März 2012

by Nils Mohl on April 1, 2012

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1.3.

Draußen hört man Vögel. Draußen ist es nicht mehr dunkel wie in einem Handschuh, wenn ich nach der Morgenschicht am Schreibtisch zum Frühstück gehe. Es ist Tag draußen. Die Überlandleitungen hängen zwar traurig vor verwaschen-grauem Himmel durch. Das kahle Zweiggewirr der Blutbuche ragt trist und kahl ins Bild hinein, wochenlang vermutlich noch. Aber es ist Tag, wenn der Tag beginnt.

 

1.3.

Pimpf Kaputtnik, der alte Suppenspucker: Die Namen der Vögel, die man draußen hört, wirst du auch bis zum Ende deines Lebens nicht gelernt haben.

 

1.3.
Begegne auf dem Weg zum Kontojob innerhalb von zwei Minuten drei Männern, Radfahrer wie ich, allesamt mit Vollbart, alle schätzungsweise in ihren frühen Vierzigern, alle mit Fahrradhelmen. Kein schönes Erlebnis, wenn man sich auf offener Straße vermehrt Kerlen gegenübersieht, die einem vor Augen halten, dass man vermutlich das Bild von jemandem abgibt, der man ganz sicher nie sein wollte.

 

1.3.
Beim Kontojob. Kollegin J. sagt: „Ich finde, der Bart steht dir.“

 

1.3.
In der Mittagspause. Manuel Cipriani („der König des Rindfleischeintopfs“), bei dem ich jeden Donnerstag immer stur portugiesische Currywurst esse, begrüßt mich mit breitem Grinsen. Er streicht sich um einen imaginären Vollbart, sagt mit seiner hohen brüchigen Stimme: „Haha, Schmutz? Nicht gewaschen?“

 

1.3.
Am Wochenende kommt der Bart ab.

 

1.3.
Aberglaube hin oder her: Am Wochenende schreibe ich AV VII zu Ende und werde mir einreden, dass damit der Beweis erbracht ist, dass Stadtrandritter fertig wird. Aberglaube hin oder her: Auch ohne Bart wird Indianerland natürlich für den DJLP nominiert.

 

2.3.

AV VII. Immer, wenn man denkt, gleich geht es wie von selbst, finden sich lauter Stolpersteine. Mein Tick: Ich lese im Dokument so lange drüber über eine Stelle, bis der Film im Kopf von Abschnitt zu Abschnitt reibungslos durchspult. Wenn es hakt: Ändern, rauswerfen, neu schreiben, zurückspulen. Damit kann man sich prima beschäftigen. Heute wird Silvester von Domino im Treppenhaus gebissen. Wieder und wieder. Bis das Blut am Ende auch richtig vom Mund abgelutscht wird. Zwei Stunden für sieben Worte. In Zahlen: 7. “ Das warme Blut, das er leckt (einsaugt)“, steht da jetzt. Vorübergehend.

 

2.3.
Beim Kontojob kurzer Disput mit Kollege Sch. über einen Filmschnipsel, den er mir zukommen lässt. Meine verhaltene Begeisterung enttäuscht ihn schwer. Ich lasse Musik laufen, die Sch. nicht gefällt, fasele etwas von schlechtem Zitat.

 

2.3.
Dialog, den Kollege Sch. anzettelt:
– Du zitierst Alf in Indianerland.
– Alf?
– Dieser fusselige …
– Ich weiß, wer Alf ist.
– Diese Stelle mit „Was repariert werden kann, …“
– Ja, ich erinnere mich.
– Du hast behauptet, das ist ein Alf-Zitat.
– Ich zitiere Godard in Indianerland.
– Hm.
– Ist dir nicht aufgefallen? Die Stauszene.
– Nö.
– Mann!
– Welcher Film?
– Week-End.
– Kenne ich nicht.
– Es gibt darin auch als Indianer kostümierte Menschenfresser.
– Pfft. Und?
– Viele Jugendbuchautoren glauben, sie hätten einen Bildungsauftrag.

 

2.3.

Dialog mit Kollege Sch.:
– Habe ich erzählt, dass man mich neulich von einer Lesung wieder ausgeladen hat.
– Weil du Jugendbuchautor bist?
– Das hat man so nicht formuliert. Aber: ja.
– Hm.
– Und jetzt.
– Mund abwischen, weitermachen.

 

2.3.

Wolfgang Herrndorf hat seinen Blog lange nicht aktualisiert.

 

3.3.
Wochenende. Eine kryptische Notiz, die ich mir für die Arbeit heute gemacht habe:

Was ist Wirklichkeit?
Was ist Intimität?
Was ist der nächste Mittwoch für ein Tag?
Kurz: die Fragen nach Sinn und Unsinn.

(Keine Vorstellung, was ich mir damit sagen wollte.)

 

3.3.
Nach und nach öffnen die Eisdielen wieder. Auch das Jenfelder Eiscafé hat diese Woche wieder die Truhen befüllt. Eine Einrichtung, die die Lebensqualität hier bemerkenswert erhöht. Heute also erster Besuch des Jahres dort, wo auch Merle in Stadtrandritter jobbt. Wobei das natürlich Quatsch ist. Merle jobbt in einem Eiscafé, das sehr an das Eiscafé erinnert, das dort an der Rodigallee in Jenfeld steht. Zuweilen verwechsle ich diese Dinge auch selbst schon. Kritisch.

Gut ist:

Das die Zeit der Gefriertruhenspeiseeisprodukte vorbei ist. Mein persönlicher Spleen. Einen Tag ohne Eis gibt es quasi nicht. Minus 14 Grad. Plus 40. Egal. Das Kaffee- und Kuchengen ist bei mir völlig defekt. Aber Eis muss sein.

