Indianerland & der Deutsche Jugendliterturpreis (2012)

by Nils Mohl on November 1, 2012

__

Ein Abenteuer nach dem anderen

Nils Mohl über „Es war einmal Indianerland“

Oktober und November 2012. Regina Pantos vom Arbeitskreis Jugendliteratur portrtärtierte für die „JuLit“ den Sieger des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Jugendbuch und führte dafür auch ein Gespräch mit dem Autor per E-Mail.*

 

Sie haben Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Linguistik, Volkskunde und Kulturmanagement an vier verschiedenen Universitäten studiert. Und auch als Bauarbeiter, Baggerfahrer und zwei Jahre an der Kasse eines Medienkaufhauses gearbeitet, bevor Sie 2008 Ihren ersten Roman „Kasse 53“ veröffentlichten. Welche Bedeutung haben diese Stationen auf dem Weg zum Autor von „Es war einmal Indianerland“ gehabt?

Mit meinen über 25 Semestern an Hochschulen habe ich viel Zeit geschunden. Mit den Jobs unterm Strich viel Zeit vertan. Mit „Kasse 53“ wäre ich gerne gleich lieber bekannt als wohlhabend geworden – am Ende passierte aber weder das eine noch das andere. Alles zusammen hat bei mir offensichtlich bestimmte Gewohnheiten ausgeprägt. Ich habe stur weitergelernt, ich habe weitermalocht (und dabei den aktuellen Kontojob stets verflucht), ich habe weitergeschrieben.

 

In einem Interview haben Sie gesagt: „Jeder gute Roman kann nur von einem bestimmten Menschen geschrieben werden.“ Was hat Sie speziell prädestiniert „Es war einmal Indianerland“ zu schreiben?

Die Frage reiche ich dann gleich mal an meine späteren Biografen durch. Den zitierten Satz halte ich, davon abgesehen, aber nach wie vor für soweit in Ordnung. Gerade in dem Anspruch, der damit formuliert ist. Geschichten zu erzählen, die uns nicht in unseren Vorurteilen bestätigen, die nicht bloß aufwärmen, was wir eh schon alles kennen und hundert Mal gehört haben – das muss doch das Ziel sein. Heißt: raus aus der Deckung. Godard, glaube ich, hat es sinngemäß mal so gesagt: Eine Geschichte muss man erst erleben, bevor man sie erfindet. Und so habe ich mit Indianerland angefangen: Ich habe überlegt, was ich mit 17 erlebt habe. Dabei wurde mir klar: Ich war mit 17 kein goldiges Kerlchen. Ich war aber auch kein besonderes Scheusal. Ich war ein bisschen beides. Dann habe ich mir so meinen Reim darauf gemacht und mir eine neue Geschichte für mich erfunden.

 

„Wenn Mohl, Jahrgang 1971, von Vita und Wirken erzählt, klingt er realistisch, bescheiden. Nicht wie einer der großkotzigen Popliteraten, bei denen Show mindestens so zum Berufsbild zählt wie ihre Texte.“ Diese Beschreibung aus dem Hamburger Abendblatt deckt sich mit meinem Eindruck von Ihnen. Die Halbwertzeit von Büchern und Autoren scheint aber immer kürzer zu werden. Sie müssen wahrgenommen werden, sonst sind sie weg vom Fenster. Wie sehen Sie dieses Problem?

Oh, für einen verkappten Großkotz wie mich bedeutet diese Bescheidenheitsmasche viel harte Arbeit. Unterschätzen Sie das nicht! Aber zumindest habe ich auf die Art, so die Hoffnung, eine Nische gefunden, in der man halbwegs mit Würde alt werden kann. Falls nicht, müsste ich am Ende ja doch weiter auf die schweißtreibende Variante setzen und anständige Werke abliefern. In dem womöglich naiven Glauben, dass das überhaupt der Königsweg zu den Hirnen und Herzen der Leser ist.

 

Für die Lektüre von Es war einmal Indianerland braucht man Zeit und Geduld. Dem Leser, der scharf auf die Story ist, legen Sie einen Stolperstein nach dem anderen in den Weg und zwingen ihn, die Fakten wie in einem Puzzle zuzuordnen und sich auf eine komplizierte Erzählstruktur einzulassen. Dies ist ungewöhnlich für ein Jugendbuch. Warum haben Sie diese Form gewählt?

