Februar 2013

by Nils Mohl on März 1, 2013

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1.2.

Stadtrandritter, Arbeitstag  659. Abends, nach dem ersten vollständigen Freitag beim Kontojob seit Oktober, noch einmal im Schreibtischzimmer an AV II. Kopfmüde. Funke trotzdem M. in Manhattan via Skype-Chat an.

– Zugegen?
– Ich wollte grade mit dem Trinken anfangen.
– Lass dich nicht bremsen. 15:41 bei dir, richtig?
– Noch 19 Minuten.
– Verstehe. Bier ab vier.
– Roger Sterling kennt solche Regeln nicht. In zwei Minuten.

 

1.2.

21:50, Anruf begonnen.

23:29, Anruf beendet.

(1 Stunde 39 Minuten 7 Sekunden, laut Skype.)

 

5.2.

Vertrag Astronauten

 

5.2.

Seit Anfang Januar liegt der Vertrag für Teil drei der Trilogie (Hoffnung) auf meinem Tisch. Gar kein schlechter. Der Vorschuss: höher als der für die beiden ersten Teilen zusammen – und trotzdem noch immer zu niedrig, als dass es wirklich etwas ändern würde. Aber das ist es gar nicht, was mir zu schaffen macht. Erst einmal muss absehbar sein, wann die Ritter tatsächlich fertig sein werden. Vorher unterschreibe ich nichts mit neuem Liefertermin. Sich monatelang gar nicht zu rühren, geht natürlich auch nicht. Also schicke ich meiner Lektorin eine E-Mail. Verschweige allerdings, dass ich bereits weiß, dass ich meine Zusage wieder nicht halten werde. Abgabe Ende Februar. So die Ansage im Herbst. Ein Brüller. Im Augenblick wäre ich schon froh, wenn ich wüsste, dass überhaupt mal ein Helm daraus wird.

(Teil zwei: Glaube.)

 

8.2.

Stadtrandritter, Arbeitstag 666. Und das, wo ich am Abend in ein Flugzeug steigen werde.  Völlig albern, aber die Zahl beschäftigt mich derart, dass ich am Terminal, wo ich am Klapprechner ein bisschen weiter an AV II herumfummle, mal wieder über Nachlassregelungen und so weiter nachdenke. Schicke vor dem Boarding deshalb auch eine E-Mail mit einer Sicherungskopie mit dem aktuellen Stand des Romans an meine eigene Adresse. Vorsichtshalber. Will ja niemand, dass nach einem Unglück  unwiederbringlich Daten verloren sind.

(Macht der Mythen.)

 

8.2.

Wohlbehalten in Paris gelandet, stelle ich fest: meine E-Mail  an mich selbst ist vorhin in Hamburg ohne Anhang rausgegangen.

 

9.2.

Ein Tag Romanpause. Bonjour. Salut. Pardon. Bonne nuit.

(Lost In Translation.)

 

9.2.

Pont Neuf

 

11.2.

Mein französischer Verlag „residiert“ in einer Straße, in der auch Camus mal ein Büro hatte. Ich frage aber vorsorglich nicht, ob es vielleicht sogar in dem gleichen Haus war.  Manche Illusion lässt man sich besser nicht rauben.

(Der Fremde.)

 

12.2.

“Was an Paris begeisternd ist: die fürchterliche Einsamkeit. Als Heilmittel gegen das Leben in der Gesellschaft: die Großstadt.“

Albert Camus, Tagebücher

 

13.2.

Kino Gaumont

 

13.2.

Stadtrandritter, Arbeitstag 670.  In den letzten Tagen bis zu 16 Stunden am Rechner. Zähes Werkeln, kein Durchbruch, was AV II angeht. Und weil Kino noch immer am besten geholfen hat, wenn sonst nichts mehr half, marschiere ich am Mittag also ins Kino Gaumont am Champs-Elysées. Zero Dark Thirty. Während des Abspanns dann: Auf einmal ein Gedanke – und es macht „klick“, alles rastet ein. Wie von selbst. Klar, volle Kanne Hollywood: Mit sich und seinem Roman hadernder Schriftsteller in Paris guckt Actionfilm und weiß hinterher, wie der Hase läuft. Oui, oui. Aber mir egal: Diesen Drehbuchschreibern kommen die Ideen ja nicht von ungefähr. Und Paris auf einmal: wirklich toll. Also, auf schnellstem Weg zurück in diese Gästezimmerbude im Goethe-Institut, wieder einschließen.

