Über die Stadtrand-Trilogie (2015)

by Nils Mohl on Februar 14, 2015

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Diese wackeligen Ich-Transformationen
Nils Mohl im Gespräch mit Ute Wegmann

Im Februar 2015 stand MOGEL auf der Auswahlliste „Die Besten 7“, mit der allmonatlich eine Jury aus 29 Juroren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die besten sieben Bücher für junge Leser ermittelt. Aus diesem Anlass kam es zum Live-Gespräch im Sendehaus des Deutschlandfunks in Köln.

(Das Mündliche steckt voller Tücken: An einigen Stellen weicht deshalb der hier wiedergegebene Text in den Antworten vom Originalgespräch ab, um ihn schlüssiger, georndeter und vor allem nachvollziehbarer zu machen.)

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Finger weg vom Jugendroman war eigentlich Ihre Devise damals, Nils Mohl, bevor sie sich dann doch an diesem Genre versucht haben. Sie hatten Angst, von den Kollegen der Belletristik nicht mehr ernst genommen zu werden. Wie ist jetzt das Leben als Jugendbuchautor?

Das große Geheimnis ist wohl, das man sagt, man schreibt gar keine Jugendliteratur, dann wird man von denen, die sich mit Jugendliteratur beschäftigen, offenbar besonders gemocht. Jedenfalls vereinnahmen sie einen dann im Zweifel trotzdem. Auf besonders sympathische Art, zugegeben.

 

Was ist mit den anderen?

Bei den anderen gibt es deutliche Berührungsängste. Über Jugendliteratur kann man als Literaturfachmann und Literaturfachfrau hierzulande leicht hinweggehen. So nach der Art: Muss mich nicht interessieren, andere Baustelle.

 

Was unterscheidet für Sie den Jugendroman von der Prosa der Kollegen?

Für mich gibt es da keinen großen Unterschied. Ich schreibe ja erst einmal Romane, und der Verlag macht dann Jugendbücher daraus. Und natürlich arbeite ich an diesen Romanen über das Erwachsenwerden genauso ernsthaft, wie ich an Prosa mit anderem Themenschwerpunkt arbeiten würde. Behaupte ich jetzt mal.

 

Gibt es Jugendbuchautoren, die Sie jetzt für sich entdeckt haben?

Ich hab auf jeden Fall Feldrecherche betrieben. Und was wirklich toll ist, dass ich Sachen entdeckt habe, die ich sonst nicht unbedingt gelesen hätte, wenn ich nicht auf die Coming-of-Age-Thematik gekommen wäre. Tamara Bach ist zum Beispiel toll. Es werden aber auch ganz viele Romane veröffentlicht, die sich mit dem Thema  beschäftigen, die nicht unbedingt in Jugenbuchprogrammen erscheinen und die ganz toll sind. Und man hat dann, wenn man mal Ausschau hält, bald ein geschulteres Auge für das Thema und es ist schon interessant, in wie vielen Facetten das behandelt wird. Auch in der Belletristik, auch außerhalb der Szene sozusagen. Wolfgang Herrndorf hat bekanntlich tolle Jugendromane geschrieben.

 

Die Trilogie, an der Sie schreiben, spielt in einem sozialen Brennpunkt zwischen Hochhäusern. Einige Figuren tauchen in allen drei Teilen auf. Verbindendes Element ist der Handlungsort. Formal haben Sie vor allem den ersten Teil „Es war einmal Indianerland“ stark auseinander genommen. Nach dem Muster eines medialen Laufwerks, auf dem man nach Belieben spulen kann, jeden beliebigen Track auswählen kann, springen Sie vor und zurück zwischen Kapiteln und Szenen. Und in der Zeit, die insgesamt cirka zwei Wochen umfasst. Das heißt, es werden Dinge angedeutet, die erst später ausgeführt oder erklärt werden. Zeitungsartikel werden eingefügt. Das Tempo ist schnell, knappe Sätze, viele Dialogpassagen. Dieses Puzzle muss man sich als Leser regelrecht erarbeiten, zumal der Ich-Erzähler auch noch mit einem Alter Ego im Dialog steht. Eine Herausforderung. Worin bestand der Reiz, eine solch kompliziert komplexe Verschachtelung zu bauen?

