Jugend und Literatur (2012)

by Nils Mohl on Dezember 7, 2012

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Die Welt ist aus unseren Geschichten gemacht

Nils Mohl über Bücher für Heranwachsende und das Erzählen

Oktober 2012. Nach dem Gewinn des Deutschen Jugendliteraturpreises führte Ulf Cronenberg für seinen Blog mit dem Autor ein Gespräch per E-Mail, das sich bis zum Dezember 2012 nach und nach zum  fertigen Interview entwickelte.*

 

Herr Mohl, am Montag, nachdem Sie für „Es war einmal Indianerland“ den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen hatten, war ich in meinem „Haus-Buchladen“. Die für den Kinder- und Jugendbuchbereich zuständige Buchhändlerin wusste noch nichts von den Preisträgern. Ihre Reaktion, als ich „Es war einmal Indianerland“ als Preisbuch im Jugendbuchbereich nannte, war: „Ich fand das Buch schon gut, aber ich weiß nicht, wem ich es empfehlen soll.“ Eine für Sie verständliche Reaktion?

Was ich mir jetzt vorstelle: Ihre Buchhändlerin im kundenleeren Geschäftsraum, der verzweifelte Blick geht zur Ladentür. Niemand kommt. Aber ich ahne, die Reaktion hatte nichts mit den Problemen des stationären Buchhandels zu tun, sondern etwas mit Form und Sprache meines Romans, oder? Sie haben hoffentlich nachgefragt: Wo genau drückt denn der Schuh? Eigentlich geht es in Indianerland ja vor allem um die Liebe und das Erwachsenwerden, Themen von steter Aktualität und Dringlichkeit, wenn ich richtig informiert bin. Und ordentlich zur Sache geht’s außerdem: Mord, Boxkämpfe, abenteuerliche Freibadnächte und Festivals, Indianer. Ich bilde mir ein, so etwas müsste sich doch ganz prima unter Leute bringen lassen.

 

Ich habe nur oberflächlich nachgefragt, weil ich nicht so viel Zeit hatte. Aber ersichtlich war, dass die Jugendlichen, die die Buchhändlerin berät, meist einer bestimmten Zielgruppe entsprechen: eher Mädchen als Jungen, viele Fantasy- und Thriller-Leser, wohl eher wenig interessiert an komplexen und vielschichtigen Geschichten. Vielleicht stehen potenzielle Leser von „Es war einmal Indianerland“ im Alter von 15 oder 16 Jahren eben eher vor den Erwachsenenregalen?

Für mich war in dem Alter die Jugendabteilung ebenfalls Tabu. Schlechte Erfahrungen, steigende Ansprüche. Und die Vielleser, die es auf eine bestimmte Kost abgesehen haben, bekommt man ohnehin nur schwerlich, wenn man seine Sache als Schriftsteller ernst nimmt. Trash-Junkies können sich ihr Zeug ja völlig legal und zu Schleuderpreisen überall holen. Das Genre-Stigma ist vermutlich also nur ein Problem von vielen. War es aber schon immer. Raymond Chandler, zweifelsfrei Hochliteratur, findet man bis heute tendenziell eher in der Krimi-Ecke. Wenn man ihn denn dort überhaupt findet, zwischen der ganze Saisonware, die ja auch die anderen Regale rundum verstopft. Sie wissen das natürlich: Mit der eigenen Lesebiographie ist es wie mit dem richtigen Leben, es lohnt sich, neugierig zu bleiben. Aber zum Glück wird den Neugierigen ja meist geholfen.

 

Mich irritiert in Ihrer Antwort einiges – positiv formuliert: der hohe Anspruch, mit dem Sie auf Literatur schauen und dem Sie sich als Schriftsteller wahrscheinlich selbst stellen möchten; negativ formuliert: Ihre abwertende Haltung bestimmten Genres gegenüber. Klar, der Buchmarkt hat sich (wie in den letzten Jahrzehnten das meiste im Leben) übermäßig beschleunigt, wird überschwemmt, die Geschichten vieler Bücher wurden schon mal erzählt, zu viele Bücher sind gezielt auf ein Publikum, das bedient werden will, hingeschrieben, manche Bücher geizen nicht mit Klischees … Aber muss man nicht ein bisschen gnädiger sein? Mir ist lieber, ein Jugendlicher liest den 53. Fantasy-Roman, als dass er jeden Tag viele Stunden vor dem Fernseher versumpft.

