Kracht ja nie so genau: Aber vielleicht soll gerade das komisch sein und ich bin gerade humorresistent. Oder schlicht zu blöd. Elf Adjektive im ersten Satz, alle mehr oder weniger abgegrabscht und billig, eins davon sogar doppelt. Geht das wirklich noch als Parodie durch?

Dabei hatte ich mich wie ein Kind darauf gefreut, auf Imperium. Wie auf jede Zeile von Christian Kracht. Und dann doch nur wieder das, dieser Schrott. Meine These seit langem: Als Leser wird man immer einsamer mit den Jahren. Verbitterter auch. Verdrießlicher. Verdrossener. Griesgrämiger.

(Statt weiter Kolonialklamauk zu lesen, mit A. Mad Men geguckt.)

 

19.2.

anfangen

stehen

trinken

So war das bei Faserland noch. Drei Vollverben im ersten Satz. Anzahl der Adjektive: 0. In Worten: Null. Dies auf die Schnelle noch nachgeguckt, bevor ich Imperium vom Schreibtisch räume und weiterarbeite. Ja, mich geradezu sanftfüßig meinem prächtigen Schreibtisch nähere, langgedehnt (man könnte auch sagen: malayisch) seufze, als ich mich niedersetze, um anschließend dann leise und behutsam über die Tasten zu streichen und die weißen Flächen am Rande der üppigen Wortfelder zu betrachten, bevor ich schließlich schreibe: hell, puh, das hier ist wirklich HELL!

 

19.2.

Bücher von heute mit Reisen und Abenteuer, die etwas taugen: alles von Wolfgang Büscher. Oder die letzten beiden von einem anderen Wolfgang: Herrndorf nämlich. Der ja mal eine Art Christian-Kracht-Roman geschrieben hat, der das Original sogar fast erreicht. In Plüschgewittern. Eine Schippe drauf, für Fortgeschrittene dann: Sand. Mit dem wunderbaren Abschnitt am Anfang von Seite 58 über ästhetische Programme: “Sobald ein Schriftsteller irgendeine Form von Literaturtheorie ausmünzt, läuft sie immer darauf hinaus, dass zum allgemeinen Ziel erklärt wird, was der Autor selbst am besten kann und schon seit Jahren praktiziert. Das ist keine Theorie. Das ist das, was sich heranbildet in kleinen Hasen, wenn es nachts dunkel wird im großen Wald.”

 

20.2.

Die beliebte Serie: „Hausgemachte Schwierigkeiten.“ Heute: die schlimme Neurose, wenn eine Zeile (wie diese hier) im Dokument unschön umbricht, den ganzen Satz so lange umzubauen, bis das Schriftbild halbwegs ebenmäßig aussieht. Irre. Die feste Überzeugung zudem, dass das etwas mit Rhythmus zu tun hätte.

(Völlig gestört.)

 

21.2.

“Ich freue mich auf den Sommer”, sagt A. Eher spottend. (Ohne Bitterkeit jedenfalls.) Was ihr gar nicht hoch genug anzurechen ist. Wieder ist ein Wochenende rum, an dem ich mich fast autistisch mit Merle, Silvester & Co. beschäftigt habe. Und der von A. wenig geschätzte Aberglaubenbart wächst. Erst wenn ich sicher weiß, dass ich fertig werde, kommt er ab. Oder (kleines Hintertürchen), wenn ich doch noch für den DJLP nominiert werde.

(Wer rasiert, verliert.)

 

21.2.

A. freut sich aber noch aus einem anderen Grund auf den Sommer. Es sieht gut aus: Wenn alles ideal läuft, kann ich zwei, vielleicht sogar drei Monate raus aus dem Kontojob. Dem unverhofften Stipendium sei Dank.

(Glaube ich aber erst, wenn ich es schriftlich habe.)

 

21.2.

Heute vor 50 Jahren geboren: David Foster Wallace. Der bislang letzte Autor, von dem ich als Leser wirklich besessen war, vom dem ich jede Zeile lesen musste, jeden Interview-Schnipsel. Heute bekanntlich nicht mehr am Leben. Seine Grundthese: Wir sind alle einsam und leiden darunter. Das Wort Einsamkeit taucht beinah manisch in allen seinen Texten, vor allem aber in allen Interviews, die es mit ihm gibt, auf.

