März 2014

by Nils Mohl on März 1, 2014

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1.3.

Im Schreibtischzimmer. Nachdenken über den kleinen Roman für Oktober, der vielleicht gar kein Roman wird. Eine Novelle, eine längere Geschichte – ein Spaß zwischendurch. Was weiß ich. Um die 120 Seiten.

Muss für die Vorschau Texte zusammenschrammeln, die außer mir leider keiner schreiben kann, weil bislang kein einziger Satz von Mogel existiert. Statt einer Leseprobe gibt es einen Brief an die Buchändlerinnen und Buchhändler. Vertrag ist aber unterzeichnet, Cover gestaltet, Anfang Mai soll bereits Abgabe sein.

Alte Schriftstellerregel: Zuversicht ausstrahlen.

(Mogelzeit.)

 

2.3.

Rollkoffer packen.

 

3.3.

Hejsan hoppsan! Stockholm. Das erste Mal seit, ich meine, 1990. Damals in den Frühjahrsferien, nachdem ich mich als Nachtwächter bei der Messe verdingt hatte. Einer der Jobs, die man nicht vergisst. Radrennen in den Gängen, Kühlschränke an unbewachten Ständen plündern, hinterher lesen und ein paar Stunden schlafen, bevor es in die Schule ging.

An Stockholm hingegen kaum Erinnerungen. Sah seinerzeit das erste Mal meinen Sandkastenfreund wieder, der als Diplomatenkind in der Zwischenzeit die halbe Welt bereist hatte. Er lebte bereits in einer eigenen Wohnung in einer Plattenbausiedlung, die selbst auf waschechte Jenfelder Eindruck machte. Heute lebt er in Dubai.

(Vom Stadtrand in die Welt.)

 

4.3.

Junibacken. Ganz oben auf der Liste von A. und mir. Deshalb auch erste Station. Mir fällt nicht viel ein, was einer Autorin wie Astrid Lindgren gerechter werden könnte als dieser Themenpark. Die Insellage, der Standort direkt am Wasser mit Blick auf die Stadt. Die Idee, das Museum den Figuren des Werks zu widmen und zugleich mit anderen Figuren der Kinderliteratur zu teilen. Schließlich die Miniaturwelt.

Für die Fahrt nimmt man auf der Holzbank eines kleinen Waggons Platz. Und dann begegnet man ihnen, den Kindern aus Bullerbü zum Beispiel, Madita, Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter, Nils Karlson Däumling und den Brüdern Löwenherz. Dazu spricht die Stimme der Erzählerin auf diese typische Astrid-Lindgren-Art, schlicht und herzlich.

Mir knackt das nach kurzer Zeit den Panzer. Vielleicht die Rückkoppelung – hier zieht ja gerade ein nicht kleiner Teil des eigenen Kindheitsuniversums an einem vorbei. Oder diese beeindruckende und respekteinflößende Fülle dieser kleinen großen Welt, die noch nicht einmal komplett ist, in der etwa Saltkrokan und Kalle Blomquist und Tomte Tummetott einfach fehlen. Vielleicht pumpen sie auch animierende Duftstoffe durch die Luftfilter. Wie der letzte Trottel kämpfe ich in der Dunkelheit gegen die Tränen und bin ziemlich gerädert, als der Zug einen im Tageslicht an der begehbaren Villa Kunterbunt absetzt.

(Eine Riesin aus Vimmerby.)

 

4.3.

Klappe am Abend in der Jugendherbe meinen Klapprechner auf. Post vom Goethe-Institut, Litauen: „Lieber Herr Mohl, vielen Dank für die Einsendung der Unterlagen für das Residenzstipendium in Nida auf der Kurischen Nehrung … Bewerbung gut gefallen … Zeitraum 1. April bis 16. Mai … Arbeiten sollen nach dem Aufenthalt gedruckt und publiziert … Thomas-Mann-Festival … Residenzaufenthalt zusammen mit einer litauischen Autorin und einer französischen Autorin … einmalige Auszahlung von 1500 Euro … Tagegeld … Bitte geben Sie mir Bescheid, ob Sie das Stipendium tatsächlich antreten können … Beste Grüße“

 

5.3.

