Juni 2012

by Nils Mohl on Juli 2, 2012

__

1.6.

Der Bühnenhintergrund ist (wie der ganze Raum) mit schwarzen Stoffbahnen ausgehängt. Einzige Kulisse: eine mannshohe Mauer aus weißen Pappkartons. Am Ende der Soundcollage, mit der die Inszenierung beginnt, fliegt der erste Ziegel aus dem Gebilde, der Kopf eines Schauspielers taucht in der Lücke auf. Kurz darauf fliegt der zweite Ziegel. Ein weiterer Kopf. Der Eröffnungsdialog hebt an. Ein Palaver über die Supernova, das in die abstruse Endzeitvision kippt, die Ton und Richtung für die nächsten 70 Minuten vorgibt.

Den Text könnte ich mitsprechen. Noch immer. Lange her, dass M. und ich mit Auszügen aus Revolution tingeln gingen. Ein gutes Jahrzehnt inzwischen. Der riesige Suppentopf und die vier Nasen in Flensburg. Das ehemalige Fabrikgelände in Winterthur. Eine Menge Bilder, die da auf mich einstürzen, während ich in der vorletzten Reihe dieser Hinterhofbaracke im vorsommerlichen Münster sitze. Fühle mich unendlich beglückt, während die Schauspieler da vorne barfuss die Mauer nach und nach abtragen, umschichten, zum Einsturz bringen, nebenher über Kantinenreis und Klone philosophieren und am Ende erschöpft in den Kistenhaufen fallen.

Begeisterter Beifall am Schluss.

(Theaterrausch.)

 

1.6.

Premierenfeier. Befeuere den Aufruhr in mir mit Weißwein in Unmaßen. Verneige mich aufrichtig: Wie toll die Schauspieler doch alle beide ihre Figuren. Wie toll die Regie den Kern der Sache. Wie toll überhaupt die Welt. Und: Wenn jetzt M. hier sein könnte. Wenn überhaupt alle da wären, die. Und die anderen auch. Mitteilsam wie selten rede ich mit den gerade noch Fremden, die an der Aufführung mitgewirkt haben und mir plötzlich mindestens wie neue alte Freunde erscheinen, über diesen Abend, das Stück und was uns sonst so bewegt.

Quasi kurz nach dem Schlussapplaus ist es dann schon weit nach ein Uhr. Wir werden auf die Straße gekehrt. Ein harter Kern entert zwei Ecken weiter eine Raucherkneipe. Augenblicke später ist es vier Uhr und fast schon wieder morgen. Es wird in den neuen Tag hinausgezogen. Zügle die unbändige Lust, noch tanzen zu gehen, was auch nur so eine vage und völlige alberne Unruhe ist, nach den rund 24 Stunden, die ich auf den Beinen bin. Die völlig unsinnige Angst davor, vielleicht doch noch nicht alles herausgequetscht zu haben aus diesem Tag, dieser Nacht.

Umarmungen zum Abschied. Holger bekommt die festeste. Er wollte Revolution spielen. Das muss er jetzt aushalten. Hält er aus. Freut sich vielleicht auch, dass er sich an jemandem festhalten kann.

(Vorhang.)

 

2.6.

Wache auf in einem Zimmer mit grelltürkiser Wand. Mehr ein Schlauch. Keine Bilder. Keinerlei Schnickschnack. Kassettendecke. Laminat. Bett. Hocker. Garderobe mit Hutablage. Tisch. Stuhl. Einzige Extravaganz neben der Farbgestaltung: ein Schaukelstuhl. Könnte sonst auch die Kulisse eines Wong-Kar-Wei-Films sein. Ist aber Zimmer 15, SleepStation, Münster.

Hinter dem Bett, an der Stirnseite, ein Fenster. Den Blick aus dem vierten Stock auf den Gleiskörper des Hauptbahnhofs habe ich am Vortag schon bewundert. Heute ist es verdammt hell da draußen. Und die Aufgabe, jetzt gleich meinen Kram zusammenzuraffen und an dem ganzen Treiben dort unten wieder teilzunehmen, scheint mir äußerst anspruchsvoll, in gewisser Weise auch bedeutungslos.

„Regie, wie genau machen wir jetzt weiter?“

(Regie schweigt.)

 

2.6.

 

2.6.

Verbringe die Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges damit, durch die Innenstadt von Münster zu marschieren. Der Appetit für ein anständiges Frühstück fehlt. Erwerbe letztlich in einem dieser sterilen Tempel der Systemgastronomie zwei Burger, die nicht so heißen. Und auch nicht so schmecken. Dazu Cola. Bausteine einer ausgewogenen Ernährung.

Das Mahl nehme ich auf einer Bank in einer Grünanlage ein. Trotz Kater: Die Leere innen drin ist keine von der schalen Sorte. Alles scheint auf einem überschaubaren Level schwer in Ordnung. Interessanter Zustand. Mit ausdünstendem Hirn nachdenken darüber, wie selten das geworden ist: zielloses Abhängen, stumpfes Durchhängen, ohne Drang und ohne Druck, die nächste Aufgabe, den nächsten Programmpunkt in Angriff zu nehmen.

Zeit einfach so verstreichen lassen. Ging das früher wirklich mal? Nicht nur 30 Minuten, sondern Stunden lang? Und war das nötig?

(Abgründe der Rückschau.)

 

2.6.

Zurück in Jenfeld. Mail von M.: „Wie war’s?“ Schicke ihm ein Foto von meinem Hut auf der Hutablage in Münster.

 

3.6.

Am Schreibtisch. Wünsche mir meine Wollstrümpfe zurück, die man winters in diesem Arbeitszimmer zu Socken und Hausschuhen tragen muss, um die Veklumpung der Füße zu Eisblöcken zu verhindern. Draußen sind die Temperaturen knapp zweistellig. Seit ein paar Tagen spricht man über Schafskälte. Vor einer Woche noch in der Nordsee gebadet. So desaströs der Mai alles in allem war, das war fantastisch. Und das ist jetzt der Juni?

(Frühling, Arschloch, Herbst und Winter.)

 

3.6.

Stadtrandritter?

Öffne die Datei.

Scrolle ein bisschen darin herum.

Schließe die Datei wieder.

Die Maihängepartie geht in die Verlängerung.

 

3.6.

