Statement: Ich bin für den bestmöglichen Streit.*

by Nils Mohl on Mai 31, 2013

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*) Zum Verständnis: Teile der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur-Szene haben sich in der „Initiative deutschsprachiger Kinder-und JugendbuchautorInnen und IllustratorInnen“ versammelt, um ihren Unmut über die Vergaberichtlinien des Deutschen Jugendliteraturpreises (DJLP) zu äußern – und zwar in einem öffentlichen Brief an die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

1305 Momo

Toll daran: großes Bohei. Nach letztem Stand mehr als 450 Unterzeichner, die vor allem finden, ein Staatspreis habe der Autorenförderung in heimischen Gefilden zu dienen. Ein beachtliches Ergebnis, wenn man sich den nicht gerade knackigen Wortlaut des auch nicht unbedingt superstringenten Pamphlets anschaut. Immerhin: Der Gedanke, dass womöglich mehr richtig gute Literatur entstehen könnte, wenn sie nur gezielter gefördert würde, hat ja durchaus was. Wer wäre nicht für mehr richtig gute Literatur? Woher auch immer.

Auch toll: die Antwort des Arbeitskreises Jugendliteratur, der letztlich die Vergabe des DJLP regelt. In dieser wird deutlich gemacht, dass man dort den DJLP gerade nicht als ein Instrument versteht, mit dem Autoren gefördert werden sollen, sondern vor allem als eine Orientierungshilfe für hiesige (junge) Leser. Ein Preis, der in einem internationalen Kontext sichtbar machen möchte, was im Kinder- und Jugendbuchgenre derzeit literarisch herausragt. Pressemitteilung. Statistiken. Prominente Stimmen dazu. Sympathisch: Wer seinen Namen hergibt, stellt seinen Standpunkt persönlich dar.

Toller als toll: Die erregten Gemüter. Gar nicht leise wird auf der einen Seite eine fairere Chance für deutschsprachige Autoren gefordert. Die andere behauptet nicht zuletzt: Es wäre geradezu fatal, von den bisherigen Regularien abzuweichen, schon aus Imagegründen – aber gerade auch, weil die „Weltoffenheit“ des Preises eben seine Bedeutung ausmache. Ein Argument, das fraglos sticht. Die internationale Ausrichtung schafft eine Konkurrenzsituation, die dem Wert der Anerkennung bestimmt nicht schadet. Und scheint das nicht auch klug – gerade weil die hier proklamierte Weltoffenheit nach Maßstäben der Literatur doch in Wahrheit eine Weltgeschlossenheit ist? Die Schranken fallen an den Grenzen des Genres sowie an den Grenzen der Sprache, in der sich die Literatur in diesem Fall für die Leser erschließt. Dadurch entsteht ein Wettbewerb, der alles andere als grenzenlos ist, aber doch hilft, die Veranstaltung auf ein Niveau zu hieven, auf dem tatsächlich deutlich werden sollte, wie die Ansprüche an richtig gute Literatur aktuell aussehen – zumindest im deutschsprachigen Raum. Zumindest in einem bestimmten Segment des Buchmarktes. Die Idee, auf die Art eine Öffentlichkeit herzustellen, die womöglich auch bis ins nicht-deutschsprachige Ausland reicht, ist sicher nicht allein im Sinne der Veranstalter. Wer wäre nicht für die größtmögliche Öffentlichkeit, wenn es um richtig gute Literatur geht? Wer auch immer sie verfertigt hat, ob nun im Alleingang als Originalwerk oder in Gemeinschaftsarbeit von Urheber und Übersetzer als Nachdichtung. Sobald Lizenztitel aus dem Rennen genommen werden würden, indem man sie zum Beispiel in eine eigene Kategorie abschöbe, wäre der Wettbewerb – ja, was vor allem? Fairer? Oder doch nur reizloser?