1403 Stockholm, Skepsholm bei Nacht

 

5.3.

Fahrt nach Uppsala. Schulveranstaltung an einer der Partnerschulen des Goethe-Instituts. Man hat dort „Ich wäre tendenziell für ein Happy End“ gelesen und eine Menge kluger Fragen. Im Hinterkopf rattert es bei mir. Die Schüler haben das Buch vor sich liegen, das P. offenbar noch immer vertickt, obwohl die Rechte schon lange wieder bei mir sind. Wahnsinn. Gedanklich bin ich einmal mehr kurz davor, einen Anwalt einzuschalten. Einfach aus Prinzip. Letztes Jahr wollte P. mir mal als Entschädigung 150 Bücher zukommen lassen. Unter der Bedingung allerdings, dass ich das Porto übernehme. Ohne Worte. Es kam dann nicht ein Buch.

Am Abend Spaziergang auf Skeppsholmen. Mit A. über die nächsten Monate. Sie redet mir zu wegen Litauen. Als ich den Kontojob im Januar gekündigt habe, konnte ich nicht einmal ahnen, dass sich die Chance zu dieser Reise direkt im Anschluss an meinen letzten Arbeitstag ergeben würde. Jetzt scheint sich alles wunderbar zu fügen. Mir stehen die sechs Wochen Ausstieg aus meinem Leben zu Hause trotzdem bevor. Als Idee – als Gedankenspiel ist das alles ungleich einfacher. A. meint: „Du willst kein Freizeit-Schriftsteller mehr sein? Dann versuch’s auch richtig, bitte.“

(Eine Riesin aus Jenfeld.)

 

7.3.

Früh zurück nach Hamburg. Zwischen Reise und Reise geht am Mittagstisch auf einmal nichts mehr: Es haut mich aus den Socken. Im Hirn werden  mit Stahlkappenstiefeln Türen eingetreten. Diffuser Dämmer für ein, zwei Stunden im Bett. Kopfschmerz Übelkeit Erschöpfung. Schon der zweite Anfall dieser Art innerhalb kurzer Zeit. Meine Mutter hatte das ihr Leben lang. Finde, ich muss mit 42 nicht damit anfangen.

Später im Schreibtischzimmer. Stadtrandritter auf der Empfehlungsliste für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Das wird es dann für den Roman wohl gewesen sein. Von einer Nominierung zum DJLP wäre vermutlich inzwischen etwas durchgesickert. Mehr kommt nicht: Die Frühlingsprogramm-Bücher sind raus.

Mail an meine Lektorin: „Ich fand heute die Abrechnung von Rowohlt in der Post. Hast du sehr tiefe Sorgenfalten wegen der Ritter?“

 

18.3.

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21.3.

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24.3.

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26.3.

Im Netz kursiert eins dieser dusseligen Freunde-Nominerungs-Spielchen. Heute geht es um die Aufzählung von 15 Autoren aller Richtungen, „die dich beeinflusst haben und dir immer erhalten bleiben werden.“ Natürlich käme ich nie auf den Gedanken, so etwas öffentlich zu machen, aber an der Liste versuche ich mich (nur für mich, versteht sich) trotzdem sofort.

1. Astrid Lindgren
2. Hergé
3. Lennon/McCartney
4. Albert Camus
5. William Faulkner
6. Philippe Djian
7. Richard Brautigan
8. Rolf Dieter Brinkmann
9. Alain Robbe-Grillet
10. Max Reinhold (J. T. Barkelt)
11. Raymond Chandler
12. Raymond Carver
13. Rainald Goetz
14. J. M. Coetzee
15. David Foster Wallace

Auf der Auswechselbank: Kurz Vonnegut, Elias Canetti, James Joyce, Thomas Mann, Oskar Sodux. Nicht mehr im Kader: Arno Schmidt und Helmut Krausser (der Tagebuch-Helmut-Krausser). Wen habe ich vergessen?

