Juni 2013

by Nils Mohl on Juli 1, 2013

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1.6.

Stadtrandritter, Arbeitstag 771. Samstag. Im Laufe der Woche die Aufstehzeit auf vier Uhr vorverlegt. Verschaffe mir nach anständiger Früh- und Morgenschicht eine Ration Tageslicht, radle an Wandse und Rahlau entlang. Satte Frühsommerfarben. Halte auf einer kleiner Brücke, habe kurz Blickkontakt mit einem Erpel. Die Furcht plötzlich, kostbare Zeit zu verplempern.

Lese später die erste Drehbuchfassung für Indianerland. Unter Hochdruck zusammengezimmert, weil ein nicht unwichtiger Einreichungstermin wahrgenommen werden soll. Herausgekommen ist vor allem eine Version, die sich stark an der nackten Handlung des Romans entlanghangelt. Beim Betrachten der Geschichte ohne die vertraute Sprache und Form ein eigenartiges Fremdeln.

(Ausflüge ohne Ruhe.)

 

1.6.

1306 Ente

 

2.6.

Seit dem Vorabend brüllende Zahnbeschwerden. Am Wochenende, natürlich. Immer wieder Schmerzwellen von unfassbarer Scheußlichkeit, die durch den Kopf branden und sämtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wittere Verschwörung. Kopiere sinnlos Textblöcke hin und her.

 

3.6.

Zahnarzt.

(Erster Patient am Morgen.)

 

4.6.

T-Shirt-Wetter. Nach dem Kontojob Treffen mit der Produzentin von Indianerland an der Binnenalster, um mit ihr über die erste Drehbuchfassung zu sprechen. Am Ende begleite ich sie noch ein Stück in Richtung Thalia Theater, wo eine Filmgala stattfindet. Weiße Pavillonzelte. Schwarze Limousinen. Rosa Leuchtkörper. Schwinge mich auf mein Rad, das dringend mal eine neue Kette bräuchte.

A. fragt, als ich zuhause bin, wie der Abend war: „Alle glücklich mit dem ersten Wurf?“ Nicke vage. Versuche, ihr zu erklären, dass Romanautoren vermutlich besser die Stoffe  nur verticken und  die Leute vom Film in Ruhe arbeiten lassen sollten: „Ich glaube, ich gehe allen fürchterlich auf den Zeiger.“ A. amüsiert sich: „Der Herr Schriftsteller weiß alles besser.“ Ich versichere ihr, dass das nicht der Punkt ist: „Mir fehlt einfach die Geduld, tatenlos mitzudiskutieren, aber nichts entscheiden zu können. Vielleicht das Alter. Und natürlich weiß ich alles besser.“

 

5.6.

Entnehme der Lokalpresse, dass gestern Abend in Jenfeld ein 31-jähriger auf offener Straße niedergestochen wurde. Zeugen alarmierten Polizei und Notarzt, „das Opfer starb aber noch vor Ort an den Folgen der Messerattacke“, heißt es in der Meldung. Der Tatort liegt direkt gegenüber von der Stelle, an der die „Wutbürger“ letztes Jahr ihre täglichen Mahnwache abgehalten haben, aus Angst vor der unerwünschten Nachbarschaft aus Ex-Sicherheitsverwahrten, die inzwischen längst das Weite gesucht haben. Auf den Bildern, die heute veröffentlicht wurden, sieht man auch ein Stück der Hauswand, auf der das riesige Graffiti zur Geschichte Jenfelds prangt, ein auf den ersten Blick überwiegend idyllisches Panorama.

(Bilder vom Stadtrand.)

 

6.6.

Beim Kontojob. Telefonat mit meiner Lektorin. Die Herstellungsleitung möchte den Urlaub planen – und meine Lektorin sofort alles Verfügbare an Text. Blicke, Hörer in der Hand, auf den Wandkalender, rechne im Kopf. Nuschle schließlich ein Datum, von dem ich weiß, dass es ein definitives sein muss. Nach dem Auflegen kurzer Dialog, den Kollege Sch. anzettelt:

– Du hast noch nicht gesagt, was für schöne Musik ich heute spiele.

– Konnte ich auch nicht.

– Das war deine Lektorin?

– Am 8. Juli sind die Stadtrandritter fertig.

– (schaut auf den Kalender) Das ist ja … bald.

– Spiel mal schöne Musik!