Leite M. die erste Rezension zu Revolution weiter. Das Fazit der Westfälischen Nachrichten: „Die ‘Revolution’ bleibt aus. Aber dadurch, dass sie ein verschwommenes Phänomen am Horizont bleibt, dadurch, dass sie überlagert wird vom alltäglichen Leben, wird sie zugleich ein wenig deutlich als das, was sie sein könnte: als naive, versponnene Version eines optimalen Daseins.” M. stößt sich an der Formulierung „launige Wortgeplänkel“ zu Beginn der Besprechung. Schreibt: „Wir könnten das Stück einfach auf Frauen mittleren Alters umschreiben. Ich habe keine Ahnung von Frauen mittleren Alters, aber das macht, glaube ich, nichts.“ Immerhin: Den Name Beckett lassen die Westfälischen Nachrichten auch fallen. Kein Protest von M., was das angeht.

 

3.6.

Am Nachmittag perforiere ich weiter die Luft über dem Klapprechner mit Blicken. Und während ich mit dem Roman weiter auf der Stelle trete, machen die „Wutbürger“ einen Steinwurf entfernt wieder mobil. Heute: Autokorso durch Jenfeld. Zum zweiten Mal schon in diesem Jahr. Route: Rodigallee – Öjendorfer Damm – Charlottenburger Straße – Schöneberger Straße – Wilsonstraße – Tonndorfer Hauptstraße – Ahrensburger Straße – Wandsbeker Zollstraße – Rüterstraße – Wandsbeker Marktstraße – Robert Schumann Brücke – Jüthornstraße – Rodigallee. Sehr schöne Strecke. Alles drin: vom Einkaufszentrum über Studio Hamburg bis zum Krankenhaus.

Den Flyer zur Aktion hatten wir wieder im Briefkasten. Vorne drauf diesmal:  ein nostalgischer Käfer in Sargschwarz. Für mich neu: Auf der Homepage der Initiative „Wohnen auf eigene Gefahr“ läuft eine Countdown-Uhr rückwärts. „Noch 180 Tage, 5 Stunden, 51 Minuten bis der Senat sein Versprechen bricht.“

Dieser Countdown macht mich nervös. Nicht wegen des Senats oder der Ex-Sicherheitsverwahrten, die ihr Domizil in Jenfeld im November verlassen sollen. Nein, ich denke über sämtliche Countdown-Uhren nach, die für die Fertigstellung von Stadtrandritter schon rückwärts gelaufen sind.

(Autor auf der Standspur. Bitte hupen, wenn Geistesblitz!)

 

3.6.

Notizen am Rechner:

– Die Handlung.
– Die Handlung?
– Die Handlungsunfähigkeit …
– Haha!
– Handlungsunfähig, weil handlungsunfähig?

(Schenkelklopfer.)

 

3.6.

„Aber Schenkelklopfer gibt’s ja schon fast gar keine mehr, heutzutage.“

Mohl/Reinhold, Revolution, 2001.

 

4.6.

Stadtrandritter, Arbeitstag wie viel? 4xx. Mail an M. vor ein paar Tagen: Deutete an, dass das Unternehmen gegen die Wand zu fahren droht. Übertreibung?

 

4.6.

Bolle Bims fragt per Mail, wie Münster war. Weiß noch immer nicht recht, was mich so froh gestimmt und beglückt hat. Die Menschen, klar. Die Reise in die Vergangenheit, die es auch war. Das Vergnügen möglicherweise, zur Abwechslung mal nicht der Autor von „Es war einmal Indianerland“ zu sein, der ich im Augenblick ja vornehmlich bin?

Antworte: „Mordsspaß. War ja schon die dritte Inszenierung des Stücks, aber die letzte liegt mittlerweile acht Jahre zurück. Hatte etwas angenehm Nostalgisches für mich. Davon abgesehen: Dieses Erlebnis, Schauspieler eigene Texte sprechen zu hören, ist jedes Mal: Gänsehaut. Kann das gar nicht genau erklären. Vielleicht, was ja nicht so oft vorkommt, dass man sich verstanden fühlt? Wenn die Texte  auf der Bühne gesprochen werden und funktionieren, stellt sich jedenfalls genau dieser Eindruck ein. Das ist sehr sehr schön.“

 

4.6.

Nach meinem Kurs an der Uni Treffen mit C. im La Piazetta, Wandsbeker Chausee (original italienisches Ambiente, Eigenwerbung). Auf der Hinfahrt habe ich mir noch fest vorgenommen, unter keinen Umständen C. mit dem Stadtrandritter-Gewürge auf den Senkel zu gehen. Kaum ist der Insalata mit Knoblauchshrimps allerdings verspeist, knicke ich auch schon ein.

Bestimmt eine Stunde lang versuche ich beim Reden hauptsächlich über Figuren und Erzählstrategien, selbst dahinterzukommen, wo die Rüstung klemmt. Alles steht auf dem Prüfstand. Letzte Woche habe ich M. schon die aktuelle Version geschickt. Durchaus nicht ohne Skrupel. Für mein ausdünnendes soziales Umfeld bin ich derzeit wirklich eine Plage. Mal wieder. Auf der Fahrt nach Haus nehme ich mir deshalb auch fest vor, das heroische Angebot von C., ihm ebenfalls die aktuelle Version zu schicken, auf keinen Fall in Anspruch zu nehmen.

 

5.6.

Schicke C. die aktuelle Version.

 

5.6.

„She asked me who it was who first said never say never. I told her it must have been someone alone.“

DFW, Say Never, 1989.

 

5.6.

E-Mail von M.: “Ich frage mich, nach 100 Seiten Lektüre, wieviel Indianer in den Indianern waren und wieviel Ritter jetzt in den Rittern. Ist das ein sinnvoller Gedankengang?”

 

6.6.

Ein weiterer dieser Morgende. Sinniere mehr oder weniger ergebnislos über die Knobelfrage, wieviel Indianer in den Indianern waren und wieviel Ritter jetzt in den Rittern sind. Dann überlege ich, ob es Tricks gibt, die ich von den Indianern für die Ritter adaptieren könnte. Verachte mich für diesen Waschlappengedanken. Es gibt durchaus Stellen, da bin ich deutlich weiter als bei Indianerland. Aber Selbstverachtung macht natürlich Spaß.

