Indianerland (2012)

by Nils Mohl on März 19, 2012

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Noch mal mit 17 um die Häuser ziehen

Nils Mohl über „Es war einmal Indianerland“

März 2012. Nach der Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis stellte Nana Wallraff von der Les(e)bar, der Internetzeitschrift für Kinder- und Jugendliteratur an der Uni Köln, dem Autor zehn Fragen. Das Interview wurde per E-Mail geführt.*

 

Erst kürzlich haben Sie mit Ihrem Roman nach dem Gewinn des renommierten Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreises, das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium gewonnen – nun folgte die Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Wie fühlen Sie sich heute?

Bestätigt. Beschenkt. Beglückt. Und als Nominierter plötzlich wieder in der Rolle des Underdog. Was mir immer gefällt. Davon abgesehen, gebe ich mir große Mühe, die vielen Liebesbekundungen für den Roman vor allem zu genießen. Sie kamen nicht über Nacht. Und nächstes Jahr wird wieder eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Das ist so sicher wie der Ritt ins Abendrot am Ende des Westerns.

 

Wie wichtig sind Ihnen solche Preise?

Wenn man dem Esel die Möhre hinhält, dann will er die haben. Ein Naturgesetz, oder? Und diese Auszeichnungen bewirken für den Roman wirklich etwas. Der Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis zum Beispiel ist gut sieben Monate nach Erscheinen so eine Art Spätzündung für Indianerland gewesen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es gerade mal zwei nennenswerte Besprechungen – und wer die Zyklen der Buchbranche kennt, weiß: Nach einem halben Jahr kommt das nächste Programm und ein Titel, der bis dahin keinen Staub aufgewirbelt hat, kann im Grunde für tot erklärt werden. Deshalb ist der Gedanke heute, dass durch die ganzen Auszeichnungen vielleicht doch ein paar Leser mehr erreicht werden, denen die Lektüre etwas bedeutet, beinah unwirklich. Aber schön.

 

Ihr Roman trifft offensichtlich einen Nerv – und ist dabei sehr außergewöhnlich. Wie kam es überhaupt zu diesem Projekt?

Mein erster Roman, Kasse 53, der erzählerisch recht eigenwillige Wege geht, war knapp an der Veröffentlichung in einem großen Verlag vorbeigeschrammt. Es folgte eine Sammlung Kurzgeschichten, die auch nicht die übliche Hausmannskost bietet und ebenfalls in einem Kleinverlag erschien. Ich hatte mich gerade auf ein äußerst ruhiges Dasein als Autor für ein handverlesenes Publikum eingestellt – da kam dann eine Anfrage von Rowohlt. Dort war die Leiterin Jugendbuch, Christiane Steen, über eine meiner Storys aus Ich wäre tendenziell für ein Happy End gestolpert. Schnelle Schnitte. Non-lineare Zeitstruktur. Der Held ein Teenager aus einer Plattenbausiedlung am Stadtrand. Sie wollte wissen, ob ich mich nicht an einem Roman für Jugendliche versuchen möchte und gab mir drei Wochen für ein Exposé. Einfaches Taschenbuch, Umfang maximal bis 180 Seiten: Das war so die Vorstellung.

Ich wiederum wollte wissen, ob man mich wirklich machen lässt, wenn ich Null Rücksicht darauf nehme, was man sich von mir wünscht und in welcher Abteilung der Buchhandlungen der Roman später ausliegen würde. Also habe ich über Geschichten nachgedacht, die ich immer schon erzählen wollte – und zum Teil bereits zuvor angegangen war. Dabei wurde mir bewusst, was für ein berauschendes Erlebnis das werden könnte, noch mal mit 17 um die Häuser zu ziehen. Und so kam es dann. Und man ließ mich wirklich machen. Auch als aus den geplanten 180 Seiten schließlich 345 geworden waren, zuckte man kaum mit der Wimper. Eher im Gegenteil: Man entschied sich beim Verlag kurzerhand für eine Klappbroschur-Ausstattung und ließ mich den Gestalter für das Cover auswählen. So gesehen: Der Titel des Romans passt in Teilen auch ganz gut zur Entstehung.

 

Stopp – Pause – Rewind – Fast Forward – War die ungewöhnliche zeitliche Konstruktion des Romans von Anfang an so angelegt?

