Indianerland (2011)

by Nils Mohl on September 1, 2011

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Indianer gehen immer

Nils Mohl über Es war einmal Indianerland

September 2011. Nils Mohl beantwortete Mitgliedern der Lesecommunity Lovelybooks im Online-Chat Fragen zum Roman.*

 

Wie kommt man auf die Idee, einen so ungewöhnlichen Roman zu schreiben?

Berufsethos? Okay, am besten sollte man eine solche Frage wohl einfach als Kompliment stehen lassen. Aber mit der Pistole auf der Brust würde ich sagen: Ich wollte noch mal 17 sein. Das war die Idee – und der Rest dann beinah ein Kinderspiel. Bei Lesungen kalauere ich mit Blick auf die Figuren Jackie und Edda manchmal: Männer im fortgeschrittenen Alter denken einfach gerne über junge Frauen nach. Die Männer sind sofort mit einem Höhöhö! dabei. Und die Frauen verstehen dann, dass es mir beim Schreiben vielleicht auch um Dinge wie Vergänglichkeit, verpasste Chancen, den Zauber des Moments und so weiter gegangen sein könnte. Doch jetzt bin ich schon sehr weit weg von der Frage. Und würde gerne zurückfragen: Was ist denn so ungewöhnlich an dem Roman?

 

Der Schreibstil zum Beispiel. Dann natürlich der Aufbau des Romans mit den Zeitsprüngen. Und, nicht zu vergessen, diese eindrucksvollen Charaktere. Ich habe noch nie einen vergleichbaren Roman gelesen und bin wirklich begeistert!

Ah! Das wollte ich hören. Ich muss allerdings gestehen, mir selbst erscheint der Roman gar nicht derart originell. Ich mag William Faulkner und Sergio Leone. Aber auch Raymond Chandler und Quentin Tarantino. Ich schätze, wer die ebenfalls mag, bemerkt, wo ich „wildern“ war. Vielleicht ist die große Kunst überhaupt immer, alles, was man so kennt, was man gelesen, gesehen und vielleicht auch erlebt hat, neu zusammenzubasteln. Mein Glück in diesem Fall war, glaube ich, dass ich die Sache zur richtigen Zeit angepackt habe. Genauer gesagt: Noch einmal angepackt habe. Teile der Geschichte sind mir jedenfalls schon eine ganze Weile im Kopf herumgeschwirrt. Ja, einige der Figuren und Teile der Handlung stammen aus alten Kurzgeschichten. Die Jungs am Strand, die versetzt werden zum Beispiel. Die Idee mit den Postkarten von Edda. Der Mord. An all dem hatte ich mich bereits vorher versucht und war grandios gescheitert. Was mir vermutlich gefehlt hat, war die Erkenntnis, dass diese diversen Fragmente zusammengehören. Und das wäre die Stelle für meine Lieblingsanekdote, falls die jemand hören will …

 

Erzähl.

Als ich noch gar nicht richtig mit dem Roman angefangen hatte, hat ein Freund zu mir gemeint: Indianer gehen immer. Und dieser Scherz hat ziemlich viel Schwung in die Sache gebracht. Ich dachte: Alles klar, ich schreibe einen Western. Damit waren ein paar Eckpfeiler sofort in den Boden gerammt. Zu einem anständigen Western gehört schließlich ein Showdown. Schurken gehören dazu. Waffen. Es geht auf einer anderen Ebene außerdem immer um die Reise an eine Grenze. Und so weiter. Andererseits sind Indianer Symbole für die Kinderzeit und das Spielen. Plötzlich konnte ich das alles, was ich schon hatte und noch erzählen wollte, viel besser zusammenbasteln.

 

Wie planst Du so einen Roman?

Indianerland ist mein zweiter Roman. Ich bin wirklich weit davon entfernt, ein Rezept zu haben. Aber egal, was für einen Text ich schreibe, lange Zeit passiert alles erst einmal unsichtbar im Kopf. Ich würde sagen: Das erste Planen gehört deshalb auch zu den schönsten Teilen der Arbeit. Ich liege dafür meist einfach rum, gucke Filme, wälze nebenher die ersten Ideen durchs Hirn, bis ich eine vage Vorstellung von allem habe – und bis dann wirklich kein Weg mehr am (äußerst lästigen) Aufschreiben vorbeiführt.

 

Wie sah es bei Indianerland konkret aus: Hattest du die Geschichte und den Plot vor dem Schreiben bereits detailliert im Kopf oder nur eine Ahnung davon? Und hast du die Kapitel in der Reihenfolge geschrieben, in der sie im Buch sind?

