Januar 2013

by Nils Mohl on Februar 1, 2013

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3.1.

Apotheke Jenfeld Nils Mohl

 

6.1.

Rittlings in Schonhaltung auf dem Sofa, Rechner im Schoß. Ein Kissenberg für die Beine. Bin wirr. Der Tannbaum fehlt. Vielleicht ist es das. Oder es sind doch die Schmerzmittel. Oder es liegt schlicht mal wieder an dieser Bestie von Roman. M. und ich arbeiten via Skype an AV II. Marginale Fortschritte. Dann längeres Schweigen, die Gedanken stieben in diese und jene Richtung, bis M. sich mit einem Mal räuspert:

– Bozorg und Kondor. Ist dir das mal aufgefallen?
– Was?
– Du hast zwei Figuren mit zwei Os im Namen.
– Oh, oh!

 

7.1.

Sulfone Januar Nils Mohl

 

8.1.
Erster Tag des Jahres beim Kontojob. Bestücke als wichtigste Amtshandlung des Vormittags die Mediathek meines Agenturrechners mit allem von Sophie Hunger. Kollege Sch. schaut auf das Lana Del Rey-Poster an der Wand unserer Box:

– Brauchen wir ein neues Poster?
– Wieso?
– Du bist verliebt.
– Ich bin frisch verliebt, ja.
– Hm, du verliebst dich leicht.
– Nein.
– Doch.
– Ich verliebe mich gerne, das stimmt. Aber nicht leicht.
– Hm.
– Was ist? Ich bin gerne verliebt, das ist eine meiner besseren Eigenschaften.

 

15.1.
Im ICE 772 Stuttgart – Hamburg, während sich die Sonne  über frostweißen Feldern erhebt. Ein poppig-oranges Rund. Aufräumen: 45 Seiten hat das Dokument, in dem ich in den letzten zwei Wochen gearbeitet habe, und noch einmal 39 Seiten das völlig unsinnige Experiment, der letzte Woche unter Drogen verzapft wurde, ein unfassbarer Müll, der mich aber auf die Schiene gesetzt hat. Über 80 Seiten an Entwürfen, von denen am Ende gut zehn stehen geblieben sind. In Zahlen: 10.

(Der neue Anfang.)

 

15.1.

ICE 772 Stuttgart Hamburg Nils Mohl

 

16.1.
Mit dem Vertrag für das Festival „Huch, ein Buch!“ kam letzte Woche auch eine Zeitschrift, die der Darmstädter Veranstalter anscheinend regelmäßig drucken lässt. Termine. Künstlerporträts. Vorschautexte. Werbung. Jetzt fällt mir die Titelgeschichte auf. Eine Sophie-Hunger-Ankündigung. Schneide das Bild aus und hänge es beim Kontojob später neben das Poster von Lana Del Rey. Kollege Sch. verfolgt das stumm. Ich : „Schade, leider habe ich keinen Fotoapparat dabei, aber die Szene stellen wir bei Gelegenheit nach.“

(Die Authenzität des Jetzt und Hier.)

 

17.1.

Kollege Sch., Lana und Sophie

 

22.1.

„Aber es gibt noch eine andere Dichotomie, die ich vorschlagen möchte. Ich glaube, es gibt einen Trend, der immer noch anhält und sich eher an Jugendliche wendet. Die Adoleszenz steht da im Vordergrund, es geht um adoleszente moralische Unbedingtheiten. Eine Art Erbauungsliteratur, die guten Absichten den höchsten Wert beimisst. Daneben gibt es Werke, die mir erwachsener vorkommen. Es ist ja gerade nicht besonders in, erwachsen zu sein. Wir leben in einer Jugendkultur.“

Jonathan Franzen, Interview mit Die Welt

 

22.1.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Das ist es eben. Die Art von Literatur, in der es sich hauptsächlich um die guten Absichten dreht, die ist ja nicht auf ein Genre begrenzt. Schon gar nicht auf das, das sich vermeintlich vor allem an Jugendliche wendet. Ein guter Roman über das Heranwachsen müsste deshalb auch einer sein, der sich nicht damit begnügt, das Erwachsenwerden als einzige Zumutung darzustellen, sondern tendenziell eher als  reizvolle Herausforderung. Gerade weil das heute natürlich eine vermeintlich unpopuläre Haltung ist.“

 

23.1.

Kollege Sch. und ich diskutieren einen Talkshowauftritt von Sophie Hunger.

– Was ist denn nun so toll an Sophie Hunger?
– Ihre Musik?
– An der Person, meine ich.
– Ich weiß.
– Also?
– Die Haltung. Es ist immer die Haltung.

 

28.1.

Philturm. Raum 1263. Nehme den Schlüssel vom Tisch, knipse das Licht aus. Auf der Uhr im Gang stehen die Zeiger ziemlich genau auf 19.45 Uhr. Der letzte von (im Kopf überschlagenen) rund 150 Montagabenden, die ich in den letzten fünf Jahren an der Uni verbracht habe. Elf Semester „Schreibtechniken“. Über 300 Studierende. Knapp 4.000 gelesene Hausarbeitstexte. Montags von 18 bis 20 Uhr war ich regelmäßig ein äußerst glücklicher Mensch.

(Der beste Job von allen.)

 

28.1.

Philturm Raum 1263 Nils Mohl

 

31.1.

M. geht mit mir noch einmal via Skype die ersten 25 Seiten durch. „Ja“, sagt er dann. Und nach längerer Pause noch: „Ja, das ist jetzt ein exzellenter Anfang.“ Und M. ist niemand, der zu Überschwang neigt. Zum ersten Mal ein Anflug von Gewissheit, dass doch noch alles gut, die Bestie niedegerungen wird. A. bemerkt das Lächeln, mit dem ich mich kurz darauf in die Federn verabschiede. Lächelt wissend zurück.

(Lohn des Fleißes.)

 

31.1.

VR China Nils Mohl

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Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

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