Wolfgang Herrndorf

by Nils Mohl on September 25, 2014

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Trotz gegen das große Nichts und alle Idioten

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«Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.» Mit diesem Satz beginnt Wolfgang Herrndorfs letzter Roman Bilder deiner großen Liebe – ein großes Stück Literatur, «ein kleines Wunderbuch» (Der Spiegel), ein ergreifendes Fragment» (Die Zeit). Der Hamburger Schriftsteller Nils Mohl, der 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis für Es war einmal Indianerland erhielt, erkundet in seinem Essay Herrndorfs unvollendeten Roman – eine Spurensuche in fünf Bildern.*

 

BILD 1: Der Mann in der grünen Trainingsjacke

Isa schreit. Macht es einen Unterschied, fragt sich die Romanheldin, wann genau jemand stirbt – zu jung oder zu alt? Vor siebzig Jahren oder vor siebzig Sekunden? Was bedeutet Zeit? Die Gedanken der 14-Jährigen verlieren den Halt.

Also schreit Isa.

Und an dieser Stelle tritt er auf: ein Mann in grüner Trainingsjacke. Auf dem Friedhof. Es gibt dieses bekannte Autorenfoto: Wolfgang Herrndorf in grüner Trainingsjacke. Am Schluss der kurzen Szene sagt der Fremde zu Isa: „Alles Idioten. Und wir müssen das ausbaden.“ Gemeint sind hier im Speziellen Leute, die auf Grabsteinen Steinchen ablegen, ohne zu wissen, dass das eine jüdische Sitte ist. Im Allgemeinen meint es einfach: Alles Idioten. Punkt.

Alles Idioten?

In seinem Blog „Arbeit und Struktur“ sinniert Herrndorf einmal über ein Bild des jungen Knut Hamsun. Es schreibt, „der Gesichtsausdruck des Fünfzehnjährigen erinnert mich auf sehr sonderbare Weise an das, was ich ursprünglich einmal gewollt habe im Leben. Der trotzige, hellwache, angewiderte Blick, die Erkenntnis, dass diese Welt eine Zumutung ist, und der ablesbare Wille, ihr beizeiten noch mit der Axt den Schädel zu spalten.“

Markige Worte. Sehr Wolfgang Herrndorf. Aber wenn gepoltert wird, dann oft, bevor Herrndorf etwas rausschmettert, was ihm wirklich am Herzen liegt, das ihn verletzlich zeigt. Der Blog-Eintrag geht folgendermaßen weiter: „So gut wie Hamsun habe ich nie ausgesehen, aber ich weiß noch sehr genau, wie sich dieses Gesicht von innen anfühlte. Ich weiß auch noch, wie ich beim Erwachsenwerden den Verlust dieses Ausdrucks empfand, den Verlust von Tiefe und Sensibilität, und mit welchen theatralischen Gesten ich diesen Verlust mit Anfang zwanzig zu kompensieren versuchte.“

Willkommen in der Welt von Wolfgang Herrndorf!

Trotz gegen die Zumutung der Welt.

Die Herausforderungen des Erwachsenwerdens – und der lässige Humor, mit dem in die Zeit der Jugend zurückgekehrt wird. „Tschick“ in einer Nussschale, wenn man so will. Und „Bilder deiner großen Liebe“ schlägt die Axt in dieselbe Kerbe. Eine Geschichte, in der Herrndorf ein Mädchen in die Zumutung von Welt hinausschickt, damit sich Maik Klingenberg in sie verlieben kann.

Unter anderem.

 

 

BILD 2: Das barfüßige Mädchen im Freien

Zur Erinnerung: Tschick und Maik haben kein Benzin mehr. Sie suchen nach einem Schlauch zum Befüllen eines Kanisters, auf einer Müllkippe. Dort sitzt ein Mädchen in einem Wandschrank. Schmutzige Waden, schmale Augen, Plattnase, wulstige Lippen – ein Merkmal, das sie, ganz nebenbei, mit ihrem Schöpfer teilt. Isa redet pausenlos, singt, wenn ihr danach ist, kann laufen, werfen, fluchen wie eine Große. Ein bisschen unheimlich findet Maik Klingenberg sie. Sie macht ihm das Angebot, mit ihr zu ficken. Wozu es aber nicht kommt.

