Juli 2012

by Nils Mohl on August 1, 2012

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1.7.

Der Himmel zieht blank über der Insel: Sommer und Sonne erinnern sich an ihre Pflichten. Und die Halme der Dünengräser zirpen ihr silbriggrünes Lied dazu. Sanfter Wind. Wir juckeln die Rollkoffer vom Campingplatz über den Bohlenweg Richtung Fähranleger. Bevor es kurz vor drei an Bord der Rungholt geht, vorab noch Mittag im Bistro MundART („Frische Gerichte, ausgesuchte Weine und vieles mehr im Herzen von Wittdün“, Eigenwerbung). Und danach die obligatorische Kugel Abschiedseis an der Klappe vom Café Pustekuchen.

„Keine zehn Tage, dann sind wir wieder hier“, sagt A.

 

1.7.

Pling!

92 E-Mails, 85 ungelesen.

Willkommen zurück in Jenfeld, willkommen zurück im Netz.

 

2.7.

Uni. Zum vorletzten Mal in diesem Semester. Danach Essen mit C. im La Piazetta. Diesmal unter den riesigen Sonnenschirmen im Hinterhofgarten. („Der geeignete Rahmen für ein gemütliches Abendessen oder ein Glas Wein unter freiem Himmel“, Eigenwerbung.)

C. hat sich durch die bisher vorliegenden rund 400 Seiten Stadtrandritter gekämpft. Als er den Packen Papier aus der Tasche zieht, verrät sein Gesicht schon, dass noch eine Menge Arbeit auf mich zukommt. Er denkt auch: Kitty raus. Weniger Blenden. Sprachlich die Schraube zwei Umdrehungen zurückdrehen.

Ich nicke.

Betrachte nach C.s Fazit eine Weile grübelnd das durchhängende Kabel einer der zahlreichen Lichterketten in unserer Nähe. Der Abschnitt, den ich im Blick habe, entpuppt sich als Ameisenstraße. Reger Betrieb herrscht dort. Ein Bild, das sich auch in Indianerland prima gemacht hätte, wo es ja Kapitel für Kapitel eine Menge Kreuch- und Fleuchgetier zu entdecken gibt. Eher totes, zugegeben – zumindest in Teil I.

(Aufs und Abs.)

 

2.7.

„Ich kann gar nicht schlafen“, sagt A., als ich nach Hause komme. Sie erzählt, dass auf Amrum seit gestern Nachmittag ein zehnjähriger Junge vermisst wird. Ein Sebastian aus Wien, der dort mit den Eltern Urlaub gemacht hat. Die Fähre, die wir genommen haben, war eine der letzten, die von den Einsatzkräften, die nach ihm suchen, nicht kontrolliert wurde. „Vielleicht ist er wirklich mit uns nach Föhr“, sage ich, „der taucht schon wieder auf.“ „Er ist barfuss gewesen“, sagt A., „und seit über 24 Stunden hat ihn niemand mehr gesehen.“ „Auf Amrum werden keine Kinder entführt, das ist absurd.“

Tatsächlich habe ich früher am Abend schon von meinen Eltern gehört, dass die ganze Insel in Aufruhr ist. Hubschrauber kreisen über den Dünen. Der Seenotretter kreuzt vor der Küste. In der Nacht hat sich mein Vater, wie zig andere auch, mit Taschenlampe noch als Freiwilliger an den Suchaktionen beteiligt und das Wäldchen gegenüber vom Campingplatz durchkämmt. Auch wenn ich denke, es ist schlimmstenfalls ein Unfall – ich finde ebenfalls nicht richtig gut in den Schlaf.

 

3.7.

 

3.7.

Vom Stadtrand in die Vorstadt. Aufs Erdbeerfeld in Barsbüttel. Über die dortige Feldmark wurde in Jenfeld früher immer kolportiert, dass dort Kindermörder ihr Unwesen trieben. Und ich weiß noch sehr genau, dass ich – ich muss so zehn, elf gewesen sein – einmal an der Haltestelle vor unseren Blocks auf den Bus gewartet habe, um zu einem Freund in diese Richtung zu fahren. Dann hielt ein Auto. Die Beifahrertür schwang auf, der Fahrer lehnte sich weit zur Seite und sprach mich an.

Wo ich denn hinwolle.

Ob er mich nicht mitnehmen solle.

Ginge dann ja schneller.

Busfahrschein müsse ich dann auch nicht kaufen.

An das Wagenmodell erinnere ich mich nicht mehr, aber ich bin mir ziemlich sicher: Die Kiste war rot. Und der Typ trug ein schwarzes T-Shirt. Sein Gesicht ist in der Rückschau eine weiße Scheibe. Ausgelöscht. Er hat zwei, drei Mal gedrängt, das weiß ich. „Komm schon, Kleiner.“ Oder so ähnlich. Ausgestiegen ist er nicht. Ich glaube, er fuhr weiter, ohne dass ich ein Wort gesagt, ohne dass ich mich überhaupt gerührt hätte. Sehr überstürzt schlug er auf einmal die Tür wieder zu, preschte mit seiner Karre zurück auf die Straße, weil sich von der Seite eine ältere Frau näherte. Und die hat mich dann ganz aufgeregt auch noch wegen der Szene in die Mangel genommen.

(Höllenmomente des Heranwachsens.)

 

3.7.

„Zehnjähriger wird auf Amrum vermisst“
Spiegel Online

„Suche nach Sebastian auf Amrum geht weiter“
NDR

„Großaufgebot der Polizei sucht zehnjährigen Sebastian“
Stern Online

„Wurde Sebastian (10) auf Amrum getötet?“
Bild Online

 

3.7.

Post aus Frankfurt. Einladung zur Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2012. Ich: „Fahren wir hin?“ A.: „Ich fahre hin.“

 

3.7.

Ein paar Minuten später. Dialog mit A.:

– Warum sollten wir nicht hinfahren?
– Ich wollte nur von dir hören, dass der Preis nach Jenfeld geht.
– (Überlegt) Gestern in der Buchhandlung hätte ich mich wieder aufregen können.
– Schlecht sortiert, nehme ich an.
– Alle nominierten Bücher stehen da, nur deins nicht.
– Sehr wahrscheinlich ausverkauft.
– In dem dämlichen Laden seit Erscheinen.
– Du willst mir sagen, mit dem Preis wird es eine dünne Henne.
– Ich sage, was ich sehe.
– Und ich sage, dich habe ich ja auch bekommen.
– (Überhört das) Wichtiger ist sowieso, dass die Ritter fertig werden bis dahin.
– Gut, dass du nicht in der Jury sitzt.
– Du bist der einzige deutsche Autor in deiner Kategorie. Du kannst nicht verlieren!
– Also fahren wir.
– Ich fahre. Und am Abend feiern wir dann. So oder so.

 

3.7.

Dienstag, 19.30 Uhr. Kicken. Wie jedes Jahr in der Sommerferienzeit auf dem alten Bolzplatz Münzelkoppel. Vier Vorlagen, zwei Tore. Unsere Mannschaft gewinnt ziemlich verdient am Ende 8:6. Vor zwei Monaten bin ich noch mit Krämpfen durch die Halle gehumpelt, habe jeden zweiten Ball verstolpert. Zumindest sportlich finde ich offensichtlich zu alter Form zurück. Und die Mücken mögen mich auch wieder.

(Licht- und Schattenseiten der Freiluftsaison.)

 

4.7.

Am Nachmittag telefoniert A. mit einer Freundin, kommt noch während des Gesprächs zu mir, ganz bleich um die Nase. A. schneidet vor ihrer Kehle die Luft mit der Handkante entzwei. Auf Amrum hat die Polizei den vermissten Jungen am Klettergerüst in Wittdün gefunden, wo er zuletzt gespielt hat, verschüttet im Sand.

 

4.7.

„Vermisster Sebastian auf Amrum: Urlaubsfoto führt Polizei zu totem Jungen“
Stern Online

„Polizei: Sebastian könnte bei Unfall gestorben sein“
Hamburger Abendblatt Online

„Polizei: Sebastian wohl bei Unfall gestorben“
Hamburger Morgenpost Online

„Wurde Sebastian vor dem Piratenschiff verbuddelt?“
Berliner Kurier Online

 

4.7.

