Werkstattgespräch II (2008)

by Nils Mohl on März 1, 2008

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Eine Frage der Haltung

Nils Mohl über Kurzgeschichten und das Schreiben

Frühjahr 2008. Am Gymnasium Buckhorn in Hamburg-Volksdorf beschäftigte sich ein Leistungskurs Deutsch mit dem Thema Gegenwartsliteratur. Die Schülerinnen und Schüler waren aufgefordert, Schriftsteller zu porträtieren oder in einem Interview zu ihren Arbeitsgewohnheiten und Lebensumständen zu befragen. Katharina Stuwe führte mit Nils Mohl ein Gespräch per E-Mail.

 

Was zeichnet für Sie eine Kurzgeschichte aus?

Eine Geschichte, die mich zum Beispiel beim ersten Lesen wirklich umgehauen hat, ist „Der Schwimmer“ von John Cheever. Eine handwerklich perfekte Geschichte: Inhalt, Form und Stil – alles stimmt. Aber das ist es gar nicht. Das wirklich Großartige: Sie geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Es geht dabei um einen Mann, der bei Bekannten zu einer Party eingeladen ist. Dort beschließt er plötzlich, durch die Swimmingpools des Wohnviertels nach Hause zu schwimmen. Unterwegs überholt ihn die Zeit; er kommt nicht an. Und ich denke, bei gelungenen Kurzgeschichten geht es dem Leser ganz ähnlich. Man schwimmt durch ein paar Seiten und am Ende ist alles klar – und doch völlig offen.

 

Wann haben Sie sich für Ihre Studienfächer entschieden? Hat sich Ihr Interesse am geschriebenen Wort kontinuierlich entwickelt oder gab es eine entscheidende Wendung?

Mittlerweile denke ich, das Studium habe ich vor allem gebraucht, um Zeit zu gewinnen. Denn Schriftsteller war ich im Grunde schon vorher. Nicht, dass ich etwas geschrieben hätte – das war eher eine Frage der Haltung. Verbunden mit dem Glauben an all diese Rock-’n’-Roll-Lügen von Freiheit bis Selbstverwirklichung. Ich wollte also einen Beruf, der anders ist. Und ich mochte am Schreiben vor allem diese fiktive Ebene, die es immer gibt – besonders aber natürlich in der Literatur. Etwas anderes lag mir allerdings auch nie: Für die Schülerzeitung habe ich mir das Horoskop ausgedacht und Dr.-Sommer-Persiflagen. Die journalistischen Dinge waren mir zu langweilig.

 

Würden Sie weiter als Werbetexter arbeiten, wenn Sie von Ihrer Tätigkeit als Schriftsteller leben könnten?

Nicht eine Sekunde. Es ist beschämend, all diesen maximal halbwahren, fast immer halbdebilen Müll für Energieversorger, Versicherungen oder andere Verbrecherbanden zu verzapfen. Und ich habe nicht einmal eine gute Ausrede. Geld kann man schließlich auch anders verdienen. Aber es ist leider so: Mir wird das Geldverdienen in der Werbung verhältnismäßig leicht gemacht.

 

Sind Sie geduldig (mit diesem Adjektiv werden Sie beschrieben)?

Auf jeden Fall ausdauernd, würde ich sagen. Bei Kasse 53, meinem ersten Roman, hat es vom Schreiben des ersten Satzes bis zur Veröffentlichung des fertigen Buches acht Jahre gedauert. Und wenn es sein muss, sitze ich am Absatz einer Geschichte auch mehrere Wochen. Da kenne ich nichts.

 

Woher nehmen sie Ihre Ideen? Haben Sie eine Muse?

Literatur ist Präzisionsarbeit. Die brauchbaren Ideen entstehen (das ist meine Erfahrung) in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben und vor allem mit der Kunst. Wobei der erste Anstoß zu einer Idee oft denkbar banal sein kann. Ich habe vor einigen Jahren an einer Kaufhauskasse gejobbt und meinen Frust über diese Tätigkeit in E-Mails an einen Freund gepackt. Das hat ihn, aber auch mich prima unterhalten. So ist die Idee zu Kasse 53 entstanden. Das wirklich Schwierige kam dann aber erst. Wie übersetzt man Alltag in einen Roman? Was muss man tun, damit am Ende mehr entsteht, als eine Ansammlung von heiteren Anekdoten? Da hilft dann leider auch eine Muse nicht wirklich weiter. Zweifelsohne sollte aber trotzdem jeder Künstler eine haben. Ganz selbstverständlich.

 

In einem Interview haben Sie gesagt, man lande thematisch letztlich immer wieder bei sich selbst. Daher die Frage: Wie viel von Ihnen steckt im Maulheldenausflug?*

Ich habe das Gefühl, ständig im Regen zu sitzen und versetzt zu werden. Und Haltung bewahren finde ich auch extrem wichtig. Gerade wenn es niemanden interessiert. Kurz: Die beiden Jungs kenne ich schon sehr gut. Und den Ort, an dem die Geschichte spielt, habe ich auch vor Augen. Ich selbst habe allerdings nie mit einem Freund am Elbstrand gesessen und auf zwei junge Damen gewartet, die nicht gekommen sind. Das wäre ja auch langweilig. Das Tolle an der Literatur ist doch gerade, dass sie so eine Art Lebenserweiterung ist. Anscheinend hat es mir also gefehlt, einmal heroisch zu scheitern, während es Hunde und Katzen regnet.

 

Könnte man die Geschichte „Tanzen gehen“** dahin deuten, dass Sie Angst vor dem Älterwerden haben?

Wer hat das nicht? Mir gefällt die Interpretation sehr gut.

 

Ist Hamburg als Wohnort für Sie als Schriftsteller wichtig?

Nein. Ich kann überall schreiben. Ein Domizil in der Karibik. Von mir aus auch Venedig. Eine Villa auf Long Island. Alles denkbar. Warmes Klima wäre wünschenswert.


Welchen Rat geben Sie einem/einer DeutschlehrerIn zur Unterrichtsgestaltung, um die SchülerInnen eines Deutsch-Leistungskurses zu motivieren und ihnen die Bedeutung einer Kurzgeschichte verständlich zu machen?

Lesen Sie als allererstes eine Geschichte, die für Schüler brutal interessant ist. Lassen Sie die Schüler herausfinden, warum diese Geschichte so gut ankommt. Dann noch eine Geschichte lesen. Diesmal nur bis zur Hälfte. Das Ende schreiben die Schüler anschließend selbst – und stellen die Ergebnisse im Kurs vor. Alle. Falls möglich, den Autor dazu einladen. Und mit dem sprechen und diskutieren. Ich bin mir sicher, das gibt viele Aha-Erlebnisse – und es funktioniert. Weil’s Spaß macht.

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*“Maulheldenausflug“ erschien 2007 im Hamburger Abendblatt und wurde später, stark verändert, die Eröffnungsszene in Es war einmal Indianerland.

** erschien später in Ich wäre tendenziell für ein Happy End.

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