Das ist die Isa Schmidt, die alle Tschick-Leser kennen. „Bilder deiner großen Liebe“ setzt damit ein, dass sie aus einer Nervenheilanstalt ausbüchst. Keine Schuhe. Und keinen Plan, wohin. Ihr Vater? Tot – oder auch nicht. Isa widerspricht sich in diesem Punkt, aber sie vermisst ihn. Sie ist frei und bleibt im Freien. Ihr Gepäck? Ein Tagebuch. Sie verrät, dass sie immer ein Junge sein wollte.

Eine tolle Figur.

Schlagfertig und verzweifelt. Traurig und zerrissen.

Wieso eigentlich verrückt?

Herrndorf gebrauchte das Wort Vernunft gern und nicht selten. Religiöses, Esoterik, Quacksalberei – das sind Dinge, die ihn wütend machen. Auch das wissen wir aus seinem Blog „Arbeit und Struktur“. Doch Herrndorf ist zum Glück nur ein Fassaden-Rationalist. Oder besser: ein Zweck-Rationalist. Ein Erwachsener, der nicht vergessen hat, wie sich ein Gesicht mit 13, 14, 15 von innen anfühlt. Und am liebsten hat er sich selbst wohl mit der Kunst gegen die Zumutung der Welt gestemmt. Eine verdächtige Methode. Weil: ein romantischer Akt. Vielen seiner Leser ist die romantische Seite seines Erzählens nicht entgangen. Die Romantik war bekanntlich die Reaktion auf die Aufklärung. Zum Programm gehörte der Wunsch, dem Individuellen im Menschen sein Recht zu verschaffen.

An Herrndorfs Helden lässt sich ablesen, was das heißt. Wer bin ich? Warum handele ich nicht immer vernünftig? Vor allem: Wohin bei allen meinen Fragen mit meinen Gefühlen? Das treibt Herrndorfs Personal um. Kein Wunder: Gefühle sind die Archilles-Verse des Rationalisten – denn sie sind womöglich Quatsch, aber sie sind auch ständig da. Angst, Verwirrung, Wut. Und ihre positiven Verwandten.

In Herrndorfs Romanen gibt es immer die Reise. Das Forschen nach Identität. Und verborgen dahinter: die Sehnsucht nach Erfüllung und Liebe. Schwierige Worte. Also, vielleicht umschreibt man es besser so: Die Herrndorfschen Helden treibt der Wunsch, gesehen zu werden. Und vor allem – verstanden.

Gilt auch für Isa.

Isa sagt über Tschick: „Er sieht aus wie ich, wenn ich ein Junge wäre.“ Eine klassische Herrndorf-Finte. Die Ähnlichkeit bleibt oberflächlich. Die verrückte Isa ist kein weiblicher Tschick. Und auch keine Variation auf Maik Klingenberg. Maik schleppt noch den kindlichen Glauben an die große Liebe mit sich herum. Isa vermutlich nicht mehr. Auch Isa versteht sich selbst nicht immer, aber bemüht sich, sehr rational damit umzugehen. Sie erschreibt sich eine Identität, indem sie Tagebuch führt. Wie ihr Autor.

Isa – das Selbstbildnis des Künstlers als junges Mädchen?

Ja, wahrscheinlich.

Unter anderem.

 

 

BILD 3: Der Anarchist ohne Rückenpropeller

Natürlich ist Isa viel erwachsener mit ihren 14 Jahren als es sich normalerweise für eine 14-jährige gehört. Und auch wieder nicht: Sie betrachtet andächtig Mond, Sterne, Sonne und Wolken. Sie hat Hunger und plündert eine Dorfbäckerei. An den Scherben des zerschlagenen Schaufensters schneidet sie sich die Füße. Es plagt sie das schlechte Gewissen wegen der kaputten Scheibe. Sie befreit Frösche aus dem Eimer eines Jungen. So geht das, Episode für Episode, Bild für Bild.

Sie irrt durch die Walachei, mitten in Deutschland. Ein Kalauer, der Tschick-Lesern nicht erspart werden kann. Und wir bekommen in „Bilder deiner großen Liebe“ sogar einen Schweinelaster vorgefahren – mit einem wenig sympathischen Fernfahrer, ein Idiot. Wir erfahren, was Isa in der Kiste hat, die sie in „Tschick“ wie einen Schatz bei sich trägt. Ihr Tagebuch. Und eine Heckler & Koch P8.

Was ist „Bilder deiner großen Liebe“ eigentlich? Eine Fortsetzung? Ein Spin-off? Und wieso schreibt Herrndorf überhaupt noch einmal einen Jugendroman?

Über die Entstehung von „Bilder deiner großen Liebe“ wissen wir, dass sich der Stoff nicht unbedingt aufgedrängt hat. Im Blog heißt es im Juni 2011 „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich aber nicht.“ Herrndorf macht es doch. Oder doch nicht?