– Du wolltest eigentlich sagen, halt die Fresse und spiel mal schöne Musik, richtig?

– Richtig.

 

6.6.

Die lokalen Medien berichten noch einmal über die „tödliche Messer-Attacke von Jenfeld“. Es hat eine Festnahme gegeben. Ein 40-jähriger, der in der Nähe des Tatorts in einem Männerwohnheim lebt. Es ist von einem Küchenmesser zu lesen. Von Zeugen, die berichten können, dass das spätere Opfer kurz vor seinem Tod noch mit Bekannten getrunken und sich von einem Balkon aus mit einem Mann in einen Streit verwickelt hat. Laute Beschimpfungen von beiden Seiten. „Nachdem der 31-Jährige die Wohnung verlassen hatte“, heißt es, „hörten die Zeugen plötzlich Schreie – und sahen ihn auf dem Boden liegen. Das Opfer hatte eine Stichverletzung im Oberkörper.“ Die Tatwaffe wurde auf dem Weg zwischen dem Ort des Geschehens und dem Männerwohnheim entdeckt.

Gefühlt eine Geschichte, die man so oder so ähnlich ständig hört und liest. Suche nach Zahlen, die belegen, dass in dieser unserer kleinen Ecke der Welt ein einziges Hauen und Stechen herrscht. Finde aber nichts dergleichen. Jedenfalls sieht es lange nicht so schlimm aus wie vermutet. In ganz Hamburg gab es im Vorjahr alles in allem 13 vollendete Morde, Totschläge und Tötungen auf Verlangen. Plus 62 verzeichnete Versuche. Wie viele davon in Jenfeld, ist nicht herauszufinden.

 

6.6.

Kriminalstatistik für Jenfeld (2012):

Sachbeschädigungen: 375, aufgeklärt: 70

Körperverletzungen: 307, aufgeklärt: 269

Wohnungseinbrüche: 225, aufgeklärt:17

Ladendiebstähle: 131, aufgeklärt: 122

Rauschgiftdelikte: 74, aufgeklärt: 68

Raubdelikte: 31, aufgeklärt: 15

 

7.6.

Draußen vorm Bürofenster Sommerwetter. Arbeite die letzten Briefings der Woche ab. Finde in der Pause eine abgeschiedene Stelle in der Hafencity, lege mich ins Gras. Denke über die Anmerkungen zur ersten Drehbuchfassung nach, die ich  wunschgemäß an die Produzentin geschickt habe. Eine Menge Holz. Fühle mich mehr denn je in einer undankbaren Rolle. Den Film, den ich im Kopf habe, wird es nicht geben. Das Buch zu einem Film zu kommentieren, der die gleiche Geschichte ganz anders erzählen will, macht etwas mit mir, dass sich nicht toll anfühlt. Wie früher, wenn man sich bei einer Feier sehr allein unter all den Ausgelassen vorkam.

(Leer ins Wochenende.)

 

8.6.

Stadtrandritter, Arbeitstag 778. Einen Monat vor der Abgabe am Ende des vorletzten Großkapitels angekommen: ÂV VIII, Finale. Knifflige Stelle. Das große Fest aus Merles Sicht. Komme mir nach 14 Stunden am Klapprechner dann auch vor, als hätte ich durchgefeiert. Eine minimale Verzerrung der Wahrnehmung ins Defuse. Kann eingebildet sein, stört auch nicht weiter.

(Noch 30 Tage.)

 

10.6.

Montag. Stelle fest, nachdem ich 48 Stunden keinen Fuß vor die Tür gesetzt habe: Draußen ist Sommer, sonnenbrillentauglich, hartschattig, toll. Treffen am Mittag im Literaturhaus für das Schulhausroman-Projekt. Erscheint noch weit weg. Dabei sind demnächst Sommerferien in Hamburg. Und im nächsten Schuljahr geht es los. Ist wirklich schon ein halbes Jahr 2013 vorbei?

Gehe am Nachmittag noch einmal die letzten Merle-Abschnitte durch. Am Abend das sichere Gefühl: ÂV VIII funktioniert, Plan geht auf. Der Himmel ist noch immer von dieser Sorte Juniblau, die Seelen befriedet.

(Licht.)

 

11.6.

1306 Bib

 

12.6.