Die Geschichte stand im Groben. Zwei Mädchen, ein Mord, Reise zum Festival an die Grenze, Happy End. Und ich habe dann tatsächlich die ersten zehn, fünfzehn Seiten mal probehalber geschrieben, um ein Gefühl für den Ton und das Tempo zu bekommen. Ich habe mit dem Intro losgelegt, das man auch jetzt noch am Anfang des Buches lesen kann. Dann kamen die Jungs am Strand. Das hat für mich alles gleich hingehauen. Als nächstes habe ich eine Art Chronologie in den Rechner gehackt, in der ich skizziert habe, was alles wann passieren muss. Drei, vier Seiten waren das, mehr nicht, eher weniger. Dann ging’s weiter. Stück für Stück. Geleitet von viel Bauchgefühl und ein wenig Kalkül. Was sollte man im Moment unbedingt wissen als Leser? Und was „rockt“ wohl am meisten? Ja, ich glaube, so ähnlich bin ich vorgegangen. So war das. Und nach neun Monaten hatte ich einen Roman. Unfassbar schnell. Ein „Rausch“ – wie man an dieser Stelle gerne sagt.

 

Wieso tauchen derart viele Insekten in Indianerland auf? Zufall?

Und dann sind die meisten Kleintiere ja auch noch tot … Aber es war schon Absicht. Die Frage kann ich, glaube ich, trotzdem nur so beantworten: Was wäre denn, wenn die Insekten nicht da wären?

 

Ein bisschen mehr könntest du schon verraten.

Ach, ich hätte nichts dagegen aus der Nummer rauszukommen, ohne am Ende doch noch über das Kribbeln und Krabbeln und Krauchen und solche Dinge zu sprechen, für die Insekten ja so stehen.

 

Noch mal zurück zur Western-Idee. Warum dachtest du, es könnte eine clevere Idee sein, den Stadtrand einer Großstadt von heute mit Cowboy- und Indianer-Szenarien kurzzuschließen? Für mich drängt sich der Zusammenhang jedenfalls nicht gerade auf.

Na, der Wilde Westen ist ja eher ein seltsamer Ort in unseren Köpfen, habe ich immer das Gefühl. Aber nichtsdestotrotz: Es gibt am Stadtrand von Hamburg durchaus „Prärie“. Unwirtliche Gegenden. Sehr steinig. Eigenwillige Vegetation. Und mit etwas Phantasie entdeckt man gar Schluchten, denen der Rocky Mountains gar nicht unähnlich. Naja, man entdeckt zumindest Schluchten.

 

„Angst Adrenalin Affenhitze.“ Der Text steckt voller Symbole, Metaphern und überzeugt durch einen unglaublich kunstvollen Umgang mit Sprache. Wie lernt man so zu schreiben? Und bezogen auf das Buch: Wie kam die Idee zustande, die Story in dieser sprachlichen Form umzusetzen?

Viel lesen. Viel ausprobieren. Viel löschen und wegschmeißen. Und dann noch mehr lesen und ausprobieren und löschen und wegschmeißen. Das sagen zwar alle. Aber an dieser Stelle stimmt das. Ausnahmsweise. Wobei es mir tatsächlich erstaunlich leicht fiel, für Indianerland eine Sprache zu finden. Ich hatte diesen Westernmetaphernfundus zum Beispiel, der sich als unheimlich reichhaltig erwiesen hat – und darüber war ich schon sehr froh.

 

Hattest du keine Sorge, dass diese Kunstsprache, die du in Indianerland benutzt, nicht zu deinem 17-jährigen Helden passen könnte?

Im Gegenteil. Es gibt ja Autoren, die zu glauben scheinen, ein Erzähler wirkt dann unheimlich jugendlich, wenn in jedem Absatz möglichst engmaschig Kraftausdrücke eingewebt werden. Oder (noch schlimmer) diese Romane, in denen vermeintlicher Jugendjargon auftaucht. Sorry, aber ultrauncool, muss ich sagen. Contraendkrass, ehrlich. Weil damit immer auch schon das Verfallsdatum in die Texte eingeschrieben ist. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte die Sprache „künstlich“, damit die Haltung umso „echter“ wirkt.

(Was jetzt leider kein toller Satz ist.)