Weniger gut:

Auf dem Weg zum Eiscafé werde ich daran erinnert, dass ich Kollege und Nachbar B., Neujenfelder und einer, auf dem man sich wirklich verlassen kann, noch so einiges schulde. Eine Tischtennispartie. Eine Tennispartie. Eine Stadtteiltour. Mindestens einen Kneipenbesuch. Ein Modem. Diverse Fußballfernsehabende. Und das ist erst der Anfang der Liste.

A. sagt: „Ab April.“

(Auch bei ihr stehe ich in der Kreide. Im Grunde bei jedem, der mir wichtig ist.)

 

3.3.

Der Trost von einer Kugel Haselnuss mit Schokoladenborke in der Waffel.

 

4.3.

Stadtrandritter. Weiter im Text. Und ein Nachmittag Arbeit fast für die Katz, weil kurzzeitig der Mac spinnt. Ein Update zerschießt eine Zwischenspeicherung. Die Rekonstruktion der letzten 100 Arbeitsschritte kostet mich Stunden. Das aufreibende Finale von AV VII mit Silvester und Brand III wird noch aufreibender. Und die Rasur muss weiter verschoben werden.

(Der Fluch des Bartes.)

 

4.3.
Aus den Proben zum epochemachenden Interview. „Ich bin Geschichtenerzähler. Ich mache Unterhaltungsliteratur für Menschen, denen reine Zerstreuung zu wenig ist. (Pause.) Ja, nun gucken Sie bitte nicht so fragend. Ich schreibe keine Krimis. Auch keine Historienschinken. Oder Fantasy. Wenn es nicht so behämmert klingen würde, könnte man sagen, ich mache Kunst.“

 

4.3.
Die Buchmesse rückt näher. Was ist mit einer Rede zur Verleihung des Stipendiums? Pimpf Kaputtnik sagt: „Erzähl von deiner Karriere. Lass es so aussehen, als wenn mit der Auszeichnung eine lange währende Ignoranz dir und deinem Werk gegenüber verdientermaßen zu Ende geht. Mach es launig. Mach es arrogant. Du hast einen astreinen Roman geschrieben. Du! Kinn hoch, Brust raus. Los, tu’s.“

Und ich? Ich tu’s tatsächlich. Weniger schamerfüllt, als mir lieb ist. Ich tu’s – so rede ich es mir schön –, damit es getan ist. Damit ich diese Variante verwerfen kann. Ich lasse Pimpf Kaputtnik wissen, dass dieser Entwurf eitel ist, dümmlich und unreif. Pimpf Kaputtnik: „Unterhaltsam.“ Ich: „Ohne Dringlichkeit.“

 

5.3.

AV VII. Kein gutes Wochenende. Ingesamt nicht. Habe Silvester im Einkaufswagen abtransportieren lassen. „Das unaufhörliche, rhythmische Holpern: Fugenlücken an den Übergängen zwischen den Steinplatten. Gehwegpflaster, eindeutig.“ Ungefähr hundert Mal habe ich an dieser Stelle eingesetzt. Dann endlich, am Montagabend, ist es doch noch vollbracht nach rund einem Monat. Die letzte große Lücke ist zu. Alles, was ich aus der ersten Version des Romans noch retten wollte, ist gerettet. Jetzt muss das Ende von AV VII noch poliert werden.

 

5.3.
Silvester und Brand III. Grande Finale AV VII. Einmal mehr beschäftigt mich die Frage, ob man die Innensicht einer Figur nicht komplett über das Außen vermitteln sollte. Wozu sonst ist Kulisse da? Und ist das nicht erst Literatur: Wenn nicht behauptet wird, sondern bewiesen?

Der Sprung ins Innenleben von Figuren ist ja oft eine Krücke. Wenn laut gedacht wird, bin ich immer skeptisch. Das ist ein Riesenbehauptungsraum, wenn man das nicht sehr gut kann. (Und ich habe definitiv andere Stärken.) Besser man hält sich an die sichtbare Welt. Auch eine Krücke. Aber eine, die ich besser im Griff habe. Egal, wie man es macht: Beweisen nicht behaupten. Das predige ich den Studierenden in meinem Seminar, bis es ihnen aus den Ohren rauskommt. Beweisen, nicht behaupten. Und das geht doch nur über das „Faktische“. Und den Blick darauf? Oder? Oder?! Man muss zumindest versuchen, möglichst wenig zwischen den Systemen zu springen.

(Reine Kladde. Weiter dranbleiben!)

 

5.3.
Aus dem Jenfelder Manifest für das ästhetische Programm: Das Innere der Figuren möglichst ins Äußere einschreiben.

 

5.3.

Der Bart ist noch immer dran.

(Apropos das Innere ins Äußere einschreiben, oder wie?)

 

6.3.
Beim Kontojob. Kollege Sch. denkt über seine Rolle im Blog nach:
– Ich bin kein Werber. Ich bin Designer.
– Was machst du dann hier? In einer Werbeagentur?
– Ich leide.
– Lies David Foster Wallace, das lindert das Leid.
– (Macht sich Notiz.) Ich soll auch Kasse 53 lesen.
– Ja.
– Was soll ich zuerst lesen.
– Kasse 53. Für DFW wirst du eine Zeitlang brauchen.
– Hm.
– Und immer schön so weiter machen.
– Womit?
– Je nachdem. Damit. Oder mit der Werbung.

 

6.3.
Bereite die Fragen für die Lesung von Benjamin vor. Habe seine Monster zuerst vor einem Jahr lesen dürfen, glaube ich. Jetzt sind sie raus. Und beim Wiederlesen geht mir auf, was für ein Monsterbuch es tatsächlich geworden ist. Vielleicht bin ich inzwischen auch völlig fixiert auf das Thema, aber hier wird ziemlich geschickt verhandelt, was es bedeutet, Erwachsen zu werden. Und ich lese das so (sehr stark vereinfacht): Wir sind Monster. In einer Monsterwelt. Mit Monstern im Kopf. Und erwachsen wäre es vielleicht, so gut es geht, diesen Monstern den Kampf anzusagen. Lieblingsgeschichte: Wie sehr hat Las Casas geweint? Nein: Bringen Sie Ihre Atmung und Ihre Bewegung in Einklang. Nein: Doch Las Casas. Egal: Die Komposition des schmalen Bändchens – großartig. Das Ganze ist hier wirklich mehr als die Summe der einzelnen Teile. Und alles an seinem Platz. Sogar mehrere Seiten Kullertränchen. Schön!

