Kasse 53 (2008)

by Nils Mohl on März 1, 2008

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Moby Dick ohne Moby Dick

Nils Mohl über Kasse 53

März 2008. In einem rund halbstündigen Radiointerview mit Angela Delissen vom Sender FSK in Hamburg sprach der Autor über seinen ersten Roman.*

 

Dein Roman beschreibt, um es in einem Satz zu sagen, die Arbeitswoche eines Kaufhauskassierers. Wie kommt man auf so ein ungewöhnliches Thema?

Um eine Floskel zu bemühen: Die Themen suchen sich ja den Autor aus – und nicht umgekehrt. Und es hat sich so ergeben, dass ich mich eines Tages als Aushilfskassierer an einer Kaufhauskasse wiederfand und gemerkt habe, hier passiert mir etwas, das mich als Schriftsteller interessiert.

 

Es gibt also eine biographische Keimzelle. Hast Du denn auch schon recherchiert, als Du noch an der Kasse gearbeitet hast?

Ja, unter der Kasse lagen immer Block und Stift. Meine Kassiererkarriere war allerdings nach zweieinhalb Jahren zu Ende. Der Roman aber keineswegs. Rund acht Jahre sind es bei Kasse 53 zum Schluss gewesen vom ersten Satz bis zur Veröffentlichung. Natürlich habe ich nicht jeden Tag an dem Text gearbeitet, aber vier Jahre lang hat mich dieses Projekt doch hauptsächlich beschäftigt.

 

Jeder, der das Buch lesen wird, wird merken, dass sich diese Arbeit auch niederschlägt in einer ungeheuren Detailfreude. Doch nicht nur das. Einerseits ist die Kaufhauswelt ja eine Welt der Fülle, und die wird in allen Einzelheiten beschrieben. Andererseits ist es aber auch die Welt einer großen Leere. Darüber reflektiert der Held im Roman – und meine Idee ist, dass das Buch versucht, die Welt des Kaufhauses mit der Welt des Schreibens zu vernetzen, indem eine Enzyklopädie des Kassierens entworfen wird.

Ganz unbescheiden sage ich jetzt: Ja, es ist eine Art Moby Dick ohne Moby Dick. Und ohne Ahab. Aber das Kassieren ist der Walfang und das Kaufhaus das Meer. Und wie in Moby Dick wird der Versuch unternommen, die Komplexität der Welt in einem tendenziell exotischen, in einem in sich geschlossenen Kosmos abzubilden. Und ich wollte möglichst ausführlich zeigen, wie reich die Kaufhauswelt an Komplexität tatsächlich ist. Der enzyklopädische Ansatz bot sich da natürlich an – und führte wiederum direkt zu den vielleicht zentralen Fragen ambitionierter Literatur der letzten 100 Jahre, nämlich zu den Fragen: Wie entsteht Wirklichkeit? Was ist Wirklichkeit? Und: Wie sind wir daran beteiligt? Das waren für mich die wichtigsten Fragen beim Schreiben des Romans. Ich glaube, das findet sich im Text auch wieder – und die große Leere wohl zwischen den Zeilen …

 

Einmal – oder mehrfach sogar – wird die Kasse im Buch als Ort beschrieben, an dem man gar nicht sein wollte. Und in einem Interview wiederum hast Du gesagt, die Kasse sei wie eine Loge, aus der man die Menschen betrachten könnte, als sei die Welt ein großes Theater …

Tja, es gibt vermutlich kein Kind, das als Traumberuf Kassierer angibt. Niemand wird Kassierer aus Leidenschaft. Dennoch ist der Ort faszinierend – eben wegen dieser ungewöhnlichen Perspektive auf den Rest der Welt. Der Held meines Buches wollte jedenfalls nicht unbedingt an einer Kasse arbeiten, musste dann aber feststellen: Er kann das, er macht das gut. Und das ist sozusagen das Besondere an dieser Figur: Sie nimmt die Tätigkeit als eine besondere Herausforderung an.

 

Die literarische Technik, die Du verwendest, finde ich sehr interessant. Und zwar gibt es unterschiedliche Textbausteine und mindestens drei unterschiedliche Erzählperspektiven. War das von Anfang an so geplant?

Mir war jedenfalls klar, dass ich etwas Ungewöhnliches zu erzählen habe, etwas aber auch sehr Zeitgemäßes, und deshalb kamen für mich konventionelle narrative Strukturen nicht in Frage. Ein am Reißbrett entworfenes Handlungsskelett erschien mir der Sache nicht angemessen. Mich hat deshalb bald interessiert, wie ein Roman funktionieren kann, der ohne klassischen Plot auskommt. Dabei sollte der Leser aber, wenn möglich, nicht vor Übermüdung nach acht Seiten zusammenbrechen.

