Schullesungen (2014)

by Nils Mohl on Februar 15, 2014

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Von 30 Herzen gewinnt man maximal zwei bis drei

(Fragen: Christine Knödler, Februar 2014*)

 

 

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Wie viele Lesungen hast du durchschnittlich pro Jahr?

Zwischen 15 und 25 derzeit. Gut die Hälfte im schulischen Kontext.

 

Welchen Teil deines Einkommens (natürlich nur in Annäherung!) machen Schullesungen aus?

Keinen wirklich relevanten derzeit.

 

An welchen Schulen (Schultypen: Grund-, Haupt-, Realschule, Gymnasium) liest du vor allem?

Vor allem an Gymnasien. Und Berufsschulen.

 

Welche Klassenstufen sind vor allem vertreten?

Ab Klasse 8 aufwärts alles.

 

140915 Kurt-Körber-Gymnasium

 

Wie gut sind die Schülerinnen und Schüler (SuS) auf Autorenlesungen vorbereitet?

Es gibt zwei Arten von Lesungen. Einmal die, zu denen man kommt, weil ein Text im Unterricht behandelt wurde. In diesem Fall sind die SuS oft sehr gut vorbereitet und meist unheimlich rührig. Und im anderen Fall hat man den Eindruck, der Lehrer freut sich auf zwei Freistunden. Da wissen die Schüler dann nichts über Autor und Text. Es sei denn, der Lehrer verliest zur Begrüßung noch schnell eine haarsträubende Zusammenfassung des Wikipedia-Eintrags: „Wir freuen uns, dass Herr Mohr gekommen ist – was er liest, äh … verrät er uns am besten gleich selbst.“

 

Welches Interesse, welche Aufmerksamkeit kannst du voraussetzen – bei SuS wie bei Lehrerinnen und Leherern? Fallen dir Unterschiede an den verschiedenen „Schultypen“ auf?

Jede Schule ist anders. Das hat nichts mit dem Schultyp zu tun, scheint mir. Sondern ausschließlich mit den Bedingungen vor Ort. Bescheid weiß man meist nach fünf Minuten . Wenn im Lehrerzimmer alles authistisch aneinander vorbeistarren und der Referendar zur Begrüßung verlegen erklärt, tja, also, er sei ja auch bald wieder an einer anderen Schule und habe gerade auch keine Ahnung, wie viele Klassen gleich kommen werden, dann darf man nicht zu viel erwarten.

Umgekehrt gibt es dann wieder den Fall, dass selbst der Bibliothekar alle Schüler, die zur Lesung kommen, namentlich kennt und grüßt, der Direktor sich persönlich die Ehre gibt und man kaum auf die Bühne kommt, weil man es vorher einfach nicht über Herz gebracht hat, der mütterlichen Schulsekretärin wegen der Schnittchen und des selbstgebackenen Kuchens vor den Kopf zu stoßen.

Was aber auffällt: Höflich sind die SuS wirklich fast überall. Und fast immer auch erschreckend diszipliniert. Aber wenn das Klima an der Schule eines ist, das besonders auf Seiten der Erwachsenen von Herzlichkeit oder zumindest einem kollegialen Miteinander geprägt ist, dann färbt das natürlich auch spürar auf die Kinder und Jugendlichen ab. Wen wundert es?

 

141205 Bergedorf

 

Für welche SuS sind solche Lesungen deines Erachtens nach besonders wichtig?

Für die, die lesen und sich etwas aus Literatur machen. Weil es eine Bestätigung für sie ist. Die anderen sind froh, wenn sie dann auf dem Pausenhof wieder gegen die Milchtüte treten dürfen. Und das finde ich auch in Ordnung. Es gibt mehr Wege zum Glück als Bücher und das Lesen, höchstwahrscheinlich auch geradere.

 

Hast du den Eindruck, dass Lesungen, also: Begegnungen mit Autor/ innen, Leserbiografien der SuS beeinflussen, also generell Interesse an und Neugierde fürs Lesen wecken bzw. verstärken, womöglich Nicht-Leser zu Lesern machen und Viel-Leser zu Noch-mehr- Lesern?

