Stadtrandritter (2014)

by Nils Mohl on Januar 1, 2014

__

Es geht nicht ohne den Glauben an irgendetwas
Nils Mohl im Gespräch mit Heidi Lexe

April 2014. Nachdem »Stadtrandritter«  auf die Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises aufgenommen wurde, führte Heidi Lexe für „1000 und ein Buch“ per Skype ein längeres Gespräch mit dem Autor, der sich gerade in Litauen aufhielt. Das Interview erschien erstmals im Heft Nr.3/August 2014 des Magazins. Titel: „Gott und die Welt“.

1001 Buch

 

»Stadtrandritter« ist Teil einer Trilogie zu den Themen Glaube – Liebe – Hoffnung, deren erster Teil »Es war einmal Indianerland« war. Wie kommt man auf die Idee, eine Trilogie zu Glaube – Liebe – Hoffnung zu verfassen?

Ein bisschen Größenwahn gehört zum Schriftsteller-Sein dazu … Meine Autorenkarriere verlief bis zu »Es war einmal Indianerland« sehr überschaubar und irgendwann kam dann, weil die Lektorin von Rowohlt auf eine meiner Geschichten gestoßen ist, die Frage, ob ich mir vorstellen kann, einen Jugendroman zu schreiben. Das war ein Gedanke, den ich im ersten Moment nicht fürchterlich attraktiv fand, weil die Vorurteile, die mit dem Jugendroman verbunden sind, auch bei mir tief verwurzelt waren. Aber wenn Rowohlt anfragt, denkt man halt doch drüber nach – und es war natürlich wichtig, das Interesse des Verlags über den ersten Roman hin aufrecht zu erhalten.

Mir ist dann aufgefallen, dass das Thema Erwachsenwerden mich mit Ende 30 mehr interessiert hat, als ich mir das vorher vorgestellt hätte. Als ich darüber nachgedacht habe, was Liebe – Glaube – Hoffnung in Bezug auf das Erwachsenwerden bedeutet, hat sich für mich eine Grammatik des Erwachsenwerdens ergeben: In der Liebe geht es um die Öffnung zu einem Du hin, für das man sich – weg vom kindlichen Ich-Ich-Ich – zu interessieren beginnt. Beim Glauben ist es die Öffnung zu einem Wir hin: Man beginnt, aus einer Familie, aus einer Gemeinschaft, die vorgegeben ist, hinauszugehen und nach Vorbildern zu suchen, nach Menschen, die ähnlich ticken wie man selbst. Die Hoffnung hingegen reicht in die Zukunft hinein. Der Gedanke, wer werde ich irgendwann einmal sein, ermöglicht die Öffnung zu einer Person hin, die man selbst einmal sein möchte.

 

In einem Gespräch mit Michael Schmitt kündigen Sie für den nächsten Roman im Kontext der Hoffnung die Astronauten an. Nach der metaphorischen Bedeutung von Indianer und Ritter nun also der Astronaut. Wie wird das funktionieren?

Es wird sich niemand bei der NASA bewerben und in eine Rakete steigen.
Wenn man zu einem Bild von sich selbst in der Zukunft kommen will, muss man schon auch einmal eine Reise antreten. Erst wenn man sich räumlich von der eigenen Herkunft weg bewegt, wird deutlich, was für einen selbst möglich ist.

 

»Stadtrandritter« setzt ein mit der Frage: »Woran glaubst Du?« Lässt sich der Roman als einer jener Vorschläge lesen, nach denen gefragt ist?

Ich möchte gar nicht so viel Deutungsarbeit riskieren. Es ist natürlich grundsätzlich so, dass eine Geschichte davon lebt, dass sie geglaubt wird. Darin besteht der Spaß zwischen Autor und Leser/innen. Es ist ja auch die Frage, wer diesen Satz überhaupt äußert – und damit geht dieses Spiel schon los …

 

Die Frage wird am Ende wieder aufgegriffen und in eine neue Frage überführt: »Glaubst Du nicht?«. Lässt sich auf die Frage »Woran glaubst du?« literarisch nur mit einer weiteren Frage antworten?

Wenn man ganz praktisch darüber nachdenkt, welche Geschichte man erzählen will, dann treibt einen um, wie man diese Frage in Hinblick auf Handlung gestaltet. Ein wichtiger Anstoß für mich war die berühmte Rede von David Foster Wallace, der behauptet hat, es gibt kein erwachsenes Leben ohne Glauben. Wie groß auch der Gehalt dieser Aussage sein mag – er reicht aus, um darüber nachzudenken. Es geht, glaube ich, nicht ohne den Glauben an irgendetwas. Die Frage ist, wie man dieses Bedürfnis ausfüllt, welche Angebote man bekommt und welche man auch annehmen mag und annehmen kann. Letztlich jedoch müssen diese Fragen eingebettet werden in Erzählung. Es ist ja gerade unter Jugendlichen eine populäre Haltung zu sagen, ich glaube an nichts. Um auszuprobieren, was dann passiert. Mich haben aber Figuren interessiert, die sich um eine Antwort bemühen. Figuren, die versuchen, ein entsprechendes Verständnis zu entwickeln.

 

Die äußere Form beider Romane wirkt wie eine Anhäufung von Szenen, deren Chronologie erst im Akt des Lesens hergestellt werden muss. Entspricht das der Herausforderung der Figuren, ihr Erleben auch erst in einen Sinnzusammenhang bringen zu müssen?