Und die Lösung sah dann am Ende so aus, dass ich zwei literarische Grundmuster gegeneinander geschnitten habe. Manche Leute vermuten, es existieren überhaupt nur diese beiden Muster. Erstens: Auf Reise gehen – und die Orientierung verlieren. Zweitens: Besuch bekommen – und die Ordnung verlieren. Kurz: Einmal die klassische Abenteuergeschichte. Und einmal die klassische Liebesgeschichte. Das erkennt man jetzt beim Lesen vielleicht nicht auf Anhieb, aber an der Kasse spielen sich, wenn man so will, die „Liebesgeschichten“ ab. Und auf dem Heimweg erlebt der Kassierer die „Abenteuer“, auch wenn er dabei scheinbar nicht die Orientierung verliert. Außerdem gibt es eben noch diese lexikonartigen Zwischentexte, die das Ganze rhythmisieren …

 

Das Tolle ist, wie die Erzählebenen im Roman selbst als Schleifen immer wiederkehren und in ihrem Zusammenspiel den Spannungsbogen ersetzen. Ganz am Ende werden sie ja erst  zusammengeführt. Was dadurch sehr gut funktioniert, ist, dass mein Interesse beim Lesen so problemlos bei der Stange geblieben ist, mit zunehmender Seitenzahl sogar noch größer wurde. Eine ganz neue Form von Literatur …

Zumindest eine, die ziemlich arbeitsintensiv ist. Beim Schreiben war das wie beim Teppichverlegen. Kennt ja jeder, der das mal gemacht hat: Wenn man irgendwo eine Beule hat und draufklopft, kommt sie garantiert an einer andren Stelle wieder hoch. Und so war’s beim Schreiben auch: Je mehr bestimmte Stellen an Qualität gewonnen haben, desto mehr fielen andere dagegen ab. Das war das Heikle an diesem kleinteiligen Erzählgewebe. Bis zum Schluss musste geklopft werden. Aber die Stellen, an denen es noch immer etwas beult, sind geschickt zugestellt, hoffe ich.

 

Eine Frage noch zur Erzählperspektive. Und zwar wechselst Du zwischen erster, zweiter und dritter Person, obwohl es ja immer um dieselbe Figur geht. Warum hast Du das gemacht?

Wenn man etwas erlebt und später darüber nachdenkt … was weiß ich, wenn man im Schwimmbad gewesen ist und denkt darüber nach, wie man seine Bahnen gezogen hat, dann hat man beim Erinnern nicht die gleiche Perspektive vor Augen wie beim Schwimmen selbst. In der Erinnerung hat man keine „Ich-Perspektive“, sondern hat meist so eine Art Beckenrand-Perspektive. Was absurd ist, weil man es so ja nicht wahrgenommen hat.

Und diese Beobachtung hat die Idee zur Aufsplittung in drei Perspektiven losgetreten. Es gibt jetzt die „Live-Perspektive“, die Ich-Perspektive des täglichen Erlebens – und zwar dann, wenn der Kassierer an der Kasse ist. Und dann gibt es jenseits der Kasse die Du- und die Er-Perspektive. Auch um deutlich zu machen, dass es der Figur schwer fällt, abseits seines Jobs, eine klare Identität zu behaupten. Er definiert sich über seine Tätigkeit.

 

Es gibt auch eine kleine Liebesgeschichte im Roman – jenseits der Kaufhauskasse. Der Kassierer schaut im Tabakshop einer jungen Frau, Trix heißt sie, beim Verkaufen und Kassieren zu. In diesem Zusammenhang fällt der wunderbare, vielsagende Satz: „Schönheit ist nicht eine Frage der Proportionen, sondern eine Frage der Haltung.“ Was deshalb so interessant ist, weil dieser Satz auch gut das Motto des Buches sein könnte.

Ja, mir selbst ist während des Lektorats besonders aufgefallen, wie wichtig der Figur dieser Gedanke ist – und wie wichtig umgekehrt dieser Gedanke für die Entwicklung der Figur wohl gewesen sein muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich der Kassierer als Künstler versteht.

 

Das ganze Buch ist voll von Dingen, die man selbst schon mal gesehen oder erlebt, aber sich selbst nicht so bewusst gemacht hat. Mir fallen dazu jetzt besonders die Wortschöpfungen von Dir ein: Sprechschimmel zum Beispiel für trockene Speichelablagerungen in den Mundwinkeln. Oder das Wort Nullschlange für die Situation, in der an der Kasse niemand steht. Ja, ist das eine Wortschöpfung?

Ich weiß nicht, ob die Warteschlangen schon an anderer Stelle so detailliert von der Null- bis zur Endlosschlange klassifiziert wurden. Ansonsten hefte ich mir gerne an die Fahne, hier eine Lücke geschlossen zu haben.

 

Was ist mit der Tätigkeit des Kassierers, der ja ganz viel zählt? Der auch ganz viel Er-zählbares hat, der unheimlich auf Ordnung achtet, unglaublich penibel und akribisch ist, der in dem Ablauf seine Bestimmung findet. Was hat der gemeinsam mit einem Schriftsteller?

Ich weiß nicht. Vermutlich ist in den allermeisten Berufen – wie ja überhaupt immer – Ordnung das halbe Leben. Ich möchte also nicht ausschließen, dass der Kassierer auch als Maurer oder als Walfänger seine Bestimmung gefunden hätte. Sicher ist aber: Beim Schreiben wären seine Fähigkeiten in jedem Fall gefragt. Erzählen bedeutet ja immer das Herstellen von Ordnung. Einer Ordnung, die es sonst so nicht gibt.

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*Die schriftliche Version fasst die wesentlichen Inhalte zusammen – und bringt sie gedanklich halbwegs auf den Punkt.

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