Besonders großen sogar, als ich mich kurz darauf dabei ertappe, wie ich das x-te Mal in der letzten Stunde den Verkaufsrang von Indianerland auf Amazon kontrolliere. Seit langer Zeit mal wieder abgerutscht in den sechsstelligen Bereich. Pimpf Kaputtnik raunt: „Zurück in der Bedeutungslosigkeit.“

Ich erinnere Kaputtnik in aller gerade nicht vorhandenen Bescheidenheit und Größe daran, dass die Stiftung Buchkunst Indianerland letzten Monat zu einem der schönsten Bücher des Jahres gekürt hat. Pimpf Kaputtnik vermeldet: „Das schönste und beste Jugendbuch des Jahres aus Deutschland, jawoll. Und, mein Freund, wie geht es weiter?“

(Egotunnel.)

 

6.6.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Karrieristisches Denken macht das Schreiben lahm. Wenn Fragen nach dem Status oder dem Ausbau des eigenen Ruhms im Raum stehen, während man an der Arbeit sitzt, dann kann man nur zusehen, dass man schnellstens die Flucht ergreift. Haltung: démodé. Aber muss sein.“

 

6.6.

Die Hafencity im Regen. Mittagessen mit Benjamin Maack. Sein „Monster“-Buch bekommt gerade, zumindest ein Stückweit, die Aufmerksamkeit, die es verdient. Mehrere Besprechungen im großen Feuilleton zuletzt. Völlig zu Recht. Auch wenn die Rezensenten natürlich nicht im Ansatz in der Lage sind, die Schönheit und Kunstfertigkeit der Geschichten angemessen zu würdigen. Aber das erwartet man ja nicht einmal mehr. Nicht wirklich.

Bei Spaghetti Napoli (Maack) und Chili con Carne (Mohl) sprechen wir dann darüber, was dieses zuweilen unheimlich widerliche, weil unwürdige Gieren danach, von anderen wahrgenommen zu werden, mit einem tut. Was das für Energien saugt. In lichten Momenten geht es mir wenigstens so, behaupte ich, dass ich mir unheimlich hässlich deswegen vorkomme. „Nach jedem Suchmaschinen-Selbstfindungs-Trip“, sage ich, „nur zum Beispiel.“

Das künstliche Licht in der neuen Spiegel-Kantine leuchtet uns. Die Kellnerin bringt Nachtisch. Kuchen (Maack). Weintrauben (Mohl). Und Benjamin rettet mir diesen Teil des Tages. Das sei alles ein Akt der Liebe. „Du drückst dir das Werk unter fürchterlichen Anstrengungen und Schmerzen aus dem Schoß“, sagt er, „was wäre man für ein Mensch, wenn einem dann egal wäre, was damit passiert!“

Für Kaffee (Maack) und Tee (Mohl) mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock, Blick über Hamburg. Blick ins Graue.

(Leben unter atlantischen Tiefausläufern.)

 

7.6.

„Ehrgeiz, ein hohes Kontrollbedürfnis, aber auch ein hohes Beliebtheitsstreben – das sind Eigenschaften, die uns antreiben und erfolgreich machen, die aber auch zu Stressfallen werden können.“

Mazda Adli, Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störung an der Charité in Berlin, 2012.

(Moden der modernen Medizin)

 

7.6.

Beim Kontojob. Kollege Sch. mosert über meine Muffigkeit. Ich:

– Wenn ich Versicherungen verkaufen muss, bin ich immer unheimlich mies gelaunt.
– (Gedankenverloren) Wo ist unsere Würde hin.
– Die ist unantastbar. Wo soll die hin sein?
– Einfach verschwunden. Wie der Thunfisch.
– Der Thunfisch ist verschwunden? Was liegt dann auf der Pizza?
– Thunfisch. Ganz verschwindet der erst 2025.
– Meine Empfehlung: eine Risikolebensversicherung.

 

7.6.

Die Terrasse vor der Hamburger Kunsthalle. Blick auf die Binnenalster. Hin und wieder spritzt sogar ein wenig Sonnenlicht zwischen den zierlichen schiefergrauen Wellenbuckeln auf. Treffen mit Dr. I. vom White Ravens Festival während der Mittagspause. Sie wird mich Mitte Juli durch Bayern begleiten. Drei Schullesungen (Bayreuth, Ochsenfurt, Garmisch-Patenkirchen), eine Abendveranstaltung (München) und einmal Schlosslesung (Internationale Jugendbibliothek, ebenfalls München). Meine erste professionell organisierte Lesereise. Mit gerade eben noch 40. Als Jugendbuchautor.

Worüber ich auch mit Dr. I. kurz spreche. Was zielsicher dazu führt, dass ich im Grunde bestreite, etwas mit dem Genre Jugendliteratur zu tun zu haben. Oh, Mann. Nur gut, dass Dr. I. klug und humorvoll genug ist, damit souverän umzugehen. Die Wahrheit ist ja auch: Die Vorfreude auf Lesungen und Reise könnte kaum größer sein.

(Erfolgstrotteligkeit.)

 

7.6.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Alles ist immer Genre. Es gibt überhaupt nur Genreliteratur. Was am Ende des Tages aber nur interessant ist für Leute, die mit Literatur im Grunde nichts am Hut haben. Oder nur rein geschäftlich.“

 

8.6.

Zwei gefiederte Klumpen liegen auf dem Schotterweg. Etwa eine Fußbreit Abstand zwischen ihnen. Bin vom Rad gestiegen, bevor ich sie gesehen habe. Jetzt bemerke ich, dass Innereien aus dem einen Klumpen herausgucken, blutverschmiert. Begreife: ein Vogel. Eine Taube? Zwei Schritte entfernt von der Bank, auf die ich mich gerade setzen wollte, wie ich das manchmal morgens mache, auf dem Weg zum Kontojob: Rast unter den Bäumen am Ende der Angerstraße, Ecke Steinhauerdamm.

Eine Zeitlang habe ich dabei etwas gelesen, ein Gedicht, zwei, drei Seiten in einem Roman, inzwischen betrachte ich aber einfach nur für ein paar Minuten den vorbeirauschenden Verkehr. So habe ich das auch heute vorgehabt. Das tote und kopflose Tier liegt allerdings nur zwei Schritte von meiner Bank entfernt. Der Anblick setzt mir zu.

