Stadtrandritter (2013)

by Nils Mohl on Oktober 6, 2013

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Die Frage nach dem Warum ist nicht zu beantworten

Nils Mohl über Stadtrandritter

 

Oktober 2013. Am ersten Publikumstag der Frankfurter Buchmesse sprach Nils Mohl am 3sat-Stand mit Michael Schmitt über seinen soeben erschienenen Roman. Das folgende Interview basiert auf diesem Gespräch, weicht zum besseren Verständnis in der Struktur hier und da aber davon ab und wurde aus Gründen der Klarheit inhaltlich ergänzt.

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Der Roman ist unterteilt in neun Âventiuren. Wir reden aber nicht über das Mittelalter, sondern über Helden der Neuzeit. Über deren Zweifel, Identitätskrisen, über deren Ehrbegriffe. Wir reden über Hochhäuser, in denen sozial schwache Familien oder Restfamilien, teilweise mit Migrationshintergrund, leben. Wir reden über ein Viertel am Stadtrand, wo es auch Einzelhäuser gibt, in denen Familien der Mittelschicht wohnen. Wir reden über viele junge Leute, die in diesen verschiedenen Milieus zuhause sind, über eine Kirchengemeinde und über Kleinkriminelle, die in diesem Ort auch eine Rolle spielen.

Es ist kein historischer Stoff. Stimmt. Und trotzdem gibt es Verbindungen zum Mittelalter. Es ist deshalb zum Beispiel auch ein Herbstbuch. In meiner Vorstellung hat es im Mittelalter andauernd geregnet. Es konnte also nur ein Herbstbuch werden.

 

Es gibt viele Personen in diesem Buch, aber zwei stehen im Mittelpunkt. Silvester Lanzen, 18 Jahre alt, ein junger Mann. Merle von Aue, 17 Jahre alt. Um diese beiden rankt sich eigentlich alles. Wer sind die?
Ich muss vorab sagen: Ich bin ja auch hier, um zu lernen, was es nun mit meinem Buch genau auf sich hat. Letzten Monat habe ich noch die letzten Korrekturen eingearbeitet. Und jetzt beginnt dieser komische Prozess des Perspektivwechsels vom Autor zum Leser. Denn wenn man schreibt, hat man die ganze Zeit etwas vor Augen, eine Vorstellung davon, wie sich das Puzzle zusammensetzen soll. Und hinterher sitzt man da und staunt selbst über das fertige Bild. Dieses Erlebnis ist für mich noch sehr frisch.

Was ich sagen kann: Die beiden Figuren, Silvester und Merle, kennen sich schon lange. Sie sind zusammen konfirmiert worden, treffen sich jetzt in der Kirchengemeinde als Jugendgruppenleiter wieder, unterscheiden sich aber von ihrer Herkunft. Obwohl sie aus demselben Stadtteil kommen. Tatsächlich fühlen sich die Zwei stark zueinander hingezogen. Sie sind verliebt. Aber sie kommen doch nicht recht zusammen.

Darum geht es. Merle lebt in einer intakten Familie und finanziell gesicherten Verhältnissen. Zuletzt hat sie ein Jahr im Ausland verbracht. Silvester ist in einer Plattenbausiedlung groß geworden. Sein Vater hat Frau und Kinder vor langer Zeit sitzen lassen. Und dann verliert Silvester auch noch früh seine große Schwester Kitty. Ein Ereignis, das den Roman nicht unwesentlich anschiebt. Denn nicht zuletzt dieser Verlust lenkt Silvester zu Merle hin.

 

Dieser Tod der Schwester unter etwas undurchsichtigen Umständen ist in der Tat wesentlich für die Handlung. Eine Handlung, die teilweise schon Züge einer Abenteuergeschichte, Züge eines Krimis auch hat. Silvester fällt die Rolle eines Ermittlers zu. Er steckt in einem Loch, das durch den Tod aufgerissen ist. Dem zu entfliehen, das treibt ihn durchs Buch. Was bedeutet für Silvester der Verlust?

Stadtrandritter ist ein Roman über das Erwachsenwerden. Und was mir auch selbst während des Schreibens klar geworden ist: Ein besonderes Ereignis beim Erwachsenwerden ist der erste Tod. Wenn man den ersten Verlust erlebt. Das muss nicht zwangsläufig in der Jugendzeit passieren. Das kann, wenn man Glück hat, erst viel später sein. Aber in diesem Fall kommt es eben früh und sehr überraschend.

Und die Frage, die Silvester sich selbst stellt, ist natürlich die, die auf der Hand liegt, die nach dem Warum. Und die Frage nach dem Warum ist nicht zu beantworten. Trotzdem bohrt er in sich selbst nach und grübelt, was ihn in ganz verschiedene Richtungen führt. Er sucht auch nach Ersatz, was ihm vielleicht gar nicht so bewusst ist. Und plötzlich ist da Merle. Die wiederum kann diesen Wunsch nicht befriedigen und will es auch nicht. So setzt dann eine sehr unglückliche Liebesgeschichte ein, die vielleicht schon unter den falschen Vorzeichen beginnt.