Nach einem Tag Ärger mit meinen Romanfiguren, Radfahrt zur Rennbahn. Derby-Woche in Horn. Wettgewinne: 5 Euro. Wettverluste: 20 Euro. Ein Versehen, weil ich mich am Schalter beim Zahlen des Einsatzes für eine Kombiwette, die A. ausgetüftelt hat, ordentlich übertölpeln lasse. Mich zu übertölpeln ist allerdings auch keine Kunst. Nicht in diesem Fall: Den Reiz von Wett- und Glücksspielen habe ich noch nie wirklich verstanden. Den  von Pferdesport sowieso nicht. Was Geläufe und Jockeys, was Einsätze und Quoten angeht, bin ich die Ahnungslosigkeit in Person.

A. allerdings ist seit der Kindheit Jahr für Jahr beim Derby gewesen. Amüsiert sich beim Herumschauen und Mitfiebern noch heute immer prächtig. Und ihr die Daumen zu drücken – das ist wiederum das, was dann auch mir Spaß macht: Es gibt blitzende Augen, von denen man einfach nie genug bekommt. Wobei: Nach dem Zieleinlauf beim Kombi-Wetten-Rennen gefällt mir auch ihre Schippe recht gut: „Tja“, muss ich mir anhören, „damit sind wir dann wohl pleite für heute!“

(Schade nur, dass A. so selten Hut trägt. Zuletzt 1999.)

 

4.7.

Aus dem Jenfelder Manifest zum ästhetischen Programm: Liebe deine Figuren!

 

5.7.

50. Todestag von William Faulkner.

 

5.7.

„I like to think of the world I created as being a kind of keystone in the universe; that, small as that keystone is, if it were ever taken away the universe itself would collapse.“
William Faulkner, The Art Of Fiction, 1956.

 

5.7.

Entwurf einer E-Mail an M.: „Vermutlich ist es bei Hemingway und Faulkner ein wenig wie bei den Beatles und den Stones. Entweder oder. Und ich würde immer sagen: Beatles. Und natürlich: Faulkner.“ Entwurf, der im Papierkorb landet.

(M. hört Jazz.)

 

6.7.

Unterm Frisierumhang bei Jeff. Mir fehlt das tägliche Fahrradfahren doch erheblich, seit dem Beginn der Kontojobpause. Bin deshalb die ganze Strecke von Jenfeld bis nach Eppendorf geradelt. Jeff nimmt es mit hanseatischer Gelassenheit, dass ich nieselregenbestäubt und kräftig nachschwitzend bei ihm ankomme. Und nachdem ich ihm ein wenig von meiner Sommerauszeit erzählt habe, in der ich den hartnäckigen Roman vom Tisch bekommen will, reden wir diesmal nicht über Filme.

Jeff erzählt von seiner Jugendzeit. Geschichten, die sich vor über 30 Jahren zugetragen haben. Flucht von zu Hause. Schlägereien. Sechs Wochen Jugendknast. Läuterung. Die Entscheidung, Frisör zu werden. „Du brauchst einen, der an dich glaubt, der dir eine Chance gibt“, sagt Jeff, während er mir die Haare kürzer und kürzer schneidet. Und ich sehe plötzlich mein ganzes Stadtrand-Personal vor mir. Kondor. Und Mauser natürlich auch. Jeff lacht. Erinnert sich an den Vater, einen Musiker, und vor allem an dessen Reaktion, als er ihm eröffnet, was er werden will. „Bist du schwul?“

 

6.7.

Auf Facebook postet schon den dritten Tag in Folge die 9c einer Mittelschule aus München ein Videotagebuch zu Indianerland. Auf die Art bereiten sie den Besuch einer meiner Lesungen beim White Ravens Festival vor. Da hat eine Lehrerin etwas kapiert. Bin verzückt. Bin schwer gerührt.

(Eine Woche und ein Tag noch bis zum Abflug gen Süden.)

 

6.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Das ist echt so cool! Video-Tagebuch einer 9. Klasse bis zur Lesung mit @NilsMohl http://ow.ly/c3hQu  Heute: Tag 3 #wrf12“

 

7.7.

Am Schreibtisch: Ein weiterer Versuch, die Ritter voranzutreiben. Ergebnis: fünf Zeilen am Morgen. In Hamburg ist der Faden wieder völlig verloren gegangen. Gute zwei Seiten: die niederschmetternd magere Ausbeute der vergangenen Woche. Und für den Rest des Julis gehen meine Erwartungen, was nennenswerte Fortschritte angeht, ohnehin gen Null. Immerhin: Bleibe vorerst zäh am Ball, obwohl ich mich auch dringend auf München vorbereiten müsste.

(Schriftsteller oder Schriftstellerdarsteller, das ist hier die Frage.)

 

7.7.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Schriftsteller.“

 

7.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Wer Lust auf Literatur und Party hat, der kommt am 18. Juli ins Import/Export! #wrf12 #tipp #muc http://ow.ly/c2bcX“

 

8.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Guten Morgen. Tag 7 vor dem Festival. Heute in einer Woche ist es soweit: Wir eröffnen das Festival um 14 Uhr!“

 

9.7.

E-Mail von Dr. I, die mir auf meiner Tour durch Bayern alles Lästige abnehmen wird und mich als Moderatorin begleiten soll: Letzte organisatorische Instruktionen.Am Ende heißt es: „Well, make it good und Krawatten, Manschettenknöpfe und Lackschuhe nicht vergessen.“

 

9.7.

E-Mail an Dr. I: „Manschettenknöpfe war definitiv ein konstruktiver Hinweis. Wo ist nur meine Krawattennadel?“

(Und wo die zündende Idee, was ich nächste Woche darbieten werde?)

 

9.7.

Dialog via Twitter:

WhiteRavens2012:
– #tweetup am 15. Juli ab 11.30. Freut Euch! Wir haben witzige Fragen für unsere #autoren vorbereite! #wrf12

NilsMohl:
– @WhiteRavens2012 Witzig für das Publikum, nehme ich an. Gibt es Kostproben?

WhiteRavens2012:
– @NilsMohl Überraschung! ;-)

 

9.7.

Finale Aufräumarbeiten am Schreibtisch. Einpacken: ein Rollkoffer für Amrum, ein Rollkoffer fürs White Ravens Festival. Rückkehr nach Jenfeld: erst Ende des Monats. „Flugticket ausgedruckt?“, fragt A. Ich sage: „Das schon, aber ich hätte mich mal früher um meine Texte für die Lesungen kümmern sollen.“

(Nottextausdruck.)

 

9.7.

Hetze in die Innenstadt, um mir noch auf die Schnelle bei Foto Gregor eine kompakte Schnappschusskamera zuzulegen. Dann weiter: ein letztes Mal in diesem Semester Uni. Nach guter alter Tradition ist der Kurs hinterher eingeladen, einen mit mir trinken zu gehen. Und dieser Kurs war wirklich großartig, weil unglaublich lebendig. Was sich auch an diesem Abend in der Mathilde Bar wieder zeigt: ein ganzes Dutzend dieser jungen, mit viel Grips ausgestatteten Menschen versammelt sich draußen unter den Sonnenschirmen in der Bornstraße 16. Trotz Regen.

Anstoßen.

Losreden.

Nachordern.

Und – schwuppdiwupp – zeigt die Uhr halb eins.

(45 Minuten Radfahrt liegen noch vor mir.)

 

10.7.

Auf nach Amrum. Wuschig, unausgeschlafen. Stelle kurz vor der Autobahn fest: Mein Telefon ist in Jenfeld auf dem Schreibtisch liegengeblieben. Zum Umkehren ist es zu spät, wenn wir die Fähre von Nordstrand aus bekommen wollen.

„Und das wollen wir“, sagt A.

 

10.7.

Dialog, den A. auf der Fähre anzettelt:

– Du machst jetzt drei Tage Urlaub.
– Und das Telefon?
– Kann dein Vater am Freitag mitbringen.
– Hm.
– Drei Tage. Schaffst du das?
– Werde mir Mühe geben.
– (Sehr bestimmt) Du schaffst das!

 

10.7.

Die Adler Express („Das schnellste Schiff im Wattenmeer“, Eigenwerbung) pflügt mit 24 Knoten durch die Nordsee. Vorbei an Pellworm und Hallig Hooge. Ein sonniger Tag. Nur ein paar Postkartenwölkchen baumeln an unsichtbaren Fäden ins Bild, als Amrum am Horizont auftaucht. A. macht mich darauf aufmerksam, dass die Fahnen an der Südspitze auf Halbmast wehen. „Sebastian“, sagt sie. Ich weiß nicht genau, warum, aber ich muss in diesem Moment reflexartig an die Jenfelder „Wutbürger“ denken. Und denke dann still darüber nach, warum sich ausgerechnet in diesem Jahr, an den Orten, an denen ich die meiste Zeit zubringe (und an denen sich in der Regel sehr wenig Außergewöhnliches zuträgt) all diese Dinge ereignen. Die Unterbringung der Ex-Sicherheitsverwahrten hier, der Unfalltod eines kleinen Jungen dort.