Nehme trotzdem Platz, wende den Kopf von dem Kadaverstückwerk ab, bemerke dabei, dass auf dem Rasenstück neben dem Schotterweg zwei weitere Klumpen liegen. Etwas kleiner als die beiden ersten. Was ist das? Was hat sich hier abgespielt? Während die Fragen noch durch meinen Kopf hallen, höre ich eine nahende Polizeisirene, schrecke im selben Moment auf. Ich denke dabei ungelogen den Satz: „Ich war’s nicht!“

(Großstadt, freie Wildbahn)

 

9.6.

Wochenende ohne Großtermine. Heißt: Noch einmal in Ruhe darüber grübeln und brüten, worum es geht und hingehen soll im Roman. Heißt am Nachmittag, als es Tag wird in Manhattan: Bei M. um eine Skypetermin betteln.

– Hast du eine Stunde?
– Ich hab‘ immer Stunden. Weekly special „in detention with ms. miller“ $.85 p. min.
– Geht Paypal? Wann wäre es denn ideal?
– Immer nach der Messe und bevor ich dann in den Puff gehe.

 

9.6.

Skypen mit M., der sich bis auf Seite 170 vorgekämpft hat und die Vermutung äußert, dass ich mir nicht genug Freilauf lasse. Der Boxer in Indianerland sei ziemlich sauer auf die Welt, das auch mit Recht, und habe sich nach besten Kräften seinen Problemen allein gestellt. Das Ensemble in Stadtrandritter habe zwar auch einen Sack voll Problemen, die Schwierigkeiten erstreckten sich aber über die einzelnen Figuren hinaus.

Ich protestiere nicht, so sollte es sein. Zweifellos bleibt auch an der Stelle noch jede Menge zu tun, speziell Merle muss noch einen ganzen Zacken mehr an der Welt leiden. Aber das ist bereits angelegt, an den Schrauben ist schnell gedreht. Und ist es das überhaupt?

Kritzle während des stundenlangen Gesprächs mit M. einen Zettel voll, der mir veranschaulichen soll, was in der Anlage des Romans möglicherweise nicht stimmt. Am Ende veranschaulicht die Kritzelei vor allem eins: stichhaltige Beweismittel sehen anders aus. Und möglicherweise stimmt ja auch alles – und ich scheue mich einfach davor, mir beim Steine kloppen die Nägel zu ramponieren.

(Ästhetik & Handwerk.)

 

9.6.

 

9.6.

Ich weiß noch, im April dachte ich: Wenn mich morgen ein Autofahrer übersieht oder mir sonstwie unvorhergesehen die Lichter ausgeknipst werden, kann der Roman problemlos auch von jemand anders fertig geschrammelt werden.

(Brüller des Tages.)

 

9.6.

Aus den Proben zum epochemachenden Interview: „Die kommen dann übrigens immer verlässlich im letzten Drittel einer längeren Schaffensphase: gedankliche Nachlassregelungen. In Kombination mit gesteigerter Unglückserwartung, zum Beispiel in Gestalt von hanebüchenen Unfallszenarien. Ersatzweise auch gerne genommen: die Rolle des zufälligen Verbrechensopfers. Eine Bande Unterprivilegierter versaut Tankstellenraub, schießt sich den Weg frei. Zufällig zugegen, am Hochdruckreiniger vor der Waschanlage, um das Fahrrad nach Ewigkeiten mal wieder gründlich zu reinigen: der Autor. Und man denkt, mit rätselhafter Genugtuung: Verschiedener Autor, hinterlassenes Werk – todsicheres Geschäft. Woran man lustigerweise so gut wie nie denkt: Dass nach dem Dahinscheiden sehr wahrscheinlich niemand Bock haben wird, noch die Kastanien für einen aus dem Feuer zu holen.“

 

10.6.

Eine weitere ertragslose Frühschicht. Zwei ereignisarme Stunden ab 5 Uhr am Rechner. Ich öffne nicht mal zum Schein ein Dokument. Lese dann E-Mails aus dem letzten Monat. Kopiere ein bisschen was für den Blog zusammen.

(Arbeitsflucht.)

 

10.6.

E-Mail-Konversation mit M., Mitte Mai, nach Erscheinen des April-Blogs.

– Schöner Blog diesen Monat, mit Erkrankung und so. Sehr beeindruckend.
– Der April war leider ein eher bescheidener Monat.
– Was rauskommt, das ist doch was zählt, haha.
– Der Blog hat mir fast den Verstand geraubt. Fast alles hat ihn mir geraubt.
– Erzähl mir mehr.
– Das Unternehmen Blog und die Schere im Kopf, sobald es ans Eingemachte geht.
– Erzähl mir mehr.
– Ich könnte dir von weiteren Arztbesuchen in den letzten Tagen berichten.
– Oh-oh … bitte, gern.
– Nach Wochen wieder kicken gewesen, eine falsche Bewegung, Diagnose „M54.4“.
– Therapie?
– Drogen. Novaminsulfon (u. a.)
– Wirkung?
– Neige nach 40 Tropfen zu einer Art Witzelsucht. Finde selbst mich saukomisch.
– Was einen noch schöneren Blog im Mai verspricht.
– Sehr witzelig. (Meine Fresse!) Nein, im Mai wird es nur Pausenprogramm geben.
– Kein Mai?
– Ja, mei … Selbstschutz. Der Monat ist ja auch schon halb rum.
– Ein paar Tropfen mehr Novaminsulfon womöglich …
– Hier liegt ein Fragebogen, den packe ich Ende Mai in den Blog. Was meinst du?
– Ich würde mich nie in deinen Blog einmischen.
– Weil ich das ja auch für dich erledige, du wirst eingemischt.
– Wenn ich Zeit und Geld hätte, könnte ich dich dafür natürlich verklagen.
– Ein Einmischling wider Willen klagt an!
– Sehr schön. Novaminsulfon?
– Novaminsulfon. Teufelszeug. Schuldigung.

 

10.6.

„Der genaue Wirkmechanismus von Metamizol [Novaminsulfon] ist ungeklärt … Im Gegensatz zu anderen Nichtopioid-Schmerzmitteln wie z. B. Acetylsalicylsäure oder Diclofenac ist Metamizol gut magenverträglich, Magengeschwüre (Ulcera) treten praktisch nie auf … Metamizol verursacht keine Atemdepression. Sehr seltene weitere Nebenwirkungen sind das Auftreten von Hautveränderungen (Stevens-Johnson-Syndrom, Lyell-Syndrom), Auftreten von Verwirrtheit, Trübung des Bewusstseins und andere psychiatrische Störungen.“

Quelle: Wikipedia, Juni 2012.