Die Verwirrung der Gefühle ist ja nun das Klischee schlechthin, wenn man über Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden spricht. Es lag wirklich nah, das so zu regeln. Gerade weil es auch um das Thema Liebe geht. Um einen Prozess, der von der reinen Schwärmerei wegführt, hin zur Bereitschaft, jemand eigentlich Fremdes mit Vertrauen zu begegnen, Intimität zuzulassen und all diese Dinge. Das ist jenseits der Fiktion, wie jeder weiß, meist ebenfalls kein auffällig gradliniger Prozess. Ich fand es deshalb unheimlich reizvoll und schlüssig, das innere Ringen des Helden, sein Hin und Her, auch in der Form des Romans abzubilden.

Ich wollte außerdem, dass man als Leser so nah am Erzähler wie nur möglich ist, dass man mit ihm die Welt wahrnimmt, ja, erlebt. Man sollte verfolgen können, wie die Eindrücke auf ihn einstürmen, wie nach und nach eine gewisse Ordnung entsteht. Ich wollte schließlich auch, dass man als Leser noch auf einer anderen Ebene eine Erfahrung macht, die dem Geschehen ähnelt, von dem die Rede ist. Ich wollte, dass man dem „Autor“ mehr als sonst Vertrauen schenken muss, bevor man sich dann in Indianerland „vergucken“ darf. Ich wollte eine bestimmte Wirkung. Ja, das war von Anfang an so geplant.

Kleine Fußnote: Auch das Ende, das ganz vereinzelt als Haar in der Suppe wahrgenommen wird, ohne dass ich je verstanden hätte, warum, stand von Anfang an fest. Und ich halte es, ehrlich gesagt, auf seine Weise für ziemlich mutig, womöglich sogar für radikal.

 

Wie sind Sie dann vorgegangen? Als Leser denkt man ja, bei einer solchen Zeitkonstruktion könnte man beim Schreibprozess auch schon einmal gehörig durcheinanderkommen.

Es kann immer unheimlich viel schief gehen beim Schreiben. Hier war das aber einfach nicht der Fall. Vielleicht, weil ich nur gemacht habe, wozu ich große Lust hatte. Das klingt im ersten Moment womöglich nach einem Widerspruch zu der akribischen Planung der gewünschten Wirkung, aber die Zeitkonstruktion ist trotzdem im ersten Teil relativ spontan entstanden. Ich wusste, es sollte mit dem Regen am Strand losgehen. Mit einem Moment der großen Enttäuschung. Der aber wiederum nichts im Vergleich zu den Schmerzen sein würde, die der Held im Kontrast dazu noch erfährt – Schmerzen, die weit über bloß gekränkte Eitelkeit hinausgehen. Und am Tiefpunkt, das wusste ich auch, musste die Reise ins Unbekannte beginnen, an Grenzen und weiter.

Weil ich den chronologischen Ablauf aber vorab schon grob im Kopf hatte (und zudem äußerst präzise Vorstellungen von den Figuren und Orten), konnte ich mich ganz prima in dieser Welt bewegen. Beinah wirklich wie jemand, der sich erinnert und beim Erinnern selbst versucht, den Überblick zu bekommen. Assoziativ. Und dann doch sehr darauf bedacht, den Leser nicht unnötig hinzuhalten, sondern zu entlohnen für den Vertrauensvorschuss – mit mehr und mehr Erkenntnis und Aha-Erlebnissen.

 

In Ihrem Roman finden sich zahlreiche Referenzen an den Film – sei es das Western-Motiv, oder die Erzählanlage, die in ihrer Unzuverlässigkeit an Fight Club, in der zeitlichen Konstruktion dann wieder an Pulp Fiction erinnert. Verstehen Sie Ihr Buch in diesem Sinne auch als eine „Hommage“?

Der Roman soll Spaß machen. Er soll unterhalten. Gerne jede und jeden. Egal ob 17, 47 oder sonst wie alt. Gerne auch alle, die das erzählerische Leitmedium unserer Tage lieben – so wie der Autor. Und wenn man die Verneigungen vor den Größen erkennt, denen Es war einmal Indianerland ein bisschen was hier und ein bisschen mehr dort zu verdanken hat, finde ich das nicht verkehrt. Sergio Leone zum Beispiel wird vielleicht einigen als Referenzgröße besonders auffallen. Das geht ja schon beim Titel los und hört beim Genre noch lange nicht auf.