In „Tschick“ setzt Wolfgang Herrndorf den Langweiler Maik Klingenberg als Erzähler ein. Er leidet unter seiner eigenen Langweiligkeit. Seine Altersgenossen nehmen ihn kaum wahr. Zudem setzt ihm das kindische Verhalten seiner Eltern mächtig zu. Die Vernunft ist erkennbar außer Kraft gesetzt. Die Mutter trinkt. Der Vater unterhält eine Affäre mit einer Jüngeren. Die Eltern fügen einander Leid zu. Und ihrem Sohn. In dem Moment tritt Tschick auf den Plan.

Eine Figur wie Astrid Lindgrens Karlsson. Ein Anarchist. Tschick hat keinen Propeller auf dem Rücken, aber einen Lada zur Hand. Und wie man Lindgrens Romanfigur Karlsson als einen Teil der Persönlichkeit des Langeweilers Lillebror lesen kann, der zunächst der Einzige ist, der an Karlsson glaubt, kann man auch den Asi und Trinker Tschick als einen Teil der Persönlichkeit Maik Klingenbergs lesen.

Der Vater appelliert am Ende, kurz vor der Gerichtsverhandlung, lustigerweise an die Vernunft seines Sohnes. Er möge um Himmelswillen seine eigene Haut retten, drängt er ihn – und Tschick verleugnen. Bedeutet: die Seite seiner Persönlichkeit, die sich nicht der Vernunft beugt. Maik Klingenberg tut es nicht, kassiert dafür Schläge. Aber das nützt nichts, er bleibt standfest: Er übernimmt Verantwortung. Sein vielleicht stärkster Moment in dem Roman.

Wenn man so will, entlässt uns „Tschick“ mit der Hoffnung, dass ein Älterwerden dann erträglicher ist, wenn man sich erwachsen verhält. Eine schlechte Nachrichten für alle Kindsköpfe und Berufsjugendlichen da draußen.

Alles Idioten.

 

 

BILD 4: Das unverständliche Universum

Der Jugendroman ist im Werk von Herrndorf kein Unfall. In etwa zu der Zeit, als er beginnt, an „Tschick“ zu arbeiten, hat er seinen Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, tritt an mit der Erzählung „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“. Der Inhalt, grob vereinfacht: Ein zynischer 30-jähriger trifft auf einen naiven 13-Jährigen. Das Konstrukt gleicht ein wenig dem von „Tschick“. Auch diese Geschichte lässt sich als eine Art Bespiegelung einer Person lesen, die sich in zwei Figuren aufspaltet. Der Ich-Erzähler sagt: „Ich versuchte mich zu erinnern, was ich in diesem Alter für Vorstellungen von der Welt gehabt hatte. Die Erinnerung war merkwürdig verschleiert, ich kannte mich fast nur aus Erzählungen.“

Nun frischt er also im Gespräch seine Erinnerung auf. Und das zieht ihm, um es in der „Tschick“-Sprache zu sagen, am Ende den Stecker. Am Schluss liegt er im Bett, „unter dem Mond, in einem sonderbar unverständlichen Universum wie diesem.“ Der Erzähler hat sich einige Mühe gegeben mit den Mitteln der Vernunft dem Jungen die Welt madig zu machen. Er hat sie sich dabei selbst madig gemacht.

Wie fühlt sich das an?

Herrndorf reagiert mit einer Doppelantwort. Er beginnt den Wüstenroman, aus dem später das nihilistische Manifest und misanthrope Monster „Sand“ wird. Und er beginnt „Tschick“. Er verabschiedet sich dafür von der Perspektive des zynischen Erwachsenen. Und die Arbeit geht ihm leicht von der Hand. Der Jugendroman wird zuerst fertig. „Sand“ vollendet er kurz darauf. Nicht frei von Zweifeln. Nicht frei von Skepsis, dem ständig brummenden Motor des Nihilisten. Im Blog lesen wir dazu im Mai 2011: „Und schon damals als bewusster Gegenpol zu ‚Tschick’ und seiner Freundlichkeit konzipiert, die nihilistische Wüste. Fand ich früher ja lustig, Gewalt. Aber jetzt zieht es mich runter. Lieber würde ich was anderes schreiben. Den Teil, wo sie ihm die Finger abschneiden, kochen und zu essen geben, rausgeschmissen.“

Herrndorf merkt offenbar, dass er sich selbst und seinem Weltbild nicht mehr vollständig über den Weg traut. „Sand“ wirkt wie die Zurücknahme von „Tschick“.