Sagte ich es? Superunterhaltsam – und das bei gleichzeitiger Dringlichkeit.

 

6.3.
„Ich glaube nicht an andere Menschen. Du glaubst nicht an andere Menschen. Er, sie, es glaubt nicht an andere Menschen. Wir glauben nicht an andere Menschen. Ihr glaubt nicht an andere Menschen. Sie glauben nicht an andere Menschen.“
Benjamin Maack, Monster

 

6.3.
Die Reaktionen von C., M. und A. auf den ersten Entwurf meiner Rede sind eher verhalten höflich. Und womit? Mit Recht.

 

6.3.
Reaktion C.:
„hatte mich schon darauf eingeschossen die verkanntes-genie-schiene problematisch zu finden. und hab dann nochmal gelesen und gemerkt, dass die argumente, die ich mir zurechtgelegt hatte, bei näherem hinsehen alle nicht haltbar sind. hab mich trotzdem gefragt, weil oben entwurf steht: hast du noch über andere ansätze nachgedacht?“

 

6.3.
Reaktion M.:
„Ich bin derzeit mal wieder eher nicht hilfreich. Ich geriet, einmal mehr, in eine Auseinandersetzung zwischen Frauen, was irgendwie belastend war. Mir wurde Glauben geschenkt, was ja nicht wenig ist. Am Ende könnte der Sizilianer als Verlierer dastehen. Was die Sache auch verzerrt, aber als Satz schön ist. Ich hätte es, glaube ich, gern, wenn du einfach vom Arbeitsprozess sprichst.“

 

6.3.

Reaktion A.:
„Amüsant. Fällt dir noch was ein, was wir beim Einkauf morgen brauchen?“

 

7.3.
Pimpf Kaputtnik meldet sich zu Wort: „Drei maue Scherze aus dem Stegreif. Grinsen, freuen, anstoßen. Reicht! Vergiss das mit der Rede.“

 

7.3.
Der Wahnsinn greift wieder um sich. Ich terrorisiere M. und C. mit weiteren Entwürfen zu einer Rede, die niemand von mir verlangt oder erwartet. Außer meiner Wenigkeit selbst, versteht sich. Der Punkt ist: In Oldenburg hat es mich hinterher extrem geärgert: Drei maue Scherze aus dem Stegreif. Grinsen, freuen, anstoßen. Da habe ich es verbaselt, vor einem Publikum, das zugehört hätte, etwas von Dringlichkeit loszuwerden. Muss das nicht der Anspruch sein. Muss es das nicht?

 

7.3.
Entwurf 3.
Entwurf 4.
Alles noch überhaupt nicht knapp daneben. Es klingt immer nach Entschuldigung, Rechtfertigung und Phrasendrescherei – nicht nach Überzeugung, Erkenntnis und Programm. Wie der Stammler kommt man sich vor, der schon weiß, was er loswerden will, aber es partout nicht rausbekommt.

(Nur immer so langgedehnte, seltsame Lautketten eben.)

 

7.3.
Grrrrr-grrrrmbl. Mmm-mhnml.

 

7.3.
Bettelmail an M. Dann E-Mailkonversation mit M.

– Hättest du in etwa zwei Stunden ein paar Minuten zum Skypen?
– € 1,53/min aus dem Festnetz. Echte Hausfrauen aus deiner Nachbarschaft.
– Ich weiß, dass du gerne mit deiner Zellulitis angibst.
– Vor mir liegt ein Rezept für Chocolate-Chip Cookies.
– Mir knallen hier die heißen Drähte aus der Mütze. Ein paar Minuten!

 

8.3.

Müde?
Nein, erschöpft.

 

8.3.
Festgestellt, dass Herrndorf seinen Block nun doch wieder aktualisiert hat. Was mich freut. Am Anfang dachte ich ja wirklich: Das ist alles ein Hoax. Ein riesiger Hoax, um es dem ganzen Literaturbetrieb, um es allen Kulturschreiberlingen und Leidensvoyeuren mal so richtig reinzureiben. Immerhin ist Herrndorf Schriftsteller. Und jemand, der sich über diese ganze Schriftsteller-Inszenierung auch Gedanken macht (das selbstproduzierte und einzige Tschik-Interview in der FAZ). Und er ist Sportler, also jemand, der Wettkämpfe schätzt. Ein wirklich guter Fußballer.

Im Juni 2004 stand ich einmal gemeinsam mit ihm in einer Mannschaft auf dem Platz. In Klagenfurt. Ich weiß noch: Die erste Halbzeit lief ganz prima. Wenn ich mich recht erinnere, führte die Literatentruppe 4:2 gegen das ÖRF. Herrndorf war neben dem Torwart der mit Abstand beste Spieler auf dem Platz. Auch in der zweiten Halbzeit. Bierernste Miene die ganze Zeit. Man sah das: Das war jemand, der auch diesen albernen Freizeitkick gewinnen wollte. (So wie es sein muss.) Der den anderen aber auch das Gefühl gab, ihr macht mir diesen Sport hier ziemlich schwer. Und das stimmte durchaus. Allen anderen ging nach und nach die Puste aus.

Heute kommt mir mein Anfangsverdacht natürlich geschmacklos vor. Aber noch immer wünsche ich mir im Grunde: Lass es bitte ein Hoax sein.

(Das Spiel gegen das ÖRF wurde vergeigt.)

 

8.3.

t-7 bis Leipzig.

 

8.3.
Rede, Entwurf 5.
Jetzt aber.

Wenigstens fast.
Beim Skypen mit M. endlich rausgefunden, worum es geht.
Mit 17. Geisterbahn. Ansprüche. Haltung.
So.

