Litbizz (2006)

by Nils Mohl on Juni 1, 2006

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Porträt des Künstlers als junger Unternehmer

Nils Mohl über High & Low Level Litbizz

 Juni 2006. Für den Verlag Artislife Press Hamburg gab der Autor Auskunft über das erste Buch, seinen Beruf und den Dresscode bei Wettleseveranstaltungen.

 

Sie sind, soweit ich weiß, weltweit der allererste Schriftsteller, der als „Erstling“ einen Essay über den Literaturbetrieb vorlegt, statt, wie sonst üblich, einen Erzählband oder Roman. Wie ist es dazu gekommen?

Also, Hose runter: Auch von mir gibt es einen Roman und eine Sammlung  Kurzgeschichten, beide Projekte sind vor dem Essay abgeschlossen worden, aber beide noch nicht erschienen. Und man kann jetzt natürlich denken, aha, klarer Fall: Weil der Mohl keinen Verlag für sein literarisches Zeug bekommen hat, inszeniert er jetzt mit einem polemischen Werk über den Literaturbetrieb die Rache des kleinen Mannes – stimmt so aber nicht. Ich wollte ein Porträt des Künstlers als junger Unternehmer schreiben. Das war der Ausgangspunkt.

 

In Ihrem Buch geht es vor allem um die wirtschaftlichen Aspekte des Literaturbetriebs, insbesondere – aber nicht nur – aus Sicht der Schriftsteller. Ist Ihr Buch damit gar selbst Ausdruck einer zunehmenden Ökonomisierung der Literaturbranche, mit der Sie sich in Ihrem Buch ja auch sehr gründlich auseinandersetzen?

Vor allem geht es in meinem Buch, wie schon der Untertitel verspricht, um den Berufs- und Karrierestart von Schriftstellern heute. Es finden sich darin keine Statistiken oder Tabellen, dafür aber eine Menge Zitate von den Protagonisten des Betriebs, allen voran von jungen Autoren, die über sich, ihren Beruf und den Betrieb reflektieren. Und natürlich geht es auch um den Aspekt der zunehmenden Ökonomisierung der literarischen Sphäre. Wobei das Thema Kunst und Kommerz selbstverständlich kein neues ist, aber eins, über das jeder Berufsanfänger früher oder später stolpert und für sich dann „neu“ entdeckt.

 

Warum haben Sie nicht einfach einen persönlichen Erfahrungsbericht geschrieben? Ausreichende Erfahrungen als Autor und Preisträger im „Litbizz“ besitzen Sie ja …

Ja, warum habe ich kein Kochbuch geschrieben? Meine Pfannensteaks zum Beispiel sind große Klasse … Nein, persönliche Erfahrungsberichte haben Sinn, wenn es etwas Außergewöhnliches zu berichten gibt. Meine Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb sind aber eher absolut gewöhnlich. Nichtsdestotrotz haben sie erst dieses Projekt ermöglicht, welches ja, wenn man so will, eine Art kollektiver Erfahrungsbericht geworden ist – und für mich selbst ein Stück persönliche Lebensfestschreibung. Das allerdings steht auf einem anderen Blatt.

 

Wie ist es Ihrer Ansicht nach um die aktuellen Karrieremöglichkeiten von Schriftstellern in Deutschland bestellt? Wenn man Ihr Buch liest, dann beschleicht einen ja zuweilen der Eindruck, dass im deutschen „Litbizz“ eine mehr oder weniger in sich geschlossene Clique mehr oder weniger absolutistisch regiert. Hemmt das die Weiterentwicklung der Literatur?

Es ist doch so: Immer, wenn ich einen Preis bekomme und mir Gutes widerfährt, dann geht alles mit rechten Dingen zu. Und wenn ich übergangen werde, behaupte ich sofort das Gegenteil. Aber ich bin nicht der revolutionäre Typ, und Gejammer, besonders das eigene, langweilt mich auch sehr schnell. Es gibt einfach, wie überall, wo Menschen interagieren, Spielregeln. Deshalb glaube ich, wer Erfolg möchte, hat faire Chancen. Und wer die Literatur weiterentwickeln will, den hält sowieso keiner auf – ausbleibender Applaus schon mal gar nicht.

 

Seit zwei Jahren ernährt die Kulturbranche als Ganzes gesehen – vom Museumswärter, Fernsehtechniker und Journalisten über den Werbetexter und Drucker bis hin zum web designer und Medieninformatiker – in Deutschland mehr Menschen als die Automobilindustrie. Würden Sie jungen Menschen, denen ihre Selbstverwirklichung als Lebensziel oder auch Lebenssinn am Herzen liegt, vor diesem Hintergrund raten, lieber auf Nummer sicher zu gehen, das hieße beispielsweise wenn schon einen kreativen Beruf dann lieber Tontechniker statt Rockstar, lieber Wochenblatt-Redakteur als Literat – oder würden Sie empfehlen: Geh‘ auf’s Ganze, hau‘ rein – greif‘ nach den Sternen!?

Der Gedanke, Künstler auf Nummer sicher werden zu können, passt weder in mein Weltbild, noch deckt er sich mit meinen Erfahrungen. Und ich vermute mal, auch Tontechniker wird man nicht einfach so nebenbei. In Sachen Existenzplanung sollten angehende Kulturschaffende aber ihren lokalen Lebensberater kontaktieren. Der weiß im Zweifelsfall mehr als ich.

 

Wie geht es eigentlich auf Literaturwettbewerben so zu? Sie gehörten ja erst vor kurzem beim MDR-Literaturwettbewerb wieder zum kleinen Grüppchen der Sieger, doch wie steht es um den Neid der Horden von Verlierern? Müssen Sie eine schusssichere Weste unter dem Smoking tragen, wenn Sie einen Preis entgegen nehmen? Oder sind die Groupies das wahre Gesundheitsrisiko?

Der Dresscode bei diesen Veranstaltungen ist weniger streng, als Sie sich das offensichtlich vorstellen – ich trage zum Beispiel meist einen goldenen Glitzeranzug. Aber um Ihnen nicht alle Illusionen zu rauben: Ein öffentliches Wettlesen, immer ja auch so eine Art Engführung von Autorenlesung und Preisboxen, hat schon etwas Skurriles. Wobei ich zugeben muss: Ich mag das. Jetzt in Leipzig zum Beispiel waren 300 Zuschauer vor Ort, der MDR hat alles dreieinhalb Stunden lang live im Radio übertragen, und wenn man dort vorne sitzt, liest und die Konzentration im Raum spürt und merkt, dass die Menschen zuhören und mitgehen – das hat schon was. Da bekommt man dann plötzlich eine Ahnung davon, was Sportler und Rockstars und die diversen anderen „Celebritys“ meinen, wenn Sie in Interviews sagen: „In diesen Momenten weiß man, wofür man das alles auf sich genommen hat.“

 

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Woran arbeiten Sie derzeit? Worauf dürfen wir uns freuen?

Es geht weiter. Was die Kunst angeht, bei mir vorläufig mit Verskunst.* Freuen Sie sich also besser nicht auf ein Kochbuch. Und halten Sie ruhig die Augen auf: An der Weiterentwicklung der Literatur wird fortlaufend gearbeitet.

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*Guten Tag, mein Name ist Klimbimson Kreuzer, unveröffentlicht

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