Plötzlich schrumpft die eigene, hoch-komplexe Lesebiographie so auf  drei Handvoll langlebige Liebesbeziehungen zusammen. Und die ganzen exotischen geilen schmutzigen Affären behält man für sich. Interessant: alles mehr oder weniger 20. Jahrhundert, westliche Hemispähre. Und ist Astrid Lindgren wirklich die einzige Frau meines Leselebens?

(Top 15, I)

 

27.3.

For those who remember: Christoph Marthaler war in den neunziger Jahren ein Gigant des Theaters. Der Wurzelfaust am Schauspielhaus! Toll. Ein großer Spaß, wie Literatur zur Musik wurde, aus Verstehen ein wortfreies Begreifen wurde. Jetzt bei der Rückkehr nach Hamburg mit „Heimweh & Verbrechen“ begreife ich nichts. Kalte, hässliche Welt, in der kalte Menschen hässliche Dinge treiben. Von Kindertötungen berichten oder Brandstiftung, scheinbar wahllos Menschen ausselektieren, leere Phrasen hübsch intonieren, sich nicht nahe kommen. Und das auch nicht wollen. Gut, dass in den quälend langen zwei Stunden immer wieder Leute das Theater verlassen, so klappen die Augen nicht zu. Bolle Bims, der mit mir da ist, ist ebenso ratlos, abgehängt.

Hinterher in der Kantine. Jemand, den ich in den neunziger Jahren kannte, kommt an den Tisch. „Erinnerst du dich“, sagt die Stimme. Ich erinnere mich. Wohnheimflur. Wirre Zeiten damals. Zu viel Kindsköpfigkeit. Zu viel Alkohol. Zu viel Egal. Ich erinnere mich. Sage trotzdem einen falschen Namen, weil mir der richtige einen Wimpernschlag zu spät einfällt. Sie sagt sehr höflich: „Siebzehn Jahre her.“ Damals war ich auch eine große Enttäuschung, ohne Frage. Das Theater von Marthaler war damals aufregender. Ich war es vermutlich auch.

(For those who remember.)

 

28.3.

Aufräumarbeiten im Büro. Finde einen Stoß DIN-A4-Zettel. Bei der Suche nach einer Idee und nach einem Titel für das Buch, das jetzt Mogel wird, habe ich im letzten Herbst mit Kollege Sch. dieses Experiment gemacht. Etwa eine Stunde lang habe ich stumpf runtergeschrieben, was mir in den Sinn geschossen ist. Die interessantesten Sachen habe ich ihm dann kommentarlos auf diesen Zetteln präsentiert. Ihn hat das sehr unterhalten, weitergebracht hat mich das nicht.

– Pomp
– Im Feuerhagel
– Poolgärten
– Jage drei Axolotl
– G.
– Mit Leben füllen
– Damit die Nacht unvergesslich wird
– Eine glatte Lüge
– Wird schon
– Oh. Oh, das ist gut!
– Du machst mich verrückt, manchmal sogar vor Glück
– Fragt Findeisen
– Liebeskarawane
– Ich sag mal: gefickt wie gebumst!
– Tschäkie

(Top 15, II)

 

31.3.

Montag. Unterlagen bei der AfA vorbeibringen. Dann letzter voller Tag beim Kontojob – und ich muss immer noch knüppeln. M. vermeldet in Sachen Mogel, nachdem ich ihm gestern die Handlungsskizze zukommen ließ: „Sorry ich hab einen Krankheitstag … Staupe. Ich weiss ja nicht viel über dies Projekt. Gestern in der U-Bahn hab ich überlegt, warum dies Geschehnis erzählt wird.“

Ich könnte es ihm erklären. Ich finde aber, es liegt wirklich sehr auf der Hand. Ich muss außerdem zusehen, dass ich den Rollkoffer mit Klamotten bestücke, mit denen ich die nächsten sechs Wochen bestreiten will.

(Alleingänge.)

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Fortsetzung folgt …

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