Ob man jetzt Sport treibt oder wie auch immer aktiv ist, eins bleibt doch am Ende immer ähnlich: Je mehr Arbeit man investieren muss, um so größer ist die Belohnung hinterher. Das gilt für mich beim Schreiben, aber ich hoffe auch für die Leser. Die Gefahr besteht bei formalen Experimenten natürlich, dass ein Leser nach den ersten Seiten keine Lust mehr darauf hat, weil ihm das mehr abverlangt, aber das Risiko geht man als Autor gerne ein. Zumal wenn man das Gefühl hat, für die gewählte Form gibt es zwingende Gründe. Und bei „Indianerland“ war es tatsächlich so, dass von einem Leben erzählt wird, das auseinanderknallt. Und der jugendliche Held versucht nun selbst, es wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen. Ich habe mich also nicht hingesetzt und habe gedacht, ich schreib jetzt mal was, was schwer zu lesen ist, sondern ich habe mir überlegt, wie kann man die Geschichte erzählen, die ich erzählen wollte.

 

Sie haben es schon angedeutet: Es geht in „Indianerland“ um einen 17-Jährigen, der in pubertärer Unsicherheit sich von zwei Mädchen angezogen fühlt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dabei reizt ihn die eine in doppelter Hinsicht, während ihm die andere deutlich ihre Zuneigung zeigt. Dazu kommt, dass sein Vater gerade die Stiefmutter im Affekt umgebracht hat und auf der Flucht ist. Eine Tat, zu der der Erzähler eine starke emotionale Distanz hält. Somit ist der Roman eine Auseinandersetzung mit der Liebe und ihrer Unerklärbarkeit, mit der Selbstfindung und mit der Frage, wie viel man von den Eltern geerbt hat. Was war das zentrale Motiv?

Schon die Liebe in ihren verschiedenen Facetten. Als Jugendlicher gab es da für mich rückblickend einen enormen Prozess zu durchlaufen. Weil man das zunächst kaum unterscheidet, ob man für jemanden schwärmt oder für jemanden wirklich Zuneigung empfindet. Das kann man im Roman natürlich viel schöner verhandeln, als ich das gerade stotternd am Mikrofon tue. Also, die Frage, wie öffnet man sich jemanden und auch wann – die setzt dem Helden zu. Und letztlich berührt das auch den Punkt, was geben einem die Eltern mit? Weil diese emotionale Mitgift natürlich schon die Möglichkeiten absteckt, die man hat, anderen entgegen zu treten.

 

Kommen wir zum zweiten Teil der Trilogie: Der Roman „Stadtrandritter“ beginnt mit drei Trailern, die die Protagonisten fokussieren, auch hier ein Mann zwischen zwei Frauen, auch hier eine Tote. Außerdem Making-Of-Szenen, Bonusmaterial, vor- und zurückspringende Kapitel, insgesamt liest sich der zweite Teil chronologischer, ist weniger verschachtelt, hat das einen Grund?

Das hat wieder mit der Geschichte an sich zu tun. Und mit dem Thema Glaube, das in dieser Geschichte verhandelt wird. Dabei ging es nicht so sehr darum, das religiös aufzufächern. Glauben kann ja in sehr unterschiedliche Formen in Erscheinung treten und vieles bedeuten. Und das wolte ich auch literarisch abbilden. Dafür musste diesmal nicht wild geschnitten werden, sondern viel mehr überblendet. Es liegen mehrere Zeitschichten quasi übereinander. Auch mehrere Stimmen.

In meinem Roman geht es schon damit los, dass sehr unklar ist, wer erzählt. Es gibt zwei Hauptfiguren, Merle und Silvester, die etwa gleich alt sind. Und man kann den Roman so lesen, dass die eine Figur sich überlegt, wie es im Kopf des anderen zugeht. Dabei bleibt bis zum Schluss unklar, wer in wessen Kopf hineinschlüpft, da hat jeder Leser die Freiheit, zu glauben, was er gerne möchte.