 

Über die lohnt es sich, genauer zu reden. Es gibt nämlich zwei Frauen im Leben von Silvester, wie schon erwähnt, zwei junge Frauen. Merle. Und Domino. Die ist so um die 20 Jahre alt. Sie ist berufstätig, nicht mehr Schülerin, mit der ist Silvester zusammen – er will sich aber offenbar von ihr lösen. Sie ist die ältere, die erfahrenere. Und Merle von Aue – was ist sie? Ist sie das Ritterfräulein am Horizont eines Ritters, der gleichzeitig Kreuzzüge führt wegen des Tods seiner Schwester?

Ja. Die alten Ritterepen spielen auf verschiedenen Ebenen schon hinein in die Geschichte. Ich habe mich am Anfang mit meinem Klemmbrett hingesetzt und mir überlegt, was da denn so alles von meinem Studium, zu dem auch diverse Kurse Mittelhochdeutsch mit einschlägiger Lektüre gehörten, noch hängengeblieben ist.

In gewisser Weise ist das auch ein großer Spaß gewesen: Wie kann man Elemente alter Ritterabenteuer in eine Geschichte hineinschreiben, die hier und heute spielt – auch um abzuklopfen, was hat das noch mit uns zu tun?

Und was Merle angeht: Klar, sie ist das Burgfräulein, eins allerdings, das kein Burgfräulein sein will. Aber vor allem– für die, die Hartmann von Aue gelesen haben – ist sie auch die, die bereit ist, sich für den Ritter zu opfern, wenn es drauf ankommt.

 

Die Anspielung auf Hartmann von Aue ist schon im Namen angelegt. Merle heißt, aus dem Französischen kommend, auch so etwas wie Amsel. Sie kann schön singen. Das zeigt sie bei einem Fest in der Kirchengemeinde. Ich bin beim Lesen, wenn ich über Silvester nachgedacht habe, in der Art und Weise, wie er durch seine Geschichte durchtreibt, in der Art, wie er fragt, wie er Fragen stellt, im Inneren auch häufiger über den Namen Parzival gestolpert. Teilweise steckt er wie Parzival in der Situation, in der er nicht richtig zu wissen scheint, was er fragen kann. Ist er das – ist er der Parzival des Stadtrands?

Das finde ich sehr schön. Ja, vielleicht ist er das. Und ist dann aber auch, nicht nur der rote Ritter, der Parzival war. Seine Rüstung, seine Haut, schimmert, wenn man so will, schwarz. Er hat wie sein entfernter Namensvetter Joe Christmas aus William  Faulkners „Licht im August“ Eltern unterschiedlicher Hautfarbe. Er weiß deshalb nicht, ob er schwarz oder weiß ist. Weiß es wörtlich nicht und auch im allegorischen Sinne nicht. Er wüsste es gerne, obwohl ihm klar sein dürfte, dass damit nichts gewonnen wäre. Insofern kommt er Parzival in seiner Haltlosigkeit schon sehr nah.

 

Das ist ja sozusagen Parzivals Problem: Er weiß nicht, welche Frage er stellen soll, um den Gral und letztendlich das Glück und das Königreich zu erlangen. Dazu passt, dass der Roman ein ziemlich offenes Ende hat. Das darf man, glaube ich, verraten, weil der Weg dorthin das spannende ist. Es ist keine Geschichte in der alles am Ende glatt aufgeht. Und wer will schon Geschichten lesen, die glatt aufgehen?

Mit zunehmendem Alter wird mir eins zumindest immer klarer: Das Erwachsenwerden ist ein Prozess, den man nicht so einfach abschließt. Geschichten darüber können eine Ahnung davon geben, woran das liegt. Und vielleicht erscheint das Ende deshalb offen. Ich bin mir in diesem Punkt aber gar nicht so sicher.

 

Vielleicht noch ein paar Worte zu dem Kosmos um die Figuren Merle und Silvester herum. Es gibt eine Figur wie Kondor, der aus noch ärmlicheren Verhältnissen stammt als Silvester. Da gibt es außerdem die Kirchengemeinde. Da ist Brand III, dubioser Betreiber eines Getränkebasars. Auch diese Figuren geraten immer wieder in den Fokus der Erzählung und dadurch bekommt der Roman seinen Reichtum.

Genau. Das hat dann diesen erschreckenden Umfang des Buches verursacht. Tatsächlich war die Anfangsidee, eine Ensemble-Geschichte zu schreiben. Von dem Plan bin ich dann Stück für Stück abgerückt, aber der Kosmos ist groß angelegt, um die Verstrickungen zeigen zu können, die zu den kleinen und großen Katastrophen führen.

 

Wir haben dieses ganze Konfliktfeld um die zwei Helden, aus deren Perspektiven erzählt wird. Da kommt auch so etwas wie Gangland mit rein, was vor allem über Kondor und sein Umfeld beschrieben wird. Zu diesem Milieu sollte man auch noch etwas sagen.

