Mai 2013

by Nils Mohl on Juni 1, 2013

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1.5.

Stadtrandritter, Arbeitstag 745. Ohne Tanz frühmorgens weiter an AV VIII. Das vorletzte Kapitel. Weitestgehend Neuland. Während vom Rest des Romans im Laufe der Zeit mehrere Versionen enstanden, die wieder und wieder und wieder um- oder neugeschrieben wurden, prokle ich plötzlich nur noch an Versatzstücken und ausufernden Notizen herum. Fühle mich dabei wie von mir selbst hängengelassen.

(Tag der Arbeit.)

 

2.5.

Schicke mein Statement zum Streit um den DJLP an die Presseabteilung meines Verlags. Wenn sie jemanden finden, der es druckt, dann ist gut. Wenn nicht, im Grunde auch. M. und A. raten noch immer von einer Veröffentlichung ab. M. findet es schlauer, sich rauszuhalten. A. sagt: „Kümmere dich bitte um deinen Roman, bitte.“

(14 Tage Pausenmaloche.)

 

3.5.

Berlin, Deutsches Theater. Kristina beschenkt das Publikum im kleinen Saal mit einem großen Ritt durch ein Indianerland, in dem die Mädchen die Jungs sind – und sich überhaupt alles zu einem völlig irrsinnigen Trip durch die Prärien des Heranwachsens steigert. Mit Sandkiste, Seil, Wassereimer und einer grandiosen Acapella-Version von „Ring Of Fire“. Und furiosem Tempo. Und großem Witz.

Hinterher verdientes Lob der Chefdramaturgin für Regie und Darstellerinnen. Glückselige Umarmungen der Darstellerinnen für die Regie. Der Autor wird im Überschwang gleich mitgeherzt. Und herzt nur zu gerne zurück, bevor es im allerletzten Zug zum gepackten Koffer zurück nach Hamburg geht.

(Autoren-Jetset.)

 

3.5.

130503 DT

 

4.5.

New York. Von der 90. Straße (Ost)  spaziert M. mit mir praktisch direkt in die Lexington Ave. Es scheint ihm eine Herzensangelegenheit, mir schnellstmöglich  den Genuss eines Mahls bei „Pastrami Queen“ zu bescheren. („Pastrami Queen brings you some of the classic and most tender pastrami, corned beef hash in New York City!!“ Eigenwerbung.) Hinterher offeriert mir M. sein Drehbuchrezept für Indianerland. Es ist der erste Tag seit März, an dem ich mit den Stadtrandrittern nicht vorankomme.

(Fremde Kultur, amerikanische Küche I.)

 

5.5.

Gleich zum Frühstück wird noch ein offenbar wichtiger Punkt auf M.s kulinarischer Agenda abgehakt: Gracie’s Corner Diner, 86. Straße (Ost). Entscheide mich für: Monte Cristo Breakfast Special („Thick slices of challah french toast topped with grilled white meat turkey, Danish ham, and melted Swiss cheese“, laut Karte.). Als ich später Kollege Sch. ein Foto von dem üppigen, käseversiegelten Gericht per E-Mail zukommen lasse, kommt die Antwort: „Ich hoffe, du hast das nicht gegessen.“

Später eine Runde Joggen im Central Park. Am Nachmittag Fahrt von Harlem im Zug nach White Plains. Gehe dort im Crown Plaza Hotel am Klapprechner meine Unterlagen für die Book Week und die Workshops an der Deutschen Schule durch. Bekomme von M. eine E-Mail mit den Ergebnissen unserer Vormittagsschicht. Eine mögliche Struktur für den ersten Teil des Drehbuchs. Treffe E., die mich nach New York eingeladen hat, in der Cheescake Factory, ordere „Classic Burger“.

(Fremde Kultur, amerikanische Küche II-III.)

 

6.5.

130506 White Plains

 

7.5.

130507 NY_Harlem

 

7.5.

Stadtrandritter, Arbeitstag 750. Wäre der Roman ein besiedelter Ort mit mehr als 2.000 Einwohnern und jeder Arbeitstag ein Jahr, gäbe es heute ein Stadtfest. So gibt es nichts. Nicht einmal ein Hotel-Frühstück im Crown Plaza, White Plains. Hocke stur am Klapprechner im neunten Stock, bis es Zeit wird, ein Taxi zu rufen, das mich in die Partridge Road kutschiert. Workshop zu Indianerland.