(Gedanken, die im Nichts versanden.)

 

11.7.

Amrum, Urlaub.

(Einleben auf dem Campingplatz.)

 

12.7.

Amrum, Urlaub.

(Kino. Ice Age 4.)

 

13.7.

Amrum, Urlaub.

(Eisessen in Wittdün.)

 

13.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Freitag der 13.? Egal, hauptsächlich ist heute Tag 2 vor dem Festival!“

 

13.7.

Auf Facebook: Videotagebuch der 9c, Situli-Schule, Folge 7. E-Mail von Dr. I dazu: „Mei, die fb-Jungs sind ja so sweet! Und die Mädels auch. Sure. Hier heute Endspurt im Regen – hmpf. Bis morgen – guten Flug!“

 

14.7.

Den letzten Kram in den Koffer stopfen. Zum Schluss noch Musik für Mittwoch auf einen Stick ziehen. Und dann los. Zu Wasser: Schiff bis Sylt. Zu Lande: Bus zur Sansibar. (Mittagessen.) Fast in der Luft: Taxi von Westerland zum Flughafen.

Urlaub vorbei.

(Es fühlt sich an wie Urlaub.)

 

14.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Über 80 Veranstaltungen in München und 35 bayerischen Städten. Das ist das #wrf12!“

 

14.7.

Dialog via Twitter:

WhiteRavens2012:
– @NilsMohl Nicht vergessen: Der Flieger startet um 18.40 Uhr! Wir freuen uns auf Dich! #autor #wrf12.

Nils Mohl:
– @WhiteRavens2012 Sitze am Flughafen Sylt. An mir soll es nicht liegen.

WhiteRavens2012:
– @NilsMohl Great! Dann können wir ja das Bier für Dich schon fast bestellen ;-) Oder doch lieber die Schorle?

Nils Mohl:
– @WhiteRavens2012 Was man im Süden so Bier nennt. Aber ich passe mich den regionalen Gepflogenheiten im Zweifel an.

 

14.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Alle Autoren sind jetzt in München! Nur @NilsMohl ist noch in der Luft! Jetzt kann’s losgehen!“

 

14.7.

Die Nordsee von oben: In den Lücken zwischen den Wolkenmassiven zeigt sie ihre gekräuselte Haut her. Amrum sehe ich nicht. Sitze auf der falschen Seite der Bombardier Q400, die Kapitän Rico Berges steuert. Aber Föhr und Dagebüll sind kurz auszumachen. Und die Adler Express. Zieht mit schaumweissem Schweif an Pellworm vorbei, auf Strucklahnungshörn zu. Großfreude über die Perspektive. Eine Premiere. In dem vollen Bewusstsein, dass die Zahl der Wiederholungen, was dieses Erlebnis angeht, in den nächsten Jahren überschaubar sein wird.

(Das Ich auf Autopilot.)

 

14.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „@NilsMohl Willkommen in München! Der Shuttle ist unterwegs! Wir freuen uns auf dich!“

 

14.7.

Gegen 22 Uhr. Ein Biergarten in Obermenzing. „Zum Alten Wirt“ („Gutbürgerliche Küche und Bayrische Schmankerln“, Eigenwerbung). An drei Biertischreihen schüttle ich Hände. Versuche, Namen und Gesichter zu memorieren. Höre Französisch. Höre Polnisch und Russisch. Höre Niederländisch. Und verstehe kein Wort von alledem.

Versuche, mich später auf Englisch in Gespräche einzuklinken und nebenher im Stillen zu rekapitulieren, bei wie vielen Gelegenheiten ich in den letzten 20 Jahren meine überschaubaren Fremdsprachenkenntnisse in längeren Unterhaltungen anwenden durfte. Errechne überschlagsweise die Zahl drei.

(Spät- und Stotterstarts internationaler Karrieren.)

 

15.7.

Leiste am Morgen im Hotel Neuner („Ihr familiäres Hotel mit persönlicher Atmosphäre in München“, Eigenwerbung) Nikolaj Ponomarev Gesellschaft. Er sitzt allein an einem Tisch im Frühstücksraum. Und ich weiß: Er spricht ausschließlich Russisch. Und das einzige Wort, das ich in seiner Sprache flüssige rausbringen würde, lautet: Prost. Was ich mir in dieser Situation aber erst einmal verkneife.

Guter Dinge bin ich trotzdem und fest entschlossen, auf die gute alte Mit-Händen-und-Füßen-Kommunikation zu setzen. Wann „spricht“ man schon mal Kollegen aus Sibirien? Eben. Doch offensichtlich ist es wohl noch zu früh für mein Gegenüber: Nach rund anderthalbminütiger „Konversation“, die immerhin die Erkenntnis bringt, dass Nikolajs Anreise bloß fünf Stunden gedauert hat, putzt sich der Mann aus Omsk entschlossen den Mund mit der Serviette ab und sucht das Weite.

(Polyglossie und ich, Teil II.)

 

15.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Tag 0!!! Heute geht das #WRF12 los! Tweet-Up ab 11.30 Uhr! Kräääh Krähhh, die Raben flattern aufgeregt umher ;-)“

 

15.7.

Beim Verlassen des Frühstücksraums laufe ich in Sylvain Rivard rein. Sein Gepäck ist auf der Reise von Kanada nach Deutschland verloren gegangen. In dem legeren bis urlaubsmäßigem Aufzug, in dem er zu Hause vor dem Abflug noch den Pool gereinigt hat (in karierten Shorts, Flip-Flops und Polohemd) erkundigt er sich nun bei mir, ob das stimmen kann, dass in München sonntags keine Geschäfte geöffnet haben.

Sylvain, so stellt sich heraus, hat indianische Wurzeln, und am Nachmittag wollte er im Festzelt bei seiner Performance in Stammestracht auftreten. Ich leihe ihm nach einigem höflichem Hin und Her zumindest Jeans, T-Shirt und Kapuzenjacke. Nicht gerade Häuptlingskluft. Aber gewaschen. Und passt zudem wie angegossen.

(Indianer und ich, Teil II.)

 

15.7.

Die restliche Zeit des Morgens bis zur  Eröffnungsfeier verbringe ich am Rechner. Wenn ich das richtig sehe, habe ich zuletzt im Januar aus Indianerland gelesen. Mit C. in Wandsbek. Für die Lesungen hier brauche ich mehr Text. Außerdem einen, der von vorn bis hinten sitzt. Schaue meinen Hamburger Last-Minute-Notausdruck durch und finde die Auswahl gerade eher unbefriedigend.

Noch größere Bauchschmerzen aber macht mir der Mittwoch, wo Text allein nicht reichen wird. Etwas zum Soundtrack von Indianerland wünscht man sich von mir, etwas das mutmaßlich „peppiger“ sein sollte als Leute, die heute noch das Wort „peppig“ benutzen.“Party“, steht auf dem Flyer zur Lesung.  Leicht ratlos klappe ich kurz vor 11 den Rechner zu.

(Ich, die Rampensau.)

 

15.7.

Eröffnungsfeier. Mit Band, einem Fernsehteam und offizieller Begrüßung der Autoren im rammelvollem Festzelt im Schlosshof. Plus der bereits via Twitter angekündigten Fragen an die Autoren. Und diese Fragen sind – was ein sehr schöner Einfall ist, weil das für Bewegung sorgt – in den weißen Papierraben versteckt, die über der Bühne baumeln. Jeder Autor schnappt sich also einen Raben. Und meine Frage lautet: „Was tust du am liebsten, wenn du nicht schreibst?“ Meine Antwort hat, als ich das Mikro schließlich in die Hand bekomme, ein sehr langes Intro und ist nicht gerade ein Paradebeispiel für Pointiertheit. Im Grunde lautet sie: „Ich schreibe, auch wenn ich nicht tippe, also quasi immer. Und den Rest möchte niemand wissen.“

(Immerhin: Heiterkeit im Festzelt.)

 

15.7.

 

15.7.