Man lebt, man hofft. Hin und wieder gibt es nach einer Veranstaltung eine Dankeschön-Mail, die den Anschein erweckt, es hat tatsächlich Einzelne wirklich berührt. Aber man darf auch nicht vergessen: Unterrichtsstoff kann notenrelevant werden. Klausuren. Referate. Und sowieso weiß man selbst noch von früher: Schullektüre gewinnt von dreißig Herzen maximal zwei bis drei.

 

Erachtest du Lesungen an Schulen für wichtig, sehr wichtig oder eher unwichtig?

Für wen genau? Für Autoren sind das Feuerproben, weil das „Publikum“ ja maximal halbfreiwillig kommt. Es ist aber immer Publikum da. Und bezahlt wird auch. Und doch bleibt es am Ende immer: Schule. Am tollsten ist es deshalb, wenn Schulklassen Literatur-Veranstaltungen woanders besuchen. In einem Literaturhaus, einer Bibliothek, bei einem Festival oder einem anderen Ort außerhalb des Klassenzimmers oder der Aula. Für die Eindrücklichkeit. Für das Erlebnis. Für das Verhalten aller.

Pauschal kann man sicher nicht sagen, dass Lesungen für SuS wichtig sind. Ich weiß auch zum Beispiel nicht, ob alle AuA diesem Veranstaltungstyp gewachsen sind. Man nimmt der Literatur im schlimmsten Fall ja womöglich sogar ein bisschen was von ihrer Aura, wenn sich dort an der Schule vielleicht ein vermeintlicher Botschafter des Guten Wahren Schönen als stotternder Langeweiler entpuppt.

 

150423 Reinfeld

 

Hältst du es für möglich, dass Schullesungen dazu beitragen, SuS zum selbstständigen, kritischen Lesen zu ermutigen?

Wichtig ist dafür sicherlich die Qualität der Gespräche nach den Lesungen und die Aufarbeitung des Erlebnisses, wenn der Autor wieder weg ist. Darum: Je besser so etwas im Unterricht vor- und nachbereitet wird, desto höher der Nutzen. Ein schwieriges Wort im Zusammenhang mit ästhetischer Bildung natürlich.

Es ist auf jeden Fall immer putzig, wenn SuS den Autor gern als Schiedsrichter hätten, um strittige Fragen zum Text zu klären. Genau an der Stelle ist natürlich sehr viel möglich. Man kann dann ja auch mal darüber sprechen, wie interessant es wirklich ist, was sich ein Autor dabei so gedacht hat. Und welche Leistungen genau Leser bei der Lektüre erbringen müssen. Und so weiter …

 

Was war bzw. ist deine eigene intensivste Erinnerung an eine Schullesung – aus deiner eigenen Schulzeit und heute, aus Autor/innen- Sicht?

Wir lasen früher tote Autoren. Zu meiner Zeit gab es für uns Schüler keine Lesungen. Und als Autor habe ich immer die letzte Lesung besonders intensiv in Erinnerung. Eine ältere Anekdote hier jetzt trotzdem. Ein musisches Gymnasium im Süden. Oberstufe. Vorab hatte man von Lehrerseite darum gebeten, dass der Autor bestimmte Stellen nicht lesen möge, um die Gefühle der SuS nicht zu verletzen. Keine Gewalt bitte. Nichts Explizites.

Gelesen habe ich dann in einem Raum, in dem es eine Menge Stuck und eine waschechte Pfeifenorgel gab. Hinten zwei Vertreter des Lehrkörpers vertieft in ihre Smartphones. Davor zwei eher unruhige Klassen. Die erste Frage, die dann von einem der prototypischen Klassenclowns aus dem Plenum kam: „Was genau sind chinesische Lustkugeln?“ Und man sah dem Gesicht des Fragers genau an, dass er sehr wohl wusste, was man mit Lustkugeln so veranstaltet. Das Gesicht der plötzlich doch wieder aufmerksamen Pädagogen in der letzten Reihe gefiel mir auch. Ich glaube, ich hatte eine gute Textstelle gewählt.

 

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* Das Interview diente zur Vorbereitung eines Vortrags für den BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnen-Verband) zur Bedeutung von Autorenlesungen an Schulen.

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