Nach der Schule mit dem Zug über Harlem nach Manhattan. Treffe gemeinsam mit M. am Union Square K. und D., vor Barnes & Noble. Dort im dritten Stock stellt dann der zweite Mann auf dem Mond ein Buch vor. Erste Frage: „Welche Erinnerungen haben Sie an die Konfettiparade in New York nach Ihrer Rückkehr.“ Und Buzz Aldrin – weißhaarig, Maßanzug, kerniges Veteranengesicht – gibt aufgeräumt Auskunft darüber, wie entscheidend das richtige Tempo des Autokorsos für erfolgreiche Jubelveranstaltungen ist.

(Indianer, Ritter und echte Astronauten.)

 

8.5.

Teile des Kollegiums der DSNY führen mich am Abend in White Plains zum Essen aus. Philly cheesesteak. Eine Art Döner de Luxe, nur ohne Salat und mit dünn geschnittenem Steakfleisch. Angeblich eine Erfindung der Brüder Pat and Harry Olivieri aus Philadelphia, die das erste Exemplar dieser Sandwichkreation 1933 an einen Taxifahrer verkauften. Für 10 Cent. Laut Wikipedia. Pat Olivieri starb 1974, sein jüngerer Bruder Harry erst 2006, im Alter von 90 Jahren. Die New York Times würdigte ihn und seine Verdienste mit einen Nachruf.

(Fremde Kultur, amerikanische Küche IV.)

 

9.5.

Abschluss der Vier-Tage-Book-Week an der DSNY. Lesung plus Sitzdisco in der Aula. Geschenke. Fotos. Umarmungen. Abschiede nach Workshops mit drei verschiedenen Klassen. Insgesamt sechs Doppelstunden lang Programm. Gelöstes Lächeln am Schluss, große Kopfmüdigkeit. So viel Dialog hatte der Autor, wenn er sich richtig erinnert, zuvor in dieser Art und Ballung bislang noch nicht gestemmt.

(Purpose of Visit: Business.)

 

10.5.

130511 NY

 

10.5.

M. und ich sind zum Barbecue auf Roosevelt Island eingeladen. Vorher radeln wir zu Yonah Schimmel Knish Bakery („One World. One Taste. One Knish. That’s It!“ Eigenwerbung. Oder auch: „The World’s Finest Knishes SINCE 1910.“) M. schickt mich in den Laden, um zehn Knish auszuwählen. Was ihm sichtlich Freude bereitet, da er weiß, dass ich bis zu diesem Tag das Wort Knish noch nie gehört habe. Anschließen bekomme ich einen Straßenstand-Hotdog und wir nehmen die Gondel über den East River.

(Fremde Kultur, amerikanische Küche V-VI.)

 

11.5.

130512 NY

 

12.5.

Penn Station. Beim Warten auf den Zug nach Newark Airport stelle ich fest, dass mein Telefon bei M. im Apartement liegengeblieben ist. Investiere zwei Dollar in einen letzten Straßenhotdog mit Kraut. Ausdruck europäischer Gelassenheit, so deute ich das, Jenfelder Schule.

(Fremde Kultur, amerikanische Küche VII.)

 

13.5.

Zurück in Jenfeld.

 

14.5.

Zurück beim Kontojob.

 

15.5.

Zurück auf der Walz.

(Nach dem Kontojob mit der Bahn nach Darmstadt.)

 

15.5.

Der zukünftige Bürgermeister meiner Heimatstadt reagiert auf meine Rundmail, in der ich mitgeteilt habe, dass ich bis Ende des Monats nicht telefonisch erreichbar bin. Er schreibt: „Nils, was für ein Glück, dass Dein Kopf angewachsen ist. Fehlt sonst noch etwas?“ Ich antworte: „Schlaf.“ Setze mich im siebten Stock des MARITIM Rhein-Main Hotels („das ideale Refugium für Geschäftsreisende und Tagungsgäste“, Eigenwerbung) an den Klapprechner, ackere mich ein paar Zeilen im Roman voran, bevor ich kurz nach Mitternacht auf einen Weißwein an den Tresen der Pianobar („exotische Cocktails in anregender Atmosphäre“) wechsle. Was ich vor mir selbst als Recherche rechtfertige. Wofür auch immer. Nach zehn Minuten bin ich zurück im Zimmer. Hellwach. Wie jede Nacht um diese Zeit seit New York.

(Autoren-Jetlag.)

 

16.5.

Staatstheater Darmstadt. 9.00 und 11.00 Uhr Lesung im Foyer. Um 14.30 Uhr wieder im Zug nach Hamburg. Am Abend kurze E-Mail-Konversation mit M. Entschuldige mich dafür, früher als sonst in die Federn zu flüchten:

– Ich hatte heute zwei Lesungen in Darmstadt. Im Abstand von zwei Stunden.

– Selbst Dean Martin musste in Las Vegas zwei Shows pro Abend machen.

– Wir wissen alle, was aus Dean Martin wurde.

(Festival „Huch, ein Buch!“)

 

17.5.