Aus dem Tweet-Log von WhiteRavens2012:

– Los geht es! Die Band wird gleich mal vom 3sat-Team gefilmt! :-)
– Frau Raabe hält die Begrüßungsrede! Welcome to all our guests! :-)
– Leichter Nieselregen. Aber wir lassen uns die Stimmung nicht verderben!
– Endlich! Die Autoren kommen auf die Bühne!
– Jetzt werden die AutorInnen vorgestellt!
– Toll! Die Belegschaft spricht auch Russisch und Schwedisch! Und Spanisch und Englisch und Französisch!
– Bernard Beckett vor der Kamera!
– Anne-Laure Bondoux schreibt in einem Speicher!
– Iwona Chmielewska kann gut kochen! Sympathisch!
– Suzan Geridönmez würde über alles schreiben! Keine Tabus.
– Benny Lindelaufs Lieblingsbuch als Kind war die Unendliche Geschichte!
– Nils Mohl wie immer schlagfertig und charmant! :-)
– Daniel Nesquens hält Kinder für intelligenter als Erwachsene!
– Frida Nilsson. Schweden.
– Jetzt wird Hebräisch auf der Bühne gesprochen! Uri Orlev.
– Uri Orlev aus Israel! Willkommen!
– Nikolaj Ponomarev. Russland.
– Jutta Richter kennt viele Geschichten! Und möchte in einer Geschichte wohnen!
– Sylvain Rivard aus Québec singt das, was er im Kopf hat!
– Die Lieblingsvögel von Jenny Valentine sind Schwäne!

(Schwäne deshalb, weil sie über Wasser die Ruhe selbst sind und unter Wasser paddeln wie verrückt. Prima Antwort.)

 

15.7.

Sekt. Es ist Mittag und im Festzelt startet das Festivalprogramm. Noch ein Sekt. Und während des dritten verpasse ich dann die erste Lesung. Schließe mich später der Bibliotheks- und Schlossführung an. Sehe das unterirdische Magazin, Michael Endes Lieblingsschrank (sehr hübsch verziert) und Erich Kästners Lieblingssessel (ein kurios scheußliches Möbel). Danach: Herumirren im Hof. Ein Kurzgespräch nach dem anderen. Steige um auf Tee.

(Ich muss noch einen Lesetext fertig machen.)

 

15.7.

Dialog mit Dr. I vor dem Festzelt:

– Killst du mich, wenn ich morgen früh noch etwas im Büro ausdrucke?
– Der Bus zum Bahnhof fährt um 7.15 Uhr.
– Bis um 6.45 Uhr habe ich bestimmt einen brauchbaren Text.
– Wie wäre es mit heute, zur Not später am Abend? Mein Kontrollwahn.
– Ist 6.45 Uhr zu früh?
– (Überlegt) Na, die halbe Stunde ist auch egal.
– Sicher?
– (Professionelles Lächeln) Du bist der Autor.

(Dr. I ist zum Glück ein sehr heiterer Mensch.)

 

15.7.

Das Eröffnungsfest geht weiter. Dr. Michael Schmitt fragt mich nach den Fortschritten bei den Stadtrandrittern. Mir wird die Karte eines Goethe-Institut-Mitarbeiters zugesteckt. Ein Amerikaner spricht mich auf mein Daniel-Johnston-T-Shirt an. Jenny Valentines Lesung ist großartig. Es regnet. Der Himmel reißt wieder auf. Und mit einem Kanon auf Limburgisch, an dem sich das gesamte Publikum beteiligt, endet Festivaltag eins dann offiziell. Hinterher scharrt sich ein Grüppchen hungriger Autoren zusammen. Kurz geht es rüber ins Hotel. Von da nach kurzer Pause weiter ins Sidhartha („Indische Küche“, Eigenwerbung). Benny Lindelauf und Anhang sind dabei. Sylvain Rivard, Daniel Nesquens und Jutta Reusch von der Internationalen Jugendbibliothek. Lebendig und redselig geht es zu. Auf Anhieb und bis zum Ende. Welche Sequenz man auch herausschneiden würde, es wäre immer wie in diesen Hollywood-Filmen, wenn man eine Einstellung hat, wo eine Schar Leute vergnügt um einen Restauranttisch sitzt, plauscht, Essen weiterreicht, Spaß hat und der Zuschauer binnen Sekunden weiß: Aha, toller Abend!

(Toller Abend.)

 

16.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „#wrf12 Heute geht’s weiter mit Lesungen für Schulklassen. Und das in ganz Bayern! @NilsMohl z. B. ist schon unterwegs nach Bayreuth!“

 

16.7.

Der Telefonwecker ist eingestellt auf: sehr früh. Etwas zermartert vom Vorabend und vor allem von meinem sehr unruhigen Schlaf, stelle ich fest: Dem Hirn verlangt es offenbar einiges ab, die wenig gebrauchten Areale mit meinen Englischkenntnissen zu aktivieren. But: die Frühschicht ist really prolific. Und bereits um 6.30 Uhr stehe ich reisebereit vor dem verschlossenen Schloss Blutenburg. Schenke Dr. I ein extracharmantes Ist-die-Welt-nicht-wirklich-schön-am-frühen-Morgen-Lächeln, als sie angeradelt kommt. Außerdem spendiere ich ihr einen Kaffee am Bahnhof. Und vermeide es tunlichst, sie daran zu erinnern, dass Frida Nilsson, die sie in ihrer Funktion als Skandinavistiklektorin der IJB auch hätte begleitet können, gerade mit jemand anders durch Bayern tingelt.

(Ich, das Smalltalk-Genie.)

 

16.7.

11.15, Bayreuth. Lesung am Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium.

 

16.7.

Schülerfrage, die für großes Hallo sorgt: „Was sind chinesische Lustkugeln?“

 

16.7.

Fußmarsch in die Stadt. Platzregen. Mittagessen im Oskar – das Wirtshaus am Markt. („Traditionell fränkische Gerichte, die mit Zutaten aus der Region hergestellt werden“, Eigenwerbung.) Dr. I und ich nehmen die Bratwurst des Monats (Bierbratwurst), widmen uns dabei der Manöverkritik. Dr. I ist mit dem Auftakt im Großen und Ganzen zufrieden. Ich fand zumindest die Textauswahl okay. Und wir nehmen dann zur Selbstbelohnung noch ein Eis im Eiscafé gegenüber und steigen dann in die Regionalbahn. Es geht Richtung Maindreieck. Nach Ochsenfurt.

 

16.7.

Regionalbahnfahrt nach Ochsenfurt.

 

16.7.

Regionalbahnfahrten von Bayreuth nach Ochsenfurt dauern Stunden, vergehen in Gesellschaft von Dr. I aber dann doch erstaunlich (Achtung, Brüller, Dr. I!) zügig. Ich erzähle viel. Sie erzählt viel. Hier und da beide auch höchst unprofessionell viel über Literaturbetriebsmenschen, die wir kennen. Was uns immerhin noch auffällt und schon die Ausläufer der Grundsatzdiskussion über die Literatur an sich sind, die ich anzettele und immer wieder penetrant neu befeuere. Aber wann hat man schon mal die Lektorin einer internationalen Jugendbibliothek ohne Fluchtmöglichkeit greifbar? Noch dazu eine, die Indianerland zu einer Zeit entdeckt hat, als es noch wahrlich eine Entdeckung war. Wann hat man schon mal jemanden in der Nähe, der sich beruflich mit Literatur befasst? Mit Literatur. Nicht nur mit Büchern. Die Antwort ist: Schriftsteller aus Jenfeld mit Kontojob in der Reklamewirtschaft eher selten.

(Die geduldige Dr. I.)

 

16.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Und @nilsmohl ist schon wieder weiter: Ochsenfurt. #wrf12 on tour!“

 

16.7.

Ochsenfurt. Nächster Halt: Größenwahn.

 

16.7.

Im Gasthof zum Bären, Ochsenfurt: Via Facebook fragt Anette Unger (Bremedia) an, ob Indianerland bereits für eine filmische Adaption optioniert ist. Verweise sie an Rowohlt, während sich im Kopf sogleich Gewohnheitsquälgeist Pimpf Kaputnik zu Wort meldet. Bestens informiert: „Bremedia, ganz prima, Tatort und gehobene Fernsehunterhaltung“, raunt er, „wolltest du aber nicht immer großes Kino? Corazon International? Özgür Yildirim?“

Hm, denke ich, Miraz Bezar oder Till Franzen wären auch interessant für die Regie. Was allerdings stimmt: Özgür Yildirim würde natürlich geradezu perfekt passen. Ungefähr mein Alter. Aufgewachsen ebenfalls in Hamburgs Osten. Und in Chiko sieht man: Er kann Hochhäuser. Und wie. Aber Option heißt ja auch nichts. Und die Option einer Option erst recht nichts. Außer, dass der Autor im Hotelzimmer dümmlich grinst. Und dass es da kluge Pokerspieler in Bremen gibt.

