Porträt (März 2014)

by Nils Mohl on Februar 28, 2014

__

Vom Glück, ein Jenfeler zu sein

von Thomas Andre, Hamburger Abendblatt – 09.03.2014

Mit der Kirche verbindet der Schriftsteller Nils Mohl vor allem schöne Jugenderinnerungen. Die hat der Hamburger in seinen Büchern verarbeitet und so dem sozial schwierigen Stadtteil ein Denkmal gesetzt.

HAB_Die Woche 15x10

„Mit Gott groß werden“ steht an der Wand in der Jenfelder Kirche „Der gute Hirte“. Die weißen Plakate mit den Fußabdrücken darunter haben eine mehrdeutige Botschaft: Man wächst mit Gott, soll das heißen. Und man ist beweglich wie er.

Nils Mohl ist hier, in diesem modernen Gotteshaus, konfirmiert worden. Er stammt aus Jenfeld, ging zum Studieren nach Berlin, Kiel, Tübingen und Weimar – und kehrte danach nach Jenfeld zurück. In einen Stadtteil, der als sozial schwierig gilt: In den Plattenbauten, Anfang der 70er-Jahre hochgezogen, fand auch die Familie Mohl einst ein Zuhause. „Gleiwitzer Bogen, ein Eckblock, Plattenbau, Wohnung dritter Stock rechts“, sagt Mohl. Da ist er aufgewachsen. Die Siedlung ist so alt wie der Schriftsteller selbst – Nils Mohl kam 1971 auf die Welt. Er setzt seiner Heimat derzeit literarisch ein Denkmal, gerade ist der zweite Teil einer als Trilogie angelegten Jugendgeschichte erschienen: „Stadtrandritter“. Für den ersten Teil „Es war einmal Indianerland“ bekam er 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Für Nils Mohl ist Jenfeld in literarischer Hinsicht vor allem ein Modell. „Leser lieben es, an exotische Orte entführt zu werden – Jenfeld ist so einer, genauer: der Stadtrand“, sagt er. Der viele Beton habe einerseits etwas Bedrohliches, vor dem die Menschen klein wirkten. „Aber für mich haben diese Plattenbauten auch etwas Beruhigendes. Schützendes. Solides. Und auf eine ungewöhnliche Art, das gebe ich zu, finde ich die Architektur wirklich schön“, erklärt Mohl, der die „klaren Linien“ der Gebäude mag.

Seine Eltern sind im „neuen“ Teil Jenfelds geblieben. Nils Mohl selbst lebt mittlerweile mit seiner Familie im ursprünglichen Jenfeld, in Nachbarschaft zur Kirche der Gemeinde „Der gute Hirte“, der Mohl angehört. Eine Stelle in „Stadtrandritter“ spielt in dieser Kirche. „Zum Schreiben gehört das Festhaltenwollen. Man kapiert als Heranwachsender natürlich, dass die Privilegierten eher nicht aus Jenfeld kommen. Dass die großen Träume hier eher schwer zu erfüllen sein werden. Aber heute sieht es so aus, jedenfalls für mich, als wenn es ein großes Glück gewesen ist, dass ich genau in Jenfeld groß geworden bin. Keiner sonst kann die Geschichten erzählen, die ich erzähle“, sagt Mohl.

Apropos Erzählen – als Buch der Bücher gilt für ihn die Bibel. In ihr stehen die Urversionen aller Geschichten, die für einen wie Mohl also allein schon aus beruflicher Hinsicht wichtig sind. Und weil Mohl als studierter Literaturwissenschaftler auch ein buchgeschichtliches Interesse an der Bibel hat, steht sie in seinem Arbeitszimmer gleich in mehrfacher Ausführung: Kinderbibel, diverse Lutherbibeln, eine neusprachige Ausgabe. „Auf dem Nachttisch liegt seit einiger Zeit eine Elberfelder Bibel, Taschenbuch, blau“, erklärt Mohl. Er sei nicht unbedingt tiefgläubig, „aber eine Rolle spielt Religion schon in meinem Leben“.

