Fragebogen IV

by Nils Mohl on März 31, 2016

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Literarischer Fragebogen

Hausacher LeseLenz-Stipendien 2016

(Bewerbung)

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1. Welche literarische Figur hätten Sie gerne erfunden?

Robinson Crusoe.

 

2. Von welchem Kritiker würden Sie am liebsten verrissen werden?

Was hält die zarte Dichterseele aus? Mal abgesehen davon, dass anspruchsvolle Literaturkritik öffentlich ja mehr und mehr zur Berichterstattung über das Lektüreerlebnis mutiert, und sich mir deshalb auch kein Name aufdrängt, sind mir alle Verrisse willkommen. Sollen die Kannibalen sich ruhig auf einen stürzen. Richtig schlimm ist für einen Autor sowieso nur, gar nicht wahrgenommen zu werden.

(Vergessen auf der einsamen Insel.)

 

3. Welches Werk würden Sie als Ihre Schokoladenseite bezeichnen?

Abseits meiner Geschichten besitze ich noch so etwas wie die Autorschaft an einem Fahrradschuppen. Ein Bausatz, der erstaunlich windschief Gestalt angenommen hat. Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass dieses Werkstück in keinem Nachruf gewürdigt werden wird. Was den Rest angeht, bin ich überfragt.

 

4. Empfinden Sie Zufriedenheit als etwas Verstörendes?

Protestantische Herkunft. Was will man machen? Kein klares Nein.

 

5. Wann ist Ihnen die Nacht am sympathischsten?

Ein Erlebnis aus dem letzten August fällt mir da ein – als ein elfjähriger Junge seine erste Nacht unter freiem Himmel neben mir verbrachte. In den Dünen eines kleinen Eilands. Das Rascheln der Schlafsäcke. Das Rauschen des Meeres in der Ferne. Über uns Sternschnuppenschauer. Dann der regelmäßiger Atem meines Begleiters. Und am Ende, nach ein paar Stunden, beim Aufwachen die ersten Farbstreifen am Horizont. Im Rückblick denke ich, wie wirklich extrem sympathisch das war: Diese höflichen Gesten der Nacht, dem Licht eine derartige Bühne zu bieten.

(Defoe’sche Momente I: Die Begegnung mit dem Elementaren.)

 

6. Wo lesen Sie am liebsten?

Wo man mich entscheiden lässt, wann Schluss ist.

(Hängematte optional, aber liegende Position bevorzugt.)

 

7. Welche Sprache regt Ihre Phantasie an?

Abdriften kann ich phänomenal, wenn die Sprache spröde ist wie Kokosnusshaar. Das ist mir wiederholt aufgefallen. Auch ausgelutschte Verwicklungen in Erzählungen sind ein fantastischer Aufmerksamkeitsdefizitbeschleuniger.

 

8. Welchem Buchstaben können Sie nicht verzeihen und warum?

Konsonanten würde ich an dieser Stelle gerne in Schutz nehmen wollen. Allein kriegen die ja nichts so richtig hin.

 

9. Welche Landschaft inspiriert Sie am meisten?

Vor zwei Jahren war ich noch der Meinung, meine innere. Und immerhin: Sie ist seither noch um einige erstaunliche Höhen und Tiefen gewachsen.

(Defoe’sche Momente II: Der stete Ausbau der scheinbar begrenzten Welt.)

 

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10. Welche Farbe würden Sie gerne mit Rot mischen und weshalb?

Ich habe schon einmal versucht, die Frage originell zu beantworten – und kam nicht weit. Dabei scheint mir Durchmischung in vielen Lebensbereichen nur hilfreich. Ich mag auch Rot. Vielleicht brauche ich irgendwann noch einen weiteren Anlauf?

 

11. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu „Grünem Tee“ definieren?

Als ungebrochen gut, obwohl es mit der Zeit ja auch immer etwas abkühlt.

 

12. Welches geliehene Buch haben Sie nicht zurückgegeben?

Ich mache das als Autor schamloserweise so: Ich berge und borge Nützliches aus dem Rumpf fremder Bücher, ohne dass die Besitzer es merken. Und deshalb können sie es anschließend auch gerne wiederbekommen.

(Von Robinson lernen heißt auch Ausschlachten lernen.)

 

13. Wo haben Sie das Gefühl, völlig fehl am Platz zu sein?

In Menschenmengen.

 

14. Wie würden Sie Ihre Katze nennen?

Im letzten Roman blieb sie namenlos.

(Freitag ist natürlich ein Name, der mir für einen Kater sehr gefiele.)

 

15. Wann begegnen Sie der Zeit am intensivsten?

Eine launige Antwort wäre vielleicht, wenn meine Lektorin mich auf Erscheinungstermine aufmerksam macht.

 

16. Was haben Sie noch nie verstanden?

Hundehaltung in Großstädten, Rosenkohlgerichte und Kautabak stehen ganz weit oben auf der Liste. Und dann beschäftigt mich auch schon lange, warum Robinson Crusoes Rettung in meinen Augen schon immer der enttäuschendste Teil der Geschichte war.

 

17. Ist Zufall etwas Tröstliches oder eine Frage der Aufmerksamkeit?

Vielleicht ist Trost eine Aufmerksamkeit, die einem ungefragt zufällt? Damit wäre der Zufall zumindest aus der Antwort getilgt – und schon eine Menge erreicht.

 

18. Welchen Gegenstand müssen Sie anfassen, wenn Sie ihn sehen?

Strandgut aller Art ist immer extrem verführerisch. Außerdem spült die Frage gerade ein Gedichtfragment in mein Bewusstsein: „Einen Löffel bei Hunger, die Flasche Wein im Kummer. / Hat man’s in der Hand?“

(Aus: „Ergriffen. Merksätze und -würdigkeiten“, Russel O’Connor, 1971.)

 

19. Was haben Sie von Ihren Händen gelernt?

Seit der Jugend aktiver Handballer. Ein Sport mit hohem Risiko, sich die Finger zu stauchen – und da lernt man fix, wie verletzlich schon kleine Kollektive sind.

 

20. Wem außer sich selbst würden Sie gerne dieses Stipendium geben?

Vielleicht sollte ich das vor Ort entscheiden?

 

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Jenfeld, April 2016

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