(Mütze im Kino vergessen.)

 

14.2.

Gästezimmer GI

 

15.2.

Mit Ende 20 schrieb Camus in sein Tagebuch: „Wie kommt es, daß die Fähigkeit, ein Jahr allein in einem ärmlichen Zimmer in Paris zu wohnen, den Menschen mehr lehrt als hundert literarische Salons und viezig Jahre Erfahrung im ‚Pariser Leben‘? Es ist etwas Hartes, Entsetzliches, zuweilen Peinigendes, und stets dem Wahnsinn so nahe.“ Von Ende 20 bin ich mittlerweile eine ganze Ecke weg und ich wohne auch nur eine Woche in Paris. Trotzdem: schön. Wahr auch.

(AV II fast fertig.)

 

16.2.

Merci. Au revoir.

 

16.2.

Paris Flugzeug Nils Mohl

 

17.2.
Mail an M.: „Bin zurück in Jenfeld. Könnte grundsätzlich weitergehen. Habe AV II aus Paris mitgebracht.“

 

19.2.

Stapfe, wie so oft dienstags in der Kontojob-Mittagspause, durch die Zentralbibliothek am Hühnerposten. Hinter der Kaffeebutze im Erdgeschoss ist eine neue Ausstellung aufgebaut. „Die schönsten deutschen Bücher 2012“. Und da liegt es, neben dem Bilderbuch „Stark wie ein Bär“ – mein Buch. Ein befremdliches Gefühl von … keine Ahnung, Enteignung. Aber auch der Gedanke: bärenstark. Was, wie mir aber erst ein paar Meter weiter aufgeht, nicht weiter überraschend ist …

 

19.2.

Bücherhalle Februar

 

21.2.

E-Mail an meine Lektorin:

„Eine Fall von: Wie erzähle ich es meiner Lektorin? Hilf mir! Du hast nicht damit gerechnet, die Ritter Ende Februar schon komplett zu bekommen, oder?

Die gute Nachricht: In Paris habe ich die Kurve bekommen. Die nicht ganz so gute Nachricht: Stand ist, ich habe genau ein Drittel jetzt so, wie ich es haben will. Kann ich dir auch sofort schicken, wenn du willst. Ich muss jetzt allerdings noch drei weitere (nicht ganz so komplizierte) Kapitel umbasteln und es fehlt hinten auch noch das Grande Finale. Falls du mir jetzt an die Gurgel willst …

Vielleicht tröstet es dich, dass im Grunde auch der Rest der Welt die Messer wetzt. Inzwischen habe ich es bei so ziemlich allen um mich herum wegen dieses Romans (mehr als) ausgereizt. Und die Nachricht, von der ich nicht genau weiß, ob sie gut oder schlecht ist: Realistisch scheint mir unter den momentanen Bedingungen, dass ich bis Ende April alles liefern kann. (Die optimistische Schätzung.)

Kommt jetzt Moskau-Inkasso?“

(Traumjob Belletristik-Lektorin.)

 

24.2.

M. meldet sich zur Skype-Konferenz aus Brooklyn:
– And I’m not too old to lie, I’m just another empty head.
– Whitesnake?
– Welten daneben. Welten.
– Naja, gut, Bon Scott.

(Ride on.)

 

24.2.

21:10, Anruf begonnen.

23:07, Anruf beendet.

(1 Stunde 53 Minuten 2 Sekunden, laut Skype.)

 

28.2.

Stadtrandritter, Arbeitstag 686. Ich scrolle durchs Dokument, rechne.

(Die 750 Tage mache ich noch voll, ohne Schwierigkeiten.)

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Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

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