 

9.3.

A.

(Der Bart ist ab.)

 

10.3.

t-5 bis Leipzig.

 

10.3.

Gast einer sehr schönen Geburtstagsfeier. Am Rand erzählt man mir von den Jenfelder „Wutbürgern“. Es gibt sie noch immer: die Wahnmache. Upps! Mahnwache.

Um die Wutbürger ist es in der Tat still geworden. Zuletzt war Jenfeld wieder mit anderen Themen in der Presse. Ein Verkehrsunfall. Nicht zu vergessen: Der sensationelle Bericht der großen Lokalzeitung über Spritklau. Donald Staginnus, Chef des Tankstellenbetriebs Schiffbeker Weg (einem der umsatzstärksten der ganzen Stadt!) wird darin zitiert: „ … in der vergangenen Zeit war es besonders kriminell.“ Von jungen Männern mit „Kapuze und Sonnenbrille“ ist die Rede. Von „Autos wie BMW oder Porsche“. Von gestohlenen Nummernschildern. Von Beträgen „um die 80, 90 Euro“.

(Kraftstoff.)

 

11.3.

In den Morgenstunden zu Benjamins Marathon-Lesung. Als ich um 2 Uhr in der Hasenschaukel ankomme, sind die ersten fünf seiner 24 Stunden absolviert. Für jede Stunde seines Programms hat er sich einen Gast geladen, der mit ihm etwas zu Monster, ja äh … „veranstaltet“. Der von mir gewählte Part: 100 Fragen in 50 Minuten. Der Gedanke dabei: Dass bei dem Klamauk der Veranstaltung der Autor auch ein wenig vor sich selbst geschützt wird. Es ist ein kluges Buch. Der freiwillige Irrsinn der Inszenierung drumherum imponiert mir und macht mich zugleich auch ein wenig traurig. Wieso reicht es nicht, ein kluges Buch zu machen?

Egal. Benjamin hat 100 meist ziemlich gute Antworten. Und wer aufmerksam zuhört, erfährt auch etwas über die Schönheit seines Textes. Als ich mich von ihm verabschiede, bin ich selbst seit mittlerweile 23 Stunden auf den Beinen. Das Hirn fühlt sich breiig an. Aber die Welt ist sehr schön dann um 3.30 Uhr bei meiner Rückkehr an den Stadtrand.

Leere Straßen. Laternenlicht. Keine Monster weit und breit. Außer mir.

 

12.3.

t-3 bis zu Buchmesse.

 

12.3.

AV VII noch einmal gelesen. Haken dran. Auch wenn ich weiß: Ganz zum Schluss muss da noch einiges raus. Zunächst aber: Die Merle-Teile in den Griff bekommen. Zügig. Hatte ich meiner Lektorin nicht Ende März versprochen? Unmöglich. Sollte in Leipzig mit ihr reden. Pimpf Kaputtnik dazu: „…“ Schulterzucken.

(Wo bleibt die Zeit?)

 

12.3.

Lese eine Boulevard-Meldung von letzter Woche, die die Wutbürger von Jenfeld sicher in Aufregung versetzt haben wird. Es geht um den „Vergewaltiger Jens B. (50)“. Es heißt: Der Mann, der „im Ex-Schwerverbrecher-Heim in Jenfeld wohnt, wird zum Sicherheitsproblem.“ Geschildert wird, dass B. sich offenbar einen Spaß daraus macht, bei Radtouren zu seiner Mutter die Bewacher abzuhängen. Man schreibt: „Bei mindestens einer dieser Touren verschärfte B. unvermittelt sein Tempo, überfuhr mehrere rote Ampeln. Folge: Das Begleitfahrzeug mit zwei Beamten wurde abgehängt. Erst die beiden anderen Beamten, die auf Fahrrädern unterwegs waren, konnten B. nach einer Sprinteinlage stellen.“

Zugleich erscheint in einer anderen Lokalzeitung eine Geschichte, die scheinbar nichts mit dieser zu tun hat, aber eben auch in Jenfeld spielt. Direkt gegenüber von dem Ort, an dem die Wutbürger immer ihre Mahnwache abhalten. Vor der Sparkasse wird dort gegen 22 Uhr Ute S. nach der Arbeit überfallen. Die zwei Täter entreißen der 44-jährigen, die sich heftig wehrt, das Portemonnaie. Einer der jungen Männer stößt sie zu Boden. Dann rennen die Typen weg. Und Ute S.? „Ich habe mein Telefon aus der Tasche gezogen, den Notruf gewählt und versucht, ihnen zu folgen.“ Und das Ganze endete so: „An der Stemwarder Straße entdeckten Beamte in einem Zivilfahrzeug die Täter. Sie waren gerade dabei, ihre Kleidungsstücke zu tauschen. Die Beamten nahmen die alkoholisierten Männer unter erheblichem Widerstand fest. Das Portemonnaie hatten sie zwischenzeitlich weggeworfen. Nach einem der Täter, das stellte sich auf der Wache heraus, war sogar schon mit zwei Haftbefehlen gefahndet worden.“

Manchmal mache ich mir die völlig unsinnigen Gedanken, ob ich in meinen Romanen nicht ein völlig verqueres und stark überzogenes Bild der Wirklichkeit zeichne.

(Manchmal überhaupt nicht.)

 

13.3.

t-2 bis Leipzig.

 

13.3.

Jenfeld – Bronx: Der zweite Skype-Abend,  der völlig aus dem Ruder läuft. Vier Stunden zermartert M. sich mit mir den Kopf wegen der Rede. Gegen 0.30 Uhr MEWZ knicken wir beide ein. Zu große Begriffe. Zu wenig Erkenntnis. M. kürzt zusammen. Es bleibt eine Essenz, die so wenig packend ist, dass ich bei einem Vortrag nicht mal mehr darauf hoffen dürfte, dass mich jemand für gestört hält.