Kleine Fußnote vielleicht noch: Ich habe mir regelrecht einen Sport daraus gemacht, ohne bestimmte Wörter auszukommen. Selbst das Wort „Scheiße“ taucht nicht einmal auf. Zum Ausgleich durfte Ponyhof dann einen einzigen befreienden Fluch ausstoßen. Er ist ja Hirnakrobat von der Uni. Da geht das wohl in Ordnung.

 

Warum war dir diese „Künstlichkeit“ so wichtig?

Das Sprachregister macht Figuren „lebendig“. Und gerade in einer Ich-Erzählung steht und fällt sehr viel damit. In seltenen Fällen gelingen über das Sprachregister sogar epochale Kunstgriffe. Der Fänger im Roggen: Holden Caulfield. Kennt jeder. Und das Revolutionäre war hier bekanntlich die Verwendung von verschwenderisch dosierten Slangausdrücken. Die wurden sogar gezählt. 255 goddams, 44 fucks. Und so weiter. Sehr lustig! Diese Art hat, weil sie so gut ist, natürlich Schule gemacht. Und mein Außenseiter sollte an der Stelle eben auch Außenseiter bleiben. Auch wenn er darunter leiden muss. Auch wenn es trotzdem nicht für einen epochalen Geniestreich langt. Einfach weil ich einen Riesenbammel davor hatte, dass schlimmstenfalls Jugendliche den Roman in die Hände bekommen und sagen: Ey, was ist denn das für ein Vogel? Uh, ein Möchtergern-Salinger – oder ist da nur der Wortschatz im Arsch? So etwas in der Kante denke ich selbst nämlich ständig, wenn ich zufällig mal ein handelsübliches Jugendbuch aufschlage.

 

Das große Thema von Indianerland ist das Erwachsenwerden. Und als Leser bekommt man von dir eine geballte Ladung Emotionen und unterschiedlichste Erfahrungen, die man während dieser Phase macht, um die Ohren gepustet. Was meinst du selbst, schwierige Zeit oder beneidenswerter Ausnahmezustand? Und warum wolltest du unbedingt noch mal 17 sein?

Ein Leben reicht sowieso nicht. Nie. Deshalb ist auch allen mein Neid sicher, die statistisch noch mehr von ihrem übrig haben als ich. Und tatsächlich war in meinem Leben mit 17 sehr viel los, was ich gerne erlebt habe. Erste Freundin, erstes Festival, erste Autofahrt allein mit Freunden. Ich habe tolle Literatur entdeckt, tolle Filme, tolle Musik, dabei viel gelernt, was noch heute erstaunlich wichtig für mich ist. Das ist mir beim Schreiben erst richtig aufgegangen. Und mal ehrlich: Wer mit Ende 30, Anfang 40 würde nicht gerne noch mal 17 sein?

 

Sind 17-jährige besonders interessante Protagonisten? Vielleicht Jugendliche sogar generell?

Jugendliche sind ja auch nur Menschen. Und damit auf jeden Fall schon mal sehr taugliche Protagonisten. Außerdem drückt man ihnen als Leser (aus nostalgischen Gründen) gerne die Daumen. Das ist nie verkehrt.

Was ich allerdings wirklich glaube: Es hat für einen Romanautoren keinen Sinn, die Jugend zu verklären. Es bringt umgekehrt auch nichts, die Sorgen und Probleme Heranwachsender als etwas ganz Besonderes anzusehen. Anders gesagt: Man ist kein besserer Mensch, weil man 17 ist. Aber auch kein schlechterer.

Ich fürchte sogar, die vielen Widersprüche des erwachsenen Lebens unterscheiden sich leider gar nicht groß von denen, die einem schon am Ende der Pubertät begegnen. Sie sind halt mit 15, 16, 17, 18 für einen selbst meist relativ neu. Aber prickelnde Lösungen gibt es für bestimmte Dinge einfach (auch später) nicht.

 

Was sind das für Widersprüche?

Hm. Jetzt kommen schreckliche Allgemeinplätze. Alle haben wir Angst. Obwohl wir das nicht wollen. Alle sind wir auf die eine oder andere Weise einsam. Obwohl wir auch darauf gar nicht scharf sind. Solche Sachen. Übrigens: Manche meinen, Literatur hilft in diesen Fällen zuweilen. Als Autor werde ich mich davor hüten, das jetzt jemandem auszureden.

 

An der Universität Hamburg unterrichtest du Schreibtechniken. Was kann man sich darunter vorstellen? Gibt es bestimmte „klassische“ Übungen oder hast du den Lehrplan selbst entworfen?