Man kann diese Geschichten eigentlich gar nicht anders erzählen, weil Linearität ja auch beim Erwachsenwerden nicht möglich ist. Wenn linear erzählt wird, entsteht das Problem, dass forsch behauptet wird, ein Ereignis muss auf das andere folgen – das wäre kontraproduktiv.

Trotzdem unterscheiden sich die beiden Romane: In »Indianerland« erinnert sich jemand an etwas, was hinter ihm liegt und versucht aus dem, was er sich zusammenreimt, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was kommt. Bei »Stadtrandritter« hingegen ist die quälende Frage zu beantworten, wo befinden wir uns insgesamt und wer erzählt hier überhaupt.

 

Die Erzählperspektiven von Silvester und Merle laufen in »Stadtrandritter« vorerst scheinbar parallel. Je deutlicher jedoch die Wahrnehmungsunterschiede werden, desto mehr reiben diese beiden Perspektiven aneinander, desto deutlicher widersprechen sie einander.

Das führt ins Zentrum der Geschichte: Wie schwierig ist es, den anderen zu verstehen, ihn in seiner Komplexität zu belassen? Wie sieht es in den Köpfen der anderen aus? Diese Fragen bestimmen die Form des Romans: Ist es Merle, die versucht, in Silvesters Kopf zu schauen, oder umgekehrt Silvester, der versucht, in Merle zu schlüpfen und sich vorzustellen, wie er auf sie wirkt?

 

Dieses Moment setzt sich fort in der Lust, aus den Figuren auszusteigen, und sie in Making-Ofs über sich selbst sprechen zu lassen.

Diese Idee hat mich in ihrer Absurdität begeistert. Wenn ich mir das Bonusmaterial auf DVDs anschaue, dann fasziniert mich die Erzählhaltung von Schauspielern, die ihre Figur reflektieren, als würde diese wirklich existieren. Das entspricht einem Bild, das wir selbst von uns und unserem Auftreten haben. Mir waren diese Szenen aber auch wichtig, um immer auf die Künstlichkeit der Geschichte aufmerksam zu machen. Es verstärkt meiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit einer Geschichte, wenn wir darauf hingewiesen werden, dass wir eine Geschichte hören, dass Phantastisches oder Allegorisches auf uns zukommt. Es entspricht dem »Es war einmal …« des Märchens.

 

Sie nehmen in »Stadtrandritter« Anleihe an der Âventiure. Worin lag der Reiz, die dem Motiv innewohnende Bewährung in der Fremde auf die urbane Peripherie einer Hochhaussiedlung zu übertragen?

All die Geschichten, die wir uns erzählen, fliegen uns ja nicht einfach so zu, sondern entspringen einer langen Linie des Erzählens, die in unserem Fall wohl stark christlich geprägt ist und die in den biblischen Texten ihren Ausgangspunkt hat. Dieserart denken auch Ritterromane Traditionen weiter. »Der arme Heinrich« zum Beispiel ist eine Hiob-Geschichte, die man auch in »Stadtrandritter« wiederfindet. Auch die Suche nach dem heiligen Gral als wesentlicher Bestandteil der mittelhochdeutschen Epik stellt eine Art Ur-Geschichte dar. Es handelt sich um Erlöser-Geschichten in unterschiedlichen Varianten, die damit auch die Tradition der Evangelien aufgreifen. Das spannende Moment des Erzählens ist es ja, unterschiedliche literarische Vorgaben miteinander zu kombinieren, sie in unerwarteter Weise aufeinandertreffen zu lassen.

 

Zum zentralen Handlungsmovens wird in »Stadtrandritter« die Suche nach der Wahrheit danach, was am Tag des Todes von Silvesters Schwester wirklich passiert ist. Lässt sich diese Wahrheitssuche ebenfalls als Gralsgeschichte lesen?

Die Frage, warum der Tod der Schwester vor der Zeit eintreten musste, ist natürlich perfide. Denn sie ist nicht beantwortbar. Das wiederum entspricht dem klassischen Aufbau des Ritterromans: Man kann dem Gral relativ nahe kommen, aber man wird ihn doch nicht gewinnen, weil man mit den falschen Fragen und der falschen Haltung an die Sache herangeht. Auch Silvester wünscht sich Ersatz für seine Schwester, ohne sich dessen selbst bewusst zu sein, und sorgt damit für Situationen, die ihm eben nicht helfen auf dem Weg zum inneren Frieden.

 

Welche Rolle spielt die Pfarre Zum Guten Hirten im Rahmen dieser Suche?

Sie ist für mich ein Angebot an unbehauste Jugendliche. Es geht um die Frage, wo man in diesem Alter einen Ort findet, an dem man ungestört ist. Zu Hause ist dieser Ort jedenfalls nicht – dort hat man als Jugendlicher das Gefühl, es wird alles immer enger und kleiner.

 

Dennoch bleibt es ungewöhnlich, religiöse Alltagsvollzüge in einen Jugendroman zu integrieren, gelten solche religiösen Alltagsvollzüge heute doch sofort als konfessionell und damit als zu vermeiden.

Aber darin liegt der Spaß. Über Dinge zu schreiben, über die alle anderen schreiben, stellt keine wirkliche Herausforderung dar.

 

__

<< zurück zum Archiv