 

14.3.

t-1.

 

14.3.

A.: „Du hier!“

(Nein. Eher nicht.)

 

14.3.

Bevor ich zum Kontojob aufbreche, gibt A. mir noch mit auf den Weg. „Rede? Du weißt, dass laut Zeitplan genau zwei Minuten für deine Dankesworte eingeplant sind. Muss ich mich fürchten?“

Beschließe, keine Rede zu halten.

 

14.3.

Lese in einer Kulturkritik: „Das Richtmaß für eine gut erzählte Geschichte ist die Menge weiterer Geschichten, die hinter ihr noch sichtbar werden.“ Das klingt toll!

 

14.3.

Fußnote zum Jenfelder Manifest für das ästhetische Programm: Erzähl die verdammte Geschichte. Immer. Auch in Reden. Reden sind auch nichts anderes als verdammte Geschichten.

 

14.3.

Die Rede: fertig. Und ich weiß: Ich kann sie nicht halten. A. hat Recht: Das ist nicht der Rahmen. Also kürze ich, bis ein Redekonzentrat entstanden ist. Klatsche eine Einleitung davor. Teste das Ganze beim Kontojob an Kollege Sch. und Kollege B. Kollege B. meint: „Das ist wie immer bei dir. Man weiß nicht, welcher Teil ernst gemeint ist.“ Ich: „Wie immer. Alles.“ Große Heiterkeit unter den Kollegen.

 

14.3.

M. macht Rabatz wegen des Konzentrats. Pimpf Kaputtnik rät, das zu ignorieren und mich schlafen zu legen. Aber noch einmal, obwohl ich wirklich nicht mehr aus den Augen schauen kann, wird die Verbindung Jenfeld – Bronx aufgebaut. M. verlangt, dass ich mich nicht in Albernheiten und Ironie flüchte, wenn ich die Rede schon nicht halten will.

(Wir streichen zusammen.)

 

15.3.

Wie immer morgens am Schreibtisch. Vogelgezwitscher. Goldenes Frühlicht an den Fassaden der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zwei Stunden habe ich noch, bevor es nach Leipzig geht. Die Langfassung der Rede stelle ich in den Blog. Die Kurzfassung bearbeite ich ein allerallerletztes Mal.

 

15.3.

Leipzig.

 

15.3.

Ein Hotel.

Ein Blick aus dem 7. Stock auf das Gewandhaus.

Eine Straßenbahnfahrt.

Ein Messegelände im Frühlingslicht.

Ein großer, leerer Saal.

Ein Fototermin.

Ein kurzes Gespräch mit Marlene Röder.

Ein kurzes Gespräch mit Traudel Ridder vom Literaturfonds.

Ein kurzes Gespräch nach dem anderen mit sehr vielen Menschen.

Ein großer, sich füllender Saal.

Ein Lächeln von A.

Ein Strahlen von meiner Lektorin.

Ein großer, sehr voller Saal.

Ein Platz in der ersten Reihe.

Eine sehr große Leinwand.

Ein Rednerpult.

Ein Aufrufen von Titeln, die für den DJLP 2012 nominiert sind.

Ein Aufrufen von über 20 Titeln, bis aus dem Nichts der Name Ernst Jandl fällt.

Ein unwirklicher Moment, als das Wort Inventur ausgesprochen wird.

Ein noch unwirklicherer Moment, als der Anfang von Indianerland vorgelesen wird.

Ein sachter Stromschlag, als das Cover groß auf der Leinwand erscheint.

Ein Buch mit silberglänzendem Aufkleber, das auf die Bühne gestellt wird.

 

15.3.

Eine Veranstaltung, die einfach weiter geht.

Eine Laudatio auf die Kurzgeschichten von Marlene Röder.

Eine Laudatio auf Indianerland.

Eine Laudatio, die mich bewegt und wie jedes Lob belastet.

Eine Laudatio, die ich mehr höre als aufnehmen kann.

Eine Urkundenübergabe.

Eine Sekunde der Zweifel, ob ich mich nicht doch nur ein paar launige Worte …

Ein Saal, der von der Bühne aus noch größer wirkt.

Ein Saal voll mit 300 Menschen.

Ein Redekonzentrat.

Ein Vortrag, mit dem M. einverstanden wäre.

Eine ganze Menge Heiterkeit.

Eine ganze Menge Applaus.

Ein ziemliches Durcheinander.

Ein Tag, der einfach weitergeht.

 

15.3.

Der erste Moment, der sich nach dem Rausch wieder halbwegs normal anfühlt, obwohl es überhaupt kein normaler Moment ist: Noch im Saal, im allgemeinen Durcheinander, steht Eric vor mir. Ein leibhaftiger Leser. Er hat Indianerland in der Hand. Von der Seite fotografiert wer. Ich signiere das Buch und bin mir hinterher ziemlich sicher, ich habe die falsche Jahreszahl hineingeschrieben.

Was das Beruhigende ist: Eric kommt mir unheimlich real vor. Sieht aus wie ein Typ, mit dem man Spaß haben kann, der eine Menge Freunde hat. Wie einer, der jetzt rausgeht aus dem Saal und die Sonne zu genießen weiß. Und so einer hat Indianerland gelesen! Und gemocht. Wie großartig. Ich weiß in der Sekunde: Das ist der Moment, der hängenbleibt. Und freue mich. Ich kann das!

 

16.3.

Buchmesse.

 

16.3.

Aus dem verworfenen ersten Entwurf zur Rede:

„Vor einem Jahr saß ich hier, in Leipzig, einmal 15 Minuten in einem Kabuff eines Messestandes auf umgedrehten Getränkekisten und gab der Jungredakteurin einer Lokalzeitung ein Interview. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Indianerland gelesen hatte. Das Interview erschien nie. Letztes Jahr war das mein einziger Pressetermin bei der Messe. Als ich aus dem Kabuff herauskam, gaben ein paar Rocker, die soeben eins dieser populären Ich-habe-ein-aufregendes-Leben-geführt-und-davon-erzähle-ich-jetzt-Anekdoten-Buch für Vielleser herausgebracht hatten, vor laufender Kamera eins ihrer zahlreichen Fernsehinterviews an diesem Tag. (Ich hatte ja Zeit, mir das anzugucken.)“

 

16.3.