Freitag. Verblüffend: schon der zweite oder dritte Tag in Folge mit Sonnenschein. Und gar Sommertemperaturen. A. macht sich Richtung Amrum auf, ich radle zum Kontojob. Nach Feierabend, auf dem Weg zu den Rädern, dann kurzer Dialog, den Kollege Sch. anzettelt:

– Und, hast du Pfingsten etwas Besonderes vor?

– Romanmarathon.

– Von morgens bis abends?

– Rund um die Uhr. Mit kurzen Schlafpausen.

– Ein Ironman.

– Ohne Hawaii, ja.

– Ein Selbstversuch über drei Tage?

– Eine Idiotie. In der Hoffnung, das achte Kapitel zu bezwingen.

 

18.5.

Bolle Bims schickt seine Anmerkungen zu den 7/9 des Romans, die er kennt. Kurzer Chat mit ihm. Er vermeldet seine Ankunft am Ende des Dokuments:

Montag, 5 Tage vor Ausbruch des Feuers!

– Sehr gut. Mir fehlen noch die letzten 36 Stunden. Und die Zeit wird knapp.

– Du schaffst das. Das Ding ist grandios!

– Hu … das tut gut!

– Das war keine halbherzige Aufmunterung …

– Nein, Großdank, das war auch kein halbherziger Versuch, nach Komplimenten zu fischen … Am Ende pendelt man ja immer zwischen Selbsthypnose und Selbstzweifeln.

– Ich bin tatsächlich überwältigt!

– Ein Trick ist wahrscheinlich die schiere Masse, hahaha.

 

19.5.

1305 Zetteltisch

 

21.5.

Kurzer Dialog, den Kollege Sch. anzettelt:

– Beim Ironman ins Ziel gekommen?

– Hm?

– Dein dreitägiger Romanmarathon … falsches Thema?

– Ich habe es durchgezogen, wenn du das wissen willst.

– Und?

– Man kann es durchziehen und trotzdem auf der Strecke bleiben.

 

23.5.

Nach einem zähen Kontojobtag fast zweistündiges Telefonat mit Justin, der gerade über der ersten Drehbuchfassung von Indianerland brütet. Nachdem M. und ich in New York selbst über einen Ansatz nachgedacht haben, weiß ich zumindest klarer, was ich mir von der Verfilmung am Ende wünsche. Gerade was Struktur, Tempo, Witz und Figuren betrifft. Und mir geht auf, dass ich damit als beratender Autor die vermutlich größtmögliche Plage bin im momentanen Adaptionsprozess. Vielleicht aber auch nicht.

(Demnächst im Kino.)

 

25.5.

A. jubelt auf dem Sofa über den Champions League Sieg des FC Bayern. Ich erinnere sie daran, dass sie bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch glühende Anhängerin des heimischen HSV gewesen sei. „Was ist aus den Traditionen geworden? Aus den schönen alten Feindbildern?“ Sie erinnert mich daran, dass ich mich bis vor gar nicht allzu langer Zeit über diesen Sieg selbst gefreut hätte wie eine Weißwurst über süßen Senf. Ich sage: „Tolles Spiel. Aber es gibt Erfolge, die finde sogar ich langweilig.“ A.: „Vielleicht musst du jetzt HSV-Fan werden.“

(Draußen seit Tagen Dauerregen.)

 

27.5.

1305 Baumpfütze

 

30.5.

Jenfeld heute gleich zwei Mal in der Lokalpresse. Meldung Nummer eins: Die Bücherhalle im Einkaufszentrum schließt. Damit hat sie rund zwei Jahre länger durchgehalten als die Videothek. Erstaunlich genug. Meldung Nummer zwei: Die Stadtteilkonferenz lehnt das Ansinnen einer Bürgerinitiative ab, die für die Verkehrsberuhigung der Jenfelder Straße zwischen Kuehnstraße und Jenfelder Allee „kämpft“. Seit Längerem schon. Titel des Artikels: „66 Nachbarn gegen den Rest von Jenfeld“. Sinne mehrere Minuten darüber nach, ob und wie diese Neuigkeiten womöglich zusammenhängen. Kein Tempo 30. Keine Leihbücher.

(Keine Ahnung.)

 

31.5.

Stadtrandritter, Arbeitstag 770. Auf Dokumentseite 441. Das sind alles in allem sehr ernüchternde 37 Seiten Fortschritt im Vergleich zum Anfang des Monats. In dreißig Tagen werde ich schlauer sein, ob ich beim 800. Aufeinandertreffen mit meiner Geschichte Lust verspüre, zumindest ein Stadtteilfest anzuberaumen, gedanklich …

(Finalvorbereitungen.)

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Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

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