Tendenziell für ein Happy End (2009)

by Nils Mohl on Februar 1, 2009

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Eine Art Lebenserweiterung

Nils Mohl über Ich wäre tendenziell für ein Happy End

Februar 2009. Kurz vor Veröffentlichung der Sammlung mit Storys sprach die Journalistin Annette Riestenpatt (Radio FSK) mit dem Autor über das neue Buch, die Schwierigkeiten zwischen Männern und Frauen und das Schreiben darüber.

 

Worum geht es in deinem neuen Buch? Gibt es bei den Kurzgeschichten eine Art roden Faden oder Überthema?

Vielleicht könnte man pauschal sagen: Es sind überwiegend Konjunktiv-II-Themen, mit denen sich die Figuren herumschlagen müssen. In sehr vielen Storys werden sie von der Frage gequält: Was wäre wenn? Es geht also auch um die Geschichten im Kopf. Was wäre wenn wir keine Affären hätten, sondern eine Beziehung? Was wäre, wenn unsere Beziehung nicht zerbrochen wäre? Was wäre, wenn ich heute alle Nachbarn zu meinem Geburtstagsfest einlade? Letztlich geht es wohl auch darum, was Wirklichkeit ist – und wie wir damit klarkommen.

 

Was steckt hinter dem Titel?

Der Titel ist von der ersten Story im Buch geliehen. Und hier haben wir gleich den Irreales. Und die implizite Frage: Ja, was spricht den gegen ein Happy End? Wie wir alle aus dem Alltag wissen: eine ganze Menge. Schön finde ich an dem Titel auch den Verweis auf die Filmkunst. Denn dem Kino verdanken die Storys so einiges. Erzählstrategien. Schnitttechniken.

 

In der Titelstory streitet sich ein Paar, und alles läuft darauf hinaus, dass die Frau kaum eine andere Möglichkeit hat, als die das nächste Treffen abzulehnen. Siehst du die Beziehungen zwischen Männern und Frauen wirklich so fatalistisch?

Die beiden Figuren haben eine Affäre – und offensichtlich sehr unterschiedliche Ansprüche an Ihr Verhältnis. Schnell ist aber klar: Es gibt keine intelligente Lösung für dieses Problem außer der Trennung. Das hat wenig mit dem Glauben an Schicksal zu tun. Vielleicht eher etwas mit der Ökonomie der Liebe: Wie viel ist jeder bereit zu investieren?

 

Welches ist deine Lieblingsgeschichte? Und warum?

Wie ein Vater kein Lieblingskind benennen kann, so gibt es auch für einen anständigen Autor keine Lieblingsgeschichte. Es sind die zwölf Storys, die in den letzten Jahren überlebt haben. Entstanden sind ja viel mehr – und die verbliebenen sind deshalb alles schon Lieblinge. Und mit jeder verbindet mich eine ganz persönliche Geschichte. Für „Von den Elefanten sprechen wir später“ habe ich im Dezember 2000 meinen ersten Preis gewonnen – und ich musste/durfte zur Preisverleihung das erste Mal öffentlich lesen. An „Entropische Anomie“ habe ich in über acht Jahren immer wieder gearbeitet und existieren bestimmt 50 Versionen. „Schön, dass Du da warst“ ist inzwischen Schulbuchliteratur wie auch „Tanzen gehen“. Kurz: Ich liebe sie alle aus ganz unterschiedlichen Gründen.

 

Was unterscheidet das Buch vom Vorgänger Kasse 53?

Kasse 53 ist ein Roman. Ich habe ganz anders daran gearbeitet. Und Kasse 53 ist ästhetisch viel radikaler. Für mich sind diese beiden Bücher trotzdem wie Zwillinge – eindeutig aber zweieiige. Das liegt daran, dass sie im Grunde zeitgleich entstanden sind, aber ganz eigene Persönlichkeiten entwickelt haben. Das „Erstgeborene“ ist natürlich viel „schwieriger“, das andere eher ein kleiner „Sonnenschein“. Leichter im Umgang.

 

Wie definierst du Liebe?