Bei der Leipziger Buchmesse 2012 sitze ich auf dem 3sat-Sofa, bin nicht halb so klug und charmant wie ich es gerne wäre. Aber Pimpf Kaputtnik sagt: „Es ist alles prima.“ Am Vortag habe ich schon lange mit Robert Elstner gesprochen, jetzt treffe ich auch Mareile Oetken. Als Juroren in Oldenburg haben die beiden das ja alles mit losgetreten. Ich schüttle Hände, ich unterhalte mich mit angenehmen Menschen, treffe zudem lauter alte Bekannte, die sich freuen mich zu sehen, und laufe an meiner früheren Agentin vorbei, die mich nicht mehr kennt. Und Pimpf Kaputtnik sagt: „Es ist alles prima. Buchmessen sind Buchmessen, keine Literaturmessen, das weißt du.“ Die Sonne scheint. Eine kluge Frau erzählt mir, es seinen zu viele Noten (ein Amadeus-Zitat) in Indianerland, man hätte kürzen müssen, lenkt aber ein, das sei Meckerei auf sehr hohem Niveau. Pimpf Kaputtnik: „Es ist alles prima. Dein Buch wird gelesen. Es ist eine äußerst angenehme Buchmesse. Freu dich.“ Ich frage ihn: „Nicht Lust hier zu bleiben bis nächstes Jahr? Oder länger?“ Und mir fällt ein, dass ich es versäumt habe, meiner Lektorin mitzuteilen, dass ich bis Ende März nicht fertig werde mit Stadtrandritter.

 

16.3.

Leipzig. Vor der Rückfahrt am Abend noch eine Lesung. A. wartet in der Innenstadt, während ich das Gepäck aus dem Hotel hole. Der erste Moment ganz allein seit gestern. Sentimentales Zeug schwirrt mir im Kopf herum. Ich muss an meine Schwester denken, der Indianerland gewidmet ist. Daran, wie ich mit 17 auf dem Bett gelegen habe in meinem Zimmer und wie sie nebenan wie besessen Intervalle auf der Querflöte geübt hat. Sie hat dabei auf die Blocks im Gleiwitzer Bogen geblickt. Ein großartiger Blick aus dem dritten Stock über die auf eine Kurve zulaufende Straße mit den Betonfassaden rechts und links. Stunden über Stunden ging das. Große Terz. Kleine Terz. Sie wollte das unbedingt schaffen. Hat die Schule gewechselt, sich die eigene Lehrerin an der Musikhochschule gesucht. Und so weiter. Wir sind später auch mal zusammen in der Spielbank Hamburg gewesen, um den Geschäftsführer als ihren Mäzen zu gewinnen. Meine Mutter hatte herausgefunden, dass die Spielbank zu den bedeutendsten Steuerzahlern der Stadt zählt und einen Brief dorthin geschrieben. Durch eine versteckte Tür wie im Film sind wir in ein Büro geführt worden, meine Schwester und ich. Ein echtes Spielbankbüro. Schwere Ledersessel. Tapeten wie aus einem anderen Jahrhundert. An den Wänden kitschige Kerzenleuchter. Und der Geschäftsführer hat sich angehört, was wir zu sagen hatten, und meiner Schwester dann tatsächlich aus privaten Mitteln Geld für ihre Musikausbildung gegeben. Was sehr geholfen hat. Einmal 1000 Mark, meine ich. Wahnsinn. Und meine Schwester hat die Musik zu ihrem Beruf gemacht. Ist belohnt worden für die Schinderei mit den Intervallen, die für sie vermutlich keine war. Daran denke ich, als ich auf die Thomaskirche in Leipzig zustiefele und darüber zwei einsame Sterne leuchten sehe. Das kostet mich eine Sicherung. Etwas knallt jedenfalls durch in meinem Hirn und die Sterne verschwimmen vor meinen Augen. Was auf dem Foto, das ich dann mache, fast genauso aussieht. Puh!

 

16.3.

 

17.3.

Wieder in Jenfeld aufwachen. Bilder auf Facebook hochladen. Runterkommen.

 

18.3.

Zurück am Text. Stadtrandritter ist noch nicht fertig. Die letzten zwei Tage waren tatsächlich die ersten beiden seit Weihnachten, an denen ich nicht am Roman gearbeitet habe. Was nicht einfach war. Aber ich habe den Rechner absichtlich zu Hause gelassen. Pimpf Kaputtnik sagt: „Man muss auch mal abschalten.“ Muss man?

(Therapien.)

 

19.3.

Interview per Mail. Die Beantwortung der Fragen hilft, mich  zu sortieren. Hilft sehr.

 

20.3.

Merle, Anfang AV VI. Weiß schon jetzt, dass man mich deshalb am ehesten auseinander nehmen wird: Die Perspektive einer 17-jährigen. Der alte Sack, was hat er sich dabei gedacht: Da sind sie mit ihm durchgegangen. Und ich werde lächeln und denken: Schön die Klappe halten und am besten immer bis zum Ende lesen.

 

23.3.

Lese in der großen Lokalzeitung vom „Hamburger ‚Armuts-Atlas’“. Jenfeld ausnahmsweise, wenn auch erwartungsgemäß im Stadtteilvergleich höchst erfolgreich: Vordere TOP-10-Platzierung. Mit 22,6 % Sozialhilfeempfängern (Offizielle Sprachregelung: „Einwohner, die Leistungen aus Hartz IV erhalten“) noch vor dem großen Konkurrenten Steilshoop. Dass die Veddel mit 28,6 % siegt, ist zu verschmerzen. Dort leben nur 4847 Einwohner, keine 25.000. Und was das Ergebnis bedeutet, wird sowieso erst klar, wenn man weiß: Es gibt Stadtteile, da liegt der Schnitt um 1 %. Ein Kantersieg.