DFW war der Meinung, der Grund, Literatur zu schreiben und zu lesen, sei der, Nähe zwischen Menschen herzustellen, eine bestimmte Form von Nähe, die das genaue Gegenteil von Zerstreuung ist. Er hat das, glaube ich, nicht direkt benannt. Aber gemeint hat er: Intimität. In einem nicht körperlichen, eher spirituellen Sinne. Ist das die Aufgabe von Kunst: Intimität herzustellen?

M., sag mal was!

 

21.2.

E-Mail-Konversation mit M.

– Heute vor 50 Jahren geboren: David Foster Wallace.

– Ich habe genau zwei Kurzgeschichten von David Foster Wallace gelesen.

– Wie fandest du die Kurzgeschichten?

– Zu lang.

– Glaubst du, Kunst stellt Intimität her?

– Kunst produziert Wahrnehmung, d. h. Welt.

 

21.2.

Aus dem Jenfelder Manifest zum ästhetischen Programm: Mehr Intimität.

 

21.2.

Kevin Vennemann postet auf Facebook einen Artikel mit Bildern vom letzten Haus, in dem David Foster Wallace gelebt hat. Man sieht auch die Veranda, auf der er sich, schwer depressiv, erhängt hat. Niemand kommentiert das.

Kevin Vennemann nicht.

(Auch der Autor dieser Zeilen nicht.)

 

21.2.

E-Mail an C.:

– Warum schätzen wir David Foster Wallace?

 

24.2.

AV VII. Noch immer. Gerade taucht die Bottels aus der ersten Hälfte des Romans wieder auf. Was mich beglückt, weil sich eine Menge Zeug aus der ersten Hälfte in der zweiten Hälfte spiegelt. Scheint eine Marotte von mir zu sein. War bei Indianerland schon so. Die unheimliche Bottels ist also wieder da. Und ich fuhrwerke plötzlich wieder in der ersten Hälfte des Romans herum, was mich dann überhaupt nicht mehr beglückt. Auf die Art habe ich 2014 noch keine vollständige Fassung.

(Himmel!)

 

26.2.

Jeff Serame sagt: Joanie. Ich sitze unter einem Frisierumhang, starre gegen einen Spiegel und sage: Peggy. Jeff schnippelt an meinen Haaren herum, es rieselt (sehr silbrig) auf den Umhang, wir unterhalten uns weiter über Mad Men. Es ist eine gute Serie, nicht so brillant wie The Wire, versteht sich, aber deshalb wohl erfolgreicher und auch außergewöhnlich. Aber gerade eben nicht wegen der Größer-als-das-Leben-Figuren wie Joan Harris oder Don Draper, sondern vor allem wegen Peggy Olson, die alles um sie herum schillern lässt. Sie hat die großen Auftritte.

Am Vorabend: Season 4, Episode 4. Ganz am Schluss verlässt die ehrgeizige und zunächst eher immer unscheinbare bis spießige Peggy die Agentur mit ein paar hippen Beatniks und blickt zurück auf Pete Campbell, auch so ein kleines Würstchen im Grunde, ein Jüngelchen und Gernegroß, dem Peggy von Anfang an zugetan ist. Sie blicken sich durch eine Glastür an. Er im Anzug unter Anzugträgern. Sie vor dem Fahrstuhl mit den jungen Wilden. Und in diesem Moment bekommt diese Serie eine Größe, die kaum zu fassen ist, weil hier eine Intimität zwischen Figuren aufscheint, die sich auf den Zuschauer überträgt. Man denkt: Das bin ich. Ich bin Peggy Olson.

Jeff lächelt sein Jefflächeln, erinnert sich an die Szene.

Ich sage: Aber Joanie ist auch toll, ich mag das Rascheln der Unterröcke.

Jeff sagt: Ja, die Ausstattung und Kostüme sind fantastisch.