Na, es geht aber auch ziemlich die Post ab, das sollte man vielleicht nicht unterschlagen. Mord, Freibadeinbruch, Boxkämpfe, Wildunfall, Musikfestivals, Indianer. Und für die Wahl der Form gibt es diverse Gründe. Auch gute, behaupte ich. Um jetzt aber niemanden zu bevormunden, indem ich einfach alle Gründe aufzähle, die mir einfallen, picke ich mir mal einen raus. Es ist ja so: Eine lineare Erzählung suggeriert immer eine gewisse Folgerichtigkeit. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich in der Adoleszenz das Leben als eine Abfolge von äußerst folgerichtigen Ereignissen empfunden hätte, speziell nicht in den Momenten, als aus den ersten Schwärmereien mehr wurde.

 

Beim Lesen Ihres Buches hatte ich den Eindruck, dass Sie sich sehr gut auskennen mit den Orten, an denen die Geschichte spielt, mit den sozialen Milieus und mit der Psyche der Jugendlichen. Welche Bedeutung hat Authentizität für Sie bei der Gestaltung der Handlung und der Sprache der Protagonisten?

Gaukler, die wir Schriftsteller sind, legen es auf die Erzeugung von Illusionen an. Nicht auf Authentizität. Und man ist dann sehr glücklich, wenn so eine Großillusion, wie ein Roman, funktioniert. Wobei meist ein recht schamloser Umgang mit der Wirklichkeit dafür vonnöten ist. Plus viel Übung. Plus eine große Portion Fleiß. Es reicht ja nicht, mal eben das Wort Hochhauseckblock hinzuschreiben und zu hoffen, alle Leser sehen sofort die Plattenbausiedlung in Jenfeld vor sich, die mir Modell gestanden hat. So funktioniert das nicht. Ortskenntnis nützt nichts ohne die Fähigkeit, Satz für Satz wirklich Welt entstehen zu lassen. Und diese Welt ist wiederum ja auch nur Kulisse, die der Geschichte dient. Wie auch das sprachliche Register, das den Figuren zur Verfügung steht. Der sehr offensichtliche Trick an der Stelle war, meinen Helden mit einem Wortschatz auszustatten, der ihn aus der Masse der Gleichaltrigen deutlich herausstechen lässt. Ich glaube, wir Leser mögen einfach Typen, die ein bisschen mehr draufhaben als der Durchschnitt.

 

In der Ausschreibung zum Deutschen Jugendliteraturpreis heißt es: „Mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis werden jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Dadurch sollen Kinder und Jugendliche zur Begegnung mit Literatur angeregt werden.“ Oft sind an diesen Begegnungen auch die Autoren der Bücher beteiligt, z.B. durch Lesungen oder Teilnahme an Literaturprojekten. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Autor in diesem Zusammenhang?

Das sind echte Feuerproben. Die meisten Jugendlichen treffen einen ja tendenziell eher halbfreiwillig. Meine Rolle besteht dann erst einmal darin, möglichst vielen von ihnen das Gefühl zu geben, während der Zeit, in der ich da bin, keine Lebenszeit zu vergeuden. Wenn es richtig rund läuft, macht es bei den einen oder anderen vielleicht auch klick und sie kommen auf den Trichter, dass es sich lohnen könnte, künftig mehr Lebenszeit in Literatur zu investieren. Ein paar wissen es aber auch längst, bevor ich aufkreuze: Literatur ist eine Art Lebenserweiterung. Mit Blick auf die ist meine Rolle denkbar einfach. Denen blinzle ich kurz bestätigend zu, wenn ich sie erspähe, möglichst unpeinlich. Wie Motorradfahrer sich grüßen. Oder so.

 

In Ihrem Buch muss der Leser wie in einem Film vor und zurückspulen. Am Ende des Buches gibt es eine Titelliste mit dem Soundtrack zum Buch. Im Text selbst gibt es Anspielungen auf Filme und Musik. Der Titel erinnert an Filmtitel von Sergio Leone. Der Jugendclub des Deutschen Theaters Berlin arbeitet an einer Adaption des Buches für das Theater. Neben der Printversion gibt es auch eine Digitalversion Ihres Buches. Da drängt sich die Frage auf, welchen Stellenwert Sie der Literatur innerhalb der gegenwärtigen Medienwelt beimessen. 