 

10.6.

Nach dem Frühstück zurück an den Schreibtisch. Erledige den wöchentlichen Uni-Kram. Versuche mir anschließend in Trockenübung vorzustellen, was es für den Roman bedeuten könnte, wenn ich gewisse Handlungsstränge einfach tilgen würde, um dem Rest ein wenig mehr Luft zum Atmen zu verschaffen. Es gibt zum Beispiel einen sehr langen Traum in der Mitte der jetzigen Version. Silvester erlebt darin den Tod seiner Schwester nach, bei dem er nicht anwesend war.

Braucht Silvester überhaupt eine Schwester? Beim Essen mit C. am Montag und auch gegenüber M. habe ich bereits den Verdacht geäußert, dass eine tote Schwester auch ein ziemlich billiger Trick sein könnte, um Mitgefühl für eine Figur zu wecken. Die Schwere des Schicksalsschlags bleibt mehr oder weniger nur Behauptung, solange das Verhältnis der Geschwister nicht dargestellt wird. Und das wird es nicht. Oder nur sehr am Rande.

Illustrierende Träume sind in Erzählungen sowieso höchst fragwürdig. Spieglung von Abbildern in neuen Abbildern. Die Sache ist: Der Traum an sich – eine fantastische Szene. Und: Der Eingriff wäre nicht nur an dieser Stelle äußerst schmerzhaft. Da ramponiert man sich nicht nur eben die Nägel. Das ist nicht: Ich mache das einfach Mal …

(Fuu!)

 

10.6.

„Mensch, Nils, Erzählungen sind doch ohnehin nichts anderes als verkappte Träume.“

Oskar Sodux, Tourgespräche, Herbst 2010.

 

10.6.

Zwei Möglichkeiten jetzt, weil das noch nicht geschriebene Ende so oder so gebraucht wird. Möglichkeit eins: der Schritt ins Ausprobieren, gleich das dritte Mal vorne anfangen. Möglichkeit zwei: Am Unfertigen weiterprokeln, das letzte Drittel erst einmal so runterschreiben. Was direkt zur Frage führt: Was hätte man jetzt lieber? Einen Haufen Elchscheiße zum Frühstück. Oder einen Haufen Elchscheiße zum Abendbrot? Übertreibung?

 

10.6.

Aus den Proben zum epochemachenden Interview: „Übertreiben gehört dazu. Hybris gehört dazu. Es gehört dazu, dass der Schriftsteller sich dazu berufen fühlt, als Künstler mehr zu leisten als die Konkurrenz, lebende wie bereits abgelebte. Es gehört allerdings auch dazu, darüber zu schweigen. Gedankenkraut dieser Art gehört gejätet, sobald es im Stillen zu sprießen beginnt. Demut gehört dazu. Es gibt immer noch eine Menge dazuzulernen. Halbgares Geschreibsel ist peinlich. Überhaupt ist es ja die meiste Zeit unheimlich peinlich, was man so zustande bringt. Und vor allem, wie!“

 

10.6.

Schnüre die Laufschuhe. Seit der Rückengeschichte Anfang Mai, als mir eine Streitaxt aus Schmerz zwischen drittem und viertem Lendenwirbel in den Rücken gefahren ist, als ich wortwörtlich mehrere Tag am Gehstock mehr schlurfte als ging, werden Sporteinheiten wieder ernst genommen und regelmäßig in das Wochenprogramm eingestreut. Und ich trabe heute das erste Mal seit Jahren nicht westwärts durch Eichtalpark und Wandsbeker Gehölz, sondern ostwärts, entlang der Autobahn Richtung Stadtrand, vorbei an den vertrauten Schauplätzen, die mir seit Jahren Modell stehen.

Hinterm Einkaufszentrum Jenfeld rechts ab. Über die Brücke. Auf die Kolonie am See zu. Seit einiger Zeit wird hier, im Grenzgebiet zwischen Jenfeld und Billstedt, Bauvorhaben um Bauvorhaben auf den einstigen Brachflächen realisiert. Inzwischen gibt es sogar eine Busanbindung, was mir einen leichten Stich versetzt: Schon nicht lustig, wenn Kulissen der Jugendzeit einfach mal eben weggebaggert und bis zur Unkenntlichkeit umgemodelt werden.

Die früher wirklich abgelegene Allee vor dem Friedhof hat mittlerweile einen echten Fußweg. Bevor mich das aber restlos fertig machen kann, bin ich auch schon im Park, auf der Runde einmal um den Öjendorfer See, wo kurz vor dem nächsten EM-Spiel Totentanz herrscht. Auch in der Kleingartensiedlung am Bach später: keine Menschenseele. Bauspielplatz, Gleiwitzer Bogen, K 16 ziehen vorbei. Und dann geht es auch schon zurück über den Trampelpfad an der Autobahn.

Im Kopf ein ständiges Überblenden von realer Gegenwart, ins Gedächtnis schießender Vergangenheit und Bildern aus diesem zusammenkombinierten Kosmos, diesem seltsamen Zwischenreich der Romanwelten, die ich mir im Kopf zusammengezimmert habe. In Kombination mit den im Blut zirkulierenden Lauf-Endorphinen ein seltsamer Glücksflash.

(Laufwunder.)

 

11.6.

Das erste Mal wieder halbwegs sinnvolle Textarbeit seit langem. Die Entscheidung ist zu Gunsten von Elchscheiße zum Abendbrot gefallen (Möglichkeit zwei). Vulgo: Erst einmal weitermachen.

 

12.6.

Halbe Seite Roman. Ein gute halbe Seite.

 

13.6.

M. (46)

 

14.6.

Eine weitere halbe Seite Roman. In dem Tempo komme ich schätzungsweise gegen Mitte des Jahrzehnts ins Ziel. Aber das muss ja auch noch nicht das Ende des Besens sein. Und: eine halbe Seite ist eine halbe Seite.

(Etappensiege.)

 

14.6.