Beim Kontojob. Lese Kollege Sch. aus einem Interview mit dem Verleger Jochen Jung vor: „Wenn man auf Erkundungsreise danach gehen möchte, was in uns verborgen ist, danach, was hinter dem Sichtbaren steht, und etwa der Frage nachgehen will, warum sich bestimmte gesellschaftliche Formen verändern, zum Beispiel die Zweierbeziehung, oder warum sich Familienstrukturen so dramatisch aufgelöst haben, glaube ich, dass man mit Geschichten, die den Ist-Zustand einfach abschildern, nicht weit kommt. Man kann daraus nur selten etwas lernen, das sich nicht auch mittels einer konzentrierten Zeitungslektüre erfahren ließe.“ Kollege Sch. schaut mich an:

– Du bist nicht einverstanden.

– Oh, ich bin sogar sehr einverstanden.

– Das wirkt nicht so.

– Das Traurige ist, dass der Mann das laut aussprechen muss.

– Muss er?

– Ich fürchte leider, ja.

 

13.6.

M. (47)

 

14.6.

Weiter steht die 4 vorne, wenn ich mich nach dem Schlaf ins Schreibtischzimmer schleiche. Quäle mich nach einer guten Frühschicht durch den letzten Kontojobtag der Woche. Mittagspause in der Stadtbücherei, wie so oft in letzter Zeit, um auch diese freie Stunde noch für die Stadtrandritter zu nutzen. Verkrümle mich in den hinteren Leseraum (Literatur II) im ersten Stock, kritzle Halbgares für die letzte Âventiure ins Notizbuch. Nachdem der Kram am Abend ins Dokument eingepflegt ist, bitte ich M. per Mail um Hilfe. Brauche seine Meinung zum Ende von ÂV VIII.

– Wie sind meine Aussichten?

– Keine Ahnung. Worauf? Ich altere rapide. Chicken General Tso zum Frühstück.

– Die Aussichten auf weisen Ratschluss deinerseits. Der General wusste, was er tat. Die Mahlzeit wird dir Kraft geben.

– Ich sitz hier rum, theoretisch. Meine Nachbarn sind schon wieder am Bumsen.

– Vielleicht machen deine Nachbarn Videos. Und verdienen damit viel Geld.

– Ich begebe mich jetzt mal nach Brooklyn, um dort herumzusitzen.

 

14.6.

Bevor M. Brooklyn erreicht, klappen mir die Augen zu.

(Traumloser Schlaf.)

 

15.6.

Großes Sortieren für AV IX. Durchforste 156 Dokumentseiten, auf denen sich das Material angesammelt hat, das in den anderen Âventiuren gelöscht wurde, aber mir noch brauchbar erschien. Rund 30 Seiten mit halbwegs verwertbaren Skizzen und Notizen gibt es außerdem. Und der Kopf fühlt sich so klar an, wie noch nie in diesem Jahr. Die längste Periode ohne Zipperlein. Keine Rückenschmerzen, kein pochender Zahn, keine Erkältung, keine völlige Erschöpfung. Dazu Wochenende. Kaum zu glauben. Bis zum Abend entstehen so schließlich sagenhafte drei erste Seiten von ÂV IX, und das fast von allein.

(Noch 23 Tage, noch rund 40 Seiten bis zum Ziel.)

 

16.6.

M. und ich finden eine Stunde, in der wir beide auf den Beinen und ansprechbar sind. Via Skype geht er mit mir die letzten Abschnitte von ÂV VIII durch. Schaut sich vor allem die Stellen an, an denen ich Streichungen vornehmen will, puzzelt noch Kleinstkorrekturen ein, knurrt am Ende: „Ja, okay, sehr schön“.

„Wenn du jetzt kitschige Musik anmachst“, sage ich später zu A., „musst du damit klar kommen, einen erwachsenen Mann weinen zu sehen.“ Sie schickt mich augenrollend und ganz ohne Musik ins Bett: „Ich warte damit, bis das letzte Kapitel fertig ist“, sagt sie.

(Arbeitstag 816.)

 

17.6.

Glas splittert. Pflanzentöpfe fallen von der Fensterbank zu Boden. Einbrecher steigen durch das Schreibtischzimmerfenster im Erdgeschoss ein. Reißen die Kabel aus meinem Klapprechner. A. kommt die Treppe runter, sieht zwei maskierte Männer. Sie flüchten. A. völlig konsterniert, denkt an den verlorenen Roman. So erzählt sie es mir am Morgen, direkt nach dem Aufwachen. „Das träume ich inzwischen schon“, sagt sie, „gruselig.“ Die Abdrücke vom Kissen noch im Gesicht.