(Kluge und womöglich sogar belesene Pokerspieler.)

 

16.7.

„The term is often used as a verb in Hollywood. For example, ‚Paramount optioned the short story by Philip K. Dick.’“
Wikipedia, Option (filmmaking)

(Noch kein deutscher Eintrag.)

 

16.7.

Nach einem Besuch beim Italiener („Zur Krone“, Außenwerbung) trinken Dr. I und ich den Absacker im kommunalen Kino von Ochsenfurt. Kurz die Vorstellung, dass dort in zwei Jahren das Filmplakat zu „Es war einmal Indianerland“ prangen wird. Und das ist in etwa so bizarr wie der Anblick des angestrahlten Skeletts, das unter der Rathausuhr um die Ecke baumelt und in die Nacht hinausstiert.

(Es war einmal in Ochsenfurt.)

 

16.7.

 

17.7.

9.15 Uhr, Lesung i. d. Realschule am Maindreieck.

 

17.7.

Schülerfrage, die zu einem längeren Rechenkunststück des Autors führt: „Was verdient man an so einem Buch eigentlich?“

 

17.7.

Wieder Regionalbahn. Nach einer Lesung, die wirklich Spaß gemacht hat, nach einem Teller Pommes plus einer großen Spezi (Dr. I.) sowie Mozzarella und Tomate plus zwei Aperol Spritz (der Autor), konsumiert im Gasthaus Purzl („Eine urige kleine Kneipe im Herzen der Altstadt“, Eigenwerbung) – wieder Hartschalensitze.

Erörtere Dr. I während der Zugfahrt meine Aufgaben, die ich für das Literaturfestival in Berlin noch bis Monatsende zu erledigen habe. Erzähle ihr, dass es zum Beispiel in maximal 1.000 Wörtern die Frage zu beantworten gilt: „Welche Jugendliteratur braucht Europa?“ Beschwafle sie in der Folge mit meinem krausen Gedankengut zu Sinn, Zweck und Aufgabenspektrum von Literatur. Und das auf eine nervtötende Art, wie ich sie sonst nur M. und C. zumute, wenn ich versuche, auf Biegen und Brechen mit dem Denken ein paar Millimeter voranzukommen.

Dr. I bleibt lange tapfer, klinkt sich auf halber Strecke aber doch für eine Verschnaufpause aus und lässt mich Todorov lesen. Sie tut es sehr höflich und ich habe größtes Verständnis für sie: Am Ende waren wir auf verschlungenen Pfaden bei Camus gelandet. Und ich mache mir, bevor ich mich in das Buch vertiefe, schnell eine Notiz in mein blaues Notizbuch. „Dr. I weigert sich zu akzeptieren, dass die Welt sinnlos ist.“

(Mann, bin ich in Form.)

 

17.7.

“Im Unterschied zum archaischen Selbst ist das reflektierte Selbst keine unverrückbare Gegebenheit. Es verändert sich mit der Zeit, und wir können auf es einwirken.”
Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens, 1995.

 

17.7.

Nächster Halt: Global Village.

 

17.7.

Zurück in München. Lesung Suzan Geridönmez. Abendessen mit Bernard Beckett, Benny Lindelauf und Sylvain Rivard auf der Terrasse der Pasinger Fabrik. Ich höre, was sie bisher in Bayern erlebt haben. Erzähle, was ich erlebt habe. Und dann erzählen wir, die wir alle keine fulltime writer sind, reihum vom Autorenalltag in Neuseeland, Holland, Kanada und Deutschland, lernen, dass es anderswo auch nicht anders ist, und sind uns einig, dass wir trotzdem zu den lucky guys gehören. Hier und heute sowieso. Spazieren am Ende gemeinsam in der lauen Sommerluft an der Würm zurück, an einem mondlichtbemalten Literaturschloss vorbei, zum Hotel.

(Touristen im eigenen Schriftstellerleben.)

 

18.7.

11.15, Lesung im Werdenfels-Gymnasium, Garmisch-Partenkirchen.

 

18.7.

Schülerwunsch auf die Frage, ob eine bestimmte Stelle aus Indianerland gelesen werden soll: „Seite 256, bitte.“

 

18.7.

Ablaufplan, der vorab vom Werdenfels-Gymnasium an Dr. I geschickt wurde:

1. Begrüßung   (1 min)
2. Vier Videotrailer zum Buch   (10 min)
3. Nils Mohl liest   (30min)
4. Schülergruppe führt Gespräch mit  Nils Mohl   (20min)
5. Fotoroman (PPP): Es war einmal Indianerland in Garmisch   (5min)
6. Nils Mohl fragt Schüler (6er Gruppe)   (10-15min)
7. Plenum   (10min)

 

18.7.

„War das großartig?“, frage ich Dr. I hinterher. Bin innerlich völlig aus dem Häuschen. Und Dr. I versteht das. Dr. I versteht überhaupt eine ganze Menge. „Und jetzt Zugspitze?“, fragt sie.

(Schöner Plan.)

 

18.7.

Schöner Fehlschlag. Postkartenwetter: Die Wartezeit an der Bahn Richtung höchstem Alpengipfel beträgt über anderthalb Stunden. Also disponieren wir kurzerhand um und gondeln mit Bus und Seilbahn auf den Wank hinauf, (auf „den Sonnenberg von Garmisch-Partenkirchen“, örtliche Fremdenverkehrswerbung).

„Tja, doch kein Foto von Indianerland ganz oben“, sage ich unterwegs, „ein schlechtes Omen mit Blick auf Oktober, oder?“  Dr. I glaubt das nicht. „I-wo“, sagt sie, „verpatzte Generalprobe. Das muss so sein.“ Und sie ist es auch, die vor der Wank-Hütte, wo wir auf rund 1780 Meter Höhe speisen, tatsächlich ein Holz-Wildschwein entdeckt. „Wenn das nichts ist“, sagt sie, lässt mich die Kamera zücken. „Japp, und das Panorama mit Zugspitzmassiv hätte man dort drüben auch nicht gehabt“, sage ich, „also, bitte recht freundlich …“

(Höhentraining, Teil II.)

 

18.7.

Noch immer Mittwoch. Zurück in München.

 

18.7.

Tweet von WhiteRavens2012: „Partytime! @NilsMohl im Import/Export! Beginn 19.30 Uhr #wrf12“

 

18.7.

Früher Abend. Auf dem Weg zum Club am Hauptbahnhof. Entscheide mich, im ersten Teil Birth. School. Work. Death. zu lesen. Anschließend macht vielleicht Sylvain spontan etwas Indianisches. Habe ihm am Morgen noch eine Nachricht im Hotel hinterlassen. Ansonsten soll der DJ nach der Pause einfach der Reihe nach alle Titel vom Soundtrack zu Indianerland anspielen. Dann darf das Publikum raten, was es hört. Und dann … mal gucken, was so passiert in der Sitzdisco, was ich daraus mache im Rampenlicht, ohne Text, ohne Stichworte, ohne Netz und doppelten Boden, nur mit einem Roman auf dem Schoß.

(Ich, der Hochseilartist auf seinem Schemel.)

 

18.7.

Nächster Halt: Neuland.

 

18.7.

20.15 Uhr, Lesung plus Sitzdisco im Import-Export, München.

 

18.7.