Aus den Proben zum epochemachenden Interview: „Ein eintöniger Alltag hilft ungemein. Rummel ist die Pest. Selbst wenn es kein brutaler Rummel ist. Sobald plötzlich nur ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für das eigene Buch da ist, wird es brenzlig. Der Perspektivwechsel durch Öffentlichkeit ist zutiefst verstörend. Man kann dabei ja verzögert zuschauen. Da guckt man sich und das, was man geschrieben hat, selbst durch die Augen anderer an. Das ist nicht immer angenehm. Man denkt: Das bin doch nicht ich. Das ist doch nicht mein Roman. Aber hat natürlich auch was. Nicht zuletzt wegen der gedanklichen Reparaturen und Korrekturen, die man gerne vornehmen würde. Am Selbst. Um an der Wahrnehmung des eigenen Werks. Dinge, um die man sich in einem Alltag abseits von Öffentlichkeit natürlich besser drücken kann.“

 

15.6.

Das Schönste aus dem Blog-Spam des Monats:

– this is really a nice blog, i will be here often. thank you for your sharing.
(Gerne!)

– enjoyed reading your articles. this is truly a great read for me.
(Freut mich!)

– you are such a hard worker.
(Zweifellos!)

– you have such a good sense when you’re writing, please keep doing the good work.
(Werde ich!)

– i like to come to your website everyday to see what’s new.
(Einmal Anfang des Monats langt.)

– could you increase the amount of your posts, i would like to read them more often.
(Nop!)

Danke, Cirleni, Denise, Thymn, Aureliza, Clem und Dulcelina!

 

15.6.

Echte Blog-Kommentare seit Januar: fünf. Vier der Kommentatoren kenne ich persönlich. Alle sind sie in diesem Blog erwähnt worden.

(Maloche im Steinbruch der Unterhaltungsindustrie.)

 

16.6.

Wochenende. Das letzte reguläre Wochenende bis September. Nur noch vier Tage Kontojob. Dann drei Monate ohne Fron. Drei Monate Vollzeitschriftsteller. Was, zugegeben, ein wenig klingt wie: Oberstudienrat. Oder: Lizenztrainer. Aber auch das können ja durchaus zufriedene Menschen sein.

 

17.6.

Stadtrandritter, ein paar Zeilen mehr. Kurzzeitig flammt der Wunsch wieder auf, die Sache mehr Richtung Indianerland zu bürsten. Ungeordneter zu erzählen. Kein guter Wunsch. Gehört abgebürstet.

 

17.6.

Aus dem Jenfelder Manifest zum ästhetischen Programm: Keine faulen Tricks.*

*Etwas, das einmal funktioniert hat und auf gleiche Weise in einem anderen Kontext wieder versucht wird, ist ein fauler Trick. Wer mogelt, kann einpacken, selbst wenn er nicht auffliegt.

 

18.6.

Montag, Uni. Ein Unwetter, das sich ankündigt und uns hieniden dann doch versetzt.

 

19.6.

Letzter Dienstag beim Kontojob bis September. Mittagspause am Hühnerposten. War in den Mittagspausen dieses verregneten Junis häufiger hier, in der Stadtbücherei. Für den Fall, dass zum Lesen die innere Ruhe fehlt, kann man auf den drei Etagen im Zweifelsfall ganz einfach nur so herumtigern.

Was ich auch heute mache, bis ich diesen Typen sehe, der an einem Regal steht und sich ein Buch auf seinen Stapel packt, das ich kenne. Der Typ ist ein sportlicher Lockenschopf, Anfang 20 schätzungsweise. Und er nimmt Indianerland mit. Ich bleibe stehen und gucke ein bisschen dämlich aus der Wäsche: Da stehen noch weitere Exemplare im Regal.

Das System der Hamburger Bücherhallen verrät mir kurz darauf: Gut 16 Monate nach Erscheinen ist der Roman jetzt tatsächlich doch noch im Bestand der Hamburger Bücherhallen aufgetaucht. Ausleihbar in nicht weniger als 19 Zweigstellen. Nicht darunter (und das ist natürlich eine wunderbare Fußnote): Jenfeld.

(Frage: Gibt es die Medienart Buch in Jenfeld vielleicht schon gar nicht mehr?)

 

19.6.

Die Sache mit der Bücherhalle wühlt mich immerhin so auf, dass sich sofort wieder Pimpf Kaputtnik zu Wort meldet: „Jetzt fehlt eigentlich nur, dass sich auch noch die große Lokalzeitung der Stadt rührt. Ich meine, ein heimischer Autor, der verbürgtermaßen das beste und schönste Jugendbuch des Jahres aus Deutschland geschrieben hat, das zudem in der Stadt seiner Geburt spielt, und es gibt nicht eine Rezension, kein größeres Porträt, nicht ein mickriges Interview …“ Der Konter ist ein genuscheltes: Pah, Provinzpostille!

 

19.6.

Aus den Proben für das epochemachende Interview: „Ist am Ende des Tages nicht genau das die hässliche Wahrheit? Man betreibt diese ganze Schriftstellerei, um sich selbst zu gefallen. Charakterlich vor allem. Sich außerhalb der Literatur zu betrachten – ‚in der Wirklichkeit‘ – , das führt ja keineswegs permanent zu fröhlich stimmenden Ergebnissen.“

 

19.6.

Am Abend zum Kicken. Halle Zitzewitzstraße. 3 gegen 3. Knappe Besetzung, knappes Ergebnis. Niederlage mit einem Tor. Was auch daran liegt, dass nach einer Stunde bereits Schluss ist. Gnadenabpfiff: Hier und da wird bereits auf dem Loch gepfiffen. In der Halle steht die Luft.

Bin dafür aber auch früher zurück als sonst, fordere A. noch zum Tischtennis. Erstklassige äußere Bedingungen. Tatsächlich: ein Frühsommerabend zum Herzeigen. Seidige Luft. Silbrige Wolkenschlieren im Abendblau. Im blickdichten Blattwerk der Blutbuche Geraschel verzückter Vögel.

Nach dem Match auf der Vorgartenbank: A. geht mit mir grob das Timetable meiner Auszeit durch. Juli: pendeln zwischen Amrum und Hamburg plus Ausflug zum White Ravens Festival in der Mitte. August: überwiegend Hamburg und, wenn es gut läuft, mindestens ein weiterer Abstecher nach Amrum. September: Literaturfestival Berlin, vorab mit „Meisterklasse“, für die ich als Leiter angefragt bin, danach New York.

