Februar 2015

by Nils Mohl on Februar 1, 2015

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1.2.

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1.2.

Die Flughafenhalle in Vilnius liegt fast ausgestorben da. Mein Gepäck kommt nicht mehr. Macht die Weiterreise leichter. Kein Koffer, der zum Busbahnhof gezogen und geschleppt werden muss. Nur mit  meinem Rucksack warte ich am Abend in Klaipeda auf die letzte Fähre. 21 Uhr Ortszeit. Eisschollen schaukeln auf dem schwarzen Wasser. Drüben ein paar Lichter. Kiefernwipfel, dicht an dicht. Die Nehrung.

Eine Handvoll Gestalten huscht wenig später an Bord. Mit mir sechs Fahrgäste transportiert der Reisebus auf der anderen Seite nach Nida. In der Straße vor der Colony quert ein Fuchs die Straße. Wir kennen uns noch aus dem letzten Frühjahr.

(Zurück.)

 

2.2.

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2.2.

E-Mail von M.: „Warum bist du eigentlich ständig in Lappland/Lettland/Litauen?“ Ich schicke ihm Fotos. Leerer Strand. Schnee in den Dünen. Leere Straßen. Vereiste Gehwege. In dern Fenstern der Holzhäuser kein Zeichen von Leben, dafür die Spiegelungen des zugefrorenen Haffs und des leeren Himmels.

 

3.2.

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4.2.

Der Schnee knirscht. Wenn man auf dem schmalen Weg durchs Wäldchen stehenbleibt, geht einem auf, dass sonst nichts zu hören ist. Kein Geräusch. Windstille. Nach einer Weile bemerke ich zwischen den Kiefern eine Gestalt, etwas abseits. Das erste Mal in meinem Leben sehe ich jemanden, der einen Baum umarmt. Die Gestalt trägt eine dieser Mützen mit wattierten Ohrenklappen. Zerfurchtes Gesicht. Ein alter Mann. Die Arme fest um den Stamm geschlungen steht er da, regungslos. Es kümmert ihn nicht, dass ich in Sichtweite vorbeistapfe.

Hinter der nächsten Abbiegung ertappe ich mich dabei, dass ich Ausschau nach geeigneten Bäumen halte. Wie geht man wohl vor? In der Colony treffe ich M., Künstler aus Dänemark. „So you met a tree-hugger“, sagt er. Als wäre das eine keineswegs außergewöhnliche Leidenschaft. Wir unterhalten uns kurz über die Einsamkeit in Nida. Kann Einbildung sein, aber an der Wange meine ich noch genau zu spüren, wo meine Haut sich an die Rinde geschmiegt hat.

 

4.2.

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5.2.

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6.2.

Offenbar setzen meine Bilder M. in New York zu:

– Was zum Teufel machst du da?

– Was zum Teufel meinst du?

– Was machst du in dieser Einöde? Ich meine, ich habe großen Respekt vor menschenleerer Fotografie.

– Ich bin in Nida. Und hier sieht es so aus.

– Ja, aber was machst du da?

– Arbeiten. Ungestört. Bei günstiger Miete.

– Sag das doch sofort.

– Ich wusste nicht, dass du dich um meine Finanzen sorgst.

– Sorge um Finanzen ist bei mir tief verankert.

– Gestern war ich hier im Restaurant. Milchwurst, Pommes, Salatbeilage, Getränk. Rechnung: 4 Euro. Wurde auch nach mehrmaliger Nachfrage nicht korrigiert. Das erste Mal in meinem Leben habe ich 50 % Trinkgeld gegeben. Und fühlte mich immer noch nicht gut.

– Ich gab kürzlich für mich und meine Begleitung das Dreißigfache aus und bin nicht sicher, ob es eine Salatbeilage gab.

 

6.2.

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11.2.

C. hat vor ein paar Tagen gefordert, ich solle ein paar Steine für ihn in die Ostsee werfen. Erledigt. Sie flogen weit, locker aus dem Arm geworfen. Seit der Ankunft hier der beste Tag am Klapprechner. Das erste Mal Arbeit an einer umfangreichen Charakterbibel. Nach und nach bekommen die Astronauten das nötige Fleisch, die nötigen Konturen und Kanten.

(Fortschritt.)

 

11.2.

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23.2.

Zwischen Vilnius und Planegg bei München zwei Tage Zwischenstopp in Hamburg. Mit Treffen von Filmproduzent G. und Ilker.  Mit Lesung in Harburg. Mit der Frage permanent im Hinterkopf, ob alles im Plan ist. Mehr war aus den drei Wochen in Nida kaum herauszuholen. In den Astronauten gibt es eine Menge verschiedener Schauplätze. Die habe ich jetzt. Die Hauptfiguren besitzen umfangreiche Charakterbibeln. Die Nebenfiguren sind soweit klar. Der Plot scheint auf dem Papier zu funktionieren. Fehlt nur noch jemand, der aus allen Bruchstücken jetzt einen lesbaren Text macht. Zu bieten hätte ich: Diverse Dokumente mit schätzungsweise 120 Seiten Rohmaterial.

 

25.2.

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27.2.

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28.2.

Ein Tag frei. Keine E-Mails kommen rein, keine gehen raus. Samstage können so großartig sein. Nachdem Ilker und ich gestern Redakteur H. mit Umarmungen verabschiedet hatten, hatte ich Ilker im Gehen angerempelt. Ilker zieht sofort seine Hand aus dem Mantel und trommelt mir ein paar Mal die Faust gegen die Schulter. „Jetzt was trinken“, sage ich. „Jetzt einen Kurzen!“, sagt er. In der Ponybar ordern wir Tequila. Das Mädchen hinterm Tresen guckt amüsiert. Die Mittagszeit ist noch nicht ganz vorbei. „Was zu feiern?“ Ein Nicken von uns. „Spannend“, sagt jemand von der Seite, „erzählt.“ Ilker wischt mit dem Zitronenschnitz über die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger, streut Salz. „Nils hat einen Roman geschrieben. Wir wollen einen Spielfilm daraus machen“, sagt er, „sieht so aus, als wären wir heute einen Riesenschritt vorangekommen.“ Das tolle Geräusch, das Gläser machen, wenn sie leer abgestellt werden. Bis dahin geht die Rückschau. Immer wieder an diesem Samstag: ein anständiger Tag zum Ende eines mehr als anständigen Monats.

(Der Tiquila ging aufs Haus.)

 

Fortsetzung folgt …

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