Das haben wir natürlich so verinnerlicht: Bücher machen nicht unbedingt dümmer, vor dem Fernseher schalten wir das Hirn aus. Nur: Erzählt wird in beiden Medien. Ich selbst besitze gar keinen Fernseher mehr, aber als ich vor gut zwei Jahren die erste Staffel von „The Wire“ auf DVD gesehen habe, war ich danach wirklich geplättet. Die Meinung habe ich nicht exklusiv: Diese Serie, eine Ensemble-Erzählung rund um die Drogenkriminalität in Baltimore, bietet alles, was ein erstklassiger Roman auch bietet. Inklusive allegorischer Dimension, die eine Menge über den Menschen im Jetzt und Hier verrät.

Das Fernsehen kann erzählerisch eine Menge. Das ist das eine. Das andere: Ich habe überhaupt nichts gegen Oger, Vampire, Androiden und andere Fabelwesen, das sind auch nur Menschen – und auf eine Art ist alle Literatur immer Genreliteratur. Ich komme bloß mit dem Gedanken nicht klar, dass alles, was zwischen Buchdeckeln steckt und unter dem Rubrum Roman unter die Menschen gebracht wird, auch per se ein Segen ist. Oder zumindest keinen Schaden anrichtet. Das halte ich für naiv. Und es ist deshalb wichtig, für Qualität zu streiten. Und gegen reine Zerstreuung. Ganz unabhängi vom Medium.

 

Perlen im Fernsehen zu finden, ist allerdings, das wäre meine Behauptung, schwieriger als sie zwischen Buchdeckeln zu entdecken. Das Erzählerische sehe ich eher im Kino-Format, bei dem sich das Fernsehen allerdings für das Abendprogramm gerne bedient. Aber vielleicht sage ich das nur, weil ich selbst so gut wie nie fernsehe und weil ich, wenn ich anderen mal über die Schulter schaue, wenn der Fernseher läuft, nicht gerade davon angezogen werde. Aber vielleicht ist das Fernsehen (das gilt aber definitiv nur für manche Sender) besser als das, was die Nutzer daraus ziehen …

Wer fernsieht, setzt sich einer riesigen Geschichtenschleuder aus, alles, was wir dort aufgetischt bekommen, beruht auf ausgetüftelten Inszenierungen. Ganz fraglos ist das nicht ohne. Und es wäre natürlich schöner, wenn die Macher selbst weniger stumpf ihre traurigen Halligalli-Spektakel machen und zudem ihrem Publikum grundsätzlich mehr zutrauen würden. Es wäre auch nicht so beängstigend. Ich behaupte ja gerne: Die Welt ist aus unseren Geschichten gemacht. Aber an dieser Stelle blenden wir uns vielleicht doch besser aus diesem Programmteil aus, oder? Das wird sonst richtig unheimlich.

 

Ja, gerne. Und wie sieht es mit Computerspielen aus? Gilt für sie das Gleiche wie fürs Fernsehen? Gerade bei Jungen sind Computerspiele neben Schule und Fernsehen wahrscheinlich der größte Antagonist zum Lesen …

Ist das so? Ich weiß nicht. Gehört der Spieltrieb nicht einfach zum elementaren menschlichen Repertoire dazu – wie das Erzählen auch? Wenn ich etwas gründlicher die Klassiker gelesen hätte, würde ich jetzt womöglich mit Friedrich Schiller protzen können. Sinngemäß hat der mal behauptet, meine ich, an der Art wie jemand seinen Spielbetrieb befriedigt, lässt sich dessen Schönheitsideal ablesen. Er wollte so Griechen gegen Römer ausspielen, mochte olympische Spiele jedenfalls lieber als Gladiatorenkämpfe.

Ich selbst besitze kein großes Faible für Spiele. Nicht für Computerspiele, nicht für Brettspiele, nicht für Rollenspiele. Das langweilt mich alles furchtbar schnell. Sport, speziell Fußball, ist da die Ausnahme. Davon abgesehen: Ich denke, dass Literatur nicht gegen etwas antritt. Wenn jemand auf das Erlebnis Literatur verzichtet, denkt unsereins ja gerne: Da stimmt was nicht. Womöglich stimmt aber auch einfach mit der Literatur etwas nicht.

