Mogel (2016)

by Nils Mohl on Juli 4, 2016

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Plötzlich mit Verkleidung durch die Welt stapfen
Nils Mohl im Gespräch mit Judith Heck

Februar 2016. Judith Heck macht ihr Referendariat an der Ludwig-Erhard-Schule, Neuwied. Die Fragen zum Roman MOGEL stellt sie für die Schülerzeitung „Lesson“, in deren 15. Ausgabe das Interview im Frühjehr 2017 dann schließlich erscheint.

 

 

Gibt es irgendetwas, das dich dazu inspiriert hat, „Mogel“ zu schreiben?

Zwei Dinge erinnere ich noch, die am Anfang besonders wichtig waren. Ich wollte gerne mal einen Roman über eine Freundschaft unter Jungs schreiben. Jungs haben ja diese eigenartige Art, Zuneigung auszudrücken. So ruppig und unbeholfen. Und zugleich ist diese Zuneigung oft sehr ehrlich. Deshalb habe ich in meiner Jugend den Film „Stand By Me“ wahrscheinlich auch wie blöd gemocht – und so etwas Ähnliches wollte ich immer gerne mal machen.

Außerdem war das Buch, das ich vor „Mogel“ geschrieben habe, sehr düster und lang. Ich hatte deshalb große Lust, mich an einem echten Komödienstoff zu probieren. Und da landet man dann schnell bei den Themen Verkleidung und Verwechslung, das sind ja Klassiker, praktisch seit Jahrhunderten.

Und eine lustige Bierpongpartie nach einer Lesung in Frankfurt war auch nicht ganz unwichtig. Überhaupt ist das immer der schönste Teil der Arbeit, der Anfang, wenn nach und nach alles Gestalt annimmt, wenn man die Einzelteile Stück für Stück zusammensucht und die Geschichte langsam wächst. Wie ein Puzzle.

 

Enthält die Geschichte auch persönliche Erfahrungen?

Ich behalte jetzt mal für mich, ob ich heimlich Netzstrumpfhosen trage und mich vor dem Ausgehen aufwendig schminke – aber natürlich kann keine Geschichte der Welt ohne persönliche Erfahrungen auskommen. Ich habe zum Beispiel auf einer Klassenreise wirklich mal erlebt, wie jemandem aus nächster Nähe mit einer Gaspistole ins Gesicht geschossen wurde. Ich saß hinter dem Schützen in einem Kanu. Keine tolle Situation.

Viel wichtiger als solche Erinnerungsschnipsel sind trotzdem ganz andere Dinge. Ein Roman verhandelt ja immer menschliche Konflikte. Und so verschieden Miguel und ich uns sind, ich kann seine Nöte, glaube ich, ganz gut nachempfinden. Und da spielt auch der Altersunterschied keine Rolle. Für mich als Schriftsteller war das in den letzten Jahren ganz eigenartig, nicht einfach nur als Romanschreiber, sondern vor allem als Jugendbuchautor wahrgenommen zu werden. Das kam mir ein wenig so vor, als würde man plötzlich mit einer Verkleidung durch die Welt stapfen.

 

In welcher Weise haben die Medien deine Erzählstruktur in „Mogel“ beeinflusst bzw. inwieweit beeinflussen sie deinen Stil generell?

Man merkt, denke ich, dass ich gerne Filme gucke. Auch Filme sind ja Erzählungen, man kann sich als Schriftsteller darum vom Kino eine Menge abschauen. Ich glaube tatsächlich, dass nirgends so professionell und gründlich über Geschichten nachgedacht wird wie in der Filmindustrie. Das hat vielleicht auch mit den sehr speziellen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums zu tun. Über Bilder das Innenleben einer Figur auszudrücken, das verlangt schon einiges Geschick.

Wie zeigt man ohne Worte, wie sich jemand fühlt? Klar, über die Kulisse, über die Ausstattung, über Farben, über Körpersprache. Und davon habe ich viel für mein Schreiben übernommen, weil sich der Leser auf die Art mehr beteiligen muss an der Geschichte. Ich stelle mir zum Beispiel bei der Planung eines Romans laufend Fragen wie: Welcher Teil der Geschichte muss in welcher Umgebung spielen? Drinnen oder draußen? Tag oder Nacht? In einem Fahrzeug oder unter freiem Himmel? Jede Entscheidung ändert etwas. Jede Entscheidung hat starken Einfluss auf die Wirkung. Das Gleiche gilt dann auch für die Montage. Wie werden die einzelnen Teile am Ende zum Ganzen arrangiert? Zeitsprünge. Rhythmus. Und so weiter. Daraus ergeben sich haufenweise Möglichkeiten, um Spannung zu erzeugen. Und darum geht es letztlich immer.