Aus dem Tweet-Log von WhiteRavens2012:

– Vorbereitungen laufen für die Veranstaltung im Import/Export mit Nils Mohl.
– Freu mich wie Rumpelstilzchen … #wordoftheday „Sitzdisco“.
– Der DJ und die Kassenchicas sind ready to party!
– Ok. Auf der Bühne tut sich was!
– Der Laden brummt. Dr. I ist glücklich!
– Mohl lobt das Münchner Publikum! Danke!
– Los geht es! Die Hütte ist voll! Import/Export mit Nils Mohl!
– Nils Mohl macht sein eigenes Vorprogramm!
– Sehr sympathisch, dieser Mohl!
– Das Publikum scheint die surreale Kurzgeschichte von Nils Mohl zu mögen!
– Kooperation der Festivalautoren! Mohl gibt die Bühne für Sylvain Rivard frei!
– Lesung mit Musik! Den Münchnern gefällts! Uns auch!
– Cool! Lesung inklusive Soundtrack! Smashing Pumpkins „Today“, wer es nicht erkannt hat ;-)
– Mohl ist besorgt um seine Leser! Er wollte ein cooles Buch schreiben, falls mal jemand beim Lesen [seines Romans] [auf dem Schulhof] ertappt wird.
– Aha. Der Autor hofft auf intelligentes Lesepublikum. Kratzt er die Kurve noch?
– Was für eine tolle Mischung von Musik und Literatur @NilsMohl coole Veranstaltung!
– Nils Mohl ist der James Joyce von Jenfeld? ;-)
– Danke Nils Mohl! Das war mal eine Lesung der anderen Art!

 

18.7.

Yippie-A-Yeah!

(„Rock’n’roll, Herr Mohl!“)

 

18.7.

Lichtsplitter an den Wänden und in den Gesichtern.

Die Diskokugel karusselt unter der Decke.

Der DJ spielt noch einmal Smashing Pumpkins.

„Today ist the greatest …“

Weißwein, gespritzt.

Dank an Sylvain für seinen Gastauftritt.

Die Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek freut sich.

Auch Nikolaj Ponomarev ist da.

„Nastrovje!“

Schulterklopfer recht, Schulterklopfer links.

Bücher signieren.

Mehr Weißwein.

(Russisch für Sitzdisco: „sidjatschaja diskotjeka“.)

 

18.7.

Autos fahren keine mehr im Westen von München. Der Tag, der vor Ewigkeiten mit einer Laufeinheit an der Würm begann, ist lange vorbei – und geht doch weiter. Eine Bilderbuchsommernacht. Ich spaziere mitten auf der Fahrbahn. Todmüde und zugleich putzmunter. Steuere das Hotel an, mit dem Leben im Reinen wie lange nicht mehr. So sieht es aus: Der kleine Nils aus Jenfeld, in großer Durchschnittlichkeit und denkbar unprivilegiert aufgewachsen, hier geht er, fern der Heimat unter einem bestirnten Himmel dahin, der lila schimmert wie die Schalen von Miesmuscheln. Ein gefeierter Schriftstellerdarsteller. Und er denkt: Was immer noch kommt, der 18. Juli 2012 ist einer dieser Tag, die man in Blick haben sollte, falls die Frage nach einer Wiederholung der besten 24 Stunden der Karriere mal auftauchen sollte.

(Geschichten, die man den Enkelkindern dann doch nicht erzählt.)

 

19.7.

11.30 Uhr, Lesung im Festivalzelt der Internationalen Jugendbibliothek, München.

 

19.7.

Die Bankreihen sind bis weit hinten gefüllt: Parallel zu mir tritt Sylvain auf, und seine indianischen Gesänge sind zwischendurch immer wieder zu hören, als gehörten sie zu meiner Veranstaltung dazu.

Dann grollt es über dem Zeltdach.

Prasselt der Regen nieder.

Bin ich taub vor Lärm.

Fiept das Mikrofon.

(Übersteuerung.)

 

19.7.

Aus dem Tweet-Log von WhiteRavens2012:

– Bald ist die Lesung mit @NilsMohl! Die Kids von der Situlischule haben in Vorbereitung ein Videotagebuch gemacht!
– Nils Mohl wartet auf seine Lesung mit 150 Kids!
– Bei der Nils-Mohl-Lesung zu Indianerland passt das Gewitter gut – spielt im Buch auch eine wichtige Rolle.
– Totale Stille, keiner scharrt mit den Füßen bei der Lesung mit Nils Mohl ;-)
– Nils Mohl hat Geschenke für die Organisatoren des #wrf12 und Dr. I! Wie nett. Dank Dir!
– Die Kids von der Situlischule haben Nils Mohl endlich für sich! :-)
– Die 9c führt heute ein Interview mit dem Autor Nils Mohl! Tolle Sache!

 

19.7.

Schluss. Noch einmal der Satz von Edda, der immer der letzte ist. „Nur eine Sekunde, bitte.“ Noch einmal Applaus.

Aus.

(Vorbei.)

 

19.7.

Die kindliche Unersättlichkeit. Das große Nichts. Schon während der Lesung fange ich an, beides beinah physisch zu spüren. In der Körpermitte beginnt es. Eine Art schmerzvolle Taubheit, wenn es denn so etwas gibt, breitet sich in mir aus. Von dem anschließenden Interview  bekomme ich schon fast nichts mehr mit.

Ich bin da und doch auch wieder nicht. Ich rede und höre mir dabei zu, als stünde ich zwei Meter neben mir. In mir bettelt etwas: Bitte die letzten Tage noch mal von vorn.

(Und dann bin ich nur noch leere Hülle.)

 

19.7.

„Die Anerkennung unseres Seins und die Bestätigung unseres Werts sind der Sauerstoff des Dasein.“
Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens, 1995.

 

19.7.

Abschlussfest.

 

19.7.

„Why don’t you dance?“ – „Los, Herr Mohl, tanzen!“ – „C’mon!“

 

19.7.

Menschen aus über einem Dutzend Länder der Erde zappeln, hampeln und hüpfen unter dem Festzeltdach im Schlosshof herum. Übermütig bis wild. Discomusik dröhnt aus den Boxen. Es herrscht das Diktat der Ausgelassenheit. Und die beste Erklärung, weshalb man mich in einem fort zum Mitmachen anzustacheln versucht, ist immer noch: Man sieht es mir einfach nicht an, dass ich mich bereits total verausgabt habe.

Fünf Lesungen in vier Tagen vor rund 400 Menschen.

Reinster Schriftstellerdarstellerpogo. Nonstop quasi. Ein Ständig-auf-Sendung-Sein. Ein Dauerkick. Ein Rausch. Drei Mal habe ich vorhin noch Small Talk auf Englisch betrieben. Die Drähte sind mir danach fast aus der Mütze gesprungen. Ich halte mich an einem Wasserglas fest. Randvoll mit, wirklich wahr: Wasser! Aber alles gut: Noch immer fühle ich mich beinah völlig versöhnt mit der Welt.

Das einzige, wovor ich mich auf einmal ernsthaft zu fürchten beginne, das ist der Gang durch das Schlosstor am Ende. Dieser schwarze Schlund. Pimpf Kaputtnik raunt: „Auf der anderen Seite wird alles, was jetzt noch andauert, Vergangenheit sein, mein Freund. Alles. Das hier: Das kommt nicht wieder. Nie! Mehr!“

(Ein Schlund schwarz wie Lakritz.)

 

19.7.

Der Schlosshof leert sich. „Tell me, when you leave to the hotel“, bitte ich Sylvain. Es sind keine fünf Minuten zu Fuß, aber ich will unter keinen Umständen allein gehen. Das würde mich im Augenblick killen. Nachdem alle fest umarmt sind (ganz zum Schluss und ganz besonders fest: Dr. I) tut mir mein indianischer Freund gern den Gefallen und sammelt mich ein. Erzählt mir unterwegs sehr beschwingt die hochabsurde Geschichte, wie ihm eine Schulklasse nach einer seiner Lesungen (als Zeichen der Aufmerksamkeit und des Danks) einen keinen Topfkaktus überreicht hat. Statt Blumen. „Ein Präriegewächs“, erklärt man dem Mann aus Montreal stolz. Selbst ohne Sylvains erzählerisches und mimisches Talent hätte ich mich in diesem Moment vermutlich immer bucklig gelacht.

(Noch einmal: 5 Lesungen in 4 Tagen, mehrere hundert Menschen!)

 

20.7.

En garde! Gebe im Hotel den Schlüssel zu Zimmer 26 ab. Verabschiede mich von Anne-Laure Bondoux, die gerade im Frühstücksraum im Tee rührt. Sie und ich sehen uns im Oktober bei der Verleihung vom Deutschen Jugendliteraturpreis in Frankfurt schon wieder. „Wenn du Glück ’ast“, scherzt sie auf Deutsch – mit diesem wirklich reizenden Akzent. Es sei nämlich gut möglich, erklärt sie dann auf Englisch weiter, dass sie mich vorab noch aus dem Weg räumen lasse. Sie habe diese Woche zu oft gehört, wie toll mein Buch sei, sagt die Favoritin. Ich erwidere, meine Erben würden sich über einen posthumen Preis bestimmt auch freuen. Und falls sie mich leben lasse, könnten wir uns im Zweifel dann ja auch gegenseitig in den Arm nehmen und einem unverdienten Sieger gemeinsam die Pest an den Hals wünschen. „We can hug and cry out our eyes and wish the plague to the winner“, sagt der Underdog, keineswegs sicher, ob sein Englisch in München große Fortschritte gemacht hat.