„Ich schreie, wenn nach den drei Monaten die Ritter nicht fertig sind“.

„Ich auch“, sagt A.

(Sportliche Herausforderungen I-III)

 

20.6.

Aufstehen. Hinsetzen. Arbeiten. Nach zwei Stunden: wieder eine halbe Seite.

 

21.6.

Sommer jetzt, zweifellos. Und ein letztes Mal in der Mittagspause: Currywurst von Manuel Cipriani.

 

21.6.

 

21.6.

E-Mail aus Berlin:

Lieber Nils Mohl, zusammen mit der Europäischen Union führt das internationale literaturfestival berlin in diesem Jahr das Projekt „Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?“ durch. Wir wären sehr geehrt, wenn Sie an dem Projekt teilnehmen würden und uns (1) den Titel eines Buches nennen, dass Sie jungen Europäern zur Lektüre empfehlen möchten und (2) einen kurzen Text (nicht mehr als 1000 Wörter) zum Thema „Eine Geschichte für Europa – Welche Kinder- und Jugendliteratur braucht Europa?“ schreiben könnten.

In der PDF-File im Anhang finden Sie detaillierte Informationen zu dem Projekt, das sich durch Ihre Teilnahme in Sachen Relevanz, Qualität und Vielfalt deutlich profilieren könnte …

 

21.6.

(1) Tzvetan Todorov: La vie commune. Essai d’anthropologie générale. Paris 1995.*

(2) Es gibt gar keine Jugendliteratur.**

 

*Heulende Hagel und Höllengranaten, Alternativ von mir aus auch das Gesamtwerk von Hergé.

**Gebraucht wird Literatur, die nicht erklären muss, dass sie gebraucht wird.

(Erste Skizze)

 

22.6.

Kollege Sch. schenkt mir am Morgen in aufgeräumter Stimmung einen Strauß Rosen. Aus gegebenen Anlass: mein letzter Tag beim Kontojob. Und natürlich in Anspielung auf die zig Rosengedichte, die in unserer Box erklungen sind seit Anfang des Jahres. Auch heute wird natürlich eins rezitiert. Und Kollegin J. singt ein eigens erdachtes Lied. Der Refrain lautet: „Er geht. Und der Wind steht, still.“ Mann, Mann, Mann. „Ja, schon gut“, sage ich, „ich gebe nachher einen aus.“ Und dann spiele ich erst einmal für alle Chet Baker: „The Thrill Is Gone“.

 

22.6.

Arbeitsplatz

 

22.6.

Dialog, den Kollege Sch. in der letzten Mittagspause bis September anzettelt:

– Amateur kommt ja von lieben.
– Siehe da, Lateinkenntnisse.
– Ein Amateur liebt, was er tut.
– Ein Amateur leidet vielleicht schlicht an unerwiderter Liebe zu dem, was er tut.

 

23.6.

Samstag. Noch einmal nach Münster, noch einmal Revolution. Diesmal ist A. dabei. „War das alles Originaltext?“, fragt sie hinterher. Wir hetzen direkt nach dem Ende zurück zum Bahnhof, um noch den letzten Zug nach Hamburg zu bekommen. „Du erinnerst dich nicht mehr?“, frage ich zurück. „Ich erinnere mich an die Szene mit dem Klon, ein Klassiker, und an die Sache mit dem Weltuntergang, aber die Hälfte kam mir komplett unbekannt vor.“ „Ist ja auch ein paar Jahre her. Aber ist es nicht toll, wie gut das alles nach wie vor funktioniert?“

Wir steigen in die Bahn, die wie schon auf der Hinfahrt Verspätung hat. Hinter uns puffen die Türen zu. „Ja“, sagt A., als sie sich in einen der freien Plätze plumpsen lässt, „das war wirklich alles ganz prima, gerne bei Gelegenheit woanders wieder in ein paar Jahren.“ Sie ergänzt den schönen Satz, dass M. das auch sehr gefallen hätte.

 

23.6.

„Die Stärken des Theaters sind die Stärken der Literatur: Überhöhung, Allegorie, Abstraktion. Es kommt darauf an, Möglichkeiten zu schaffen, um diese Stärken ausspielen zu können.“

Oliver Kluck, Programmvorschau Hamburger Schauspielhaus, Spielzeit 2012/13.

 

23.6.

Der ICE rattert im ausblendenden Tageslicht an einer unspektakulären Kulisse aus Wiesen und Feldern vorbei. A. hat die Augen geschlossen. Ich habe dieses Ziepen in der Brust. Anders als einen Roman kann man eine Theaterinszenierung ja nicht einfach mal wieder zur Hand nehmen, wenn einem danach ist. Wer weiß schon, ob Revolution je wieder irgendwo zu sehen sein wird …

Aber das ist nur einer der Gründe für das Ziepen. Das Stück bedeutet mir vielleicht auch deshalb so viel, weil sich dadurch tatsächlich meine Weltwahrnehmung eine ganze Ecke verändert hat, das ist mir vorhin aufgegangen. Die destillierte Wirklichkeitsaneignung, wie sie in Revolution vorgeführt wird, ist eigentlich erst durch den Text „tatsächlich“ zu meiner geworden. In der Arbeit daran. Auch durch die Erfahrung, selbst mit M. Auszüge daraus vor Publikum zu sprechen. Nicht zuletzt aber durch das Gelingen der Uraufführung damals in Basel. Und auch jetzt in Münster.

Man sieht als Bühnenautor, was der Romanautor nie zu sehen bekommt. Die endgültige Entstehung des Werks in den Köpfen anderer.

(Kommt noch jemand mit? Das Dumme ist: Ich selbst auch nur so halb.)

 

24.6.

Aus den Proben zum epochemachendem Interview: „Die Sache mit den eigenen ästhetischen Überzeugungen ist einfach: Es gibt da oft diese Dinge, die man vollständig begriffen zu haben glaubt und die dann plötzlich für einen selbst nicht mehr den geringsten Sinn ergeben, sobald man laut darüber zu reden beginnt.“

 

25.6.

Pünktlich zum Theatermonat kommt jetzt auch die Ankündigung raus: Das Junge DT bringt nächstes Jahr Indianerland auf die Bühne. Wer denkt sich das nur alles aus? Regie? Ist da wer?

(Regie schweigt.)

 

25.6.