Überhaupt hat Erzählen  ja viel mit Glauben zu tun. Man denke nur an den berühmten Vertrag zwischen Leser und Autor. Glaube ich als Leser dem Autor – oder nicht? Darum dreht es sich hier auch.

 

Der Roman spielt mit Elementen der Ritterzeit, mit den Elementen des Ritterepos. Er gliedert sich in Aventiuren, Abenteuer, die der Held bestehen muss – kennt man aus dem Artusroman, die Bewährungsproben. Das Mädchen heißt Merle von Aue (Hartmann von Aue), Parzival und die höfische Gesellschaft klingen an. Warum die Bezüge zum mittelalterlichen Ritterambiente?

Wahrscheinlich wollte ich, dass mein Germanistikstudium sich mal auszahlt. Dazu gehörten auch einige Veranstaltungen zu mittelalterlicher Literatur. Damals erschien mir das sehr weit weg von meiner Lebenswirklichkeit, ein klassischer Fall von unnützem Wissen. Aber beim Schreiben dieses Romans dachte ich, es gibt tasächlich doch viele Dinge, die sich in unserer Kultur erhalten haben oder popkulturell weiterleben und sich ganz prima recyclen lassen. Und ich habe versucht, ein bisschen Material für die Germanisten unter uns in den Roman hineinzuarbeiten.

 

In dem Roman geht es auch um Trauer und an dieses Thema koppeln sich Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Frage nach dem gerechten Gott, nach dem Warum, nach dem Halt in einer Gemeinschaft. Was bedeuten Ihnen Religion und Kirche?

Die Gretchenfrage. Und mir fiel beim Schreiben auf, dass diese Frage mich immer mehr reizt, je älter ich werde. Nicht dass ich plötzlich dringend einen Gott bräuchte, zu dem sich sprechen ließe oder von dem man sich Antworten erhofft. Aber Religion und Kirche hatten und haben Einfluss auf mein Leben. Dabei bin ich in Hamburg groß geworden, in einem Umfeld, in dem diese Dinge auf den ersten Blick keine große Rolle gespielt haben.

Nichtsdestotrotz bin ich getauft, bin zum Konfirmantenunterricht gegangen und ich habe als Jugendgruppenleiter in einer Kirchengemeinde gearbeitet. Damals eher aus praktischen Gründen. Wenn man Jugendgruppenleiter war, dann ist man auf Ausfahrten gegangen und hatte die Möglichkeiten, von zu Hause weg zu sein übers Wochenende. Das waren alles auch sehr feucht-fröhliche Veranstaltungen, die während des Jungseins ihre Funktion hatten. Ich wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, dass das viel mit christlicher Erziehung zu tun hat.

Umso verblüffter bin ich heute, welche Spuren das alles hinterlassen hat. Gott war für mich immer nur eine Metapher. Die Frage aber, woran können wir glauben, ist eine, die einen dennoch das ganze Erwachsenenleben weiter beschäftigt. Man kann sie nicht offen lassen, man muss sich immer wieder entscheiden. Und die Protestanten, zu denen ich auf dem Papier gehöre, bekennen sich ja gerne zur Arbeit als Sinn des Lebens. Und das ist mir tatsächlich nicht fremd.

Insofern bin ich – nicht nur deshalb – weit christlicher geprägt, als ich mir eingestehen würde. Und auch wenn Institutionen und Ideologien mir eher Unbehagen bescheren, ein großer Kirchenhasser bin ich nicht.

 

In den beiden ersten Teilen der Trilogie geht es um das, was den Eintritt ins Erwachsendasein ausmacht. Diese Phase der Selbstsuche und Selbstfindung geht einher mit Angst, Neugierde und Ablehnung.

In „Indianerland“ will der Erzähler nicht so werden wie die Erwachsenen, die funktionieren, oder wie sein Vater, der sein Leben nicht in den Griff kriegt. Er will sein Leben anders leben. In „Stadtrandritter“ heißt es, dass die erste Konfrontation mit dem Tod als junger Mensch der definitive Schritt ins Erwachsenenleben ist. Wie war Ihr erster Schritt in die Erwachsenenwelt, Nils Mohl?

