März 2013

by Nils Mohl on April 2, 2013

__

1.3.

Stadtrandritter, Arbeitstag 687.

Dann Kontojob.

Dann Autoreisezug.

(Luftwechsel.)

 

2.3.

Sexten_Südtirol

 

3.3.

Kopf wie zugenebelt vom Bergklima in Südtirol. Unfassbar blauer Himmel. Wenn man sich das Trikot der italienischen Nationalmannschaft vorstellt. Genau so.

(Urlaub.)

 

4.3.

Kein Internet in der Ferienwohnung.

(Urlaub.)

 

5.3.

Erster Tag wieder am Klapprechner, erster Tag auf Skiern seit 10 Jahren. Damals, mit 31, schrieb ich gerade im vierten Jahr an Kasse 53, kam dem Schluss stetig näher. Die Uraufführung von Revolution in Basel stand kurz bevor – außerdem eine kleine Lesetour mit M. Ich studierte in Weimar. Ich war mir absolut sicher, es würde als Schriftsteller von jetzt ab zügig aufwärts gehen.

Ein Jahr später stand ich dann allerdings nur in einer zugigen Lagerhalle in der Vorstadt und sortierte Tag für Tag Schrauben und anderen Haustechnikplunder in Papiertüten. Zweites Studium fertig. Roman im Grunde auch. Karriereaussichten: übersichtlich. Und das vielleicht erste Mal im Leben fürchtete ich im Stillen, es mit der Künstlerromantik womöglich ein wenig zu weit getrieben zu haben.

(Talfahrten.)

 

6.3.

An der Wand: ein Kruzifix. In der Hand: „Jesus von Nazareth“. Lese das neue Buch von Alois Prinz am Abend aus und fange gleich noch mal von vorne  an. Das gab es lange nicht mehr. Sehr, sehr lange nicht. Besonders gefällt mir die Deutung der Lazarus-Legende. Prinz erklärt, in den Augen der Bibelautoren galt jemand als tot, wenn er sich von sich selbst entfremdet hatte. Durch zu viel Arbeit, falsche Ziele. Zum Beispiel. Lazarus war demnach ein Ausgebrannter und Jesus der Seelenklempner, der das regelte und die Lebensgeister des Lazarus neu weckte, indem er dessen Blick zurück auf Wesentliches lenkte. Familie. Gemeinschaftssinn. Und so weiter. Schön.

Einmal mehr der Gedanke: Genau das macht die Bibel ja wirklich zum Buch der Bücher – dass in ihren Geschichten die DNA steckt, aus der unsere Kultur bis heute erwächst. Der ganze Erlöserkram. Das Ringen um ein erfülltes Leben im Angesicht der Unzumutbarkeit des Todes. Die Suche nach einer eigenen Bestimmung als der Sinn eines von aufopferungsvollen Taten geprägten Daseins. Die Idee, den Menschen als Schöpfer seiner selbst zu begreifen. Durch unermüdliches – mal mehr, mal weniger subtiles – Nachbeten zementieren wir uns all diesen Kram seit 2000 Jahren fest in die Köpfe. Wer das nicht glaubt, möge einfach mal wieder Terminator gucken. Oder Star Wars. Oder über Kurt Cobain nachsinnen. Oder Harry Potter. Oder Barack Obama.  Oder eben Alois Prinz lesen.

(Himmelfahrten.)

 

8.3.

Sexten_am Morgen

 

9.3.

A. (41)

 

10.3.

Canal Grande.
Vaporetto Linea 1.
S. Tomaso.
Rialto.
Accademia.

Pizzeria Casin Dei Nobili, Dorsoduro.
Regnette fatte in casa con pesto di rucola e gamberi.
Vino 1/2.

Campo Santa Margherita
Gelateria Il Doge.
Gelato!
Due gusti.

Collezione Peggy Guggenheim.
Magritte, L’impero della luce.
Pollock, Alchimia.
De Chirico, La torre rossa, La nostalgia del poeta.

(Felicità. Tagesausflug in die Lieblingsstadt.)