(Check out.)

 

20.7.

Ein ganzer Tag München bleibt noch.

(Ein Planungsfehler ursprünglich.)

 

20.7.

Nutze den Vormittag für einen Besuch an der Situli-Schule. Zwölf Videos hat die 9c in den letzten zwei Schulwochen zu Indianerland auf Facebook gepostet. Erschleiche mir im dreizehnten und letzten einen kurzen Gastauftritt. Lese zuvor noch ein Kapitel aus dem Roman vor, beantworte Fragen und bekomme am Ende, bevor es zu Weißwurscht und Brezn ins Lehrerzimmer geht, ein Bild überreicht, das die Klasse für mich gemalt hat. Irre!

(Eine Klasse für sich.)

 

20.7.

Fischer, meine alte Schulfreundin, hat mir am Mittwoch, im Import/Export bereits die Schlüssel für ihre Wohnung gegeben. Als ich am Mittag dort ankomme, packe ich den Rechner aus, setze mich aufs Sofa im Gästezimmer, sage mir: Es gibt reichlich zu tun, jetzt bloß nicht die Augen zumachen. Und dann: Wenn du die Augen zumachst, höchstens eine Minute. Und schließlich: Leg ja nicht die Beine hoch.

(Drei Stunden später wache ich wieder auf.)

 

20.7.

Als Fischer am Abend eintrudelt, gehen wir eine Runde laufen. An der Isar. Bei strömenden Regen. Was ungemein hilft, wieder ein wenig mehr Mensch zu werden. Ebenso später der Abstecher ins Hotel Olympic („Charmantes, kleines Hotel im Herzen Münchens“, Eigenwerbung), wo Thomas Vinson gerade ausstellt. Je weiter der Freund mit seinem Werk vorankommt, je vertrauter mir seine Arbeit wird, desto mehr Eindruck macht sein Schaffen auf mich. Vielleicht gerade weil es auf den ersten bis dritten Blick eher wenig Verbindendes gibt zwischen dem, was Thomas als Künstler tut, und dem, was mir als Erzähler wichtig ist.

Klare Linienführung, monochrome Farbflächen: Seine Reliefs, Zeichnungen und Installationen sind fast durchweg abstrakt, unnahbar, interpretationsrenitent. Und woran ich mich am Anfang am meisten gestoßen habe: Sie sind, was Thomas als Mensch keineswegs ist – auffällig humorlos. Nirgends ein Augenzwinkern. Aber das macht es womöglich aus. Zumindest leuchtet mir die Radikalität der Haltung dahinter ein. Was Thomas kreiert, das sind ja nicht zufällig Gebilde und Formen, denen anzusehen ist, dass sie mit großer Akribie geschaffen wurden. Die Holzarbeiten: keine Pinselspur in der Farbe, keine Nasen, alles wirkt perfekt. Sogar dort, wo Fundstücke (inklusive deutlicher Gebrauchsspuren) inszeniert werden, entsteht am Ende immer der Eindruck, als ginge es darum, Objekte und Kompositionen ohne offensichtlichen Makel zu schaffen.

Womöglich würde man es im gängigen Museumskatalogjargon so ausdeuten: Thomas Vinson reizt es ganz offensichtlich, Grenzen der Schönheit zu erkunden. Und man müsste  noch unbedingt ergänzen: Indem die Werke kein Abbild von etwas sind, das in der Wirklichkeit um sie herum existiert – außer vielleicht in der Welt der Kunst – führen sie nicht zuletzt besonders drastisch vor, was Kunst unbestreitbar leistet.

(Humor ist ja auch keine Allzweckwaffe.)

 

20.7.

 

20.7.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Ich weiß, ich wiederhole mich, aber Formen und Proportionen allein verschaffen uns keinen Kick – dafür brauchten wir die Kunst nicht. Mit Menschen geht es uns übrigens genauso. Das Antlitz, die Frisur, die Figur – diese Dinge allein sind es nicht. Es braucht etwas, das dahinter steckt, damit wir jemanden oder etwas nicht nur attraktiv und hübsch, sondern wirklich schön finden. Haltung. Ist so: Wir erkennen in einem Kunstwerk die Ansprüche, die mit diesem Kunstwerk an die Welt formuliert werden. Das ist der Punkt. Kunst konstruiert Welt. Kunst formt unser Bild vom Menschen mit. In ihr manifestieren sich Vorstellungen von Ästhetik. Und Moral. Das scheint mir alles in allem eine ziemlich haltbare These zu sein.“

 

20.7.

Wieder bei Fischer, finde ich im Posteingang noch eine  ausführliche, sehr rührende und berührende E-Mail von Dr. I, die mit einem „Huhu“ beginnt und mit dem Satz endet: „Das Leben kann einfach nicht sinnlos sein.“

(Die große Dr. I.)

 

21.7.

Rückreise, Teil 1. Erst denke ich auf dem Weg zur S-Bahn, ich habe wieder einmal mein Telefon liegen lassen – das tatsächlich aber im Koffer ist – und kehre noch mal um. In München-Ostbahnhof, wohin mich Fischer wegen der knapp werdenden Zeit mit dem Auto fährt, kotzt dann jemand die S-Bahn voll. Der Reinigungstrupp muss anrücken. Wie ein Irrer laufe ich am Flughafen blind drauf los. Erwische zufällig, wirklich zufällig, auf Anhieb das richtige Gate, sieben Minuten vor Check-in-Schluss.

 

21.7.

Rückreise, Teil 2. Am Nachmittag auf Sylt habe ich viel Zeit. Schicke M., der sich via E-Mail nach meinen Erlebnissen in Bayern erkundigt hat, ein Bild von dem Krabbenbrötchen, das ich mir in Hörnum kaufe. Drehe mir eine letzte Zigarette, bevor ich den Rest von dem Tabak entsorge, den ich im Schriftstellerdarstellermodus gebraucht und geraucht habe. Schließlich biegt die Adler Express um die Ecke.

 

21.7.

E-Mail von M.:

„Sehr schön. Sieht nach einem prima Fischbrötchen aus.“

 

21.7.

A. erkennt mich wieder. Auf Anhieb!

(Gefühlte anderthalb Jahre später.)

 

22.7.

Amrum, Urlaub.

(Minigolf.)

 

23.7.

Amrum, Urlaub.

(Senken in Steenodde, Ausbeute: vier Krebse.)

 

24.7.

Amrum, Urlaub.

(Hitze, Strandtag, Sonnenbrand.)

 

24.7.

Twitter-Link zu einem Bild von Dr. I, sich schlafend stellend auf dem Schreibtisch.

 

24.7.

Dialog via Twitter:

WhiteRavens2012:
– Unsere Lektorin für deutsch und die skand. Sprachen. Hat beim #wrf12 @NilsMohl betreut. War wohl ganz schön anstrengend ;-)

Nils Mohl:
– @WhiteRavens2012 Ja, der Typ ist die reinste Diva, hört man. Was ist denn mit Dr. I? Nervenzusammenbruch?

WhiteRavens2012:
– @nilsmohl Hier spricht Dr. I: Nix Nervenzusammenbruch. Ph! Nur 1 kurzer Hänger, schon lange überstanden. Diven sind schließlich großartig!

(Die charmante Dr. I)

 

24.7.

Tweet von WhiteRavens2012:

– Übrigens: das #wrf12 hatte 7.300 Gäste! Das ist nicht Nichts, finden wir! Danke!

 

25.7.

Amrum, Urlaub.

(Besuch von H., noch ein Strandtag, kein Sonnenbrand.)

 

26.7.

Rückfahrt nach Jenfeld.

(Wedder to Huus.)

 

27.7.