 

Ich muss da doch noch einmal etwas nachhaken: Natürlich tritt Literatur nicht direkt wie Muhammad Ali gegen George Foreman gegen etwas anderes an. Aus pädagogischer Sicht würde ich das aber mal so sehen: Ein Jugendlicher steht nach 8 Stunden Schule mit wenig Lust auf Hausaufgaben gelangweilt in seinem Zimmer und überlegt, was er machen kann. Links das kleine Bücherregal (seine Mutter hat ihm neulich „Tschick“ geschenkt), rechts der Computer mit dem letzte Woche gekauften „Medal of Honor: Warfighter“, einem Egoshooter, der einen als Elite-Soldat in die Krisengebiete der Welt katapultiert. Warum greifen sehr viele, vielleicht die meisten Jugendlichen zum Spiel? Liegt es an der Literatur? Als Deutschlehrer wäre es mir natürlich der Griff zum Buch lieber (ich wäre schon zufrieden, wenn die Entscheidung bei einem Jugendlichen in 30 % dieser Situationen für ein Buch ausfallen würde).

Mir fällt dazu ein: Ali hat bei seinem legendären Kampf gegen Foreman, beim „Rumble in the Jungle“, ja darauf gebaut, dass er so lange die harten Schläge des Gegners wegstecken kann, bis der müde wird. Das war kein Spaß, aber bekanntlich ging die Taktik auf. Die spannende Frage ist, warum hat Ali sich das überhaupt angetan? Und ich habe den Eindruck, Ihr Beispiel läuft auf etwas sehr Ähnliches hinaus. Literatur, wenn Sie etwas taugt, macht dem Leser das Angebot, über sich hinauszuwachsen. Der Antrieb dazu liegt natürlich in jedem selbst. Ich glaube eben nicht, dass die Anziehungskraft des Egoshooters – worin immer die überhaupt bestehen mag – dem Lesen im Weg steht. Wenn meinetwegen ein Jugendlicher mitbekommt, dass jemand, auf den er gerade ein Auge geworfen hat, sich mit einem Roman befasst, den er auch besitzt, wenn er hört, dass es in diesem Roman etwa auch, was weiß ich, um einen Helden geht, der sich als schwul outet, und dass das alles auch mit Witz geschrieben ist, dann kann das womöglich sehr schnell, sehr interessant werden. Wenn man so will: Ja, vielleicht liegt es an der Literatur. An den fehlenden Versprechungen. Es ist vielleicht in einem nicht unbedingt religiösen Sinne sogar eine Glaubensfrage, jedenfalls in letzter Konsequenz. Will ich Betäubung? Oder will ich mehr, will ich mich dem Leben stellen und mich beweisen? Ich weiß, dass das alles leicht albern und pathetisch klingt. Aber auch das ist so ein Punkt: Es ist einfach nicht wahr, dass Literatur Jugendlichen wenig zu bieten hat. Womöglich ist sie nur schlicht nichts für Waschlappen, die es sich gerne einfach machen.

 

Sie haben vorhin gesagt, dass es sich für Leser (wie allgemein im Leben) lohnt, neugierig zu bleiben. Dem stimme ich ohne Vorbehalte zu. Um den pädagogischen Aspekt hineinzubringen: Wie kann man Jugendliche denn dazu bringen, neugierig zu sein und zu bleiben? Kann das mit Büchern, mit Literaturvermittlung gelingen?

Ich glaube, wenn die Erfahrung eines überwältigenden Romans einmal gemacht ist, gibt es kein zurück mehr. Die Neugier bleibt dann automatisch wach. Und es wäre deshalb toll, wenn viel lauter und packender über das gesprochen und geschrieben würde, was wir gerne lesen – und was uns Geschichten wirklich bedeuten.

Jugendlichen sollte man das Gefühl geben, es lohnt sich, das bisschen Konzentrationsleistung und Übung auf sich zu nehmen, die gebraucht wird, um sich auf das Abenteuer Roman einzulassen. Lehrer und andere Erwachsene, die ihnen Bücher ans Herz legen, sind da gefordert. Leidenschaft ist ansteckend. Die Frage, was es heißt, Mensch unter all den anderen Menschen zu sein, wird vielleicht nirgends anschaulicher und vielschichtiger verhandelt als in einem guten Roman. Der uralte und immerjunge Traum vom Blick in einen fremden Kopf wird durch das Erzählen so wahr wie nur möglich. Ich denke, das ist vermittelbar.