(Noch genau drei Wochen.)

 

18.6.

Schicke meiner Lektorin das, was ich von der aktuellen Version der Stadtrandritter habe, fast alles, lückenlose 470 Dokumentseiten. Mit dem Ende von ÂV VIII und dem Anfang vom letzten Kapitel. Versichere ihr bei der Gelegenheit noch einmal, dass ich die Deadline sicher halten werde.

Die Antwort, ein paar Stunden später: „Das sind tolle Nachrichten! Ich bin auch mit allen bisherigen Seiten durch und kann es kaum abwarten, das Ende zu lesen. Was für ein supergeniales Buch du da schreibst! Freu mich sehr drauf, und auch, dass wir es offenbar bis Oktober schaffen. Endspurt also!“

 

19.6.

Kollege Sch. bemerkt meine verdächtig  gelöste Stimmung. Lese ihm die E-Mail meiner Lektorin vom Vortag vor.

– Glückwunsch. Supergeniales Buch, sie scheint aus dem Häuschen.

– Das ist natürlich nur die normale Eseltreiberei.

– Du glaubst ihr nicht.

– (spöttisch) Du möchtest nicht wissen, was ich glaube.

– Hm.

– Okay. Selbstredend ist alles supergenial. Der Roman wird das Genre aufmischen und sprengen, er wird es auf ein völlig neues Level hieven.

– Ja, so kenne ich dich. Es wird bestimmt wieder ein richtig toller Jugendroman.

– Und so kenne ich dich.

– Oh. (hocherfreut) Sagte ich etwa … Jugendroman?

 

19.6.

1306 Graffiti

 

20.6.

James Gandolfini tot.

 

22.6.

Stadtrandritter, Arbeitstag 792. Samstag. Es läuft derartig reibungslos, dass ich mir abends sogar wieder etwas Unterhaltungsprogramm gönne. Aus aktuellem Anlass: die Sopranos. Ähnlich wie beim Selbstmord von David Foster Wallace fühle ich mich nach der vielen Zeit, die ich mit Tony Soprano verbracht habe, von James Gandolfinis Tod geradezu persönlich betroffen.

Beim Gucken der Gedanke, dass DFW und Gandolfini Typen verkörpern, die in ihrer Anlage gar nicht so unähnlich sind. Hier der Familienvater als labiler Mafiaboss, dort das sensible Literaturgenie als verkappter Popstar. Dazu das bullige Äußere der Zwei. Und noch eine Parallele: das Leiden an der Welt, das bei beiden stark messianische Züge hat.

Auch wenn das in den meisten Nachrufen gerne das Gegeteil herausgestrichen wird, alles in allem ist Tony Soprano ja ein doch eher schlichter Charakter: Es passiert rund um ihn naturgemäß unheimlich viel und er altert im Laufe der Serie, doch der Charakter Tony Soprano selbst verändert sich ab Folge 1 im Grunde gar nicht. Null. Bleibt von Anfang bis Schluss derselbe große Junge, gefangen im Körper eines alternden Mannes, der keinen Weg findet, in Frieden mit sich selbst zu leben. Das macht es so leicht, mit Tony Soprano klar zu kommen. Und so schwer. Und das alles wiederum kennt man ja auch von sich selbst ganz gut.

(Heldensterben.)

 

25.6.

1306 Fussball

 

26.6.

Schwerer Muskelkater vom Start der Freiluftsaison gestern. Wie jedes Jahr, wenn im Sommer die Sporthallen für die Ferien dicht gemacht werden, zieht die Hallenkickertruppe nach draußen um. Von Sommer allerdings keine Spur mehr: Friere am Morgen fast am Schreibtischstuhl fest. Auch tagsüber gerade mal herbstliche 12°. Von mir aus könnte es gerade aber auch Eiswürfel hageln oder Kröten regnen: Die letzten Seiten scheinen sich fast von selbst zu schreiben.

(Noch 12 Tage.)

 

27.6.