 

10.3.

Venedig_März2013

 

11.3.

Sextener Nachtleben. Auf ein Bier mit Webmaster O. Auch ein 10-jähriges Jubiläum. Ab 22 Uhr stoßen wir aber nicht mehr an, sondern uns nur noch überall die Nasen. Selbst im ersten Hotel am Ort: kein Barbetrieb. Wir sind in einem Alter, in dem wir das mit Fassung tragen – und einem Ferienwohungswein.

(Die mittleren Jahre.)

 

12.3.

Ski abgegeben.

 

13.3.

Letzter Tag in Südtirol. Wanderung ins Fischleintal. Direkt vor uns der knittrige, zackige, grobschlächtige Einserkofel. Mehr als zweieinhalb schroffe Kilometer hoch. Vor gut fünf Jahren brach unterhalb des Gipfels eine Felsplatte heraus und ging in einer gigantischen Lawine samt apokalyptischer Staubwolke ab. Umgerechnet 900 Containerladungen Geröllmassen. Ganz plötzlich. Einfach so. Rumms. Nach quasi Äonen von Jahren.

Ich zu A.: „Dieser Berg sieht bedrohlich aus!“ A.: „Finde ich nicht. Die ganze Landschaft hat etwas Erhabenes.“ Ich kann mich nicht erinnern, dass A. je zuvor schon einmal vom Erhabenen gesprochen hätte. Sie: „Du fährst zu selten mit mir in die Dolomiten.“ Sie mag das Thema nicht, es gab Zeiten, da stand für sie, wenigstens gedanklich, mal zur Debatte, in dieser Gegend heimisch zu werden. Ich: „Ich fühle mich hier zuweilen massiv in meiner Existenz bedroht.“ A.: „Du schreibst zu viele Romane.“

(Figuren und ihr inneres Gelände.)

 

13.3.

Sexten_letzter Tag

 

14.3.

München, Schnee.

 

15.3.

Hamburg. Schnee.

 

16.3.

E-Mail-Konversation mit M.:

– Ich bin aus den Bergen zurück.

– Und, wie fühlst du dich jetzt? Flach?

– Tief gesunken? Vom Gipfel vertrieben? Oder was willst du genau hören?

– Jodler.

– Ich könnte mein Schüttelbrot für dich brechen.

– Vielleicht müssen wir nicht ganz so weit gehen.

 

17.3.

Stadtrandritter, Arbeitstag 700.

(Kein Konfetti.)

 

17.3.

Besuche am späten Sonntagnachmittag Bolle Bims. Sitze mit ihm an demselben Tisch, an dem wir auch vor gut drei Jahren über Indianerland gesprochen haben. Er war damals der letzte Leser, bevor ich den Roman an den Verlag gegeben habe. Das eigentliche Lektorat war danach kaum noch der Rede wert.

Geschichte wiederholt sich in diesem Fall nicht. Kein fertiger Roman. Leider. Nur ein fertiges erstes Drittel. Immerhin. Was mich allerdings ein wenig nervös macht: Bolle Bims meint, bis Seite 50 gebraucht zu haben, um richtig drin zu sein. „Silvester gönnst du nicht viel. In Indianerland durfte dein Held wenigstens mit Jackie ins Freibad.“ Ich, schulterzuckend: „Ein Herbstbuch. Die Freibäder haben alle zu.“

(Unzulässige Vergleichstest.)

 

19.3.

Erster Tag wieder beim Kontojob. Spreche mit meiner Chefin. Ziehe die letzte Option, um die Fortschritte an den Rittern zu beschleunigen. Erkaufe mir eine 3-Tage-Woche für den April. Nicht nur von der Produktionszeit, auch rein von den Kosten her war Indianerland gegen Stadtrandritter wirklich eine totale Low-Budget-Produktion.

(Kunst und Ruin.)

 

20.3.