Konversation via Skype mit Webmaster O.:

– Du hast die Theaterrechte an eine zusammengewürfelte Schultheatergruppe verschachert?
– Ich habe sämtliche Rechte vor langer Zeit an meinen Verlag verschachert.
– Was ist das denn für ein Management, haha?!
– Komm! Immerhin: Deutsches Theater Berlin.
– Ja, der „Jugendclub“.
– Warte ab, das wird ganz prima.
– Dann muss ich doch noch die Filmrechte kaufen, bevor die weg sind, was?!

 

26.6.

Anreise nach Amrum: im Zug bis Dagebüll, Fährfahrt mit der neuen Uthlande nach Wittdün. Der Wind gibt sich stürmisch, lauter verfrorene Gestalten stemmen sich am Anleger (bis zur Nase eingepackt in Funktionskleidung) dagegen. Das Wetter an der Küste: ein Witz. Herbst! Und das Ende Juni. Im Wohnwagen muss der Radiator angeschmissen werden. Noch einmal: Wir haben Ende Juni.

Aber letztlich schert mich das wenig. Fischerhemd an, Troyer über, Rechner aufgebaut. Ab in den Stollen. Drei Tage jetzt, in denen ich mich um nichts kümmern muss, außer um den Roman.

 

27.6.

In der Arbeitspause am Mittag aufs Rad. In Begleitung meiner Mutter, die von April bis Oktober mehr oder weniger durchgehend auf Amrum weilt. Sie erzählt mir beim Essen, was es Neues von der Verwandtschaft gibt. Speziell in den etwas ferneren Verästelungen der Familie tragen sich Dinge zu, die Stoff für haarsträubende Geschichten liefern.

„So ist das“, lautet die Zusammenfassung meiner Mutter, „deswegen werden Familienromane auch immer Erfolg haben.“ Was ich nicht abstreite. „Der Haken an der Sache ist bloß“, sage ich, „wenn man das richtig in Angriff nimmt, hat der Autor am Ende keine Familie mehr.“

(Für den Fall, liebste Mutter, dass das ein Hinweis gewesen sein sollte.)

 

28.6.

Zwei Karnickel hoppeln am Morgen auf der Düne hinter dem Wohnwagen herum, mümmeln Gräser. Bieten während meines gesamten Frühstücks eine sehr sprunghafte Ballettaufführung dar. Gegen Ende gesellt sich auch noch ein Fasan hinzu. Applaus aus der Loge!

Im Hintergrund steht derweil unbeeindruckt der Leuchtturm, weist mit seinem spitzen Hut in den Himmel. Könnte sein, dass er darauf aufmerksam machen will: Es sind helle Flecken zwischen den Wolken auszumachen.

(Oh ja!)

 

28.6.

Am frühen Abend –  nach einem Tag am Rechner, der wie im Nu verflogen ist – ein langer Lauf. Ich sehe Sand und Dünengras. Wellen und Deiche. Segelboote und Möwen. Watt und Reetdachhäuser. Ich sehe den Leuchtturm. Komme an der Kirche vorbei, in der A. und ich getraut wurden. Ich laufe durch ein Kiefernwäldchen, wo die Karnickel nicht einmal aufgucken, als ich an ihnen vorbeitrabe. Und am Schluss geht es auch noch ein ganzes Stück an der Straße zum Campingplatz entlang.

Kein Auto ist unterwegs, kein Mensch. Es ist kurz vor dem Anpfiff zum EM-Halbfinale.

(Nennt mich Robinson.)

 

29.6.

 

29.6.

A. reist mit der letzten Fähre an. Das Meer liegt zum Empfang glatt da wie das feine Spitzendeckchen beim Sonntagskränzchen. Kein Wind rührt sich. Der Sonnenball hängt tief über den Dünen, glüht, als wäre er ein Kupferdrähtchen unter Starkstrom im Querschnitt. Großes Schauspiel.

A.: „Und, bist du vorangekommen?“

Ich: „Das waren die drei besten Tage für die Stadtrandritter in diesem Jahr.“

 

29.6.

AV VI nähert sich dem Ende. AV VII ist fertig. Bleiben noch zwei große Kapitel. Plus die nötigen Überarbeitungen am Ende. Aber was mir vor allem klar geworden ist in den letzten drei Tagen: Es wird eine Geschichte, in der es vornehmlich um Enttäuschungen geht. Und das fügt sich thematisch eigentlich ganz prima ins große Ganze der Trilogie ein.

Indianerland: Liebe – oder was Erlösung bedeutet.

Ritter: Glaube – oder was Enttäuschung bedeutet.

Astronauten: Hoffnung – oder was Erweckung bedeutet.

Womit der Gefühlskosmos von Heranwachsenden, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, am Ende halbwegs anständig umrissen sein müsste. Ein Silberstreif: Vielleicht geht der Plan ja doch noch auf.

(Christliches Vokabular womöglich irreführend, reine Arbeitskladde.)

 

30.6.

Am Morgen Regen, als ich mich zur Frühschicht mit dem Rechner an den Tisch ins Vorzelt verkrümele. Später reißt der Himmel jedoch auf und die Sonne deutet an, was kurz vor Juli so alles in ihr stecken kann. Ab dem späten Vormittag herrscht Ausflugswetter. A. treibt an: Zu Fuß über den Bohlenweg zum Strand und dann über den Kniep die gut zweieinhalb Kilometer bis zur Wasserkante. Menschen sieht und begegnet man, wenn überhaupt, nur in der Ferne.

„Hauptsaison auf der Insel“, stellt A. zufrieden fest, als wir uns am Ziel in den mehlweichen Sand setzen, eine Weile aufs Meer schauen. Wellen schäumen vorne leicht aufbrausend ans Ufer. Hinter ihren Buckeln aber erstreckt sich die Nordsee (wie im Kontrast dazu) in einer einzigen unfassbar riesigen Fläche bis zum Horizont –  ganz die Ruhe selbst.

Notiere mir in mein olles Mobiltelefon einen Satz und wiederhole ihn zur Sicherheit auch im Geiste ein paar Mal, weil er mir gefällt und damit ich ihn auch ja behalte. Warum und wozu auch immer.

(Beginn Teil drei der Trilogie?)

 

30.6.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

Die See hat die Farbe von angelaufenem Silber.

(Nachricht speichern? Ja. Nein.)

 

__

Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

__

<< hier zurückspulen | hier vorspulen >>