Bemerke mit halbem Auge, dass Kollege Sch. mich beobachtet. Seit Neuestem macht er sich einen Sport daraus, an meinem Gesichtsausdruck zu enträtseln, womit ich mich gerade beschäftige. Eine Weile lasse ich ihn zappeln,  lese ihm dann kommentarlos aus einem Artikel von Karl-Markus Gauß vor: „Lesen ist Entrückung, wir geraten außer uns und gelangen gerade dadurch erst wieder ganz zu uns, und indem wir uns in den Biografien, den inneren und äußeren Konflikten, den Gefühlen fremder Menschen verlieren, werden wir uns unserer eigenen bewusst. Wer liest, führt viele Leben, probeweise, tageweise, und da ihm biologisch doch immer nur dieses eine bleibt, das er hat, wird er es, durch die Lektüre bestärkt oder verunsichert, womöglich anders zu gestalten versuchen, als es ihm vorgegeben wurde.“ Kollege Sch. blinzelt hinter der Brille. Etwas scheint in ihm zu arbeiten. Da er aber nichts sagt, lese ich einfach den Artikel still für mich zu Ende.

 

27.6.

Dialog, den Kollege Sch. anzettelt:

– Gestern meine Ex-Freundin auf der Straße getroffen.

– Ah, deshalb die Laune.

– Nein, es war sehr angenehm. Wir wollen uns mal auf ein Bier treffen.

– Warum?

– Keine Ahnung. Wir sind nicht im Streit auseinander. Färbe ich das gerade rosa?

– Du willst es aufwärmen.

– Sie war schon nett und schlau.

– Wer hat den Vorschlag gemacht, sich auf ein Bier zu treffen?

– Sie. Ein paar mehr soziale Kontakte können nicht schaden.

– Ich wollte meine Ex-Freundinnen ja nie wiedersehen.

 

27.6.

Kollege Sch. schaut, nachdem er eine Weile vor sich hingearbeitet hat, wieder zu mir rüber. Aber diesmal nicht beobachtend, sondern eher neugierig.

– Warum wolltest du deine Ex-Freundinnen nicht wiedersehen?

– Diverse Gründe.

– Du meinst, von Fall zu Fall unterschiedlich?

– Ich glaube, ich wollte einfach immer, dass sie mir so in Erinnerung bleiben, wie ich sie gekannt habe.

– (Grinsend) Jung und schön.

– Das natürlich auch. Und überleg doch mal, wenn du nach Jahren jemanden triffst, dem du sehr nah warst und du erfährst, welchen Verlauf eine Biografie genommen hat, der du einmal entronnen bist oder aus der du ausgeschlossen wurdest, das ist doch fürchterlich.

– Hm.

– Ich finde das fürchterlich. (Vergnügt) Das verfälscht die Geschichte, die schon abgeschlossen war. Und das passt mir als Romanautor vermutlich einfach nicht den in den Kram.

 

28.6.

Überfliege beim Kontojob einen Vorbericht zum Ingeborg-Bachmann-Preis, indem Benjamin porträtiert wird. Schreibe ihm gleich die Mail, die ich ihm ohnehin hatte schreiben wollen – und drücke ihm für seine Käfergeschichte, die ich im März im Skiurlaub für ihn lesen und kommentieren durfte, die Daumen. Ein Preis sollte drin sein. Und ich freue mich tatsächlich, nächste Woche beim Fernsehen noch einmal den Zirkus zu verfolgen, bevor die Veranstaltung dann abgeschafft wird. Auch wenn es mich zugleich ein wenig wurmt, dass ich es selbst nun doch nie zum Hauptwettbewerb nach Klagenfurt schaffen werde. Seit Studententagen war das ein Ziel: Einmal in Klagenfurt lesen – und gewinnen. Später Juryvorsitz.

(Alberne Fernsehträume.)

 

30.6.

Sonntag. Stadtrandritter, Arbeitstag 801. Mail an M.: „Ich weiß nicht, ob ich das mal erwähnte, aber ich schreibe seit geraumer Zeit an dieser sehr umfangreichen Erzählung, die in Kürze an den Verlag muss: Morgen in einer Woche gebe ich ab. Und ÂV IX liegt jetzt bis zur Hälfte halbwegs lückenlos vor. Ich könnte ganz gut mal wieder hören, was für ein verflucht großartiges Genie ich bin. Ein paar warme Worte von Mensch zu Mensch täten es womöglich auch schon in dieser kalten, kalten Welt. Temperaturen in Jenfeld zuletzt maximal 14°. Morgen ist Juli.“

(Noch 8 Tage.)

 

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Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

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