Auf dem Weg zum Kontojob stapfe ich durch noch immer dicken Schnee. Vor mir trägt eine Frau etwas, das in meiner Jugend Moonboots hieß – und gerade eben habe ich in der U-Bahn wieder Alois Prinz gelesen. Gedanklich gelange ich so über das pompöse Schuhwerk zu dem Vertrag für die Astronauten, den ich noch immer nicht unterschrieben habe. Gelange ziemlich gleichzeitig aber auch gedanklich über Alois Prinz (und vielleicht auch wegen des Schnees) zum bekannten Kapitel 2 des Lukas-Evangeliums, zur Reise von Maria und Joseph nach Bethlehem. Und auf einmal komme ich auf einen fantastischen Titel für den Astronauten-Roman. Jedenfalls bilde ich mir das ein, stapfe ein wenig schneller durch den Schnee und schreibe den Titel, als ich in der Agentur ankomme, noch in Parka und Mütze und schmelzendem Schnee unter den Schuhen auf einen Post-it.

(Ideen von der Straße.)

 

21.3.

A. zu mir, als ich das Haus Richtung Kontojob verlasse: „Ab heute auch in Jenfeld und in unserer Straße: endlich Frühling!“

(Gleitzeit zum Quartalsende.)

 

21.3.

März_Frühling_20

 

22.3.

Freitagslethargie beim Kontojob. Lese im Internet, dass Tarantino kommende Woche Geburtstag hat. Zettele ein Gespräch mit Kollege Sch. an:

– War Quentin Tarantino für dich wichtig?

– (leicht irritiert) Ob er für mich wichtig war? Ja.

– Und warum war er für dich wichtig?

– Pulp Fiction. Ich weiß noch genau, wie das war, als ich den gesehen habe.

– Nämlich wie?

– Kino geht auch anders. Genau das habe ich gedacht.

– Du warst glücklich.

– Verdammt. O mein Gott. Ja!

– Du kanntest Reservoir Dogs nicht?

– Nein, den habe ich erst nach Pulp Fiction gesehen. Und du?

– Ich habe zuerst Reservoir Dogs gesehen.

– Nein, ich meine, war Quentin Tarantino für dich wichtig?

– Klar. Er hat der Popkultur Würde verliehen.

– Würde finde ich ein falsches Wort dafür.

– Egal. Sein Werk ist jedenfalls im Großen und Ganzen vollbracht.

– Ist das so?

– Findest du nicht? Alle neuen Tarantinofilme sehen immer aus wie von jemanden, der gerne einen Tarantinofilm machen will – und der das, zugegeben, sogar ganz gut kann. Aber sie sind keine Offenbarung mehr. Tarantino ist vermutlich wirklich einer von diesen Frühvollendeten.

– Pulp Fiction war eine Offenbarung, dem stimme ich zu.

– Für mich war Reservoir Dogs die Offenbarung. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

– Du freust dich!

– Ja, das war mein Tarantino-Moment: Ich lag in den Semesterferien bei meinen Eltern im Wohnzimmer und hatte mir gerade diese Videokassette von Reservoir Dogs aus der Videothek geholt. Ich  sehe diese Situation noch genau vor mir: Mein Vater saß im Sessel und las Zeitung. Der Film lief vielleicht gerade mal eine Viertelstunde und mein Vater murmelte plötzlich: „Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Wer hat nur diese Dialoge geschrieben?“ Und ich habe gesagt: „Einer, der das wirklich kann.“ Danach hat mein Vater nur einmal über den Rand seiner Zeitung gelinst und mich angeguckt. Ein großartiger Moment. Mein Vater hat in seinem Leben vorher bestimmt noch nie das F-Wort in den Mund genommen. Aber in dem Moment damals, als er mich so angeguckt hat, da brach es gleich noch einmal aus ihm heraus: „Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.“ Und ich habe ihm vergeblich zu erklären versucht, dass die Fucks vor allem für den Rhythmus der Sprache wichtig seien. Er hat dann Strichliste auf der Zeitung geführt und bei einer bestimmten Zahl einfach kopfschüttelnd den Raum gewechselt. Sehr lustig!