Ein Irrtum.

„Sand“ war zuerst da, erklärt Herrndorf.

Und dann also Isa.

Der Anstoß zum Roman kommt von außen. Im Juni 2011. Ein paar Tage nach seinem 46. Geburtstag liest Herrndorf mit seiner Freundin zusammen einen Abend lang Hausarbeiten und Briefe von Schülern. In bewährter Herrndorf-Marnier kommentiert er: „Wie ich das gehasst hätte in der neunten. Und in jeder anderen Klasse auch. Briefe an irgendwelche Idioten schreiben. Glücklicherweise thematisieren das einige auch. Aber alle ziehen sich wie ohne Mühe aus der Affäre, auch die beiden Rüpel aus der letzten Reihe, einwandfrei, hätte ich nicht gekonnt in dem Alter. Montessori­Schule, wahrscheinlich mit eingebauter Sozialkompetenz.“

Gleich am Tag danach fängt er mit der Geschichte von Isa an. Noch bevor er den letzten Satz von „Sand“ geschrieben hat. Eine gute Woche später fährt er nach Hamburg zu seinen Eltern. Im Blog hält er fest: „Auf der Terrasse im Dämmerlicht, im Haus meiner Jugend, umgeben von Sauberkeit, blühendem Phlox und alten Gerüchen, kann ich mir nicht vorstellen, sterblich zu sein.“

Und da haben wir ein Grundthema Thema von Isa. Die Rückkehr – über die Jugend ins Nichts. Herrndorf weiß seit einiger Zeit, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat. Ein unheilbarer Tumor zerstört sein Hirn. Er hat die Waffe schon beschafft, mit der er sich das Leben nehmen will, wenn er das Gefühl hat, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein.

Noch aber ist er es.  Trotzdem zweifelt er immer wieder an der Welt an sich. Gibt es uns überhaupt? Ist es nicht möglich, dass das Leben längst vorbei und vergangen ist? In einem Blog-Fragment heißt es dazu: „Dennoch ist meine Gewissheit, bereits inexistent oder tot zu sein, nicht vollständig. Hin und wieder, meistens in der Natur, überfällt mich zu meiner Überraschung in manchen Momenten das verwirrende Gefühl, noch da zu sein.“

Das könnte auch von Isa stammen. Fast hört man sie schreien. Das Leben steuert auf das Nichts zu. Welchen Unterschied macht es also, ob ich in 70 Sekunden sterbe oder erst in siebzig Jahren? Es ist zum Verrücktwerden. Der Mann in der grünen Trainingsjacke weiß das.

Herrndorf beschreibt das an derselben Stelle in „Arbeit und Struktur“ so: „Diese Bäume, dieser Baum, der Weg, die Brücke: Dies ist doch alles noch da, in diesen Augenblicken wankt mein Nihilismus auch, ein leichter Schwindel, ein Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt, nie lange, ein nervenzehrender Schwindel auf brüchigem Boden, wo ein Weitermachen mir überhaupt nur durch den Besitz der Waffe erlaubt wird, als einfachste Möglichkeit, sich jederzeit und ohne Mühe aus einem Nichts ins Nichts hineinzukatapultieren, bitte aussteigen, alle aussteigen, meine Damen und Herren.“

Genau von diesem Schwindel handelt „Bilder deiner großen Liebe“. Und die Kunst Herrndorfs liegt darin, davon zu erzählen. Mehr noch. Und hier passt das abgedroschenes Bild wirklich: Isa nimmt uns an die Hand und so kriegen wir eine Ahnung davon, wie hin und wieder diesem Schwindel beizukommen ist.

Die eingebaute Sozialkompetenz des Autors.

Für direkte Antworten an die Schüler fehlten Herrndorf Zeit und Kraft. Beides hat er lieber in „Bilder deiner großen Liebe“ investiert. Damit nicht nur die Rüpel in der letzten Reihe etwas haben, was sie sich hinter die Ohren schreiben können.

Im Zentrum des Romans steht eine Parabel. Isa gelangt an einen Kanal und fährt ein Stück auf einem Containerkahn mit. Der Kapitän – vielleicht ein Bankräuber. Er tischt Isa die Geschichte seiner ungewollten Läuterung auf. Der Traum vom großen Geld entpuppt sich darin als Chimäre. Das Glück kommt unverhofft – und es verbirgt sich in dem Leben, das sich der Räuber nach der Tat als Fassade errichtet.

Die Welt will erschaffen werden.