Noch viel toller: Die stille Freude. Auch über die Neugier. Kollegen, die E-Mails schicken, ob man schon von der Initiative gehört, ob man denn schon unterzeichnet habe. Die Brancheninsider, die sich ebenfalls melden, in der festen Überzeugung, dass man sich doch sicher auf Seite der Verteidiger schlagen werde. Und auf die Art wächst die Freude mit der Zeit noch. Vor allem aus der Überzeugung, dass die Literatur selbst öffentlichen Streit dringend nötig hat. Jeden. Am besten natürlich einen, der nicht in ein typisches Scheingefecht mündet, das bestenfalls klärt, wer z.B. in der besagten Szene zu wem gehören will und wer mit wem sympathisiert. Und genau das könnte sich an diesem Disput schließlich als vertane Chance entpuppen. Denn auf viel mehr als Lagerbildung scheint es im Augenblick nicht hinauszulaufen. Und da schwindet die Begeisterung dann doch rasch wieder. Im Kern geht es nicht um ästhetische Kategorien. Und das stört mich als Schriftsteller extrem. Es ist mir zu wenig, nur meinen Namen an einer Sammelstelle abzuliefern. Dafür. Dagegen. Was immer. Wenn es vermeintlich darum geht, um ein Qualitätssiegel für Literatur zu streiten, darf das nicht reichen. Zugegeben, die Sache mit der Qualität scheint vertrackt. Wer befindet überhaupt über literarische Qualität? Der Leser vermutlich. Und zwar sehr wahrscheinlich der reflektierte Leser, der erklären kann, warum ihm etwas gefällt. Oder eben gerade nicht. Dafür muss man über Texte sprechen. Über das Erzählen. Über Geschichten. Über existierende und vielleicht sogar noch nicht existierende. Über das ideale Zusammenwirken von Inhalten, Formen und Sprache in konkreten Fällen. Und ein Streit genau darum würde mich persönlich kicken. Ein nationaler Streit. Ein übernationaler. Ein intergalaktischer. Auf entsprechendem Niveau. Das wäre ein Signal an alle Leser da draußen: Passt auf, das hier peitscht, das hier hat richtig Wumms. Schaut am besten selbst, was die Herzschlagfrequenz der Experten nach oben jagt.

1305 Schildkröte

Fast schon am tollsten: Der DJLP liefert mit der Hilfe von einer ganzen Schar immer wieder neu gewählter Literaturermöglichern und Literaturvermittlern auf seine Art seit Jahrzehnten Vorlagen für eine – wenigstens sollte das doch der Wunsch sein – pulstreibende Auseinandersetzung um richtig gute Literatur. Bestimmt sind die Vorlagen mal steiler, mal weniger steil. Und womöglich wäre der Wettbewerb überhaupt nur an der Stelle richtig angreifbar, wenn man sich nicht in doch eher hilflos wutbürgernde, provinzielle Quotendiskussionen verstricken lassen will. Genauso wie man ihn womöglich auch nur an dieser Stelle anständig verteidigen kann, ohne sich in Phrasen zu verlieren, deren unantastbare politische Korrektheit auch kaum mehr Eindruck machen als eine Regierungserklärung zur Lage der Nation. Muss man nicht hingehen und mal mit dem Finger drauf zeigen? Seht her, diese Titel sind alle übergangen worden. Skandal. Oder eben: Bravo, wir wollen Applaus hören: Nur so funktioniert richtig gute Literatur, von der gesprochen werden muss! Das sind die Maßstäbe hier und heute. Aber: Genau das tut eben keiner so richtig. Schade.

Am allertollsten allerdings: Die einzig attraktive Rolle, die Literaturschaffenden in der momentanen Gemengelage zufallen kann, wenn sie sich nur als Außenstehende fühlen – und die für mich letztlich auch die einzig denkbare ist. Nämlich die, auf das Programm der Literatur zu pochen. Und sich das unbescheidende Recht herauszunehmen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten etwas an die Leser liefern zu wollen, das ihnen die Sockenbündchen ins Fleisch schneidet, das an alten Maßstäbe zumindest zu rütteln versucht und damit im Zweifel auch Literaturermöglicher und Literaturvermittler zwingt, über neue Maßstäbe nachzudenken, am besten laut. Was einem einzig und allein dabei hilft: Nach meinem Selbstverständnis keine Autorenförderung, kein Übersetzer und keine Aussicht auf keinen Preis der Welt – auch wenn einem diese Dinge, sobald man in ihren Genuss kommt, das Leben jenseits der Literatur vielleicht ein wenig komfortabler machen mögen. Trotzdem: Am Ende des Tages braucht es immer wieder die zähe, unerschütterliche Lust am Ringen um die ganz persönlichen Grenzen – und immer wieder auch den Spaß am Rätseln um die offenen Fragen, was kann und was ist und was soll Literatur überhaupt? Die beste Antwort darauf bleibt für den Schriftsteller das Werk. Scheitern auf jedem Niveau jederzeit möglich. Literatur stellt keine Ansprüche, sie hilft dabei, Ansprüche zu entwickeln.

Und zum Beispiel an der Stelle bitte gerne alle weiterstreiten.

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Jenfeld, Mai 2013

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