Natürlich gar nicht. Dazu braucht es schon echte Kapazitäten. In einer meiner ersten Vorlesungen an der Uni Kiel habe ich zum Beispiel Folgendes mitgeschrieben: „Liebe ist das Totalpotential allen Diskutierens, Reflektierens, Sensitiv-Tangierens und Agierens in einer erotischen Relation.“ Besser geht’s nicht, oder?.

 

Was macht eine gute Beziehung aus?

Puh. Kleinster gemeinsamer Nenner ist vielleicht: Das gemeinsame Erleben. Ansonsten finde ich das Verallgemeinern jetzt schwierig. Eine Beziehung lebt ja von den individuellen Ansprüchen, Wünschen und so weiter, die jeder Partner an die Beziehung stellt. Ist das nicht so? Wichtig: Der Wille, überhaupt eine Bindung einzugehen. Toleranz also auch. Aber ich merke schon: Mehr als Illustrierten-Weisheiten ist schwer auf die Schnelle zu entwickeln.

 

Was ist das größte Problem zwischen Männern und Frauen? Warum klappt es zwischen ihnen nicht?

Es klappt doch pausenlos. Seit rund 10.000 Jahren nehmen die Probleme zwar stetig zu, weil die Komplexität der Gesellschaften, in denen der Mensch lebt, größer wird. Aber das macht die Sache ja nur interessanter.

 

Warum siedelst du deine Geschichten am Stadtrand an? Was willst du damit sagen?

Ich bin in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand aufgewachsen, und ich lebe auch heute wieder am Stadtrand. Da kenne ich mich also aus. Das Leben dort fordert mich aber auch heraus – nicht zuletzt literarisch. Schließlich ist es viel schwieriger, Storys über etwas zu schreiben, das noch nicht so durchgenudelt ist. Was wir über Studenten-WGs, Künstlerkommunen und Prominenten-Villen denken und denken sollen, das wissen wir aus den einschlägigen Medien. Der Stadtrand ist literarisch ja noch relativ unerschlossen. Aber ich muss auch noch darauf hinweisen: Es gibt in dem Buch sehr wenig Storys, die explizit am Stadtrand spielen. Eine spielt am Meer. Eine auf dem Land. Eine überwiegend in einem Pflegeheim. Das ist sehr gemischt.

 

Wie viel von dir selbst steckt in den Protagonisten?

Jeder ist ja immer nur Katalysator für den ganzen Input, den wir tagtäglich bekommen. Mehr bin auch ich nicht. Und meine Figuren haben nur mich. Ich fürchte, diese Figuren sind damit Manifestationen bestimmter Weltbilder, die ich mit mir rumschleppe. So gesehen steckt auch etwas von mir in den Figuren. Aber das ist nicht bedeutender als das, was zum Beispiel von den Lesern in den Figuren steckt. Klingt ziemlich schwurbelig, aber die Frage, die moderne Literatur umtreibt, lautet ja nicht zufällig: Was ist der Mensch? Oder: Wer bin ich? Mein letzter Stand: Die Ermittlungen dauern an.

 

Wie sehr steckst du beim Schreiben selbst in den Geschichten? Woher stammen die Inspirationen zu den Storys?

Der Fundus wächst. Ich konsumiere ja seit mittlerweile 37 Jahren Bücher und Filme. Ich werde außerdem mit Nachrichten und Werbung bombardiert. Und ich lebe als Mensch natürlich in verschiedenen sozialen Strukturen. So baut sich dann der eigene Kosmos auf im Laufe der Zeit. Und ob lesen oder schreiben: Literatur ist ja auch so eine Art Lebenserweiterung. Es gibt natürlichen einen qualitativen Unterschied zum „realen“ Erleben, aber ich empfinde diesen Unterschied nicht als so riesig. Und es gibt zum Teil enorme Vorzüge des Lebens in der Literatur – die unzähligen Möglichkeiten zum Beispiel. Was deshalb beim Entstehen der Storys das vielleicht Schwierigste ist: Entscheidungen zu fällen. Und der Versuchung zu widerstehen, einfach nur Klischees zu reproduzieren, die das „echte“ Leben schon so langweilig machen.

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