(Meine Haare am Ende: wirklich kurz.)

 

27.2.

Komme zur Mahnwachenzeit Rodigallee, Schiffbekerweg vorbei. Keine “Wutbürger”. Nicht einer. Was ist los?

(Plötzlich vermisst man sie.)

 

28.2.

Anruf meiner Lektorin. Kommt meinetwegen zur Buchmesse. Sagte ich es schon? Tolle Lektorin! Ohne sie kein Indianerland. Und Stoffel, der ich bin, habe ich genau das bei der Dankesrede für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis zu erwähnen vergessen. Obwohl ich bestimmt zwei drei vier Minuten vor mich hingestoffelt habe. Im Scherz sagte ich damals, beim nächsten Preis mache ich das wieder gut.

 

28.2.

E-Mail-Konversation mit C. in den letzten Tagen:

– Warum schätzen wir David Foster Wallace?

– So allgemein? Weil er die Grenzen für das, was Literatur sein kann, ein gewaltiges Stück verschoben hat.

– Hat es nicht auch was mit Haltung zu tun? Obwohl er diese extravaganten „Angebertexte“ geschrieben hat, bleibt immer der Eindruck: Es ging ihm nicht nur um sich selbst.

– Absolut. Some kind of urgency. Das war ihm wichtig. Das u. a. macht ihn so großartig. Dass am Anfang und am Ende aller intellektuellen Anstrengungen immer ein zutiefst emotionales Bedürfnis zu stehen scheint. Und zwar eins, das nicht nur den Autor angeht.

– Was kann denn so ein emotionales Bedürfnis sein?

– Naja, das Nächstliegende wäre vielleicht, seelisches Leid zu lindern. So unliterarisch das klingen mag. Aber das ist ja vielleicht auch gerade ein Problem der neueren Literatur: dass es ihr so schwerfällt, die wirklich naheliegenden Themen ernsthaft zu behandeln.

– Okay, und wie hat DFW das nun hinbekommen?

– Guck dir Infinite Jest an. Unterm Strich steht da: Vom Manifest der Anonymen Alkoholiker können wir alle etwas lernen, nehmt euch das mal zu Herzen. Aber das ist natürlich nicht der Punkt. Das Unglaubliche ist ja, dass DFW einen jeden Gedankengang und alle Voraussetzungen auf dem Weg zu dieser Erkenntnis nachvollziehen lässt. Was in diesem Fall ziemlich viele sind. Er nimmt einen mit auf die komplette Reise. Deshalb die extravaganten „Angebertexte“: Er zeigt einem bis ins Detail, wo die Probleme liegen und was mögliche Auswege sind. Das ist schon, finde ich, ein einmaliges Unternehmen.

 

28.2.

Fußnote zum Jenfelder Manifest für das ästhetische Programm: Erzähl Geschichten, die eine gewisse Dringlichkeit besitzen!*

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*Zumindest für dich.

 

29.2.

Heute vor vier Jahren: offizieller Erscheinungstermin Kasse 53. Kess gesprochen: Es gab 2008 nur sehr wenige Romane dieser Güte. Was außer mir kaum wer bemerkt hat, selbstverständlich. Als ich das Angebot bekam, Indianerland zu schreiben, dachte ich eine Sekunde der völligen Gestörtheit lang: Mach ich! Ich mach’s für Kasse 53. Ich mache jetzt einen Roman, der scheißerfolgreich wird. Und dann wird man Kasse 53 wiederentdecken, für seine Eleganz und seinen Witz preisen und ins Herz schließen. Man wird sich auf Knien bei mir entschuldigen. Ja, so denkt der pimpfige Kaputtnik in einem drin zuweilen, wenn man nicht achtgibt. Und altersmilde denke ich heute: Dank an Achilla Presse. Preiset Mirko Schädel, diesen wundersamen und wunderbaren König der Kleinverleger. Kasse 53 ist in der Welt. Es gab im letzten Jahrzehnt nur sehr wenig Romane dieser Güte. Eines Tages wird man …

(Ja, schon gut!)

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Fortsetzung folgt …

(Lieferung monatlich.)

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