Wenn ich in Form bin, behaupte ich gerne: Die Welt ist aus unseren Geschichten gemacht. Und die Kunst des Erzählens hat deshalb erhebliche Bedeutung für uns, für unser Miteinander. Mit ihrer Hilfe verschieben wir die Grenzen unserer Vorstellungen, mit ihr regeln wir unser Zusammenleben zu ganz erheblichen Teilen, wenn ich das richtig sehe. Deshalb ist der Literatur unbedingt ein besonderer Stellenwert beizumessen. Noch immer. Der Film mag das erzählerische Leitmedium unserer Tage sein, aber er bleibt seiner Natur nach ein Gruppenprojekt, ein Kompromiss. Die radikalsten und komplexesten Geschichten erzählt deshalb nicht das Kino, die erzählt weiterhin der Roman. Auch weil er aus einer Geschichte so viele Filme macht, wie es Leser für sie gibt. Und die wirklich guten und radikalen Geschichten sind zäh, die nisten sich in unseren Köpfen ein. Die produzieren da oben Welt. Ich weiß natürlich, wie das klingt. Wie die Litanei des Schusters, der sich ebenfalls sehr, sehr sicher ist, dass der Fortschritt der Menschheit von der Qualität seiner Leisten und seines Handwerks abhängt. Und da hat er ja nicht Unrecht.

 

In Ihrer Rede zum Kranichsteiner Stipendium gibt es drei Rufe aus dem Off: „Und wer macht den Abwasch?“ „Und wer macht die Wäsche?“ „Und wer bringt den Müll raus?“ Obwohl Rollenkonflikte bevorzugt als Frauenthema gelten, die Frage an Sie: Wie bringen Sie Ihre Rollen als Vater von drei Kindern, Ehemann, Angestellter in einer Werbeagentur, Dozent für Schreibtechnik an der Universität Hamburg und preisgekrönter Autor unter einen Hut?

Ich gucke kaum Fernsehen und, im Gegensatz zu früher, vor allem nur noch ganz selten Fußballübertragungen. Enorme Zeitersparnis. Außerdem bin ich nicht in allen Rollen gleich erfolgreich und ehrgeizig. Nils Mohl zu sein ist deshalb, behaupte ich, deutlich weniger aufreibend als es ganz offenbar den Anschein hat. Ich habe eine famose Familie und wir kommen über die Runden. Trotz der Schreiberei, für die sich bisher immer Zeit finden ließ. Solange das so bleibt, schiebe ich meine Steine gerne wieder und wieder den Berg hoch. Stellen Sie sich mich einfach als einen sehr glücklichen Menschen vor.

 

Helfen Stipendien und Preise einem Autor im heutigen Literaturbetrieb weiter?

In meinem Repertoire hätte ich da gleich drei Antworten. Einfach persönlichen Favoriten auswählen: 1. Aber ja, Auszeichnungen helfen ungemein, manchmal sogar finanziell. 2. Nun, menschlich eher weniger, weil man natürlich glaubt, jede einzelne Trophäe wahrlich verdient zu haben. 3. Künstlerisch leider gar nicht. Dem wahren Künstler sind Lob und Preis stets sicheres Anzeichen dafür, noch lange nicht weit genug gegangen zu sein.

 

Bei Rowohlt ist Ihr neues Buch „Stadtrandritter“ für Frühjahr 2013 angekündigt. Was erwartet den Leser? Und wie sehen Ihre weiteren literarischen Pläne aus?

Hier die ungeschminkte Wahrheit: Nach den zahlreichen Ehrungen für Indianerland wäre es vermutlich nicht dumm, sich an lauwarmen Aufgüssen zu versuchen, die in etwa nach demselben Rezept funktionieren wie der preisgekrönte Vorgänger. Weil aber zu befürchten steht, dass man auf die Art leicht Prügel bezieht, tingle ich schon geraume Zeit mit der vollmundigen Ankündigung durch die Lande, mit Indianerland eine Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie über das Erwachsenwerden begonnen zu haben. Und tatsächlich schmeiße ich mich für den Mittelteil jetzt seit über zwei Jahren schon rein, buchstäblich mit allem, was ich habe. Was ich sagen kann: Den Leser von Stadtrandritter erwarten eine brennende Kirche, Unmengen fallendes Laub und diverse Kreuzzüge gegen die Zumutungen des Erwachsenwerdens. Ein Roman über Enttäuschungen, über Verlust und Eifersucht. Ein Herbstbuch. Finsterer als Indianerland. Und ein echtes Epos, ein Wälzer, der deshalb auch ein paar Monate später erscheinen wird als angekündigt. Danach kommen dann noch die Astronauten an die Reihe und der Frühling. Ein Abenteuer nach dem anderen.

__

*Erstmals im Dezember 2012 im Heft 4/12 der Zeitschrift „JuLit“ erschienen.

__

<< zurück zum Archiv | vor zum nächsten Interview >>