In der Schule begann er einst, sich mit Camus und dem Existenzialismus zu beschäftigen, mit dem Absurden des menschlichen Daseins und der kompletten Sinnlosigkeit, „das war schwer auszuhalten“. Glauben bedeutet dagegen: einen Sinn zu finden. Weshalb es für das Seelenheil des Schülers Mohl dann tatsächlich wichtig war, dass neben Camus der Konfirmandenunterricht trat. Dort ging es nicht um Bibel-Exegese, erzählt Mohl, sondern um Toleranz, nicht nur gegenüber anderen Religionen.

Die älteste Erinnerung, die sich für ihn mit dem Religiösen verbindet, ist die Beerdigung seines Großvaters. Wenn jemand stirbt, war das dann alles? Guckt Opa jetzt von oben zu, ist er im Himmel? Das seien die Fragen gewesen, die sich ihm damals als Kind gestellt hätten. Als Protestant, erklärt Mohl, bleibe ihm aber bis heute ein Restzweifel, ob es ein Jenseits gibt. „Eine letztgültige Antwort gibt es nicht, und ich beneide beispielsweise die Katholiken um ihre Klarheit in manchen Dingen – dort gibt es etwa die Beichte, bei der man seine Sünden loswird“.

Insgesamt, sagt Mohl, sei es unglaublich, wie sehr sich die westliche Kultur auf das Christentum beziehe, „auf Werte wie Barmherzigkeit und Mitgefühl, das haut mich immer wieder um“. Seine drei Kinder – ein Junge, zwei Mädchen, zehn, acht, fünf Jahre alt – sind getauft („ganz klassisch im Windelalter zur Osterzeit“), und konfirmiert werden sollen sie eigentlich auch. Wenn sie denn wollen. Mohl: „Ich wäre dafür. Wir hatten Blockunterricht am Wochenende und machten Ausflüge. Tolle Wochenenden, überhaupt tolle Zeit. Man traf Menschen, die man am Gymnasium nicht traf. Außerdem: Das Einüben von altmodischen kirchlichen Ritualen ist manchmal im Leben sehr hilfreich. Vielleicht auch nur gedanklich. Man ist und bleibt gewissermaßen in einer sehr großen Gemeinschaft zumindest locker verankert.“

Von seinen Eltern wurde er selbst nie gezwungen, religiöse Empfindungen zu entwickeln. Dabei war denen das Obdach des Glaubens wichtig. Um kirchlich heiraten zu können, ließ sich Mohls Vater im Erwachsenenalter taufen und konfirmieren. Beide gehören zur Generation der im Krieg Geborenen. Seine Mutter als Flüchtlingskind und sein Vater als Kind einer Arbeiterfamilie aus Billstedt hätten nie die Chance gehabt, sich beruflich zu verwirklichen, berichtet Mohl. „Meine Mutter hätte gerne in der Textilbranche gearbeitet und wurde Sekretärin, mein Vater wollte Grundschullehrer werden, musste aber eine kaufmännische Ausbildung absolvieren.“ Er ging später zur Abendschule und stieg zum Abteilungsleiter in der Klimatechnikbranche auf. Man merkt, dass Mohl stolz ist auf das, was seine Eltern trotz widriger Umstände erreicht haben

Bevor er die Kirche verlässt, fällt sein Blick noch auf die Passionsgeschichte, die hinter dem Altar in abstrakten Bildern zu sehen ist. Er mag diese Art von religiöser Kunst. Früher, in den Urlauben und auf den Ausflügen mit seinen Eltern, stattete die Familie den altehrwürdigen Gotteshäusern immer einen Besuch ab. Aber irgendwann machte der junge Nils seinen Eltern erfolgreich klar, dass ihm der ans Kreuz geschlagene Jesus zu brutal sei.

Das war natürlich eine Ausrede. Immer nur Kirchen anschauen, das war einfach zu langweilig.

 

__

<< Interviews & Porträts