 

23.3.

Rückfahrt vom Kontojob ohne Licht seit ein paar Tagen. Und heute ohne Jacke. Hinein ins Wochenende, nach einer absurden Telefonkonferenz am Mittag, in der es um die Gestaltung eines Kleinbusses ging. Ein Problem, in dessen Lösung der Auftraggeber (die Vertriebsgesellschaft eines Konzerns mit 85.000 Mitarbeiter, Standorten in Europa, Russland und Nordamerika und einem Umsatz von über 90 Milliarden) seit einem Jahr beträchtliche Kompetenz investiert. Allein heute: Neun Menschen aus der ganzen Republik am Telefon.

Es wird ein Kopf an Kopf rennen. Womöglich erscheint Stadtrandritter noch bevor der Kleinbus mit Sprüchen beklebt wird. Die völlige Gestörtheit der Erwachsenenwelt. Man kann ihr nur durch Weltflucht entrinnen.

(Frühlingsabendlicht lindert aber auch schon ganz schön.)

24.3.

Stadtrandritter. AV VI. Merle. Vielleicht ist Merle so schwer in den Griff zu bekommen, weil ich ihr reales Vorbild so gut kenne? Oder eben gerade nur gut zu kennen meine? Reale Vorbilder stehen ihren fiktionalen Widergängern im Grunde sowieso nur im Weg. Die einfachsten Figuren sind jedenfalls immer die, die aus drei, vier Vorbildern zusammengeschraubt werden, von denen Minimum eins nicht real ist. Kondor zum Beispiel. Kondor ist ein Homunkulus. Ich kannte nur seinen „realen“ Halbbruder. Emmemm.

Vor Emmemm habe ich mich wirklich lange gefürchtet auf meinem Schulweg. Ein Zwerg, der mich einmal zu einer Schlägerei herausforderte, die damit endete, dass er mich einmal gegen die Brust boxte, woraufhin ich ihm gegen das Schienbein trat und weglief. Er rief mir hinterher: „Ich bin Blutsbruder von Zigeunern!“ Neben einer Bolzplatzrauferei mit einem späteren Pastor blieb das aber schon die härteste körperliche Auseinandersetzung meines Lebens. Die Zigeuner tauchten nie auf. Bis Indianerland.

 

24.3.

Aus dem Jenfelder Manifest für das ästhetische Programm: Scher dich nicht um reale Vorbilder, kümmere dich um deine Figuren.

 

25.3.

Erste Kondorszene AV VI. Ein Stück, für das man beim Lesen anderthalb Minuten braucht, maximal. Fast eine Woche Arbeit hat das jetzt gekostet. Zum Durchdrehen. Eine von den Stellen, die lauter verschiedene Lösungen zulässt, von denen aber nur eine übrig bleiben kann. Man sollte ja meinen, so ist das immer. Aber das stimmt nicht, die Logik der Fiktion lässt meist sehr wenig Spielraum. Zum Glück. Kein Roman fände sonst jemals ein Ende. These: Nur wenn sie wirklich an den Grenzen der Fiktion kratzen, wird es für Szenen schwierig.

 

26.3.

In Jenfeld wird heute ein Bauprojekt vorgestellt, das dem Stadtteil wirklich helfen könnte. Umbau eines ehemaligen Kasernengrundstücks zum Wohnpark. Die lokale Presse berichtet später: „Am Rande der Veranstaltung demonstrierten etwa ein Dutzend Anwohner gegen die Unterbringung von sicherungsverwahrten Straftätern in Jenfeld.“ Das unverdrossene Dutzend.

Ich bin mir sicher: Ein Dokumentarfilm über diese Kombo wäre der Hammer. Dieser Eifer. Diese Planungen. Diese Geschäftigkeit. Was für gruppendynamische Prozesse dort wohl ablaufen? Waren oder werden die Freunde fürs Leben? Oder ist das eine Zweckgemeinschaft mit schlimmen Zwisten hinter den Kulissen? Wie ist es um die Geselligkeit bestellt? Drogen? Scherze? „Noch ein Likörchen, Hildegard.“ „Och Gott, ist ja kein Verbrechen, oder!“ „Kein Schwerverbrechen, hihi!“

 

27.3.

Der März geht auf die Zielgerade. Das Ende von Stadtrandritter scheint nach wie vor weit, weit entfernt. Habe deshalb auch meinen letzten verfügbaren Urlaub verbraten. Dieser Dienstag wird der letzte entspannte Arbeitstag für lange Zeit sein. Nächste Woche beginnt die Uni wieder.

 

27.3.

Eine dicke Hummel rammt gegen die Fensterscheibe meines Arbeitszimmers.

(Der Gedanke: Ich weiß, was du fühlst, Kumpel.)

 

27.3.

Telefoniere nach Ewigkeiten wieder mit T2R. Seit Anfang des Jahres breche ich ja bereits vorletzte Tabus und cancele Besuche selbst bei allerbesten Freunden einfach mit Verweis auf die Arbeit am Roman. Eins der Opfer eben auch: der gute alte T2R aus Kiel. Der meine letzte Absage per E-Mail immerhin noch mit Humor kommentierte: “ … ist Stadtrandritter denn nun eigentlich das ‚Das Imperium schlägt zurück‘ der Jugendliteratur oder ist es ‚Episode II – Angriff der Klonkrieger‘, die Verlage und ihre Lust an Zyklen…“ Meine Antwort als alter Sergio-Leone-Jünger war: „Es ist mein ‚Todesmelodie‘ – und für den finalen Teil lasse ich mir dann auch 16 Jahre Zeit.“ Was ich natürlich nicht vorhabe. Am liebsten würde ich tatsächlich ohne Pause weitermachen. Was mir, in der Sekunde, wo mir das klar wird, Angst macht. Selbst T2R wird früher oder später seinen Humor verlieren. Noch allerdings nicht. Wir verabreden uns sehr vorsichtig für April.