 

In mir regt sich etwas Widerspruch. Steht da nicht der „Club der toten Dichter“-Mythos vom begeisternden Literaturvermittler dahinter? Die Realität sieht anders aus. Als Lehrer unterrichtet man oft 90 Schülerinnen und Schüler (drei Klassen) im Fach Deutsch und soll ihnen Literatur nahebringen. Die Konzentrationsherausforderung sich nicht bewegender Buchstaben ist lächerlich gering und damit unattraktiv für Jugendliche, die den 2-Sekunden-Takt des Bildschnitts aus Videos verinnerlicht haben. Das sind keine guten Bedingungen, die Erfahrung des überwältigenden Romans zu machen. Mir scheint, als könne das größtenteils nur innerhalb einer gewissen Bildungselite gelingen, deren Wohnzimmerwände sowieso schon mit Bücherregalen vollgestellt sind.

 Ich fürchte, ich weiß zu wenig über Lehrpläne und auch nicht genug über den heutigen Schulalltag von Jugendlichen, um wirklich eine vernünftige Antwort geben zu können. Aber ich kann mir denken, dass man einiges aufbieten muss, um sie mit Literatur hinter dem Ofen hervorzulocken. Trotzdem: Warum nicht einfach mal mit überschaubaren Texten anfangen? Etwa mit einer packenden Kurzgeschichte. Vielleicht von Benjamin Maack. Ein noch junger Autor mit der besonderen Fähigkeit, Figuren zu entwerfen, deren meist verstörende Innenleben einem nicht platt vorbuchstabiert, sondern wortwörtlich schonungslos vor Augen geführt werden. Sein aktuelles Buch heißt „Monster“. Am besten eine Passage laut vorlesen oder vorlesen lassen. Ich bin mir sicher, danach hat man zumindest ein Gespräch in Gange. Und wie hat William Faulkner einmal gesagt? „Ein Mensch, der Berge versetzt, beginnt damit, indem er kleine Steine abträgt.“

 

Schade, dass ich gerade nur eine fünfte Klasse in Deutsch unterrichte – sonst hätte ich das glatt ausprobiert. Gespräche über Literatur (und damit am besten auch über das Leben) in Gang zu bringen, das ist jedenfalls schon mal ein guter, vielleicht auch nicht überfrachteter didaktischer Ansatz. Ich muss jetzt doch noch mal auf „Es war einmal Indianerland“ zurückkommen. Würden Sie sich freuen, wenn das Buch als Schullektüre empfohlen und dann auch häufig im Unterricht eingesetzt wird?

Der Roman hält das aus, glaube ich. Weil er Lehrer sicher mehr fordert als Schüler. Und weil er geübte und intelligente Leser belohnt und Literaturspöttern das Spotten schwer macht. Latent ungemütlich bleibt allein die Vorstellung, dass etwas, das in der Welt ist, um anderen vor allem Freude zu bereiten, hier und da womöglich auch als Instrument der Marter wahrgenommen werden könnte. Aber ich zerbreche nicht an dieser Vorstellung. Zwei, drei, denen Indianerland etwas bedeutet, werden immer dabei sein, schätze ich. Und um die geht es selbstverständlich.

 

Noch eine harmlose Abschlussfrage: Im März 2013 erscheint mit „Stadtrandritter“ der zweite Teil der Stadtrandsaga. Werden wir Mauser, Edda und Jackie wiederbegegnen?

Oh, ich bin kein Serientäter. Der Rahmen meiner Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie ist das Thema „Erwachsen werden“ – und alle drei Teile sollen in sich abgeschlossen sein. Das Wort „Saga“ habe ich in der Verlagsvorschau aber auch gelesen. Klingt natürlich gewaltig. Es stimmt insofern: Ausgangspunkt wird in jedem Roman immer die Plattenbausiedlung am Stadtrand sein, die nach dem Modell von Jenfeld entworfen wurde, wo ich selbst aufgewachsen bin. Was meine Helden angeht, bin ich allerdings nicht so anhänglich. Wobei: Edda taucht im zweiten Teil immerhin als Nebenfigur wieder auf, Mauser am Rande auch. Dazu noch Kondor, der diesmal sogar deutlich prominenter in Erscheinung tritt. Und Jackie? Ihr gönne ich dann im dritten Teil einen kleinen Gastauftritt. Als Animateurin in einem Club im fernen Süden. Soweit der Plan. Und zum Schluss der Hinweis: „Stadtrandritter“ erscheint erst im Herbst 2013. Bei dem Titel hätte ich gewarnt sein können: Das Abenteuer hat sich schlicht zu einem stattlichen Epos ausgewachsen. Ich bin sicher, ihre Buchhändlerin wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

 

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*Erstmals im Dezember 2012 hier erschienen.

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