Ausflug zu den Karl-May-Festspielen, Bad Segeberg, rund dreißig Jahre nach meinem ersten Besuch. Ein echter, indianerlandmäßiger Wolkenbruch in der Mitte. Inklusive Spielunterbrechung. Ansonsten: Faschingskostüme. Platzpatronen. Hölzerne Dialoge. Jede Menge Stunts. Die Bösen bekommen es am Ende ordentlich reingerieben. Die Guten siegen. Noch immer. Im Wilden Westen nichts Neues. Das Publikum ruft Oh! und Ah! beim Abschlussfeuerwerk. Fantastisch.

(Winnetou II)

 

27.7.

„Trash has given us an appetite for art.“
Pauline Kael, Trash, Art, and the Movies, Harper’s, February 1969

 

28.7.

Ausflug nach Frankfurt. In die Kirche. Zum Westhafen. Essen. Tanzen.

(Hochzeit Thomas Vinson.)

 

28.7.

Erfahre, dass Thomas letzte Woche, genau an dem Tag, an dem ich mir seine Werke angeschaut habe, auch in München gewesen ist. Wir haben uns im Hotel Olympia um exakt eine halbe Stunde verpasst. Meine Frage an A.: „Was sagt uns das jetzt?“ Ihre schulterzuckende Antwort: „Es ist keine große Kunst, sich zu verpassen.“

 

29.7.

Zurück in Jenfeld. Papierstapel auftürmen und umschichten. Müll aus dem E-Mail-Eingang löschen. Mich noch einmal über die 9c freuen. Das Videotagebuch mit sämtlichen Beiträgen zu Indianerland ist jetzt im Director’s Cut online. Und ich gucke alles tatsächlich noch einmal von vorn bis hinten durch. Sitze danach lange lächelnd da und starre ins Nichts. Dieses ganze Projekt hat mich extrem glücklich gemacht, weil es ganz offensichtlich nicht nur mir eine ganze Menge bedeutet hat.

(Flashback.)

 

29.7.

E-Mail-Dialog, den M. anzettelt:

– Was macht die Young Adult Fiction?
– Er war stets bemüht.
– M-hm. Sehr beliebt im Kollegenkreis.
– Ist das so?
– Wie jetzt? Mit gepflegtem Äußeren.

 

29.7.

Lese ein wenig in den Stadtrandritter-Dateien. Raufe innerlich Haare. Es gibt sehr schöne Szenen, wirklich. Aber das Ganze funktioniert einfach so noch lange nicht. Und ich bin froh, dass dem Reisemonat Juli nun ein terminarmer August folgt. Bin aber auch froh darüber, dass es noch ein paar Dinge zu tun gibt, die mir eine Ausrede geben, mich nicht sofort wieder dem Roman auseinandersetzen zu müssen. Da ist zum Beispiel noch immer die Frage: „Welche Jugendliteratur braucht Europa?“

(Sagte ich es schon? Es gibt keine Jugendliteratur.)

 

29.7.

Skype-Nachricht an M.: „Geh schnell offline, sonst geh ich dir auf den Keks.“

 

30.7.

Reinbek bei Hamburg. Parke mit Blick auf das eingeschossige Verlagsgebäude. Diese lang gezogene Glasfront. An den Seiten die Mauerelemente mit den geweißten Ziegeln. Die grüne Wiese davor, bei der man sich immer fragt, ob die nicht einen Tick zu grün ist. Der sehr elegante Schriftzug an der Hauswand: Rowohlt.

Ich bin ganz vernarrt in diese Kulisse, ohne erklären zu können, wieso und warum genau. Aber ein wenig wirkt das Ganze auf mich immer wie ein sehr luxuriöser, sehr gut gepflegter Ferienbungalow aus einer Zeit vor dieser Zeit.

Aber die Ferien sind vorbei. Und es ist heute.

Gleich, wenn die neue EP von John Frusciante, die ich unterwegs gehört habe, bis zum Ende durchgelaufen ist, werde ich aus dem Auto aussteigen, zum Haupteingang trotten, mich beim Empfang melden.

Man wird mich dort abholen, man wird mir in einem modernen Büro mit weißen Regalen voller Bücher Tee servieren, und ich werde an der Tasse nippen, Zuversicht ausstrahlen und versichern, dass die Stadtrandritter auf einem guten Weg sind.

Dann werde ich vom White Ravens Festival erzählen. Die aktuellen Absatzzahlen von Indianerland in Augenschein nehmen dürfen und sehen, dass die Verkäufe nach oben gegangen sind, aber noch immer eher durchwachsen bleiben.

Man wird mich mit sanftem Druck darauf hinweisen, dass spätestens im Frühjahr das neue Buch nachgelegt werden sollte. Kann ja sein, dass es nichts wird mit dem Preis im Oktober. Und ich werde zustimmen. Und ich werde versprechen im September zu schicken, was ich habe. In sechs Wochen.

(Sechs Wochen.)

 

30.7.

Skype-Chat mit M.:

– Ich war heute bei meiner Lektorin.
– Was sagt deine Lektorin?
– Ihr Hund war auch im Büro. Er hat mich aber nicht gebissen.
– Was sagt deine Lektorin?
– Sie hat mich erstaunlicherweise auch nicht gebissen.

 

30.7.

Längeres Skype-Gespräch mit M. Versuche, ihm meine Überlegungen zur 3. Welle der Moderne näherzubringen – in der Hoffnung, dass er mir dabei hilft, meine Gedanken zu Ästhetik und Moral in der Post-Postmoderne zu ordnen. Schnell lande ich bei Todorov. Fasele davon, welchen Einfluss Literatur doch auf unserer aller Zusammenleben hat. M.s Interesse, das ist zu spüren, an meinen Ausführungen hält sich in überschaubaren Grenzen. Immerhin rät er mir, meine eigenen Thesen nicht durch dümmlichen Humor zu untergraben, bevor er mich höflich abwürgt.

(Humor ist ja auch keine Allzweckwaffe.)

 

30.7.

„Das Selbst existiert nur in seinen und durch seine Beziehungen zu den anderen; den gesellschaftlichen Austausch zu intensivieren, heißt das Selbst zu bereichern.“
Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens, 1995.

 

30.7.

Nächster Entwurf meiner Thesen zu der Frage: „Welche Jugendliteratur braucht Europa?“ Das Dokument geht nach New York. Antwort von M. via E-Mail: „Das war vorher besser, glaube ich. Vorher war Ästhetik und Moral, jetzt ist nur noch Zusammenleben? Ist Moral die Ästhetik des Zusammenlebens?“

(Übermorgen ist Abgabe. Vorläufige Kapitulation.)

 

31.7.

 

31.7.

Am Schreibtisch.

Auf dem Rad.

In der S-Bahn.

Im Stadtpark.

Im Ruderboot.

Auf dem Stadtparksee.

Fast auf der Außenalster.

In der S-Bahn.

Auf dem Rad.

Am Bolzplatz Münzkoppel.

An einem Dreifuß-Grill.

Am Lagerfeuer.

 

31.7.

Funken irrlichtern in der Dunkelheit über dem Feuer herum. Es knistert in den Holzscheiten, die auf der Glut liegen. Qualmgeruch kriecht ins Gewebe der Sportklamotten, ein Beißen auf der Netzhaut. Das rituelle Abgrillen am Ende der Freiluftsaison neigt sich dem Ende entgegen.

Neben mir auf dem elefantenhalsdicken Baumstamm, den wir als Bank benutzen, sitzt der zukünftige Bürgermeister dieser Stadt. Behauptet, als ich ihn danach frage, er sei gar nicht scharf darauf, einmal Bürgermeister dieser Stadt zu werden.

„Ein Schweinejob. Na, mal sehen“, sagt er.

Und ich gebe zurück, dass es natürlich immer besser ist, wenn die richtigen Leute die Schweinejobs machen. Merke, dass nicht nur die Motorik im Mund-Rachen-Raum allmählich außer Kontrolle gerät. Die dritte Flasche Prosecco ist in Arbeit. Eskalation mit Ansage: Eine längere Phase der Abstinenz steht an.

„Na, mal sehen“, sage ich, „die Frage ist ja immer, was man macht, wenn die Tür dann eines Tages unverhofft oder verhofft vor einem aufgestoßen wird.“

„Mir bringt das Spaß, was ich jetzt tue“, sagt der zukünftige Bürgermeister, wirft noch einen Scheit auf das Feuer. „Und bei dir?“

„Mir bringt, was ich tue, derzeit auch erheblich Spaß,  das letzte Jahr war verblüffend großartig“, sage ich. Nehme einen weiteren Schluck aus der Flasche. Trinke die Flasche leer.

(Reinigungsrituale.)

 

__

Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

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