Mein erster Tod? Ich erinnere mich, ich muss 16 Jahre gewesen sein, da ist mein Großvater gestorben. Und die Frage, ob jemand lebendig bleiben kann, solange er in der Erinnerung von jemandem existiert, hat mich viel beschäftigt. Zur etwas gleichen Zeit entwickelte sich die Idee, Schriftsteller zu werden. Beides hat miteinander zu tun, kann ich mir vorstellen.

Dieser Moment, in dem klar wird, dass alles irgendwann endet, war für mich jedenfalls ein riesiger Schock. Das klingt fürchterlich banal, wenn man das so vor sich hinspricht, weil es so eine Selbstverständlichkeit ist und der Schock für alle wahrscheinlich immer ähnlich ist. Aber ich habe damals tatsächlich angefangen, anders über das Leben nachzudenken. Vielleicht erwachsener. Ich wollte etwas daraus machen, ich wollte  vor allem wohl etwas tun, um möglich lange in der Erinnerung von möglichst vielen Menschen zu bleiben. Das schien mir als Aussicht wohl zumindest ein klein wenig beruhigend.

 

„Mogel“ heißt der dritte Teil Ihrer Liebe-Glaube-Hoffnung-Trilogie …

Das glauben viele – der Roman ist aber sozusagen nur dazwischengemogelt. Es ist der zweieinhalbste Teil. Der dritte folgt erst noch: „Zeit für Astronauten“, nächstes Jahr.

 

Was ist wahr, was ist Fassade, was ist Lüge – darum geht es in „Mogel“. Der Erzähler Miguel, 15 Jahre alt, ist mit den Eltern aus der Hochhaussiedlung ins Reihenhaus gezogen, die Kumpels kommen zum ersten mal zu Besuch. Miguel kämpft in dieser Nacht um die Anerkennung in der Freundesgruppe. Als die Jungs merken, dass sie den ganzen Abend alkoholfreies Bier getrunken haben, strafen sie Miguel: Er muss den Rest der Nacht in Mädchenkleidern herumlaufen. Dass es nicht nur um das alkoholfreie Bier geht, sondern Miguel vielmehr getestet wird, ob man noch auf ihn zählen kann, das haben Sie in den Dialogen wunderbar und sensibel herausgearbeitet. Und auch hier eine nicht-chronologische Dramaturgie. Sie haben vier oder fünf Szenen aus dem Kontext gelöst und nach vorne gezogen. Hat sich das nachher ergeben oder war das so geplant?

Die Geschichte läuft ja, wie erwähnt, darauf hinaus, dass ein Junge als Mädchen verkleidet herumlaufen muss. Und ich wollte einerseits, dass man von Anfang an glaubt, dass diese Verwandlung möglich ist und funktioniert. Also ein Einstieg bei gleißendem Tankstellenlicht unter Fremden. Das hat auch den Vorteil, dass man auf diese wichtige Szene nicht ewig warten muss wie auf einen Gag.

Andererseits sind auf die Art alle für den Roman wichtigen Figuren auch gleich eingeführt und man muss sie deshalb nicht an anderer Stelle wie Kaninchen aus dem Zylinder zaubern. Auch immer gut.

 

Nun haben Sie es selber vorhin gesagt: Die Trilogie war durch drei Oberbegriffe gekennzeichnet: Liebe-Glaube-Hoffnung. Indianern, Rittern, Astronauten. Wenn Sie nun sagen, „Mogel“ ist der zweieinhalbe Teil, dann muss ich mich nicht wundern, dass ich keine Astronauten gefunden habe. Ich habe auch ein bisschen nach der Hoffnung gesucht.

Aber man kann dennoch etwas finden, das kennzeichnend ist für die drei Romane: Alle drei männlichen Protagonisten entwickeln aus der Distanz einen neuen Blick auf die eigene Welt, der ihnen verhilft, sich und das Leben besser einzuschätzen und sich weiterzuentwickeln. In „Mogel“ ist das ganz offensichtlicher durch die Verkleidung und den Rollenwechsel der Blick eines Jungen in die Mädchenwelt.

Kann man das als übergeordnetes Motiv betrachten: Das Ich entdeckt sich, in dem es sich in einen neuen Bezug zu seiner Umwelt setzt?

