Porträt (April 2005)

by Nils Mohl on April 4, 2005

Jungliterat zwischen Schreiben und Maloche

von Birgit Reuther, Hamburger Abendblatt – 11.04.2005

 

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„Die Handlung hätte ich auch auf 400 Seiten auswalzen können. Aber es reicht so.“ Der Hamburger Nils Mohl redet über seine Erzählung „Birth. School. Work. Death.“, die er heute im Literaturhaus lesen wird. Ein Abend, der Jugendliche unter dem Motto „Schüler treffen Autoren“ begeistern soll, über Literatur zu diskutieren. Doch auch Erwachsene sind beim „sta*-club“ willkommen, junge Talente zu entdecken. Zum Beispiel Mohls pointierte Prosa, deren Skurrilität und schnelle Schnitte an Filme wie „Short Cuts“ oder „Pulp Fiction“ erinnert. Episoden einer Nacht in der deutschen Provinz stürzen einem Fiasko entgegen – von frühreifen Teenies über einen desillusionierten Sportartikelvertreter bis zum Bauern, der an Außerirdische glaubt.

Die Kurzgeschichte wurde bereits im Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim analysiert. Aus diesem universitären Umfeld stammt auch „Bella triste“, ein Zeitschriften- und Literaturprojekt, das zur heutigen Lesung eingeladen wurde. Neben Mohl werden die in Hildesheim studierende Dorle Trachternach und der Schweizer Slam-Poet Christian Uetz lesen. Zudem reichern DJ Kessler und Videokünstler Jay-Nosh den Abend visuell und akustisch an.

Klingt nach Inszenierungen à la Benjamin von Stuckrad-Barre. Doch wenn Mohl, Jahrgang 1971, von Vita und Wirken erzählt, klingt er realistisch, bescheiden. Nicht wie einer der großkotzigen Popliteraten, bei denen Show mindestens so zum Berufsbild zählt wie die Texte.

„Ernsthaft angegangen“ sei er sein Schreiben erst mit Ende 20, sagt Mohl. Trotz Teilnahmen am Literarischen Colloquium Berlin und dem Klagenfurter Literaturkurs ist der Autor kein Stipendienreiter. Um sich und seine Familie zu ernähren, malocht der junge Vater in einem Lager. „Das ist nicht so witzig“, sagt Mohl. „Aber es ist wohl unumgänglich, diese Brüche im Lebenslauf zu haben, um daraus Funken zu schlagen.“

Sein kreatives Schaffen finanzierte der studierte Literaturwissenschaftler auch schon als Bauhelfer, Stemmbaggerfahrer – und zwei Jahre als Kassierer. Ein Job, der ihm Material für seinen fertigen, aber noch nicht publizierten Roman „Kasse 53“ lieferte: Beobachtungen, die die Banalität der Konsumwelt thematisieren – etwa, daß mittwochnachmittags verstärkt alte Menschen ins Kaufhaus gehen. „Weil dann die Ärzte geschlossen haben“, erklärt Mohl.

Ob Theaterstück, Kurzfilm, Lyrik oder Prosa – in seinen Werken strebt Mohl stets an, die Perspektive im Vergleich zur alltäglichen Wahrnehmung so zu verschieben, daß der Leser stolpert, näher hingucken muß.

Ähnlich wie auf seiner Website, wo der Jungliterat seine Karriere selbstironisch in Google-Treffern bilanziert: Gerade steht er bei 162, Günter Grass im Vergleich bei 229 000.

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