Der eigentliche Stil, die Sprache, in der erzählt wird, ergibt sich wiederum fast automatisch aus dem Zusammenspiel von Form und Inhalt, aus den Figuren und der Wahl der Perspektive. Das wiederum macht die Literatur so besonders: Das Kino im Kopf funktioniert nur über Worte. Und ein Ich-Erzähler wie in „Mogel“ ist eigentlich immer besonders dankbar, finde ich. Da geht es ja darum, wirklich in eine Rolle zu schlüpfen. Erst als Autor. Und dann als Leser. Diese intensive Art der Identifikation, das kann so schön nur die Literatur.

 

„Wie“ schreibst du deine Bücher? (Gibt es beispielsweise irgendwelche Rituale, die du befolgst? Brauchst du absolute Ruhe?)

Ruhe ist immer gut, weil Schreiben eine große Konzentrationsleistung bedeutet. Ich habe inzwischen eine umgebaute Garage, in der ich meistens arbeite. Mit großem Fenster, wo früher das Tor war. Wirklich toll, wirklich ruhig. Ein großer Teil von „Mogel“ ist aber gar nicht an meinem Arbeitsplatz, sondern in Litauen entstanden. Auf der Kurischen Nehrung, wo ich zu der Zeit für einige Wochen gelebt habe. Im Grunde ist der Ort fast egal. Weil beim Schreiben ist man die meiste Zeit ja sowieso wirklich woanders, im eigenen Kopf.

Man kann vielleicht auch deshalb über den Alltag des Schriftstellers kaum etwas Aufregendes berichten. Stuhl Tisch Rechner: Das war’s an nötiger Ausstattung. Und die meiste Zeit passiert fast gar nichts. Man tippt mal ein bisschen, dann wieder löscht man ganz viel Getipptes. Und ich lese mir beim Schreiben die entstandenen Passagen immer und immer wieder selbst laut vor. Bis ich das Gefühl habe, in meiner Birne läuft der Film so ab, wie ich mir das wünsche.

Was mir noch einfällt: Bei meinem letzten Roman habe ich mir vor dem Schreiben Bilder an die Wand gehängt. Von Personen, die mich an meine Figuren erinnern sollten. Von Schauplätzen, die ich als Modell vor Augen hatte. Diese Bilder kann man dann prima anstarren. Ich starre leider unheimlich viel: Das Aufschreiben der ersten Version ist für mich wirklich die grässlichste Phase der Arbeit.

 

Welche drei Tipps würdest du jemandem geben, der mit dem Gedanken spielt, Schriftsteller zu werden?

1. Lesen. Literatur vor allem. Und bei den Texten, die einem wirklich gefallen, sollte man genau hingucken, wie die gemacht sind. Sich also für das Geschichtenerzählen begeistern, für das Handwerk, und dabei einen eigenen Geschmack entwickeln.

2. Schreiben. Kling bescheuert, aber gerade mir fiel dieser Teil der Arbeit über Jahre besonders schwer. Man muss sich quälen können, sich hinsetzen und ausprobieren, am besten täglich. Sich gerne dabei an den eigenen Lieblingsschriftstellern orientieren. So fangen alle an.

3. Streiten. Man wird die Leute finden, die so ähnlich ticken, wie man selbst, und mit denen das geht. Die in einer ähnlichen Situation sind. Man kann mit denen auch über die ganzen unschönen Seiten des Berufs sprechen, über das Finanzielle und das Netzwerken und so weiter. Aber wenn man wirklich klug ist, spricht man mit den Mitstreitern so oft es geht über das Handwerk.

Ziemlich langweilige und ausgelutschte Tipps, vermutlich. Man könnte sie auch ersetzen durch: 1. Arbeiten, 2. Arbeiten, 3. Arbeiten. Oder man könnte empfehlen, eine Leidenschaft für das Geschäftliche zu entwickeln, weil ein Künstler auch immer Unternehmer sein muss. Aber der Punkt ist: Jemand, der es als Schriftsteller wirklich schaffen will, der wird es schaffen. Ganz ohne Tipps. Und allen anderen hilft sowieso kein Tipp der Welt weiter. Schreiben ist viel mehr eine Haltung als ein Beruf.

 

Ein Wort zu deinem neuen Buch.

Raumfahrt.

 

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