Porträt (April 2008)

by Nils Mohl on April 7, 2008

Der Wahnsinn Kasse hat sich in das Leben verlängert

von Katharina Bendixen, jetzt.de – 7.04.2008

Nils Mohl ist kein junger Debütant, nicht mal ein richtiger: Vor seinem Roman „Kasse 53“, der von einem Kaufhauskassierer handelt, hat er schon ein Sachbuch über den Beruf des Schriftstellers veröffentlicht. jetzt.de stellt ihn trotzdem vor: Denn Mohls Roman ist spannend, und er kennt sich im Literaturbetrieb bestens aus. Ein Porträt über den Hamburger Autor.

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Die erste Begegnung mit Nils Mohl erfolgt im Netz. Auf nilsmohl.de sieht man einen jungen, dunkelhaarigen Mann, der sein Leben zur Schau stellt, als wollte er sofort der beste Freund jedes Internetsurfers werden, und der manchmal in die Kamera schaut wie ein Model. Überraschend dann das Treffen mit dem Schriftsteller: Überlegt und vollkommen uneitel gibt er seine Antworten. Zum Beispiel auf die Frage, ob eine solche Homepage zum Jungautorendasein dazugehört. „Ich habe lange mit mir gerungen“, sagt Mohl, „ob das für mich überhaupt vertretbar ist, ob ich mit dieser Form der Selbstdarstellung leben kann.“

Nils Mohl, 1971 geboren, hat Literaturwissenschaft und Kulturmanagement studiert, typische Studienfächer für einen angehenden Autor. Mittlerweile lebt er als Werbetexter in Hamburg und hat soeben ein ungewöhnliches Buch veröffentlicht: Kasse 53, das eigentlich kein Roman ist, wie es auf dem Umschlag steht, sondern eine Art Mosaik über den Alltag eines Kaufhauskassierers. Es gibt keinen Plot, keinen Konflikt, keine Figurenentwicklung, und doch ist „Kasse 53“ ein spannendes Buch – nicht nur für Leser, die schon einmal hinter einer Ladentheke gestanden haben.

Es ist kein Zufall, dass sich auch unter Mohls zahlreichen Berufstätigkeiten neben Stemmbaggerfahrer oder Bauhelfer auch Kaufhauskassierer findet: Von 1998 bis 2000 hat er im Elektronikkaufhaus Brinkmann in Hamburg gearbeitet. „Ich habe damals Freunden Anekdoten von der Arbeit erzählt und dabei schnell gemerkt, dass in diesem Job mehr steckt als nur Lohnarbeit“, berichtet Mohl, schränkt aber ein: „Diese Anekdoten waren zwar lustig, ergaben aber keinen ganzen Roman.“ Wie einen Stein, den man bearbeitet, bis man endlich herausfindet, was wirklich in ihm steckt, hat Mohl an seinem Thema gehämmert und gefeilt. Nach und nach entstand so die starke Struktur des Romans, der aus kurzen Anekdoten an der Kasse, lexikonartigen Einträgen zu den alltäglichen Gegenständen in der Welt eines Kassierers wie ec-Karten oder Ennui und erzählerischen Passagen über den Alltag des Kassierers besteht. „Autobiografisch ist das Buch aber nicht“, sagt Mohl, „denn mein Kaufhauskassierer geht in seiner Arbeit vollkommen auf, während ich dem ganzen nicht so viel abgewinnen konnte.“ Acht Jahre hat es vom ersten Satz des Romans bis zum fertigen Buch gedauert, davon hat Mohl vier bis fünf Jahre kontinuierlich an dem Text gearbeitet. „Der Wahnsinn Kasse hat sich in das Leben verlängert“, sagt Mohl und lacht.

Acht Jahre sind eine lange Zeit: Nils Mohl hat eine ungewöhnliche Jungautorenkarriere hinter sich. Obwohl er fast ausnahmslos alle Hürden, die man als junger Autor auf dem Weg zu einem eigenen Buch überwindet, im Laufe der Jahre erfolgreich gemeistert hat – er hat zweimal beim Open Mike gelesen und war zweimal Preisträger beim mdr-Literaturwettbewerb, er hat an der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teilgenommen und war Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses –, hat der Verlagsvertrag doch lange auf sich warten lassen. „Ein großes Rätsel der Menschheit“, sagt Mohl lakonisch und fügt hinzu: „Man muss sich in die Logik der Verlage hineindenken: Mein Roman hat keine Handlung, und er behandelt ein schwieriges, absurdes Thema.“ Stellt sich da mit der Zeit nicht ein Die-Welt-ist-eben-noch-nicht-reif-für-meine-Texte-Gefühl ein? Mohl nickt. „Selbstverständlich“, sagt er, „Absagen werden irgendwann zu Qualitätsurteilen.“

Aber Mohl hat Geduld bewiesen. Und genauso geduldig, wie er es während der Arbeit am Roman und der Verlagssuche war, ist er nun dem fertigen Buch gegenüber. Weil es in einem kleinen Verlag erschienen ist, liegt es in den Buchhandlungen natürlich nicht im Stapel aus, in vielen Buchhandlungen steht es nicht einmal im Regal. „Aber es ist in der Welt, und das zählt“, findet Mohl, der sich der Vorteile eines Kleinverlags bewusst ist: „Kleinverlage denken in ganz anderen Zeiträumen, deswegen halten sie ihre Bücher viel länger lieferbar als große Verlage. Die Bücher haben mehr Zeit, ihren Weg zu den Lesern zu finden.“ Natürlich sind in Kleinverlagen jedoch die Auflagen geringer, die Vorschüsse niedriger. Aber Mohl schätzt auch die Vorteile, die sein Brotjob als Werbetexter ihm bietet: „Ich kann das schreiben, was ich wirklich will, und komme nicht in Versuchung, einen Markt zu bedienen, weil ich eine bestimmte Verkaufsquote erfüllen muss.“

Mit Verkaufsquoten und Kleinverlagen kennt Mohl sich aus, denn „Kasse 53“ ist nur sein literarisches Debüt.

Bereits 2006 hat Mohl sein erstes Werk namens „High & Low Level Litbizz“ veröffentlicht, ein Buch über den Beruf des Schriftstellers – neben dem ungewöhnlichen Roman und dem ungewöhnlich langen Weg zu einem eigenen Buch noch ein ungewöhnlicher Moment in Mohls Lebenslauf. In „High & Low Level Litbizz“ vertritt Mohl die These, dass auf dem Literaturmarkt ein Wertewandel stattfindet. „Immer mehr Leute finden den Beruf des Schriftstellers attraktiv, aber nicht etwa, weil sie Literatur produzieren wollen, sondern weil sie die glamouröse Seite des Ganzen sehen“, sagt Mohl. Die Buchhandlungen sind voller Bücher von Möchtegernautoren, die vor allem darüber nachdenken, was auf dem Markt am besten funktioniert. Längst reicht es da als literarischer Autor nicht mehr aus, nur gute Texte zu schreiben. Man muss auch Darsteller und Selbstvermarkter sein.

Ist Mohl ein guter Selbstvermarkter? Eine entsprechende Homepage hat er ja schon. „Meine Aktienwerte sind zwar nicht besonders hoch“, lacht Mohl, „aber immerhin ist meine Aktie am Markt. Also: jetzt kaufen!“ Und vor allem: dabei den Kassiervorgang gut beobachten. Und dann im Buch nachlesen, ob man ihn wiederfindet.

 

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