Ich glaube schon, dass es zum Erwachsenwerden gehört, eine Grammatik zu entwickeln, die vom kindlichen Ich-Ich-Ich weggeht. Man spürt dann auch, dass man eine größere Distanz zu sich bekommt, dass sich die Selbstwahrnehmung weitet.

In der Liebe ist es ganz offensichtlich, dass das Du interessant wird, eine zweite Person Einzahl besetzt plötzlich meine Gedanken und kann Einfluss auf mein Handeln nehmen. Beim Glauben entdeckt man das Wir neu, indem man sich selbst eine Gemeinschaft wählt, bestimmte gemeinsame Rituale einübt. Abseits von Familie und Schule, also den Wir-Konstrukten, in denen man als Kind heranwächst.

Was die Hoffnung angeht, ist es so, dass man eine Vorstellung entwickelt, wer man gerne einmal sein möchte. Egal ob es sich später erfüllt oder nicht, in meiner Vorstellung kann ich mir problemlos unterschiedliche Modelle von meiner Persönlichkeit in der Zukunft entwerfen. Der, der ich mal sein werde, steht dann praktisch vor mir. Ich ist dann buchstäblich ein anderer.

Ich glaube, diese wackligen Ich-Transformationen machen das Erwachsenwerden gerade so spannend und herausfordernd. Und sie helfen einem, weil sie natürlich dafür sorgen, die eigene Haltung und die eigene Identität zu formen.

Auch in „Mogel“ kann man das beobachten: Wenn aus einem Jungen ein Mädchen wird, aus Miguel eine Miguela, findet auch eine grammatische Verschiebung statt. Ich bleibt zwar Ich, aber auf anderer Ebene findet ein Wechsel vom Er zum Sie statt. Ein Spiel. Aber es hilft Miguel enorm, behaupte ich, eine bessere Vorstellung davon zu entwickeln, welche Art Junge er mal sein möchte.

 

Man kann ja nicht sagen, dass sie einen Jugendslang gewählt haben. Aber das Tempo, die Verknappung, die schnellen Szenenwechsel wie schnelle Schnitte beim Film entsprechen dem jungen Leser. War der Ton schnell gefunden?

Das gehört ja zu meinem Job dazu, das bringt mir auch riesigen Spaß. Also diese Herausforderung, in fortgeschrittenem Alter, als Kerl, dem die Haare langsam ausfallen, trotzdem Figuren gerecht zu werden, die erst 15 Jahre alt sind. Und ihnen zugleich Dinge unterzujubeln, die normalerweise weit über ihren Horizont hinausgehen. Also, Miguel philosophiert über Petit Fours und hat auch sonst einen erstaunlichen Wortschatz – aber natürlich ist er dann auch wieder eingeschränkt in seinen Möglichkeiten. Es wiederholen sich ein paar Redewendungen und rhetorische Mittel doch sehr auffällig oft. Das reicht dann für die Illusion eines bestimmten Sounds fast schon, vermutlich. Und dann, Sie sagten es – das Tempo. Ich selber bin beim Lesen nicht der Geduldigste, ich mag ein gewisses Tempo gerne. Das entspricht meiner schriftstellerischen Mentalität. Und glücklicherweise entspricht das wohl auch einer gewissen Vorstellung von Jugend.

 

Es gibt eine kurze Passage in „Einbahnstraße“ bei Walter Benjamin:
„Achtung Stufen! Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: Eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.“ – Wie arbeitet Nils Mohl?

Ich kenne diese Stelle leider gar nicht, aber ich finde sie großartig. Ich glaube auch an das 3 x 3 des Erzählens. Die drei genannten Größen, nämlich Inhalt, Form und Sprache, realisieren sich dann quasi in der Figur, im Raum und in der Zeit beim Erzählen. Oder umgekehrt. So entsteht daraus ein Gebilde, was vielleicht wirklich einer Art Teppich gleicht. Und eine Geschichte entsteht bei mir tatsächlich auch  handwerklich ähnlich. Ich suche ein Muster. Und dann knote ich fleißig los. Und am Ende scheide ich die restlichen Zippel ab.

 

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