Und das bedeutet Arbeit.

 

 

BILD 5: Ein Jugendporträt im Stil alter Meister

In der Welt, die Herrndorf erschafft, wird die Arbeit immer als Abenteuer getarnt. Der Road-Trip ist natürlich mühsam. Das Ziel bei Herrndorf immer zweitrangig. Und der Lohn für die Mühe? Isa begegnet später natürlich Maik und Tschick. Berühmte erste Worte: „Sie sehen aus wie Idioten.“ Aber das ist nicht der Beginn der großen Liebe. Die Liebe, heißt es an einer Stelle des Romans, sei sowieso nicht wichtig. „Sondern der Weg zu ihr.“ Aber Isa sucht die Liebe gar nicht.

Und wenn man Isa liest, denkt man: Das Leben ist die Antwort auf das Nichts. Die Reise. Der Moment. „Alles geht vorüber, und schön ist das nicht. Die Welt ist schön.“ Das sagt der ehemalige Bankräuber mit dem braunrot gebrannten Gesicht zu Isa. Und die Welt ist natürlich schön, wenn auf einem Schiff der Tee in der Tasse vibriert. Das ist der Lohn.

Auch für uns Leser.

Herrndorf ist ein Sonderling. Ein Eigenbrödler. Eine Rolle, die er kultiviert hat. Ein Arbeiter. Geliebt hat er den Sport. Fußball vor allem, weil dieses Spiel auf unkomplizierte Weise glücklich mache. Wie das Schreiben, nur dass das Schreiben komplizierter sei, wie er einmal in einem seiner raren Interviews verrät.

Herrndorf hat keine Angst vor Genres gehabt. Er hat gewusst, dass es Genres sind, die Meister hervorbringen. Und der Jugendroman, die natürliche Heimat des Außenseitertums, ist nicht zufällig seine bevorzugte Spielwiese. Die Pubertät: Alle Erwachsenen wissen um die Begleiterscheinungen dieser Entwicklungsphase. Mehr oder weniger stark haben sie erlebt, was es heißt, scheinbar machtlos, rechtlos und stigmatisiert zu sein, in den Augen der Älteren nicht als vollwertige Person zu gelten. Die Erfahrung, sich in der eigenen Haut unbehaust zu fühlen, hat jeder gemacht.

Ist das nicht Adoleszenz?

Der Adoleszenzroman – selbst ein stigmatisiertes Genre. Die Zumutung der Welt lässt sich natürlich leicht als Kinderkram abtun, sobald sie aus der Perspektive von Jugendlichen dargeboten wird. Tiefe und Sensibilität?

Mit theatraler Geste hinfortgewischt.

Dem brillanten Handwerker Herrndorf konnte das alles egal sein. Schon als Maler, der er vor seiner Schriftstellerzeit war, scherte er sich nicht um Moden. Nicht die Abstraktion hat ihn, den Rationalisten, interessiert, sondern gerade das Gegenständliche. Er malte im Stile der alten Meister. Vermeer. Holbein. Van Eyck.

Den Pinsel hat er nicht mehr angerührt, nachdem er die Literatur für sich entdeckt hatte. Der Freund Holm Friebe berichtet in seinem Nachruf, wie die Staffelei zur Tafel mutierte, damit Herrndorf dort die Plots mit lauter Post-it-Zetteln im Blick behalten konnte. „Die einzelnen Sätze aber“, meint Friebe, „tupfte er mit dem Haarpinsel und ging so lange, Schicht um Schicht, darüber, bis seltsam anrührende sprachliche Trompe-l’Œiles entstanden …“

Kein Widerspruch.

„Bilder deiner großen Liebe“ liest sich wie eine Kreuzung aus „Tschick“ und „Sand“. Das Heitere und Finstere – sauber austariert. Nihilismus und Lebensfreude überlagern sich. Das Solo für Isa geht auf, Bild für Bild. Die Heldin scheut sich in diesem unverständlichen Universum nicht vor der Begegnung mit den Menschen, sät unter ihnen Zweifel Lust Zuversicht Hoffnung. Isa arbeitet ziellos an einer besseren Welt, sie selbst erschafft sie. Dabei winkt keine Erlösung im religiösen Sinne, wohl aber Linderung.

Herrndorfs unvollendeter Roman – ein Ausdruck der großen Liebe zum Leben. Klingt idiotisch? Sind wir alle Idioten?

Wenn wir Wolfgang Herrndorf lesen, nicht.

 

 

* zuerst erschienen im Rowohlt Magazin BOOKMARKS 1o/2014

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