Das Thema Glauben, um das es in Stadtrandritter ganz zentral geht, hat für mich viel mit Gemeinschaft zu tun. Gemeinschaft ist in Kondors Milieu wichtig. Und das ist für die Jugendlichen in der Kirchengemeinde wichtig. Das hat mich interessiert. Mich hat dieser Übergang interessiert von der Familie, in die man hineingeboren wird, hin zu einer Gruppe von Menschen, zu einer Verbindung mit anderen, die man selbst wählt. Der Druck auf Kondor ist dabei enorm. So gerät er dann an Leute, die das ausnutzen. Für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, für die Brand III mit den Seinen steht, muss Kondor zahlen. Die Währung, die er in dem Bandenmilieu kennenlernt, heißt Geld.

Rund um den Pastor sieht das anders aus. Aber auch hier zeigen sich Abgründe. Und ich wollte unbedingt, dass jemand wie Kondor dort nach Rettung sucht.

 

Da kommt dann dieser merkwürdige Pfarrer ins Spiel.

Ein noch junger, bei den Jugendlichen sehr beliebter Mann. Ja. Als ich das erste Mal Freunden davon erzählte, im welchem Umfeld der Roman spielt, haben die mit den Augen gerollt. Kirche? Wer geht da als junger Mensch heutzutage noch hin? Aber das sind tatsächlich ganz lebendige Orte. In gewisser Weise sind Jugendliche ja ab einem bestimmten Alter unbehaust. Weil das Zimmer zu klein und die Familienenge zu belastend wird. Es fehlen buchstäblich Räume, wo man sich ungestört begegnen kann. Und die Kirche bietet solche Räume. Zum Treffen und zum Austausch. Und auch zum Feiern. Der Pfarrer versteht das. Merkwürdig wird er deshalb, weil er den Ansprüchen, für die er mit seinem Amt steht, nicht immer wirklich gerecht wird.

 

Sie haben vor zwei Jahren im Zusammenhang mit „Es war einmal Indianerland“ auch gesagt, dieses Projekt, den Stadtrand zu schildern, das sei etwas, was sie antreibt. Der Stadtrand sei etwas literarisch noch nicht richtig Erschlossenes. Und da kommt jetzt tatsächlich viel dazu.

Der Stadtrand treibt mich um. Das ist so. Ich bin am Stadtrand in Hamburg Jenfeld aufgewachsen und lebe dort auch heute wieder. Zur literarischen Erschließung dieses Gebiets fällt mir jetzt vor allem ein eigenartiges Erlebnis ein. Nach „Es war einmal Indianerland“ war das. Da kamen Leute vom Film, die sich für den Stoff interessiert haben und gerne wissen wollten, wo das spielt.

Im Kopf habe ich mir immer ausgemalt, dass das eine feine Sache sein könnte, Menschen zu den „Originalschauplätzen“ zu führen, zu den Orten, die für den Roman Modell gestanden haben. Sozusagen als Test vielleicht, wie gut ich meine Arbeit beim Schreiben gemacht habe. Aber dann bin ich mit denen durch Jenfeld geradelt und ich habe erst dabei bemerkt, dass die Wirklichkeit sehr wenig mit meiner Wirklichkeit zu tun hat, wie ich sie in den Romanen schildere.

Es gab wenig zu zeigen. Denn natürlich überhöhe ich beim Schreiben meine Vorstellung von Stadtrand. Und ich habe gemerkt, dass die Menschen, die mit mir unterwegs waren, nicht das Gleiche gesehen haben wie ich. Man sieht natürlich Plattenbauten. Und Hochhausblöcke. Aber es ist eben was anderes, die zu sehen, als zu erfahren, was es heißt, dort zu leben. Man kann auf die Schnelle eben nur ein paar maue Kulissen in der Wirklichkeit zeigen. Als mir das später aufgegangen ist, fühlte ich mich bestätigt in meinem Projekt. In einem Roman kann man mehr Stadtrand zeigen, wenn man sich da ein bisschen auskennt. Und so viele Schriftsteller sind das nicht, die das von sich behaupten können. Meines Wissens.

 

Es ist ja eigentlich der Versuch, einer großen Mythologisierung des Stadtrands. Die Ritter sind es in diesem Roman. Ein Indianer war es im Vorgänger, der im Horizont des Helden als eigenartige Figur immer wieder als eine Art von Winnetou auftauchte. Geht das jetzt noch weiter?

Es kommen noch die Astronauten. Und damit das Thema Hoffnung. Denn an diese Kindheitsmythen sind für mich auch die großen Themen geknüpft, die das Erwachsenwerden so aufregend machen. Liebe, Glaube, Hoffnung. In der Jugend werden die Weichen gestellt. Aus den Kinderspielen wird Ernst. Weiß man ja.

 

Dann wünsche ich Ihnen zunächst viel Erfolg mit den Stadtrandrittern. Vielen Dank für das Gespräch. (zum Publikum) Ich kann Ihnen diesen Roman nur ans Herz legen. Ein Roman über junge Menschen. Aber es geht in diesem Roman auch um eine ganze soziale Welt, mit der wir alle jeden Tag immer zu tun haben.

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