Mit 17

by Nils Mohl on März 15, 2012

Rede zur Verleihung des Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendiums 

 

Mit 17 gleicht die Welt der Erwachsenen einer Geisterbahn. Man erlebt in großer Zahl Menschen, die entweder a) gestört sind. Oder b) sediert. Nicht ganz wahllose Beispiele: Erwachsene und ihre Beziehungen – a) praktizierte Gestörtheit. Erwachsene und ihr Alltag – b) gelebte Sediertheit.

Mit 17 macht die Aussicht auf diese Geisterbahn niemanden restlos glücklich. Die kindlichen Kategorien Gut und Böse sind mit 17 noch halbwegs intakt. Man hat soeben eine merkwürdige Metamorphose durchlaufen, aber ein paar Überzeugungen sind einem dennoch nicht komplett abhanden gekommen, zumindest vorerst nicht.

Stichwort: Wilder Westen.

Stichwort: Märchen und Abenteuer.

Man entdeckt sie zuweilen auch in neuer Form wieder.

Stichwort: Rock’n’Roll.

Man ist noch ein wenig grün hinter den Ohren, doch die Mauser scheint halbwegs abgeschlossen. Der Kindheitsnebel hat sich gelichtet. Es geht damit ans Eingemachte.

Der Ruf aus dem Off:

„Jaha, du glaubst wohl, du weißt alles! Und wer macht den Abwasch?“

 

Mit 17 schiebt man die Zukunft, sofern es möglich ist, am liebsten weit von sich. Verständlich. Der Haken ist nur: Sediertheit und Gestörtheit besitzen auch mit 17 bereits große Anziehungskraft. Da sind diese Glücksversprechen, die auf relativ neue, aber immer noch sehr kindliche Sehnsüchte treffen:

Autofahren – Freiheit!

Eigene vier Wände – Unabhängigkeit!

Die Nacht durchfeiern – Abenteuer!

Und so weiter. Geisterbahnfahren macht dummerweise auch Spaß.

Doch die Sehnsucht nach Freiheit erfüllt sich nicht mit dem Führerschein. Man erlebt in einer Wohnung keine umfassende Unabhängigkeit. Partys sind meist sehr ernüchternde Veranstaltungen. Freiheit, Unabhängigkeit, Abenteuer und all diese Dinge sind nicht erfüllend, weil sie letztlich einfach zu haben sind. Jedenfalls in ihrer degenerierten Form. Man muss ein wenig helle sein, aber man kann drauf kommen, auch mit 17 schon: Es geht darum, höhere Ansprüche zu entwickeln.

Denn im Idealfall fürchtet man sich mit 17 noch vor permanenter Sedierung und Gestörtheit. Mehr noch: Man möchte sich Irrsinn und Betäubung widersetzen, so gut es geht. Um es in einen Begriff zu packen, der ein wenig aus der Mode ist und sich der einfachen Definition entzieht: Im Idealfall möchte man Haltung wahren.

Der Ruf aus dem Off:

„Jaha, Haltung! Und wer macht die Wäsche?“

 

Mit 17 tut man das, was das Kind nicht kann. Man rechnet die eigenen Ansprüche auf mögliche Lebensverläufe hoch. Ansprüche, die sich gerade herausbilden und an denen sich Glücksversprechen und kindliche Sehnsüchte messen lassen.

Diese Ansprüche zu entwickeln macht anders Spaß als Geisterbahnfahren. Es ist anstrengend. Es ist sehr komplex. Es hört nie wirklich auf. Und man merkt es nicht mal richtig. Worum geht’s?

Mein Eindruck ist: Es geht nicht zuletzt um drei Größen, die man mit 17 für sich zu definieren beginnt und die dann für einen als Erwachsenen bestimmend bleiben (so peinlich einem das Reden darüber auch wird).

Es geht um: a) Liebe, b) Glaube, c) Hoffnung.

Aus Schwärmereien erwachsen Zweierbeziehungen, in denen ich eine neue Form von Intimität erfahre und Intimität einbringen muss – ich übe a) das Du ein.

Aus Neigungen erwachsen Leidenschaften, die ich in Gemeinschaften teile und auslebe, die nicht Familie sind – ich übe b) das Wir ein.

Aus Träumereien erwachsen Wünsche, die ich zum Ziel erhebe und der Zeit aussetze – ich übe c) eine dritte Person ein, die ich werden möchte.

Ich verabschiede mich von dem kindlichen Ich-ich-ich.

Ein Prozess, der an der Schwelle zum Erwachsensein eine Dringlichkeit besitzt wie später nicht wieder. An dieser Stelle entscheidet sich zu großen Teilen mit, wie gut es uns gelingen wird, künftig mit Irrsinn und Betäubung umzugehen.