– Warum fragst du überhaupt nach Tarantino?

– Ich weiß auch nicht. Ich dachte gerade bloß: Tarantino macht mich einfach nicht mehr so glücklich wie früher. Und wie schade das ist.

 

24.3.

E-Mail von A. U., Riva-Film:

„Lieber Herr Töteberg, lieber Nils, wir freuen uns, dass die Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein unser Projekt ‚Es war einmal Indianerland‘ in der Drehbuchentwicklung unterstützt. Reiten wir also los! Vielleicht auch mal Richtung Frühling??? Einen schönen Gruß und auf ganz bald …“

 

25.3.

1303 Schuhe

 

25.3.

Stadtrandritter, Arbeitstag 708. Die Schweinekälte hält an. Ein verfrorener Paketbote reicht mir an der Tür einen Karton. Neue Latschen. In den alten sind alle meine Texte seit 1999 entstanden. Normalerweise bin ich Schuhen und solchen Dingen gegenüber wenig nostalgisch. Aber jetzt mache ich ein Foto. Und werfe das alte Paar … nicht weg, sondern tief in den Schreibtischzimmerschrank.

(Heimmuseum.)

 

26.3.

Mails beim Kontojob I (Die Beratung):

– „anbei das Feedback und die Korr. zu der Preiserhöhung Teil 2. @Nils: Wir brauchen von dir Texte für die DIN A4 EH-Info und den Umschlag. Bitte asap machen, da der DU-Termin naht. DANKE“

Mails beim Kontojob II (Die Grafik):

– „kannst! ich habe das Layout grob umgebaut – jetzt schnell lostexten und frühe Mittagspause sichern!“

Mails beim Kontojob III (Der Kunde):

– „also doch die Headline ändern… s.u. Meiner Meinung nach sollte dann klar werden, worum es geht. Preisvorteil, Gutscheingeschenk, irgendwas in der Art. Komme gerade aber auch nicht auf DIE Lösung. Ich muss jetzt zur Krankengymnastik, bin aber ab 13:15 Uhr wieder hier.“

Und so in einer Tour. Welt bekloppt.

(Ein Kontojobtag, wie es ihn lange nicht mehr gab.)

 

27.3
Tarantino (50).

 

28.3.

1303 Titel Astronauten

 

28.3.

Kollege Sch. in bester Gründonnerstagsstimmung:

– Ob du ein guter Schriftsteller bist, entscheidet die Geschichte.

– …?

– (Fast schon ausgelassen) Das ist voll der gute Witz.

 

28.3.

Kollege Sch. ärgerlich, dass ich gleich weiterarbeite:

– Du hast es nicht kapiert, oder?

– Das war doppelbödig.

– Ganz genau. Toll, nicht?

– Toll, toll!

 

29.3.

Karfreitag. M. und ich haben diesen Monat noch keinmal geskypet und es bleibt vorerst schwierig. Ich hätte gerne seine Meinung zu AV IV, aber er vertröstet mich auch heute per E-Mail, da er derzeit anscheinend jobmäßig ziemlich rotiert:

– Ich hatte letzte Nacht einen Traum, in dem ich Schweine an Bauern verkauft habe. Ich glaube, das symbolisiert irgendwie die Übersetzungsbranche.

– Hauptsache ist, man hat noch Träume.

– Ja, sehr schön.

 

31.3.

Stadtrandritter, Arbeitstag 714. Ostersonntag. Zeitumstellung auf MESZ. Für den mitteleuropäischen Frühaufsteher im Grunde der Genickbruch. Aber: AV IV fertig. Und: An AV V muss im Grunde auch nichts mehr gemacht werden. Bedeutet: 5/9 fertig. Heißt: Ich liege um exakt ein Kapitel hinter dem Plan zurück. Daraus folgt: Bis Mai wird das wirklich … eine Herausforderung.

(Mal schauen, wann sich meine Lektorin regt.)

__

Fortsetzung folgt …

(Reguläre Lieferung monatlich.)

__

<< hier zurückspulen | hier vorspulen >>