 

28.3.

Beim Kontojob. Meine Lektorin ruft an. Klar: Es ist Ende März. Mir wird einmal mehr bewusst, dass andere Menschen meine Gedanken nicht lesen können. Und ich hatte es so gesagt: Ende März. Jetzt muss ich zugeben: mein Fehler. Und mir ist nicht wohl in meiner Haut, als ich verkünde: Ende Mai. Das ist sportlich.

(Aber es geht ja um die Kunst.)

 

28.3.

Mittags an die Alster. Ursprünglich zum Luft holen. Monochromes Blau über mir. Dann fällt mir ein: War nicht die nächste Telko wegen dieses behämmerten Busses? War die nicht in … 15 Minuten? Wie ein Bekloppter zurück in die Hafencity. Unnötig bekloppt wie sich herausstellt. Ich habe noch 61 Minuten. Am Wochenende war Zeitumstellung. Biorhythmisch stehe ich derzeit im Grunde um 3.45 Uhr auf.

(Frühjahrsbeklopptheit.)

 

28.3.

Romantisches beim Kontojob. Kollege Sch. hat ein wenig den Blues.

– Mädchen sind doof.

– Mädchen sind toll.

– Hm.

– Zier dich nicht, erzähl schon.

– Es gibt nichts zu erzählen.

– Flüssig gelogen.

– Ich hab deinen Ratschlag befolgt.

– Du hast was?

– Ich habe sie aufgezogen.

– Das war mein Rat?

– Ja.

– Ich habe nicht aufziehen gesagt!

– Hast du.

– Ausziehen vielleicht.

– Brüller.

– Aufziehen war es jedenfalls nicht.

– Vielleicht war es auch provozieren.

– Befolge meine Ratschläge besser nicht.

– Hm.

– Wars ein lustiger Abend?

– Ja, wir verstehen uns gut. Ich bin einfach nicht ihr Typ, glaube ich.

– Was für ein Nullsatz. Befolge meine Ratschläge einfach weiter.

 

29.3.

Gestern in der großen Lokalzeitung: Jenfeld im einseitigen Stadtteilporträt. Unter der Rubrik „Töchter & Söhne“ findet der Schriftsteller Nils Mohl Erwähnung. Einfach so namentlich. Neben einer Sängerin und einem Pastor. Das ist ähnlich schön wie die Rubrik „Restaurants“: „Kneipen gibt es nur sehr wenige. Restaurants dafür umso mehr. Besonders viele Griechen und Döner-Läden.“ Das war’s. Mahlzeit.

(Knallharter Journalismus kann so toll sein.)

 

30.3.

Hahahaha!

 

30.3.

A. ist auf Zinne: „Hat Dr. Dilewskys Verlobte die erhoffte Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis verpasst?“ Sie schimpft. Wittert Politik und Stimmungsmache. „Vielleicht ist Dr. Dilewsky eine Frau“, werfe ich ein. A.: „Eine verschmähte Bewunderin?“ Ich: „Was regt dich überhaupt auf?“ A.:„Das ist so böse! Es geht überhaupt nicht um das Buch.“ Inzwischen beschäftigen sie die Fieberkurven, die der Amazon-Produktübersicht abzulesen sind, so sehr, dass die erste Ein-Stern-Bewertung für Indianerland ihr wirklich den Morgen verdirbt.

Pimpf Kaputtnik, auch ein Verschwörungstheoretiker vor dem Herren, hat nach Leipzig selbstredend auch geraunt: „Zu viel Lob. Jetzt machen sie dich fertig.“ Ich dachte: Geht doch noch gar nicht richtig, bin ja weiter der Underdog. Und als ich Dr. Dilewskys Kommentar gelesen habe, bin ich sogar richtig vergnügt. „Ballack der Literatur. Großartig. Dilewsky traut mir Weltmeisterschaften und Champions League zu!“ A.: „Und der eine Stern?“ Ich: „Die Bewertung der eigenen Leseintelligenz?“

 

30.3.

Aus den Proben für das epochenmachende Interview (eingeflüstert von Pimpf Kaputtnik): „Ob ich mich über schlechte Kritiken ärgere? Antwort: Ich freue mich, wenn überhaupt etwas passiert. Großes Feuilleton hat nach zwei Romanen, einem Erzählungsband, einem Theaterstück, zig Preisen und über zehn Jahren Tingelei durchs Land mit Auftritten in Kulturstätten jeder Art von Kaschemme bis Stadttheater für mich überhaupt noch nicht stattgefunden. Muss man natürlich auch erst mal schaffen.“

 

31.3.

Letzte Woche kam eine automatisierte E-Mail-Benachrichtigung vom Online-Versandbuchhändler meines Vertrauens. Der Erscheinungstermin für den neuen Roman von Rainald Goetz wurde verschoben. Den großen Meistern geht es also nicht anders als einem selbst. Natürlich nicht. Nie.

Rainald Goetz war seinerzeit tatsächlich der einzige Fremde, dem ich ein gewidmetes Exemplar von Kasse 53 geschickt habe. Mit Dank für die Haltung, die der Held meines Romans unter anderem von ihm geborgt hatte. Keine Ahnung, ob ihn das Buch je erreicht hat. Es ging an seinen Verlag. Spielt letztlich keine Rolle. Für mich zählte die – ein wenig altmodische und wahrscheinlich alberne – Geste. Rainald Goetz war der erste lebende Schriftsteller meiner Sprache, von dem ich ein Buch gelesen hatte, das mir etwas bedeutete. Irre. Um 1991 herum.

Und was alles andere angeht: Nicht jammern, arbeiten.

(So ja der große Meister einst.)

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Fortsetzung folgt …

(Lieferung monatlich.)

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