Kunst ist eben zu großen Teilen immer Montage von Vorhandenem, mal mehr, mal weniger originell. Von Kunsthandwerk unterscheidet sie allerdings der Anspruch, dennoch etwas Neues zu wagen und sichtbar zu machen. Also behaupte ich jetzt: Die Verweise dienen hier in erster Linie der Geschichte. Sie charakterisieren nicht zuletzt den Ich-Erzähler, machen ihn komplexer. Für ihn heißt es ja: jeden Mittwoch Filmabend. Edda lernt er nun auch nicht an einem x-beliebigen Ort kennen. Und sie schlafen in einem verlassenen Autokino das erste Mal nebeneinander ein … Vielleicht ist Indianerland nichtsdestotrotz eine Hommage an eine bestimmte Art des Erzählens? Wer weiß. Ich habe so darüber noch nie nachgedacht.

 

Sie pflegen eine Facebook-Seite und antworten dort auch persönlich auf Fragen, Anregungen und Kritik Ihrer Leserinnen und Leser. Wie wichtig ist Ihnen dieser Kontakt?

Der Social-Media-Austausch oder auch mein Blog sollen zunächst einfach ein Angebot für Leser sein, das Lektüreerlebnis wach zu halten oder gar zu vertiefen, gerne auch etwas nachfragen zu können, sich bestenfalls mit anderen Lesern auszutauschen. Was das Ganze möglichst nicht sein soll: der große Ego-Trip. Diese facebook-Seite speziell betreibe ich deshalb hauptsächlich wie einen Neuigkeiten/Info-Ticker. Und ich biete das natürlich auch an und mache das mit, weil ich neugierig bin. Ist da wer draußen? Und wenn ja, wer? Außerdem erscheint es mir auch ganz lehrreich zu sein, darüber nachdenken zu müssen, wofür man als Autor stehen möchte – und was letztlich das eigene Ziel als Schriftsteller ist. Geht es mir hauptsächlich um Haltung und ästhetische Fragen? Oder um Popularität und Unternehmertum? Das ist manchmal ein schmaler Grat: Wofür und von welcher Seite will ich Applaus – und wofür und von welcher Seite lieber nicht?

 

Inzwischen kommt ihr Roman auch in Schulen und auch in zahlreichen Seminaren in der Universität zum Einsatz. Selbst im Staatsexamen wird er zum Thema gemacht. – Wie fühlt sich das für Sie an?

Ich drücke allen die Daumen, dass es gute Noten gibt.

 

Derzeit warten wir gespannt auf Ihr neues Buch Stadtrandritter. Worauf können wir uns da freuen?

Auf Silvester und Merle, die darum kämpfen, zueinander zu finden. Auf Domino, die etwas dagegen hat. Auf Kitty, Silvesters verstorbene Schwester, die in ihrem Bruder noch sehr lebendig ist. Auf den Stadtrand im Herbst – mit viel fallendem Laub und Regen. Auf eine Geschichte um Eifersucht, Verrat, Gemeinschaft und um die Frage, woran glauben? Auf ein Wiedersehen mit Kondor. Auf ein Wiedersehen mit Edda und Mauser. Auf bewohnte Autowracks. Auf Feuer. Auf ein Epos in neun Aventiuren – und mit alternativem Ende. Auf etwas, das auf jeden Fall  besser wird als die Klappentext-Prosa, nach der das jetzt klingt. Versprochen.

 

Und danach? Gibt es schon weitere Projekte?

Indianerland und Stadtrandritter sind die ersten zwei Teile einer geplanten Trilogie über das Erwachsenwerden – keiner Serie, sondern tatsächlich einer Trilogie im klassischen Sinne. Alle Teile sollen auch für sich stehen können und zusammen trotzdem mehr ergeben als ihre Summe. Am Ende hätte ich dann gerne eine Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie im Schuber: 1000-nochwas Seiten plus Making-of als Bonusmaterial. Und danach schlafe ich dann mal wieder richtig aus.

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*In ursprünglicher Form erstmals im Mai 2012 hier erschienen.

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