Das ist nicht wenig.

Und es geht am Anfang ganz sicher so einiges schief. Denn selbst, wenn man mit 17 erkennen sollte, dass es Sehnsüchte und Glücksversprechen gibt, die im Maßstab zu den eigenen Vorstellungen zu klein sind für Liebe, zu eng für Glauben, zu vage für Hoffnung – man wird ihnen trotzdem von Zeit zu Zeit erliegen. Man wird die Erfahrung machen, dass man an seinen eigenen Ansprüchen scheitert.

Immer wieder.

Aber besser, man scheitert an zu hohen als an zu niedrigen Ansprüchen.

Das ist die Haltung, die, sofern man sie mit 17 verinnerlicht, auch mit 27, 37, 47 und so weiter hilft. Vielleicht winkt auf diese Weise überhaupt erst der Spaß, der erfüllend ist und den man wirklich genießen kann. Dafür muss man sich mühen.

Vorgekaute Muster anzweifeln.

Sich nicht blind und taub und stumm fügen, Hirn immer eingeschaltet lassen.Darauf hoffen, in der Geisterbahn auf andere Menschen zu treffen. Daran glauben, dass man sie erkennt. Ihnen nach Kräften mit Liebe begegnen. Sich der Betäubung und dem Irrsinn widersetzen, wo es geht. Nicht jammern! Nach und nach lernen, dass man ziemlich viel Unfug im Kopf hat.

Stichwort: Wilder Westen.

Stichwort: Märchen und Abenteuer.

Stichwort: Rock’n’Roll.

Schmerzvoll lernen, dass wir unsere Entscheidungen und Anschauungen auf der Basis sehr fragwürdiger Modelle entwickeln. Es muss darum gehen, trotzdem Haltung zu bewahren.

Und damit sind wir bei der Literatur.

Literatur ist für mich auch eine Frage der Haltung. Literatur zeigt, wie wir zu unseren Ansprüchen kommen. Sie muss sie prüfen. Mehr noch: Sie kann und muss sie überprüfbar machen. Das ist die Herausforderung.

Sie muss veralteten Haltungen neue entgegenstellen.

Literatur kann das, Literatur tut das.

Fußnote: Literatur ist für mich natürlich ein Singular ohne Präfix. Literatur, egal von wem und egal für wen, funktioniert stets und immer gleich. Literatur, so wie sie mir gefällt, ist das Gegenteil von Zerstreuung und Irrsinnskonditionierung.

Ende der Fußnote.

Literatur sediert nicht. Und Literatur motiviert nicht, die eigene Gestörtheit noch weiterzutreiben. Literatur, das wäre zumindest mein Wunsch, sorgt dafür, dass schlussendlich unsere Ansprüche an die Literatur hoch bleiben, bestenfalls steigen.

Mit 17 hätte ich sehr wenig unterschrieben – aber das vermutlich sofort. Ich erinnere mich auch sehr gut an das mulmige Gefühl von damals.

Für „Es war einmal Indianerland“ noch einmal 17 gewesen zu sein und nachträglich noch einmal im Wilden Westen der Jugend an meinen Justierungen in Sachen Liebe geschraubt zu haben, war dann auch mehr als nur ein verfliegender Spaß.

Und so ziehe ich derzeit Morgen für Morgen nun als Ritter in Sachen Glauben um die Häuser am Stadtrand. Und danach geht es als Astronaut in Sachen Hoffnung weiter. Der Ruf aus dem Off:

„Jaha, Literatur! Und wer bringt den Müll raus?“

 

Ich danke meiner Lektorin Christiane Steen für die Chance zu diesem Unternehmen. Ich danke Ihnen, liebe Jury. Ich danke den Menschen vom Deutschen Literaturfonds und vom Arbeitskreis Jugendliteratur. Ich danke meinem Verlag. Ich danke allen, die mir geholfen haben, namentlich Max (nicht nur für die Indianer), Christoph (nicht nur für die Streichungen), Bastian (nicht nur für die nötige Haltung), Oli (nicht nur für das Mitdenken am Anfang), Raphael (nicht nur für das Cover, das mir eine Menge bedeutet), Oskar und Fine (für den Rückenwind), dem Forum Hamburger Autoren (für den Gegenwind), meiner Schwiegermutter (nicht nur für das Arbeitszimmer), meiner Schwester (dein Buch), meinen Eltern (euer Sohn), Amrum und Jenfeld (ohne Zuhause und Kulissen geht es nicht).

Ich entschuldige mich bei meinen Kindern.

Ich danke Dir, liebe Anni!

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