Inhaltlich geht es, grob gesagt, um das Geschichtenerzählen in verschiedenen Formen. Die Studierende schreiben Kurzgeschichten und Rezensionen, texten Werbeanzeigen und entwerfen Geschäftsbriefe. Ziel ist es dabei, klar zu machen, wie Texte grundsätzlich funktionieren. Nämlich immer als ein Zusammenspiel aus Inhalt, Form und Stil.

Zu dieser müden Weisheit gibt es selbstverständlich jede Menge Futter in Form von Beispielen, goldenen Regeln, die andere bereits ersonnen haben, und viel Arbeit am Text. Denn das ist das vielleicht Entscheidende: Zu lernen, wie man die eigenen Geschichten und Sätze betrachtet versteht verbessert. Und kürzt. Kürzen ist überhaupt sehr wichtig. Mehr verrate ich aber nicht, bis ich (Achtung, großer Brüller jetzt) mein bahnbrechendes Lehrwerk zum Thema veröffentlicht habe.

 

Und was ist deine Erfahrung, machen deine Studenten wirklich Fortschritte? Kann man das Schreiben lernen?

Die Wahrheit ist: Am Ende des Kurses bedanke ich mich bei den Teilnehmern stets mit dem Bekenntnis, dass ich unter Garantie mehr gelernt habe als sie. Und das ist keineswegs bloß eine launige Feststellung oder hanseatisches Understatement. Wer mit dem Schreiben vorankommen will, muss sich intensiv mit Texten beschäftigen. Und ich beschäftige mich mit jedem Text, der im Seminar entsteht. Das hilft mir wirklich ungemein.

 

Lesen die Studenten Indianerland?

Ich verbiete es ihnen nicht. Aber ich weise, ehrlich gesagt, nicht einmal darauf hin, dass es diesen Roman und andere Bücher von mir gibt. Es geht schließlich nicht um mich, sondern um die, die da vor mir sitzen. Und um deren Texte. (Klar, das soll jetzt einfach nur wahnsinnig bescheiden klingen. In Wahrheit weiß ich natürlich, dass die ohnehin clever genug sind, nach ihrem Dozenten zu googlen, wenn die merken, der erzählt nicht bloß Müll.)

 

Vor Indianerland hast du den Roman Kasse 53 geschrieben. Auch darin geht es um die Großstadt und darum, wie sie ihre Bewohner prägt, das Verlorensein in der Anonymität und das Sich-dagegen-Wehren. Das Bedürfnis nach der eigenen kleinen Profilierung scheint der rote Faden in deinen Geschichten zu sein. Ist es zu persönlich zu fragen, woher dies kommt?

Ziemlich am Anfang meiner Schriftstellerlaufbahn riet mir mein alter Handballtrainer: Deine Herkunft ist das Pfund, mit dem du wuchern musst, weil du nämlich weißt, dass es in diesen Hochhaus-Treppenhäusern nach Klebstoff, Pisse und Kohl mieft. Das mit den Treppenhäusern ist nicht ganz korrekt. Aber wahr ist: Ich habe bis 19 in Plattenbaublocks am Stadtrand gelebt. Dritter Stock. Malerischer Blick – selbst wenn man keine Schwäche für Beton und achitektonischen Brutalismus hat. Und sofern ich pathetisch aufgelegt bin, behaupte ich zuweilen: Ich empfinde da eine gewisse Verantwortung. Was vermutlich okay ist, weil ich das dann als Schriftsteller von mir gebe. In Wahrheit ist Kulisse aber immer bloß Kulisse.

 

Wie geht es nach Indianerland weiter?

Ich würde gerne eine Trilogie über das Erwachsenwerden schreiben, eine Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie. Teil zwei ist auch schon in Arbeit. Er soll Stadtrandritter heißen.

 

Stadtrandritter wird nach dem Indianerland auf jeden Fall ein Buch, für das die Latte hoch liegt. Einerseits sollte es sich auf den Vorgänger beziehen, sowohl stilistisch, als auch inhaltlich eine Fortsetzung sein, andererseits sollte es auch eigenständig bestehen können … Ich bin gespannt!

Ich auch. Die Latte liegt bei jedem Roman unsagbar hoch. Aber das ist auch der Spaß: Helm auf und losstürmen!

 

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*Vielen Dank für die Vorarbeit beim Zusammenfassen der wesentlichen Inhalte des „Live-Chats“ an Sophia!

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